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Jüdische Rundschau · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4l0 JUEDISCH E RUNDSCHAU Nr. 42 Beilis Schauder, Entsetzen und maßlose Empörung driingt uns zu lauten!,rötesten. Nicht der eine, liarmlose Beilis ist cs, den gehässige Vcrfolgungssiiclit auf die Anklagebank geschleppt hat, uns alle, das ganze jüdische Volk, zwingt man, sich gegen die wahnwitzigen Lügen verrohter Spitzbuben, gegen das idiotische Gestammel unzurechnungsfähiger Trunkenbeide und abergläubischer Weibsbilder zur Wehr zu setzen. Wer weitl unserer Zeit eine* tiefere Schande als diesen Schmierprozel) von Kiew, diesen Aufzug der vom Staatsanwalt frech der Ocffcntlichkcit vorgeführten Belastungszeugen, wer wollte angesichts dieser Szenen, über denen bleiern die Furcht vor Panik und Pogrom tigert, noch von einem europiiisehen Gewissen zu reden wagen!׳ Wir protestieren in allen Städten und Staaten. Wir schleudern diesem Europa des 20, Jahrhunderts die furchtbare Anklage ins Gesicht, daß es uns zwingt, uns zu wehren. Nicht unsere Sache wäre cs, die Ritualmord lüge auszutreiben,' die verruchten Bliithctzer aus dein Bunde der menschlichen Gemeinsebaft hinaiiszuweisen. Jene, aus deren Mitte die Liigc kommt, unter denen der Aberglaube seine Orgien feiert, jene müßten aufschreim und ihre Ehre wahren. Denn nicht wir, nicht das jüdische Volk, vergeht sieh gegen die höchste Sittlichkeit: jener Glaube und die Gemeinschaft sind mit Schmach he- .deckt, die die Ritimlnmrdhct/er unter sich dulden. Diese Schmach wäscht keine kühle Abwehr ab. Die’ Empörung gegen den Wahnsinn, der sein 1111schuldiges Opfer in dem Kicwer Juden gefunden hat, wäre ,eigentlich keine* jüdische, sie wäre eine europäische, sie wäre eine christliche Auge- Icgcnhcit. Wehe uns aber! W i r sind g e zw u 11 gen, unseren Mund zum Protest aufzutun, wir müssen sprechen, wenn wir die Wahrheit nicht ersticken lassen wollen. Denn schlecht erfüllt Europa seine Pflicht. Die ״Neue Freie Presse“, das bedeutendste liberale Blatt Oesterreichs, hat am Sonntag an der Spitze des BJattes Stimmen gegen die Lüge des Ritualimirdes veröffentlicht und hat, — ein liberales, von Juden gelesenes Blattl — einer Erklärung des Fürstprimas von Ungarn, Jo hann Csernoeh, Raum gegeben, die den Passus enthalt: ״Ob aber konkrete Fälle als lUtualmord oder als gewöhnlicher .Mord zu qualifizieren sind und welche individuellen, fanatischen und sektualisclien Auffassungen, wenn die kompetenten Foren diese als einen Ritualmord qualifizieren, zur Begeliung solcher Taten als Motiv dienen könnten, darüber kann man sich nur bei eingehender Kenntnis sämtlicher Zustände der betrclienden Handlung eine Meinung gestatten.“ * Das veröffentlicht die ״Neue Freie Presse“ am 12. Oktober auf ihrer ersten Seite! Wenn ein Fürsterzbisc hof so spricht, darf einen auch die Aeulicrung nicht wimdernehmen, die in dem gleichen Blatt der Wiener Physiologe Hofrat Siegmund E x 11 e r veröffentlicht, und die uns zeigt, wie ktiltl die liberalen Europäer der Anschuldigung gegeniibcrstclien. ״Ich kann mir nicht vorstetlcn, dal! Juden das Blut von Christenkindern zu religiösen Zwecken verweilden, und weil ich von der Absurdität dieser Beliauptung fest überzeugt bin, verfolge ich die Berichte über die sogenannten Ritualmordprozesse nicht... Das Studium dieser Erscheinung gehört nicht in mein wissenschaftliches Fach ...“ Mit dieser kühlen Objektivität lassen die ״ge* bildeten“ Menschen, die unser Jahrhundert repräsentieren sollen, ein ganzes Volk höhnen und entehren. ״Das Studium dieser Erscheinung gehört nicht in *nein wissenschaftliches Gebiet.