Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651815-2651858--09221-2666532
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einem Worte, wir möchten das aufgeben, was uns wahrhaft Zusammenhalt und, gegen alle Neinsager abgrenzt•, die reine Idee des. jüdischen Nationalismus. Da aber verwickelt sieh unser Doppelgcgncr in einen merkwürdigen Widerspruch. Er hat die Wandlung des Zionismus vom Charterismus zur praktischen Arbeit begrübt, hat mit voreiliger Genugtuung fest• gestellt, tlab er den alten Weg, den er nie hätte ver״ lassen sollen, wieder betreten bat; er findet diese Ent- Wicklung des Zionismusnicht nur konsequent, 8011dem auch berechtigt; trotzdem sind seine Sympathien durchaus auf der Seite der ״Politischen“, der ״Charterisien“. Im schärfsten Widerspruch zu den früheren Lobgesängen über das Verlassen des Charterismus findet der Anonyme plötzlich, dal! die gegenwärtige Form des offiziellen Zionismus ״eine schwere Oefahr für die weitere Entwicklung der zionistischen׳ Bewegung bedeute, die mit ihren Idealen, solange sie in ihrer Reinheit blieben, viel Gutes und Ersprießliches geleistet hat.“. Wir kennen dieses Argument der Verteidiger der ״Reinheit des Ideals“. Die alten ״Politiker“, die früheren Führer unserer Organisation, gebrauchten cs ständig gegen die atifsteigendc jüngere Generation von Zionisten. Sie erklärten, das Ideal müssu tinverletzt und!!!!verkleinert in seiner ganzen Reinheit und Grolle bleiben, sie verschlossen es wie ein sorgsam mit grauen Tüchern verhülltes Prunkinöbel in der guten Stube, die nur an seltenen Festtagen staunenden Besuchern geöffnet wurde. Da kam die jüngere. Generation und verlangte die Verlebendigung des Ideals. Sie wollte das Ideal nicht in der guten Stube, sondern in den I lilmlcn haben. Und 80 kam sie 111 it Notwendigkeit zu zwei Forderungen, die im Grunde nur eine sind: praktische Arbeit in E r c z -1 s r a c I und Nationalisierung des G a 1 u 111 * J u d c 1! t u m s. Diese beiden Forderungen sind das Programm des Zionismus. Solange sic nicht in dieser Klarheit ausgesprochen waren, hatte alles Kleine, alles Zweifeinde, alles Neinsüchtige im Judentum den billigen Skeptizismus gegenüber der ״Utopie" Hcrzls. Jetzt, da die alten ״politischen“ Zionisten ihre historische Mission erfüllt haben, Hcrzls Idee zu erhalten und den Jüngeren zu überliefern, und da diese jüngere Generation den Kampf um die Möglichkeit ausgekämpft hat, Hcrzls Idee in die Hände zu nehmen; jetzt, da Hcrzls Wort wahr zu werden anhebt: jetzt zerteilen die Neinsüchtigen den einen unteilbaren Zionistntis in seine Teile, nehmen den einen an und verwerfen den andern, freuen sich aber, dali die ״Utopie" verschwunden ist. Doch ihre Freude ist nicht ganz, ungetrübt; ihre natürlichen Sympathien sind hei den Verfechtern der ״Aufbewahrung“ der Idee bis an den Tag der Tage; mit der Forderung nach Verlebendigung der Idee hat das Ja gesiegt und die Neinsuelit überwunden. Wenn aber jene den Zionismus zerteilen und einen Teil annelimen, einen verwerfen; wie geschieht das? Sie nelmien die Palästina,•irbeit an. Sic sind bereit, alle pliilaiithropisclien Organisationen zu unterstützen, die in Palästina arbeiten; sie sind bereit, Geld zu geben; sie sind bereit alles zu tun, woferne sic weit vom Schuß bleiben. Dali das jüdische Ansicdlungswerk in Ercz-Isracl von einem neuen Geist erfüllt werde, bleibt ihnen gleichgültig, im besten Fall ein günstiger Zufall; und daß das Galuthjudentum von einen! neuen Geist erfüllt werde, das ist ein Greuel in ihren Augen. Wir aber verlangen, daß der Zionisums