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Jüdische Rundschau · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 438 JU EDI?CH E RUNDSCH AU Nr. 41 wir, die wir wissen, was das jüdische Volk von der jüdischen Frau erwartet, dieses Treiben ruhig mitarischen, vor allen I>ingcn aber die Erzichungscrgebnisse einer solchen Lebensführung, das sind diq 12 jährigen Mädchen und Knaben, die mit inbaltslosen Köpfen und Gesichtern die Tauentzienstraße in Berlin und solche Viertel in anderen Städten 'stundenlang auf* und abzichcn, sich schütteln vor allem was jüdisch ist und es verachten. Und bedenken Sie weiter, daß vorläufig noch diese Damen, die zittern bei dem Worte jüdisch, deren höchstes Ideal die Assimilation ist, die sogenannte gute Gc- Seilschaft ausmachen und daß, je uujüdisehcr die Unterhaltung, um so vornehmer die Gesellschaft ist. Sehen Sie, meine Damen, dieser vorherrschende Zustand darf nicht weiter geduldet werden; wohl weiß ich, daß cs sich von heute auf morgen nicht ändern läßt, sondern eine schwere Arbeit von Jahrzehnten ist, aber einmal muß doch angefangen werden und wir müssen uns gar sehr beeilen, meine Damen, denn schon beginnen zahlreiche Vereinigungen, die jüdische Frauenwelt in ihrem Sinne zu organisieren, wodurch uns wertvolle Kräfte verloren gehen können, die wir allein durch systematische Arbeit gewinnen könnten. Wir müssen die jüdische Frau wieder zu ihrem Volke zurückführen und ihr Ideale und Arbeit geben im Judentum. Sie werden cinsche», daß dieses Zurückführen der jüdischen Frau nur in der Frauengruppe und nur von Mund zu Mund geschehen kann. Hat man nun aber die Frau erst für das Judentum zurückgewonnen, um sic dem Zionismus zuzuführen, braucht man erst recht die Diskutierabende in einer Frauengruppe, wo sie ohne genc, weil sie wissen, daß sie unter sich sind, sprechen und fragen können. Ich weiß es aus Erfahrung, daß Frauen, die in einer Ortsgruppensitzung es abgclchnt hätten das Wort zu ergreifen, ganz angeregt und interessiert in der Frauengruppe sprachen, weil sic unter sich waren. Und wie stellt es nun mit den Frauen, die sich schon Zioiiistinncn nennen? Die meisten von ihnen wissen noch nicht einmal so viel vom Zionismus, um eine einfache Debatte mit einem Gegner führen zu können. Auch um diese einfachen Diskussbnen zu lernen, ist der einzige Ort die Frauengruppe. Und wie viele andere Aufgaben harren noch so einer zionistischen Frauengruppe! Die schönen Reden vom jüdischen Haus und der nationalen Erziehung, nichts als Worte bleiben sie, wenn die Frauen nicht in der Frauengruppe dazu erzogen und angehaltcn werden. Wie soll eine Mutter ihr Kind zu einem bewußten Nationaljuden erziehen, wenn sie selbst den Dingen so fern steht und so viel wie nichts von dem Nationaljudentum weiß. Wie soll sie «lern Kinde die jüdischen Feste, die jüdische Geschichte lieb und traut machen, wenn sie all dein interesselos gegenüber steht. All das aller lernt sie am lebendigsten in der zionistischen Frauengruppe, wo ihr immer wieder klar gemacht wird, daß schon dem Kinde jüdischer Geist und Freude an allem, was jüdisch ist, eingcflößt werden muß, wenn sein Volk später eine Stütze an ihm haben soll. Und rum weiter, die Jugendorganisation! Gäbe es jemanden, der geeigneter wäre zionistisdie Mädchenklubs zu schaffen als die zionistischen Frauen? Denn wenn man die jungen Mädchen sich selbst überläßt, so leisten sie meistens nicht das Richtige, sie haben zu wenig Anleitung, zu wenig Initative und bedürfen einer Autorität, die ihnen ratend und helfend zur Seite steht. Es ist garnkht möglich, daß eine Fraucngritppe alle Aufgaben erfüllt, die ihrer harren, als da noch sind: Kindergarten und Kinderhorte, hebräische Sprachkurse, Bäderpropaganda, Ausbildung von Rcdncrinnen, Nationalfondpropaganda, Materialiensammlungen, Ver- Breitung jüdischer Kunst und Lektüre u. d. m. Wenn jede Frauengruppe nur einen Teil dieser Aufgaben erfüllt, so hat sie vollauf jahrelang zu tun. Nun aber noch ein sehr wesentliches Moment. Zahlreiche gute Zionisten sind uns verloren gegangen, weil sie persönlich nicht in der Lage waren, ihre Frau für unsere Bestrebungen zu interessieren und diese es häufig verstanden hat, ihren Mann für andere Intcressenkreise zu gewinnen. Zahlreiche Zioniitinnen haben wir durch eine Heirat mit einem Nichtzionisten gleichfalls verloren. Bestellt eine Frauenorganisation, so hat die zionistisdie Frau stets an ihr einen Rückhalt, der zionistische Mann leichter Gelegenheit, seine Frau unseren Interessen zuzuführen. Doch natürlich muß planmäßig gearbeitet werden und dazu brauchen wir die Organisation. Die Organisation hat zunächst einmal die bestehenden Gruppen zu kontrollieren. Auf diese Weise werden unter anderem Schwierigkeiten, die manche gut, arbeitende Frauengruppe lahm gelegt hat, entwedez garnicht auftauchen, oder wenigstens wieder beigelegt