“ Deshalb protestieren wir Juden. Deshalb schreien wir unsere Empörung aller Welt ins Oesicht, deshalb halten wir picht zurück mit u n s c - rem Urteil und unserem Ruf nach Wahrheit, weil eine Angelegenheit, die eigentlich eine christliche ist, eine jüdische werden muß. Wenn w i r nicht für uns sind, wer wird für uns sein? In Berlin findet am Montag, den 20. Oktober, abends 8 Uhr, eine große Protestvcrsamm• lung gegen den Blutprozeß von Kiew im grollen Saale des Tiergartenhof statt, Redner sind u, a. Privatdozent Dr. Franz Oppenheimer, Dr. Schmarja Lev in, Rechtsanwalt Dr, Klee, Kunstmakr und Radierer Hermann Struck, Kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich Locwc. In der Repräsentantensitzung der Berliner Jüdischcn Gemeinde vom 14. September 1013 war von Herrn Emil Pincus nachstehende Ititcrpcllation ein• gegangen: ״Was hat der geehrte Gemeindevorstand in der. Beilis-Angelegenhcit, die die Judenschaft in der ganzen Wett tief bewegt, bisher unternommen, resp, gedenkt er in dieser Sache etwas zu tun?“ y V K Herr Pincus gab eine kurze Motivierung seiner Anfrage. Seit zwei Jahren sei Beilis in Kiew unter der Anschuldigung, einen Ritualmord begangen zu haben, verhallet. Die Anklage laute auf Ermordung aus religiösem Fanatismus zu religiösen Zwecken. Zu dem Prozeß sei mir ein. jüdischer SacUverständiger geladen, der jedoch nur aus nicht jüdischen Schriften die Anklage entkräften dürfe. Angesichts dieser ungeheuerlichen Beschuldigung müßten wir uns mit unseren russischen Glaubensgenossen solidarisch erklären und für diese cinlrctcn. Da der Prozeß am 8. Oktober beginne, sei höchste Eile geboten. Namens des Vorstandes der jüdischen Gemcinde erklärte Herr Dr. Fcilchenfeld: ״Die jüdische Gemeinde ist sieb dessen bewußt, daß das jüdische Religionsgesctz den höchsten Forderungen der Sittlichkeit entspricht; sie hält es daher ihrer Würde als jüdische Rcligbnsgeineimk־ nicht für angemessen, eine öffentliche Versammlung zu berufen, um zu verkünden, d;1ß die jüdische Religion nicht Verbrechen von ihren Bckennern verlange. Nachdem seit Jahrhunderten bis in die neueste Zeit zahllose jüdische und christliche Gelehrte, die die Quellen in! Urtext zu lesen vermochten, immer wieder erklärt haben, daß für Bekenner des Judentums ein Ritualmord unmöglich sei, nachdem׳ Päpste und viele kirchliche Würdenträger die Beschuldigung als Verleumdung gekennzeichnet haben, kann nur krasse Unwissenheit mul böswillige Niedertracht gegen einen Juden die Anklage eines Ritualniordcs erlieben. Sache der jüdischen Schutzverbändc wäre cs, zu erwägen, ob sie trotzdem ihrerseits in der Beilis- Angelegenheit noch etwas tun wollen.“ * Unser Prager Berichterstatter schreibt uns: Am Sonntag, den 12. Oktober, veranstaltete das Lokalkomitee Prag der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei Poate-Ziou eine Protest Versammlung gegen den Kicwer Prozeß. Es war die größte jüdische Versammlung, die je in Prag stattgefunden hat; 5000 Personen füllteil den Saal, 30<)0 konnten keinen Platz mehr finden. Die Führer der KuKusgtmeindc, viele Professoren der tschechischen Hoclisclmlen, Abgeordnete tschechischer Parteien, waren anwesend. Die d e u tsehen Parteien waren zwar eingcladcn worden, waren aber nicht erschienen. Es sprachen Chain! Nagler aus Lemberg, der tschechisch-sozialdemokratische Abgeordnete N c in c c, der Vertreter der tschechischen Realistenpartei, Professor Maxa, Dr. M. Hirsch, Kob 11 und der Vorsitzende'des zionistischen Djstriktskomitccs für Böhmen, Dr. Ludvvig Singer. Eine Resolution sollte im russischen Konsulat persönlich überreicht werden. Deshalb zogen die Teilnehmer an der Versammlung gegen Mittag in geschlossenem Zuge zum russischen Konsulat, wo sie von einem starken Wachem!fgebot erwartet vvurden. Eine viergliedrige Abordnung begab sich nun ins Konsulat, um die Resolution zu überreichen, wurde aber nicht empfangen, weil