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Jüdische Rundschau · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 448 Nr. 42 nicht mehr den Anspruch auf den Namen eines liberalen Mannes haben kann. Und wenn in der Sitzung eilt!־«kannten ״liberaler“ Kleinstaat• Politiker mit Emphase ausruft, daß er und seine Freunde ihre liberale Gesinnung auch in jüdisehen Fragen stets konsequent durchführen, so ist das, gelinde gesagt, unrichtig. An der Spitze des freisinnigen Parteiprogramm es steht die Forderung des allgemeinen gleichen Wahlrechts. Wir haben aber nicht gehört, daß die Herren der Assimilation protestiert haben, als ihre Freunde in den jüdischen Gemeinden Dresden, Chemnitz und Duisburg den Ausländern das Wahlrecht beschränkten, oder daß sie für die Beseitigung des elenden Dreiklasscnwahlrechts in den Gemeinden Köln und Essen cingetrctcn wären. Wie darf sich da die Assimilation erdreisten, ihren ״Liberalismus“ gegen die Freunde der jüdischen Volksschule auszuspielen! Wir aber wollen in Reih und Glied mit der jüdischen Lehrerschaft für die Errichtung jüdischer Schulen in Deutschland kämpfen. Der Kampf soll sich aber nicht itn Gcntcindeb ande abspielen. Das wäre eine Verschwendung der Kräfte. Nicht der Gemeindetag sei die Wahlstatt; der Ausschuß des D. 1. G. B. hat es ja selbst erklärt, daß er machtlos sei gegenüber den Vertretern der Großgemcinden; die Be- Schlüsse des Gemeindetages würden bei den Großgemeinden taube Ohren finden. Deshalb mag der D. I. G. B. nach dem Willen der jetzigen Ausschußmehrheit allen großen jüdischen Gcmeindefragen vorsichtig aus dem Wege gehen und sielt in weiser Selbstbeschränkung auf das Gebiet der Wohlfahrtspflege zurückzichcn, .auf dem er fraglos Außerordentliches geleistet hat. Stören Sie, Herr Steinhardt, den Gemeindebund nicht in seiner Ruhe, die er nach den eigenwillig heraufbeschworenen Kämpfen der letzten drei Jahre so reichlich verdient hat. Und dann der Kampf gegen Herrn Blasclike! Herr Steinhardt schießt mit Kanonen gegen Spatzen, wenn er mit diesem Aufwandc von Energie die Entfernung des Herrn Blasclike aus dem Gemcindebund fordert. Nicht dort sitzt der Feind. Der Feind sitzt in den Verwaltungen der Großgemeinden. Dorthin, Herr Steinhardt, wollen wir gemeinsam unsere Pfeile senden, ln den Gemeindeverwaltungen sitzen die Männer, die über das Wohl und Wehe unserer Kinder, über ihre Erziehung und Fortbildung zu beschließen haben. Nicht bei den Wahlen zum Gemeindetage, wo die Gemeindevorsteher, oft auch in den Großgemeinden, die Delegierten ernennen, nein dort, wo die jüdische Bevölkerung, soweit sie nicht durch ein schändliches Wahlrecht daran gehindert wird, ihre Vertreter zu erwähle« hat, bei den Gcmeindcwahlcn wollen wir gemeinsam gegen die Assimilation um die Mandate ringen unter der prächtigen Parole: ״Für die jüdische Volksschule“. Und wer ein Angenommen Aus dem Jüdischen des Schalom Alechcm von Jakob Altmann. ״Ich macht’, es wäre eine Lüge: ich habe gesagt, wenn man sich bei uns zu taufen beginnen wird, wird kein Jude übrig bleiben; denn das ist ja nicht zu ertragen: die Prozentnormen und die fortwährenden Verfügungen, tagtäglich eine neue Vcrfügung., Soviel jüdische Kinder, soviel Verfügungen. Da werdet Ihr sehen, habe ich gesagt, inan wird überhaupt keinen mehr annchmcn. Ein Zeichen habt Ihr — nehmt z, B. Spala — Spala, eine jüdische Stadt.