Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 48י J U E DI SCH E RUNDSCHAU Nr. 43 noch den Alt-Wandervogel, der durch die l iihrcr- Zeitung nicht repräsentiert wird! 111) ״Deutschen Reich״ wird stellen: ״Man wird abwarten müssen. Darauf ist zu erwidern, daß die Stimme der I iiiirer• Zeitung gerade deswegen so gewichtig ist, weil sic kein amtliches Blatt, sondern ein halb vertrauliches Organ ist, das die innersten Regungen des Wandervogels widerspiegelt. Es ist zu erwidern, daß der Herausgeber der Führerzeitung, Friedrich Wilhelm Fulda, nicht bloß einer der feinsten Köpfe der Bewegung, sondern auch einer ihrer einflußreichsten Männer ist. Und schließlich beruhigt uns der Redaktcur des Heftes über den Verdacht, daß es nur vereinzelte Aeullerungen aus der Führerschaft in willkürlicher Auswahl widergiibe. Er schreibt: ״Den Feigen zum Trotz den Skeptikern zum Erstaunen den ״Idealisten“ zum ״Erbauen“ erscheint dieses lieft - und zwar in dieser /11saiuineiislellmig. Vieles wird doppelt und dreifach gesagt ״ das schadet nicht, obgleich'« nicht wahrer dadurch wird. Den Neugierigen sei gesagt: auf der ״Reilakiion" liegt noch viel mehr! Aber alles -- antiseptisch! Also: fürs Berliner Tageblatt ist nichts mehr zu holen. Ich wage, das gesamte mir vorliegende Material als eine kräftige Willenskundgebung der Wandervogelführer anzusehen. Auch wage ich zu glauben, daß jeder, der auch mir diese Auswahl der /iisclm'flcn studiert liabeu wird, zu dem Ergebnis kommen muß, daß hier eine einmütige und klare Stellungnahme des Wander- Vogels vorliegt, die um so erfreulicher isi, als nicht Satzungen und jahrelanges ״Aufklaren“, sondern lediglich ein durch die Berührung mit der Natur wieder gesundeter Instinkt Ursache ist. Heil dem Wandervogel, der so unverhofft gute Frucht bringt!“ 1 in Oktoberlicft ist es auch nur ein Maua, der — wie schon vorher Wilker nicht gerade für die Juden, aber doch für die Integrität der Bundes- Satzungen ciniiitt! Dem Einsichtigen ist es übrigens klar, daß es in längstens zwei Jahren im Wandervogel und Alt-Wnndervogel und im Pfailfimlerbnude keine Juden mehr ::eben wird. I in 1111 wird auch für Herrn Konsul BascUwilz, den Vorsitzenden des l’fadfinderlumdcs, die (iloeke geschlagen haben, dem die ״Deutsche Tageszeitung“ schon vor einiger /eit geraten hat, er möge lieber mit Apfel um den Vorsitz im neutralen jüdischen Jugcmlvcrbamlc rivalisieri’11. Immerhin werden unsere jüdischen Gegner die Situation bald erkennen mul dmin mit Recht in Erregung geraten. Das Neue au dem Vorgänge ist, daß hier ein antisemitischer Schlag gegen K i 11• der geführt wird, ein Schlag, der auf das Verhältnis der jüdischen und christlichen Schüler in den Schulen selbst nicht ohne Rückwirkung bleiben wird. Von der Bedeutung des Wandervogels war oben schon die Rede. Vielleicht übertreibt Fulda, wenn er in seiner Schrift ״Die Beispielspädagogik im Wandervogel' den Wandervogel eine Freie Erzieh u n g s g e n\ c i n d e nennt. Jedenfalls ist die Wirkung des Wandervogels auf die gemütliche Ent- Wicklung der Schüler keine geringe. Schon dringt der Wandervogelgeist über die Grenzen der Schule hina::s und beginnt im studentischen Leben alte Formen und Traditionen zu brechen und neue zu schaffen. Das .wird der Zentralverein begreifen, und es wird ein fröhliches Kesseltreiben nnheben. Zuerst wird er der Bundesleitung eine Erklärung entlocken, die gewiß im besten Falle nur gewunden ausfallen wird, dann aber wird er den Provinzialscliulkollcgicn klarmachen, daß der Wandcrvogelgeist kein echter