am Sonntag im russi• sehen Konsulat nicht amtiert werde. Als das den auf der Straße Wartenden mitgfctcilt wurde, brach die Menge in stürmische Entrüstungsrufc aus. Während die Wache die Menge zerstreute, wurden zwei Personen wegen Widersetzlichkeit verhaftet und auf das Pohzcikoinmissnriat gebracht, nach protokollarischer Einvernahme jedoch sofort wieder entlassen. * Wiesbaden. Von der Leitung unserer Ortsgruppe wurde vor kurzer Zeit der Entschluß gefaßt, aus Anlaß des Ikilisprozesses «ine große Prot es t- Versammlung zu veranstalten. Mau setzte sich deshalb mit maßgebenden Kreisen der israel, Kultusgemeinde in Verbindung, um die Veranstaltung von dieser ausgeheu zu lassen. Nachdem man uns aber sowohl dort ah auch bei anderen jüdischen Orgasusationen abschlägig beschieden hatte, nahmen wir selbst die Sache in die Hand und hatten die Befriedigung, daß die Versammlung sowohl einen der Wichtigkeit der Sache entsprechenden Verlauf nahm als auch im zionistischen Interesse eine tiefgehende Wirkung!unterließ, Seit zehn Jahren hat keine derartige jüdische Versammlung hier stattgefunden. Den großen Saal der Loge Flato füllten unge fahr 000 Personen, die Kopf an Kopf gedrängt den Ausführungen unserer Redner lauschten. Herr Dr. Adolf 'Friedemann eröffnet(.* die Versammlung, begrüßte die Vertreter der anwesenden jüdischen Vereine und gab seiner Befriedigung Ausdruck, dal! auch eine größere Anzahl christlicher Mitbürger, unter ihnen Vertreter •der Fortschrittlichen und Nationalliberalen Partei, erschienen waren. Dann erteilte er das Wort dem Hauptredner des Abends, Mitglied des E. A. C. Na 11 um Sokolow, Dieser legte zunächst die Gründe dar, aus denen die Zionisten Protestversanimlungcn veranstalten. Sie wissen wohl, daß derartige Demonstrationen auf russische Gerichts־ liüfe wenig Eindruck machen, aber sie wollen dadurch die mehr und mehr indifferent gewordenen Westjuden aufrüttcl», wollen ihnen zeigen, daß man die Blutanklagc gegen das jüdische Volk als solches richtet und daß es Pflicht aller Juden ist, sich solidarisch ,zu erklären,!1m derartige Angriffe auf ihre .Volksehre abzuweisen, Dieser Prozeß ist nicht eine Angelegcnheit des russischen Volkes oder der russischen Juden, sondern bedeutet eine Herausforderung des Judentums der ganzen Welt, liier handelt cs sich um das Judentum, Das jüdische Gesetz, die jtR dischcn Traditionen sind einheitlich entstanden in einer Zeit, als noch keine Scheidung in geograpluschcr, kultureller oder ökonomischer Beziehung statfgefumlcii hatte. Wenn man die russischen Juden anklagt, sie hätten in ihren Kanon das Blutritual aiifgcitoiitmen, so bildet das eine Anklage gegen das Gesarntjudentum, gegen die man mit aller Entschiedcnhcit protestieren muß. Sokolow ging näher auf das Zustandekommen des Kicwer Prozesses em, den er als Ergebnis der russischen Reaktion bezeichnet. Vom Standpunkt der wolilgcleitctcn Organisation, die die Juden Rußlands bekämpfe, sei dieser Prozeß ein ausgezeichneter Schleimig, u!n die niedrigsten Leidenschaften der russischen flauem gegen die Juden zu entfachen. Mau könne sieh auch nicht darauf atisredcn, daß mau mir eine gewisse Sekte verdächtige, denn das Judentum habe keine Sekten. Fs ist geradezu eine Tragödie, daß das jüdische Volk, das zuerst gepredigt: ״Du sollst nicht töten!