Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Nummer 43 hisclirl 5674 Demaskierung im deutschen Wandervogel Von Felix Rosenbliith (Berlin). l)ic Beilisaffäre und die hohen Feiertage haben liberalen Kanzclredncrn in Berlin Gelegenheit gcgebe!!, einem ungewöhnlich großen Zuhörerkreis die Vorzüge unserer gesicherten Lage in Deutschland in satten Farben auszumalcn. Da kam gerade zur rechten Zeit, da cs galt, die Symbolik des Laubhüttenfestes einer neuen Predigt über unentwegtes Deutschtum nutzbar zu machen, ein kleiner Zwischenfall, der die wahre Situation mit greller IX-utlichkeit beleuchtet. Ich meine eine antisemitische Schwenkung oder besser: Demaskierung in der Deutschen Wandervogelbcwegung, die über kurz oder lang eine öffentliche Judendebatte von ansehnlichem Umfange entfesseln wird. Der ״Wandervogel“ ist eine Frucht der modernen deutsdien Jugenderziehungsbestrebungen, die, abseits von den alten Bahnen; neue Wege und Ziele suchen, und zugleich ihre bedeutendste und populärste Schöpfung. Es ist allgemein bekannt, daß der Wandcrvogel die intellektuelle Jugend der höheren Schulen durch Erweckung und Pflege des Naturempfindens und der Hcimatsliebe zu einer natürlichen, gesunden und freudigen Auffassung des Lehens erzielten will. Jeder kennt auch, trotz der kurzen Zeit seines Be- Stehens, wenigstens ungefähr seine Erziehtingsmethoden, die Art des Wandervogelleheus, mul jeder weiß, daß di« Jungen und Mlldcbcn, die Sonntags in ihren charakteristischen Trachten ins Freie ziehen, ״Wandervögcl" sind. Von seiner Bedeutung mögen zunächst Zahlen eine Vorstellung geben. Im Jahre PHI umfaßte der Bund 18 000 Wandervögel, d. 11. Schiller höherer Schulen, und wenn er das Tempo seiner Entwicklung seit dem Jahre 1002 (als es itt Deutsch• latid nur ISO Wandervogel gab) iiiigeführ beibehalten hat, so mag ihre Zahl heute auf 35(11111 •10 000 gewachsen sein. Im Jahre 1011 veranstaltete der Bund 1b000 Fahrten mit 171 000 Teilnehmern an 2112000 Wandertagen. Man sieht, daß der Wandervogel, von der Regierung und ־ nach anfänglichem Sträuben — auch von den Schulen liebevoll gefördert, Bewegung in die deutsche Jugend gebracht hat, und wenn heute in seiner Literatur viel von dem ״Wandervogelgcist“, als einer spezifischen, neuen, idealistisehen Gcistesriclitung deutscher Schiller die Rede ist, so ist dieses Wort nicht mehr ganz ohne Inhalt. Diesem Geiste sind aber bei aller Verscltiedcnlieii in technischen Fragen viele deutsche Jugendverbände nahe verwandt, vor allem die ״Pfad, firnlcr“ .und andere Gruppen des Jimgdeutschlaiulbundes und viele freie Wandergruppen, die nach ״Wandervogelart wandern“. Heute ist der Watidervogel bereits mehr eine Bewegung als ein Verein, und man kann seine Bedeutung für die deutsche Jugenderziehung in Zahlen nur unvollkommen ausdrücken. Das alles mußte zur allgemeinen Orientierung vorausgeschickt werden. Es muß auch noch gesagt werden, daß der Wandervogel nach der Bundes- Satzung ״politisch und religiös neutral“ ist, und daß gegenwärtig eine sehr große Zahl jüdischer Schüler in ihm und in den verwandten Verbänden organisiert ist. Wie fest man auf seine Neutralität baute, bezeugen am besten die Zionisten, die ihre Kinder auf seine Wanderfahrten schickten, und andere, die sogar als Ortsgruppenleiter und Führer in. ihm tätig waren. Und nun ist es plötzlich anders gekommen! Wer die Entwicklung des Wandervogels in der letzten Zeit verfolgte, ahnte cs, und wirklich wurde in der jungen jüdischen Schülerwanderbcwegung der Zusammcnhruch der Wandervogelneutralität schon vor einem Jahre prophezeit. Man sah deutlich, daß die Entwicklung immer mehr zu einer Betonung des Deutsch-Nationalen führte, — wobei der Begriff ״Dcutschnational", nicht in dem, von den Führern der Bewegung am meisten verachteten und bcspöttelten, parteipolitischen, offiziell * patriotia Helms lätio in ׳ <r-v! ך ־' * '* 4י* t *׳■־!