deutscher Geist sei. Man wird auf den Ausgang dieses Streites gespannt sein dürfen. Denn da der Wandervogel auf die Sympathien der Schulbehörden angewiesen ist, so wird er es nicht ganz leicht haben, die Gegnerschaft des Zentralvercins zu paricren. Uns Zionisten interessiert der Vorgang wehr von einer anderen Seite! Denn es gilt mm, dem deut• scheu Juden an diesem neuen Beispiel klar zu machen, daß es von vornherein ein (gewiß verstand• lieber) Fehler war, die Kinder in den Wandervogel zu schicken. Nie konnte es dort eine so harmlose und glückliche Freude der Kinder und eine so ungezwungene und freie Aussprache der älteren Jungen geben, wie wir sie in unserem neuen Jüdischen Wanderbund ״Blau-Weiß“ kennen. Zwar schuf man den Jüdischen Wandcrbuml ״Blau-Weiß“ nicht, weil der Wandervogel antisemitisch war, sondern eher, weil er nicht antisemitisch war,' um das jüdische GemcinschaftsbcwuBtsein in den Kindern frühzeitig zu erwecken tuid nicht in fremder Umgebung verkümmern zu lassen. Aber doch war es schon damals ein Argument für,den Jüdischen Wanderbuud, daß die Kinder auch in einem offiziell neutralen Wandervogel Demütigungen ausgesetzt waren, die man gerade Jungen und Mädchen, die noch in der Entwicklung begriffen sind, am ehesten ersparen sollte, jetzt aber ist es höchste Zeit, an allen Orten den Jüdischen Wanderbuud ״Blau-Weiß“ zu begründen, eine Jugendgruppe, in der keine zionistische Propaganda getrieben werden, darf, in der aber Kinder zu Menschen erzogen werden sollen, die fest zu ihrer nationalen Gemeinschaft haben, die es für keine Ehre mul kein׳ (ilürk hallen, im Wandervogel mitwandcrii zu dürfen. Jetzt darf der günstige Moment nicht versäumt werden! Der Wandervogel und tler Pfadfinderbimd werden bald Jude 11 re in“ sein. Aber es wertlen, ־ das weiß man aus analogen Beispielen, — andere ״christliche“ 'Verbände entstehen, Sehmiil/pflanzcn der assimilatorischen Parität, Vereine, in denen in Wahrheit nur jüdische Jungen ihre Wanderungen mul Kriegsspiele veranstalten werden, und in die sieh mir selten ein christlich-deutscher Junge verirren wird. Das ist die Gefahr, uiuj sie ist näher als man denkt, denn schon heute ist ein Verband wie die ״Blan-wciß-hlatie Union“, wenigstens in Berlin, unverhältnismäßig stark mit Juden durch• setzt. Schon regen sieh auch jüdische Hände um eine neue Bewegung zu schaffen, die noch kultivierter und deutscher ist als der Wandervogel, und wenn der Wandervogel seine Zu• sage zur Beteiligung am freideutsehei! Jugendtag auf dem Hohen Meißner bei Kassel in! letzten Augenblick zurückgezogen lial, so tat er es sicher auch aus dem Grunde, weil ihm dort oben zuviel Juden waren. Er hat von dorther nichts zu fürchten, aber unsere Gefahr ist cs immer wieder, daß sich die jüdische Jugend mit ihrer ganzen Liebe an die iioelitönciiden Worte und Versprechungen jeder neuen Bewegung hängt, Stichen wir den Idealismus, der in rler jüdischen Jugend noch immer lebt, uns zu gewinnen! Sechs jüdische Protest- Versammlungen in Berlin gegen den Kiewer Ritualmordprozeß I )er R e i c h s v e r e i n deutscher J ti d e n hatte für den 20. Oktober zwei Piotestversaiiimiimgen in den Saal des Tiergarleiiliofcs mul in die Sophiensiile cinberufcn. Beide Säle waren lauge vor der angesetzten Zeit überfüllt, so daß im letzten Augen• blicke noch weitere vier Versammlungen «bgehalteii wurden, die alle von einem überaus /nhlt'ciehcn Ptibli- *kimi besucht waren. Es machte tiefen Eindruck, als der Vorsitzende der Hauptversammlung im Tiergartenlmf, Herr Direktor I. i e 111 e 11 » t