“ des Ritualmordes verdächtigt wird. Die Rede, die in die Forderung der Bereicherung des jüdischen Wissens ausklang, fand begeisterten Beifall. Der zweite Redner, Dr. Adolf Friedemann, betonte besonders, daß es nur ein .Mittel gehe, den schm achvollen Zuständen in Rußland ein Linie zu machen, indem man es möglichst viel Juden ermögliche, ihre ungastliche Heimat mit ihrem alten Vaterland Pa* liistinn zii vertauschen. Auf diesem Wege arbeiteten die Zionisten und zu ihrer Unterstützung rufe er jedermann auf. Ik/irksrabbiiier Dr. Kober erkannte in einer kurzen temperamentvollen Rede, in der er die Kraft des jüdischen Glaubens pries, dankbar das Eintreten gebildeter Christen für die Juden in dieser Sache an. Die Redner landen stürmischen Beifall. Zum Schluß wurde folgende Entschließung einstimmig angenommen : ״Die von der Zion, Ortsgruppe einberufene am 0. Oktober zu Wiesbaden tagende und von vielen Hunderten besuchte öffentliche Ver- Sammlung legt ,anläßlich des in Kiew begonnenen Beilisprozesscs aufs entschiedenste Protest em gegen die* ungeheuerliche, die Anhänger der ältesten monotlieistisclien Religion des Ritualmords bezichtigende Beschuldigung. Die Versammlung erblickt in diesem Vorwurf eine schmachvolle Verunglimpfung der Ehre des ganzem jüdischen Volkes, den sie als infam und wahnwitzig zurückweist. Sie brandmarkt das Verwaltungssystem, das sich zu Zwecken der Verfolgung solcher schändlicher Mittel bedient und m« erhofft, daß die ganze Kult urwelt gemeinsam mit den Juden den Kampf um die Menschenrechte und die Ehre des jüdischen Volkes gegen Bosheit und Aberglauben aufnelnncn wird," Zentralverein und Konsequenz In der Nummer vom ö. Juni 1913 stellten wir zwei Kundgebungen des Zeiitralvereins aus früherer und neuester Zeit einander gegenüber und erinnerten daran, daß am 23. Juni IWI Herr Dr. Horwitz, erster Vorsitzender damals und jetzt, erklärt hat, er habe im Prinzip nichts dagegen, wenn der Verein hieße: ״Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und jüdischer Nationalität“. In der Septeniberiumiiner 1913 seines Organs ,,Im Deutschen Reich“ fällt es dem Zentralverein zum ersten Male nach mehr als 12 Jahren bei, die oft zitierte Aeullcrting zu bestreiten. Zu diesem Zweck sucht er seinen eigenen — übrigens gefärbten — Bericht über den Vortrag, der im Augustheft 1901 des ״Deutschen Reich“ enthalten ist, als auf Miß verstiindiiis des ״Einsenders“, eines ״Pseudonymus", bcruhend hinzustellcn. Der Bericht ist unterzeichnet ״A. L.“, der unverantwortliche Psctidonymus ist also Alphouse Levy, der verantwortliche Redakteur de; ״Deutschen Reichs“ und Generalsekretär des Zentral- Vereins. Aber weder der Zentralvereiu noch Dr, Horwitz, der Redner selbst, hat jemals den offi• zicllen Bericht des ״Deutschen Reichs“ berichtigt. Fünf Tage nach dem Vortrage des Dr. Horwitz und mehr als einen Monat ver dem Erscheinen des angcblich irrtümlichen Berichts im ״Deutschen Reich" schrieb die ״Israelitische Rundschau“ in Nr. 25 vom 28. Juni 1913 über den Horwitzschen Vortrag: ״Bemerkenswert ist die Mitteilung des ersten Vorsitzenden des Zeiitralvereins, daß der Verein ebenso gut ״Zen• tralverein deutscher Staatsbürger jüdische« Glaubens und jüdischer Nation“ heißen könne, und daß gegen diesen Namen nur ״ästhetische Gründe“ sprächen“. Der Zcntralverein berichtigte nicht. In ״Ost und West" Märzheft 1903, S, HO, gibt ein Teilnehmer der Versammlung die gleiche Aetifteruiig wieder, ohne daß inan ihn Lügen gestraft hätte. Jetzt plötzlieh, nach der Zionistenresolution, berichtigt der Zentralvereiu. Wir wissen aber auch aus eigener Erinnerung genau, daß Dr. Horwitz diese Erklärung abgegeben hat. Es geschah das, nachdem Dr. Heinrieh Löwe, der im Namen der großen Mehrheit der in dieser Studcntenversammliing anwesenden Studenten sprach, vom Zentralvereiu eine bündige Erklärung darüber verlangt hatte, wie er sich zum jüdischnationalen Gedanken stelle. Als Dr. Horwitz die gewünschte Erklärung abgegeben hatte, lieft Dr. Löwe ausdrücklich unter Hinweis auf die Antwort des ersten Vorsitzenden seine gegen den Beitritt zum Verein geäußerten Bedenken fallen. Die Berichtigung des Zentralerem* ist also un* richtig.

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