“ ״Oder sagen wir Nicmirow? Da habe ich einen Brief aus Nicmirow: man schreibt mir da sehr schlechte Sachen.“ ״Und in Lidben, meint Ihr, ist’s besser? Was ist in Lüben?“ ״Oder, sagen wir, Ananjew. In Ananjcw pflegt man alle Jahre anzunchmcn nicht weniger als drei Juden.“ ״Was taugt Euch Ananjew? Nehmen wir lieber Tomaschpol. In Tomasch pol, sagt man, hat man heuer kein du Juden angenommen, nicht einmal als Arznei.“ ״Und bei uns hat man dieses Jahr angenommen achtzehn Juden.“ Das war eine Stimme von oben. Meine zwei Reisegefährten und ich werfen den Kopf verwundert JUEP1SCHE RUNDSCHAU aufrechtes, selbstbewußtes, ziikunftsiclicrcs Judentum in den Gemeindevertretungen wünscht, der kämpfe mit uns! Möge der große Moment kein kleines Geschlecht finden. Sskkoth. Wir habe« zwei Arten von Festen. An den einen setzen wir uns mit einem ewigen Ideal in Beziehung mul führen unsere vom Ailtagsgctriebc abgenützten Seelen in eine Zeitlosigkeit, in der cs keinen Wechsel und keinen Wandel gibt. An den anderen führen wir unsere Seelen aus der Zeit, in der wir leben, hinweg in eine, die lauge verrauscht ist. Von der ersten Art ist der Versöhnungstag, von der zweiten das Laubhütteiifest. Das Sukkothfcst führt uns in die Wüste, in das Zeltlager der Kinder Israel. ״Ihr sollt in Hütten wohnen sieben Tage, weil ich die Kinder Israel in Hütten habe wohnen lassen in der Wüste“; diesen Grund des Festes gibt die Bibel an. Aber Sukkoth bedeutete, als wir noch irn Lande unserer Väter wohnten, zugleich unser Erntefest. Der Nomade bestellt kein Feld, heimst keine Ernte ein. Er lebt von dem, was ebenso wenig wie er selber und sdin leicht aufgeschlagcncs, leicht abgebrochenes Zelt an die .Scholle gebunden ist: von seiner Herde, die er weitertreibt, wenn ihn die Weite ruft. Den Gegensatz, der zwischen Zelt und Haus, zwischen dem Lehen des Beduinen und dem des Bauern liegt, drückt die Bibel auf ihre Weise aus, indem sic das F'est der Hütten in die Zeit des Jahres verlegt, wo die Erde ihrem anhänglichen Sohne sieh dankbar erweist. Es gab im alten Israel kein fröhlicheres Fest als Sukkoth. Die natürliche Freude an den gefüllten Scheunen mußte mächtig gesteigert werden durch die Erinnerung an die eriitclose Wüstcnzcit, die den Lebensunterhalt auf Zufall oder Wunder hinwies. ״Kein Schmerz ist größer," sagt der düstere Sänger der ״Göttlichen Komödie“, ,,an sich im Elend an die Zeit des Glücks erinnern.“ Vielleicht darf man umgekehrt sagen, daß keine Freude lebhafter ist, als die, welche sich in die Erinnerung üheistandeuer Leiden mischt. Sie hatten allen Grund fröhlich zu sein, die Kinder Israel, wenn sic zwischen wohnlichem Haus und reichem Erutcscgen in ihren Sukkoth sahen! Wenn sie die Tür des Holzbaues schlossen, durften sie sich einbildcn, sie wären noch in der Wüste und dies wäre ihr eigentliches, ihr einziges Heim; draußen lauere die Gefahr, der Feine), der die Schwachen im Rücken anfü 11t, die Unruhe, die Unstetigkeit, die Sorge, die der Tag dein Tag vererbt. Und das alles nur ein Traum, den man nach Belieben ruft und wegscheucht, ein Traum, aus dein