e i 11, in der Unruhe, die vor Beginn der Versammlung herrschte und durch die große Uebcrfülhuig zu erklären war, darauf liimvies, daß jeder Teilnehmer durch sein Verhalten zeigen müsse, daß er die Würde und den tragischen Ernst dieser Kundgebung verstehe, Die Tausende von Zuhörern folgten den Rednern mit atemloser Spannung und gaben am Schluß einer jeden Rede und nach manchen besonders kräftigen Acußeriingen der Entrüstung durch lauten Beifall iiire Teilnahme kund. Es war eine mächtige Detttonstratiou der Judenschaft Berlins, die ihre Solidarität mit dem Gesamtjuden tunt in feierlicher Weise bckündete. Der erste Redner, Flerr Dr. Franz Oppenh e i 111 e r, führte u, a. aus: ״Was sollen wir auf diese Anschuldigung erwidern, die sieh nicht gegen den armseligen, kleinen siulrussischen Juden richtet, sondern gegen das ganze Judentum in aller Welt? Soll ich Ihnen als Jude sagen, daß. wir keine Bluttrinker sind? Soll ich Ihnen den Sektionshelund erläutern, über den eine wissenschaftliche Autorität, wie Geheimrat Siemkc, sein Urteil mit den Worten aussprach, daß der Sachverständige Sikorski entweder ein vollendeter Schuft oder ein vollendeter Ignorant oder aber beides zugleich sein müsse? Soll ich Ihnen die Geschichte der sinnlosen Blutbescluildigung erzählen, die vor vielen Jahrhunderten zuerst gegen Christen aufgebracht worden ist? Wozu denn also diese Versammlung? Wenn wir glauben, daß unser Aufschrei jenseits unserer Ostgrenze irgendeinen Eindruck machen wird, irren wir. Die herrschenden Kreise in Rußland schämen sich dieses Prozesses; man schämt sieh, daß eine so schlecht angelegte Komödie vor ganz Europa gespielt werden kann, daß die Regisseure, die man angcstellt hat, so jämmerliche Stümper sind. Man schämt sich, daß man nicht solch geschickte Leute hat, wie der Herr Oberst Esterhazy und seine Spießgesellen waren; daß sic ebensolche Schurken sind, findet man selbstverständlich, aber daß sic so ungcschickt sind, nimmt man ihnen übel. In den herrschen• den russischen Kreisen ist jegliches Gefühl mensch• lieber Verantwortung vollkommen erloschen. Aber vielleicht ist eg möglich, das Gewissen anderer Leute ,zu erschüttern. Wenn eins furchtbar ist, so ist es die Solidarität, in der sich das offizielle Europa mit dem offiziellen Rußland befindet. Mit diesem Reiche, das nicht nur die Juden, sondern auch eine ganze ungeheure Ikvölkenmgssehicht in unerhörter Knechtschaft halt, stehen unsere großen Bankiers in offizieller Verbindung. Der Bankier des russischen Staates in Deutschland heißt v. Mendelssoltn (Pfui-Rtife). Vielleicht erreicht es unser Protest, daß diesen Leuten das Gewissen schlägt, daß sie sich klarmachen, daß sie vor der Kultur verantwortlich sind. Solange die europäischen Großstaaten es sich gefallen lasset!, daß eine fremde barbarische Macht iiire Bürger nach der Konfession fragt, ehe sie sic einläßt, so lange hat Europa für die Dinge, die in Rußland geschehen, die Verantwortung. Es ist notwendig, daß wir uns einmal zählen, daß wir hinter uns in dem Kampfe für die Gesittung, für die Befreiung der Welt die Massen fühlen. Auch der Prozeß Bcilis mul die vielleicht darauffolgenden Pogrome werden den Weg der Kultur nicht behin* dern, sondern eher beschleunigen, denn auch in Ruß. (and kommt!Icr Lenz, wie I reiligratlt sagt, und auch der Newa Blöcke tauen. Von Westen her zieht der Geist der Freiheit ins Land hinein, wie der Frühüngswind, den man auch nicht an der Grenze zurückhalten kann; mul es werden noch unsere Kinder er-' leben, daß dieses fluchwürdige System zusammen• bricht. Daß unsere Stammesgenossen an diesem Werke initarheiten, dafür will man sie vernichten. Unser Protest mag den Kämpfern in Rußland eine moralischt* Stütze sein, er mag denjenigen in Westeuropa, die nicht ganz ungern russische Methoden einffihren möchten, zeigen, wohin die Reise geht und auf welchen gefahrvollen Weg sie sich begehen, Ich schließe mit den Worten Conrad Ferdinand Meyers: ״Genährt wird einst das menschliche Geschlecht Mit Freiheit werden und getränkt mit Recht.