für jeden Juden, dort wie hier, «ine Schule sei, die ihn dazu erziehe, seihst und in dem neuen Geiste nach Erez-Israel m gehen. Wir fordern, daß der Jischtib und daß das Gafuth nationalisiert werde; das ist den Kleinen ein Abscheu. Freilich, für Leisetreter, für geruhsame Seelen, für Zufriedene, für Sichere ist diese Nationalisierung nicht. Wir, die wir dem Judentum um so viel mehr entfremdet sind als uiisere Vater — doch wohl nicht ohne Schuld unserer Väter ~, wir müssen uns unser Judentum suchen und mühsam aufcrbaucn. Da geht’s nicht ohne Hammerklingen auf Steinblöcken, nicht ohne Funken ab. Die Sicheren entsetzen sich über manches, was die Jungen, die Fremdgewordenen, tun müssen, mm heimzufnulcn. Uns müssen alle Wege recht sein. Und wenn unsere Jugend alle traditionellen Vorurteile fortwirft, und die Gefühle manches traditionell Empfindenden verletzt, so ist das für uns kein Grund, ein ehrliches Streben zu verdammen. Der Zionismus steht über diesen Dingen; der Zionismus identifiziert sich nicht mit einzelnen Zionisten; aber, was immer geschehe, er fordert für alle redlich sich Mühenden die Freiheit des Gewissen*. Der Anonymus von ״Ost und West" spricht anläßlich mancher Ausführungen von Hurwitz im Hasdiiloach und anläßlich der bekannten Episode auf dem Kongroß, die durch das Sainmclbiieh ״Vom Judentum“ veranlaßt war, von einer ,,eigenartigen Sekte, die sich an die Rockschößc des Zionismus gehängt habe und deren Treiben auf die Zersetzung des Judentums gerichtet sei". Dies eben müssen wir unbedingt vermeiden: SektensehnüSfdei, Ketzerricclicrei, Unduld* samkeit darf bei uns nicht aufkommen. Wenn wir etwas für falsch halten — und die meisten Zionisten sind mit den angezogenen Ausführungen nicht einverstanden —, so müssen wir durch Belehrung wirken, nicht durch Acht und Bann. I\*r Chcrem wurde über Spinoza verhängt, und heute wird Spinoza von tausenden liberaler Juden angehettt. Hüten wir uns vor dem Chercm, wahren wir die Gewissensfreiheit; so wird sich das Judentum an uns bewähren. Zäune taugen uns nicht; der Zaun, der uns schützt, zwängt uns auch ein; und soll das Judentum neu werden, so,muß cs zuvörderst frei werden. Dies ist nicht für Zufriedene, für Neinsüchtige, für Leisetreter. Darum wollen unsere Gegner nichts von der Nationalisierung des Galuth wissen, ob sie nun orthodox sind oder liberal. Unser Doppclgcgncr schilt die Führer des Zionismus wegen dieses Strebens, die er wegen der Palästinaarbeit gelobt hat. Und doch macht erst die Nationalisierung unsere Palästinaarbeit zum Zionismus. Der Leisere von beiden, der Anonyme, gibt ihnen auch noch unschöne Namen. Er nennt sic Personen, die jedes Verantwortlichkcitsgefühls bar sind, Leute, deren Gehässigkeit und Taktlosigkeit usw. Er weiß auch, ״daß die meisten Männer in leitender Stellung der zionistischcn Bewegung in Deutschland und Oesterreich bis heute auch nicht einen Quadratmeter Land in Palästina .־*!!gekauft oder in einer andern Weise irgendwelche materiellen Opfer für die jüdische Ansiedhing in Palästina gebraclit haben.“ Wir staunen über die fabelhafte Orienticrthcit des Pamptiletistcn; solche Angriffe aber widerlegen zu können, muß das Gesicht des Gegners offen sein. .Darum: Anonymus und Pseudonymus, auf das Visier! ist.