man erwacht, wenn man die Tür wieder öffnet und in den Sonnenschein schaut und auf sein gutes steinernes Haus und sein liebes gesegnetes Feld. 111 diesem seligen Aufatmen bestand die eigentliche echte Sukkothfreudc. Aber neben dieser 1 lauptfreude regte sich noch eine zweite, geheime Freude, die etwas spöttische, etwas stolze Freude des Reichen, der die Stätte seiner einstigen Armut wieder aufsucht. Mit einer gewissen Sclbstgercchtigkcit sagte man sich: ״In dieser Arm- Seligkeit und Unsicherheit lebten sie zu jener Zeit, wir hingegen, die Enkel (die wir aber auch ganz andere Leute sind), wir haben es viel weiter gebracht!“ nach oben und richten unsere Blicke auf die obere Bank. Von der obersten Bank hängen herab zwei Beine, die tief in Gummigafoschcn stecken. Die zwei Beine mit den Gummigafoschcn tragen auf sich einen Juden mit schwarzem, zerzaustem Haar, einem vcrschlafenen Oesiclit, das aussicht, wie geschwollen. Meine zwei Reisegefährten betrachten den Ver* schlafenen mit dem geschwollenen Gesicht, fressen ihn beinahe auf mit den Augen, als wäre er ein exotisches Geschöpf, das man in unserer Gegend überhaupt nicht sieht. Beide scheinen plötzlich aufzuleben, sind voller Freude und mit leuchtenden Augen fragen sie den oberen Reisegefährten: ״Bei Euch hat man angenommen, sagt Ihr, achtzehn Juden?“ ״Achtzehn Stück, wie die Bären, den meinen auch darunter.“ ״Eueren hat man auch angenommen?“ ״Und noch wie angenommen!" ״Wo? Wo?“ ״Ja, bei uns in Kfem-Fcreschtschepenc,“ ״In welchem Fereschtsclicpcne? Wo ist das irgettdwo, Fcreschtschepcnc?“ Beide springen auf die Beine, schauen einer auf den anderen und zusammen, auf den Passagier von der oberen Bank. Und der Passagier von der oberen Bank schaut auf sie mit dem venchwollenen Gesicht, ״KIcin-Fcrcschtsdicpcne kennt Ihr nicht? Es gibt ein solches Städtchen. Ihr habt noch nie davon gehört? Es gibt zwei Fercschtschcpcne: Qroß-Fe- So erinnerten, so freuten sieb unsere Väter; wo immer Kinder Israels in den vier Wänden der Sukkah sitze», stellt sich dieselbe Erinnerung an jene Zeit unserer Geschichte ein, an die vierzigjährige Wüsten* Wanderung. Aber die Freude, die ist picht mehr da. Wir feiern lieyte Sukkoth in der Erinnerung an ein Elend, in das wir nach einer kurzen Zeit von Glück und Wohlstand zurück versunken sind, Kann uns dic9 Erinnern Freude bringen? Gewiß, wir wohnen in steinernea Hausern. Aber diese Hauser in den Städten gewähren nicht viel mehr Sicherheit als jene Zelte in der Wüste. Die Zelte brachen wir selber ab, wenn wir weiter wollten. Und gerade wenn wir nicht weiter wollen, gerade wenn wir anfangen, uns heimisch zu fühlen, jagt mau uns aus den Häusern.' Fällt der Vergleich zugunsten unserer Lage aus? Im Gegenteil: wenn man schon nicht auf die flauer eingerichtet sein soll, bietet das Zelt gewisse Vorteile. Dem Verluste entrinnen wir nicht; da ist es immerhin tröstlicher, wenig zu verlieren als viel. Wenn etwas diesem Gedanken noch Bitterkeit hinzufügen kann, so ist cs die Beobachtung, mit welch kindischem Selbstbetrug ein großer Teil unseres Volkes seinem Unglücke begegnet. Vor dem nackten Elend graut ihnen und so bekleiden sie es mit Einbildungcn und Selbsttäuschungen und putzen es mit Eitelkeiten und