י' *!■,״״וו ״er׳ w,».«׳».!.•׳ m sehen Sinne, sondern in völkischer und kultureller Bedeutung zu verstehen ist, Während der Band anfangs das Wandern an sieh mit allgemein pädagogischer, sittlicher und künstlerischer Motivierung!»'legte, erwuchs in den letzten Jahren das ״deut* sehe Jtigendwandcrn“. Aus dem ״Wandervogelgeist“ svurde der ״echte deutsche Wandervogelgeist“, und das Programm der schlichten Wandrerei wurde um Sonncnwendfcstc, Johannisfeuer und germanische Volkstänze bereichert. Die literarische Kultivierung der stammcstümlichen deutschen Mundarten und die immer weiter fortschreitende Belebung des alten, deutschen Volksliedes mögen in der gleichen Richtung gewirkt haben. Jetzt ist der Wandervogel bewußt kulturdeutsch und deutschvölkisch, und nun ist er seiner Juden überdrüssig. F,s lohnte sich, die Vorgeschichte etwas gen.׳uter zu schildern. Es ist für uns Zionisten immer nützlich, das historische Gesetz, das Typische und Notwendige dieser wohl vertrauten Entwicklungstendenzen an neuen Beispielen wicdcrzucrkcnncn. Trotzdem sind auch wir, die wir unseren germanisehen Mitbürgern ohne Illusion aber mit Verstandnis gegenüber.stchcn, erstaunt und fast erschüttert, wenn wir sehen, mit welch elementarer Heltigkeit in einem - bisher paritätischen — Verbände eine'* lange unterdrückte Judengegnerschaft hervorbricht, Und gerade die, die den nationalen Antisemitismus deutscher Knlturverbcsserer nicht prüfungslos nis moralische Verirrung ab/ntnn pflegen, werden es kaum begreifen, daß diese Gegnerschaft in so ungewöhnlich niedrigen und abgeschmackten Gemein« beiten ihren Ausdruck findet. Man lese das Oktoberheft der Wandervogel- Führer/citung, einer im wesentlichen für Führer bestimmten Monatsschrift*). In Heft Nr. 8 der Zeitschrift hatte ein Dr. Wilker das — aus dem ״Herliner Tageblatt“ bekannte — Verhalten der Zittaucr Ortsgruppe als ״unklug“ getadelt, die einem jüdischen Mädchen die Aufnahme verwehrt hatte. Gegen ihn wenden sich die Mitarbeiter des Oktoberheftes, und wie sie es meinen, soll hier an einzelnen Proben gezeigt werden. Einen entschiedenen Ton schlägt z. B. Max Zeppncr aus Frankfurt a, O. an, Er schreibt; ״Lieber Fritze! Wir sind weder ein Ablagerungspls.tz für alte Stiefel, die ehemals auf Plattbeinen gesessen haben und nach Knoblauch stinken, noch ist der Wantiervogel ein Spekulationsobjekt für Judenunterncliinungen. Du weißt jetzt meine Meinung darüber. Ich weiß, daß' der Jude, wenn er merkt, daß er irgendwo nicht geduldet werden soll, in hellen Mengen seine Regimenter aufstellt, aber wir werden ihn durchfechten den Kampf. Der Wandervogel ist deutsch und bleibt deutsch. Und dabei bleibt es. Ich bitte dielt, in die nächste Führerzeitung zu setzen: die Jmlenfrage ist für uns Deutsche: Die Reformbewegung.“ Karl F rieb us, ebenfalls aus Frankfurt a. O., äußert seine Ansicht in Aphorismen mit der Ueberschrift ״Nu wenn schon!“ ״Int Ralkaiikriegc ist es vorgekommen, daß der Jude Abraliantsoii eine Falmc erobert hat. Man iiiterviewte den I leiden, ״Gott, ich 11,׳(11־ sie gefunden, die Fahne, hiitt’ ich se nicht genommen, hält׳ se genommen e anderer!“ Später wird man den Enkeln berichten: Der Großvater hat an den Feldzügen tcilgenommen, durch die das Reich erst geschliffen worden.“ *) Wandervogcl-Fylircrzeituitg, Heft. Nr. II, Verlag Erielt Matthe«, Leipzig, 0,35 M. ״Die nächste Gründung heißt: ״Nu wenn schon“ oder ״Der gesunde Wandervogel“. Motto!: Kehre wieder Otto, alles ist verziehen! Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig rausgegratilt seid! — Immer rein, immer rein, immer rein — — mir is ja schon alles egal es hängt ja reiit gar nichts davon ab. Nebbich - deutsch oder nicht deutsch, klug oder unklug - was ich mir dafür koofe. — Nu wenn schon!“ Ein anderer, nämlich Herr Dankwart Gerl ach aus Bcrlin-Lichtcrfcldc, hat folgendes zu sagen: ״Wenn ein durchaus germanisch ausschcnder junger Mann vor einiger Zeit zu mir äußerte, als einige nett aussehende junge Mädchen an uns vorbeigingen: ״Ach, die Unschuld hab’ ich gern, aber nicht, wie du vielleicht denkst, um sie zu erhalten, sondern •pm sie zu genießen,“ so sehe ich in diesem Gegenteil von Ritterlichkeit eine durchaus ungermanische Anschauungsweise: wenn man sieht, wie der Gesellschaftstanz heute mehr und mehr geil und schleimig wird, wie das flache und gemeine Theater gegenüber dem guten an Raum gewinnt, wie die Frivolität und die Geringschätzung des Weibes allgemein zunimmt, so erkennt man, wie niedere, ungermanische Auffassung im öffentlichen Leben in wachsendem Maße überwuchern und auch in den Köpfen allzuwenig Artbewußter und Art stolzer (d. h. der meisten!) germanischer Mensbltcn au Boden gewinnt.' Diese Entwicklung vollzieht sich unter ständig wayhsendem jüdischen Einfluß, der aus den niederen Instinkten geschäftlichen Vorteil zu ziehen weiß, und dem die mit der sittlichen Verlotterung wachsende Urteilslosigkeit zugute kommt. Im Gegensatz zu dieser allgemeinen zeigt erfreulicherweise der Wandervogel die umgekehrte Entwieklung, daß germanische Denkart, in schlichtem Naüirgefüiil, in reiner AtiMcItMiung der Beziehungen der Geschlechter herrschend wird auch In den weniger germanischen Wandervögeln. Die Frage, ob wir Juden im Wandervogel haben dürfen, ist im wesentlichen danach zu beantworten, ob wir glauben dürfen, sie gleichsam verdauen zu können, germanische Gefühls- und Denkweise ihnen cinzuflüßen, Ich iiiuli allerdings gestehen, diese Aussicht scheint mir sehr gering. Ich kenne im Wandervogel eine ganze Menge Juden verschiedenster Alters« klasseu, ich habt* aber noch keinen gefunden, der innerlich ein rechter Wandervogel gewesen wäre. Ich habe mir durchaus Mühe gegeben, sic zu ver« stehen, ich bin ihnen nicht aus dein Wege gegangen, eben weil ich ihnen gerecht werden wollte, auch gegen meine Neigung.“ Herr IC Bloeck meint: ״wer nicht wie die Zittauer handelt, übt Selbstmord“, und die ״Schriftleitung“ versichert, das Wohlwollen des bekannten Ritualmordgläubigen Stauff wiedererrungen zu haben, der ihre zu milde Haltung im Zittaucr Falle getadelt hatte. Das also ist das Ende vom Liede! Es ist die alte Tragikomödie, Wieviel jüdischer Idealismus und wieviel jüdisches Geld steckt in der deutschen Jugendbewegung! Wieviel jüdische Studenten haben im Wandervogel geführt und gearbeitet! Noch ist der Wandervogel kaum zehn Jahre alt, und schon heißt man die Juden gehen. Uns Zionisten wird es leicht fallen, die Situation von innen heraus zu begreifen. Schwerer werden sich unsere jüdischen Gegner in die neue Lage finden, die Menschen etwa, die den jüdiscli-christliehen Satz; ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ - Il1r Belehrung aller vorübergehenden Christen ־— in die Fassade der neuen Berliner Synagoge in der Fasancnstraße cingemcillclt haben. Man wird sagen: Die Führerzeitung ist nicht das. amtliche Organ des Wandervogels, - noch hat die Bundesleitung und der Bundestag nicht gesprochen, — wer weiß, ob alle Führer so denken, — und es gibt ja auch