“ Oder, wie der Pseudonyme sagt:׳ daß ״in der Hcrzlstadt der Herzlzionismus seinen Geist aufgegeben hat“. Er findet• darin sogar eine ״Seine Ironie des Schicksals“, die ihn ״gar nadidenklidi zu stimmen angetan ist“. Vorläufig nur sei festgestellt, daß die Uebcrwindung des Charterismus hoch keineswegs ein Aufgelien iin Chowcwc-Zionisinus, noch keineswegs die Aufgabe des Herzlzionismus bedeutet, Den Charterismus haben wir wohl seit langem überwiinden; noch nie aber war, und vielleicht auch zu Hcrzls Lebzeiten nicht, Hcrzls Geist so wahrhaft der Geist des Zionismus als jetzt, da wir unsere zionistische Epoche die ״praktische“, zugleich aber und vor allem auch die radikal nationale ncimcn dürfen. Der völlige Trugschluß des DoppelgCgners wird noch durchsichtiger werden, Aus seiner ״Feststellung“ folgert er, daß der Zionismiis eigentlich gar keine selbständige Existenzbcrechtignng hat. Er sei in seinen Bestrebungen identisch mit den Chowcwe-Zio», der Alliance Israetite, dem Baron Rothschild, der Ica, dem Verein Esra. Ja, sagt der Anonyme, der noch etwas — mutiger ist, der Baron, die Ica, die Allianz haben unvergleichlieh mehr geleistet als der Zionismus, und trotzdem sind die Zionisten gewöhnt, diese großartigen Schnpfungen zu verkleinern oder ganz zu ignorieren. Das ist nun wirklich nicht wahr. Niemand kann bereitwilliger als wir die außerordentlichen Verdienste auerkennen, die sich Baron Rothschild und die lea um Erez-Isräel erworben liaheii. Wir sind uns völlig bewußt, daß nur ein sehr kleiner Teil des neuen Jischub aus unseren materiellen Mitteln zustandegekommen ist. Aber zweierlei ist doch zu bedenken. Ganz so verschwindend ist doch das nicht, was wir geleistet haben. Vor allem ist das Schulwesen, soweit es in einem modernen und zugleich unbedingt jüdischen Geiste geleitet ist, unser Werk; der Natio• naifonds und das Palästina-Amt haben ganz Großes geschaffen. ,Dann aber ist cs sehr wichtig, *len G eist zu erkennen, der in dein ganzen Neuaufbau unseres alten neuen Landes waltet; dieser Geist des Neu- Werdens im Judcntumc ist die Wirkung der großen jüdischen Bewegung, innerhalb deren der Zionismus die wichtigste und wirkungsreichste Strömung ist. Dieser Geist, von dem Herz! die herrlichste Verkörperung ist, hat dem Werke der Cliowewc-Zion, des Barons lind der Ica ihre beste Kraft gegeben; und wenn sich andere Organisationen, wie die Alliance, gegen diesen Geist sperren, so verurteilen sie sich ״selbst zur Wirkungslosigkeit für die Dauer. Nicht wir naben uns den andern Organisationen genähert; sondern die andern, und dies gereicht ihnen zu hoher Ehre, haben die Bedeutung der nationalen Idee für den Aufbau des neuen Palästina anerkannt. Damit aber haben sic der Einwirkung des Zionismus stattgegeben. Noch immer aber ist es notwendig, daß wir mit dem entrollten Panier dieser nationalen Idee vorangehen; und nichts ist lächerlicher, als wenn uns anonyme und pseudonyme Freunde, die unser Ziel gründlich verkennen, den wohlgemeinten Rat erteilen, wir möchten den Mut haben, das Basler Programm aufziigcbcn, das ״eigentlich“ keine Dascinsbcreclitigung mehr habe; wir möchten, da es doch ״nicht mehr prinzipielle Momente seien, welche die Teile voneinander trennen“, über die Frage naclulenkcii, ob ״die Scheidewand innerhalb des Judentums in un* seren Tagen noch Sinn und Berechtigung habe“. Mit auf ihren Gesichtern nichts geschrieben stand, gar nichts, fragten die zwei den dritten: ״Gestattet! Wie babt Ihr gesagt, von wo seid Ihr?“ Der dritte wird ein wenig verdrießlich, ״Von Fercschtschepene, habe ich Euch schon gesagt dreimal, von Klein-Fcreschtschcpenc ״Nehmt es uns nicht übel, wir hören zum erstenmal von!0 einer Stadt.“ Ha, ha, hat Fercschtschepene eine Stadt! Auch ׳ne Stadt! Fercschtschepene ist keine Stadt, nur ein Städtchen, ein Dorf, kann man sagen, ein Städiel, ״Und trotzdem ist da, sagt Ihr, bei Euch, wie heißt Euer Städte 1? Fcr . . . Ferc . . .