Selbstgefälligkeiten auf. In diesen Tagen, vyo uns von öffentlichen Gerichten die schwerste und erlogenste aller Anklagen ins Gesicht geschleudert wird, wo unsere Kinder von ihren kindliehen Gespielen als Auswurf der Menschheit zurückgestoßen werden, müßten wir verstehen, daß unsere Würde erfordert, daß wir jedes Ding bei seinem Namen nennen. In welches Land wir auch immer kommen, früher oder später wird cs um uns wiistc. Wir sind Nomaden, wir habe» keinen wahrhaft festen Wohnsitz, wir kennen keine Ruhe, keinen Bestand, kein Behagen. Für fahrendes Volk ist Sukkoth kein Fest. Denn es erinnert uns an Leid — zu Leide. Trachten wir, daß das Erinnernngsfest wieder zum Freudenfest werde! Unsere Sukkah muß in unserem Lande stehen. Dann ist das Sukkoth unserer Väter wieder unser. Visier auf! Von Dr. Hugo llcrrm inn. Im Oktoberheft der Zeitschrift ״Ost und West“ steht an leitender Stelle ein Aufsatz ״Zionismus“, dessen Verfasser ungenannt bleibt. In dem am 10. Oktober erschienenen Hefte der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ schreibt ein Pscudonymus unter dem Namen Hicrosolyniitanus über den ״Z i o n i s t e n k o ngrell i 11 der Hcrzlstad t“. Die beiden Autoren, der Namenlose und der unter dem Decknamen Vcrkröche ne, nehmen den gleichen Standpunkt ein, den sie nur in verschiedenen Wendungen darlcgcn; und der Philologe würde aus gewissen stilistischen Eigentümlichkeiten sogar die Identität der beiden vcrmuten. Jedenfalls spricht ein Geist aus diesen Artikela; und da uns dieser gleich in zwei Vcrmutnmungen atiftretende Geist ein ganz gefährlicher Feind zu sein scheint, wollen wir versuchen, seinen Waffen das Gift zu entziehen. Er gellt von der ״Feststellung“ aus, daß der ״Zionismus die Episode des Judenstaats und des Charterismus bereits überwunden hat und zu der alten Bewegung der Chowcwc-Zion zurückgekehrt rcsclitschcpenc, und ich bin ein Klein-Fcreschtschepencr.“ ״Wenn dem so ist, müssen wir Euch willkommen heißen. Kriecht herunter zu uns, was werdet Ihr dort sitzen, einer allein unter dein Himmel?“ Der Besitzer der zwei Beine mit den weiten Gummigaloscitcn klettert ächzend herunter zu den beiden. Und die zwei rücken auseinander, machen für ■den dritten Platz und fallen über ihn her wie hungrige Heuschrecken. ״Hat man Eueren,' wie Ihr sagt, angenommen?“ ״Und noch wie angenommen!“ ״Sagt mir, lieber Freund, wie cs scheint, nimmt man bei Euch einen Rubel?“ ״Einen Rubel? Gott behüte; mau darf von Geld gar nicht reden. Das heißt, bei uns ist es einmal gegangen mit Geld. Und noch wie mit Geld! Ha, ha! Man pflegte zu mir zu fahren von anderen Städten ringsherum. Man hat schon gewußt, Fercschtschepenc ist ein Ort, wo man nimmt. Nur seit einigen Jahren, seitdem man es angezeigt hat (mein Glück I) hat man aufgehört, bei uns Geld zu nehmen.“ ״Also, wieso? Durch Protektion?“ ״Was für Protektion? Sic haben unter sich abgemacht, ein für allemal: sobald er ein Jude Ist, so ist er aufgenommen; damit Punktum.“ ״Wirklich wahr? Was sagt Ihr? Ihr scheint uns zu foppen.“ ״Was, foppen tu' Ich? Bin Ich denn ein Fopper?“ Alle drei schauen sich an, als wollten sie lesen, was in ihren Qesichtcrn geschrieben steht. Und da

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