“ Der zweite Redner, Herr Dr. Gustav Witkowski, sagte ungefähr folgendes: In Arthur Schnitzlers Drama ״Professor Bernhardi“ spricht ein Jude das Wort: ״Ich perhorres/iere die Rassen- und Religionsiinlersehiede." Dieser Aus- Spruch ist typisch. Als ob es auf uns ankäme, als 01! es darauf ankiimc, wie wir uns zu den Fragen von Rassen und Religion stellen! Als wir g׳׳gen den Prozeß Drevfuß protestierten, bekamen wie auch von Juden die Mahnung zu hören, man dürfe in ein schwebendes Verfahren niibt eingreifen. War nicht damals und ist nicht h:1te die Rechtspflege zur Farce geworden? Ist nicht die Judcnfrage überlumpt ein schwebende« Verfuhren? Der Kiewer Prozeß ist nichts anderes als die Hache der russischen Reaktion für die Teilnahme der Juden am Revolutionswerke. Wir sehen es als ein Ruhmesblatt der russischen Juden an, daß sie in der Revolution ihren Mann gestellt Italien.“ Der Redner stellte die Vorgeschichte des Prozesses lind den Charakter der Anklage dar und zitierte das vernichtende Urteil von Prof Ford über das Gutachten den Sachverständigen Sikorski: ״Gegen dieses Gebäude schamlosester Lügen können uns keine Profeste helfen. Nur der setzt sich durch, der Macht hat und seine Macht an wendet, Erst wenn wir selbst beginnen, wie die andern Volker mit dem Hammer in der Hand zu philosophieren, dann erst ist uns ein Weg gebahnt. Jeder einzelne von uns soll die Schmach seines Volkes in seiner Seele brennen fühlen und jeder von uns soll das (ielübde ablegcn, nicht zu ruhen und zu rasten, bis vier Geist der Solidarität alle Juden erfüllt. Wenn der Beilis-Prozeß solche Empfindungen in unseren Herzen wachgerufen hat, dann werden wir das alte jüdische Wort anwenden können: Auch dies war zum Guten." Der nächste Redner, Herr Dr. Heinrich Löwe, setzte auseinander, daß wir deutschen Juden nur ein Teil des großen jüdischen Volkes sind und daß die russischen Juden eigentlich deutsche Juden seien. Durch Verfolgungen sind sie nach dem Osten getrieben •worden;mul habe 11 dort die deutsche Sprache mit mehr Treue bewahrt, als die dorthin verschlagenen Teile ursprünglich deutscher Volksstiimmc. Und jetzt werden sie dort heil ruckt und verfolgt. Ob es ein wirtschaftlicher Boykott, ob es Pogrome und Blutlügen sind, man verfolgt die Juden aus Gründen des Geschäftes. Man braucht in Rußland den Pogrom, weil die leitenden Kreise soviel Blutschuld auf sielt geladen haben, daß sie furchten, sie müßten ersticken, wenn der Vulkan seine Fcuerflamme über sie ausgießt. Unser Blut soll dazu dienen, die Flammen zu ersticken. Und so erbärmlich die Führung des Kiewer Prozesscs ist, man wird Beilis verurteilen; weil Ruft• land den Strom jüdischen Blutes braucht. Es gibt ein mosaisches Gesetz: Du sollst nicht stehen bei dem Blute deines Bruders. Wir hebet» unsere Hände empor — sie sind rein von diesem Blute. Und ihr, die ihr immer erklärt, daß eure Religion ein Fortschritt über die unsere hinaus sei, auch für euch gilt das mosaische Gesetz, hebt ihr die Hände hoch und protestiert, daß eure Hände rein sind von diesem Blute. Man