“ Der Jude von Klein-Fcrcschtschepcnc wird wirklieh schon böse. ״Merkwürdige Juden! Ihr könnt nicht aussprechen ein jüdisches Wort? Fcrc-schtschc-pe-nc? Fercschtschepene?" ״Nun gut, gut! Fercschtschepene ist Fcrcschtschcpenc; deswegen braucht man sich doch nicht so aufzuregen I“ ״Ich bin gar nicht aufgeregt: ich habe es nur feind, wenn man mich fragt über eine Sache neunundneunzigmal.“ ,״Nehmt cs uns nicht übel: uns geht cs nicht besser wie Euch. Als wir von Euch hörten, mau hat Eueren angenommen, hat cs uns einen Ruck gegeben. Deshalb fragen wir — wir wollen Euch die reine Wahrheit sagen — wir haben es uns nie vorgestellt, daß bei Euch — wie heißt cs, in Ferc... Fere... «chtschepene, «oll ein Gymnasium sein!“ Der Fercschtschcpcncr richtet auf sie die Augen, schaut wild: ״Wer hat Euch gesagt, daß bei uns in Fercsch* ■tsclicpene ein Gymnasium ist?“* Meine beiden Reisegefährten ihrerseits richten auf ihn die Augen, ״Ihr sagt doch, daß man Eueren angenommen hat, und das i!1 Fercschtschepene?“ Der Fercschtschcpcncr schaut auf sie voller Wut. Dann steht er auf und brüllt ihnen direkt ins Gesicht: . ' ״Zum Militär hat mau ihn angenommen, zuin Militär, zum Militär!“ Draußen ist schon heller Tag. Durch die Fenster stiehlt sich ein graublaues Lieht. Die Leute stehen langsam auf. Manche recken die. Glieder, manche hüsteln, ,manche bereiten sich vor zu ihrer Tagesarbeit. Meine drei Passagiere trennten sich voncinander, aus mit der Bekanntschaft! Der eine hat sich in einen Winkel gewendet und sich augeraucht eine Zigarette, der andere hat geöffnet ein kleine* Ge* betbuch und das Morgengebet begonnen, ein Äuge zugedrückt und leise flüsternd, Der dritte, der böse Jude von Klrin-Fcrcschtschcpcnc, hat gar zu essen begonnen. Merkwürdig, wie die drei mit einem Male wildfremd geworden sind: nicht nur, daß sie zueinander kein Wort mehr sprachen — •man schaut sich nicht mehr in die Augen, als wenn sie zusarnmen etwa« Schlimmes akigcstellt hätten. Jüdische Familienforschung In Gemeinschaft mit einem Ausschuß gibt Dr. Max Griinwald in Wien VIII, Piaristengasse 2, ein ״Archiv für jüdische Familienforschung“ heraus, das für 5 M. im Jahre von Interessenten bezogen werden kann. In dem Geleitworte zu der neuen Sammlung erwähnt Paul Jos. Diamant, daß die Methode der jüdischen Geschichtsforschung noch in mancher Weise vcrbcsscrungsfäliig ist. Fine solche Verbesserung erwartet er mit Recht von einer eingehenderen Beschäftigung mit der Genealogie. Vorläufig habe man auf diesem Gebiete fremder, nicht eigener Arbeit, viel zu verdanken, und das solle nur! besser werden. Nicht nur die Tätigkeit des Materialsammelns, sondern auch dessen Bearbeitung, solle in dem neuert ״Archive“ berücksichtigt werden, lieber den Zweck des Archivs führt Diamant dann weiter etwa folgendes aus: ״Es ist ferner nicht unbekannt, welche Verluste das Judentum durch Abfall im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat. Die Nachkommenschaft solcher Täuflinge —• wenigstens für die letzten 200 bis 300 Jahre — zu ermitteln und in Evidenz zu führen, ist trotz vieler Schwierigkeiten möglich uni eine dankenswerte Aufgabe der Familicnforschung. Wir versprechen uns von dieser Evidcnzhaltung der Täuflinge auch einen heilsamen Einfluß auf diejenigen, die heute auf dem Sprunge stehen, abzufallen. Denn gar mancher wird erkennen, daß seine Absicht, dem Judcntumc zu entrinnen, vergeblich ist, da die genealo* gische Forschung diese Absicht vereiteln kann,“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.