werden .... Vor allen Dingen hat sie in allen Orten und Lindern durch Rednerinnen Frauengruppen schaffen zu lassen. Sie muß Arbeitspläne für die Gruppen ausarbeiten und prüfen, welche Art von Arbeit in der einen oder anderen Stadt not tut. Und schließlieh hat sie die großen zionistischen Frauenarbeiten zu schaffen, als da sind: Schäftung nationaljüdischer Pcnsionate, Armierung der bestehenden Pensiorwte auf jüdischem Gebiet, Gründung einer zionistischen Frauenzeitschrift, oder vorläufig Erlangung von Raum in der bestehenden Presse für ihre Augelegeiilieiten, Gründung von landwirtschaftlichen Schulen hier in Deutschland, damit Frauen und Mädchen, die nach Palästina hcriihcrgdicn, schon mit Kenntnissen versehen sind, Herausgabe einer Jugendzeit- Schrift, Bäd^rpropaganda 11. d. m. Sie haben jetzt in ganz kleinen Zügen gesellen, wie viel die zionistische Frau leisten müßte, und ein großes ״Nichts“ stellt dem gegenüber. Dulden wir, nicht weiter diesen bedauerlichen Zustand der zionistischen Frauen. Die jüdische Frau ist zu größerem geschaffen, als eine Mitliiufcrin in einer Bewegung zu sein. Die Frauen der ganzen Welt organisieren sich um ihre Spczialintercssen zu vertreten, und die zionistische Frau, die an der Erlösung eines Volkes mitarbeiteil soll, hat die doppelte Verpflichlting dazu. Es gibt für eine zionistische Frauenrecht lerin keine würdevollere Agitation für das Frauen- Stimmrecht, als indem sie, der man ohne Kampf alle Rechte cingeräuint hat, durch ihre erfolgreiche Mitarbeit in der zionistischen Bewegung beweist, welchen Nutzen cs jeder Bewegung verschafft, wenn die Frau als gleichberechtigte Mitarbeiterin hcrangezogen wird. Nur wir sind verantwortlich für die nächste Generatior», und nur uns macht man mit Recht Vorwürfe, wenn uns diese Generation nicht ein großes Stück unserem Ziele näher bringt. Gehen Sic nicht fort vom XL zionistischen Kongreß, che Sie dieser Verpflichtung nacligckomnic» sind durch Gründung einer Fraueuorgmmation, die Großes schafft und vor allen Dingen für die Erziehung einer bewußten zionistischen Jugend sorgt. Machen Sie es sich zur Lebensaufgabe, das dem jüdischen Volke zu werden, was unser großer unvergeßlicher FlerzI von uns verlangt hat, nämlich daß die jüdische Frau dem jüdischen Volke Alles sein soll. Neuer jüdischer Gemeindeverein zu Dessau Mari schreibt uns aus Dessau: Am 23. September fand im ״Kaiserhof“ zu Dessau eine vom obigen Verein einberufene Versammlung statt, tlie trotz, krampfhafter Bemühungen der Gegner ausgezeichnet besucht war. Der Redner des Abends, Herr R.-A. Dr. Klee- Berlin, schilderte die Entwicklung der deutschen Juden, indem er die letzten vier Generationen Berliner Juden charakterisierte, die nacheinander die Gegend der Wallucrtlieatcrstraße, das Hansaviertei, die Gegend des Kiirfürstendamnis bewohnten. Der Weg dieser vier Generationen war der zur Assimilation; in der letzten Generation aber ist eine Gegenströmung entstanden; 1500 jüdische Akademiker, die sonst dem Judentum völlig entfremdet wären, haben den neuen Geist der Erhaltung des Judentums in sich aufgenominell und diese sichern unserem Volke tlie Zukunft. Wir fassen das Judentum als ein Ganzes auf. Wir können den Standpunkt eines als A. B, auftretenden Artikclschrcibcrs im ״Anhaltischen Staatsanzciger" nicht teilen, der von der Minderwertigkeit der ausländischen Juden spricht und der sieh zu der Erklärung versteigt: ״Die Volksgemeinschaft mit ihnen lehnen wir aus tiefster Seele ab,“ Nichts ist empörender, als diese Worte eines Mannes, der ein Führer der Dessauer Gemeinde ist. Die Solidarität des Judentums hat die Jahrhunderte überdauert; und nun wird der Jude, der, treu dein Glauben der Väter, die furchtbarsten leiblichen und geistigen Martern erduldet hat und genötigt ist, sich eine neue Heimat zu suchen, beschimpft und entehrt von Führern deutscher Juden! Für das Judentum der Gegenwart ist die Dem ok ra ti e die einzige Rettung. Bei uns aber ist es so weit gekommen, daß eine kleine Clique die Geschicke dfir Gemeinden in Händen hat und unumschränkt herrscht. Diese Cliquenwirtschaft muß notwendigerweise zur Korruption führen. Die Führer der Gemeiiulcn, die sich in der Ocffentlichkcit und im politischen Leben äußerst freisinnig und fortschrittlieh gebärden, sind in den Gemeindc&tubcn die verbisseiislcn Reaktionäre. Aber trotz all dem sollten wir doch das Tischtuclv zwischen Juden und Juden nicht zerschneiden; wenn der Kampf auch■ scharf ist, so darf er doch nicht unerbittlich sein; es sind doch immer unsere Brüder. ln der Diskussion sprach Herr Dr. Moses über den ״Moses Mendelssohn-Verein“, der ohne Rücksicht auf die durch 10 Jahre geleistete Mitwirkung der Zionisten gegründet worden sei, um der in Dessau herrschenden Clique die Macht zu erhalten. Demgegenüber sei der ״Neu« jüdische Gemeindeverein“ entstanden, der alle unabhängig denkenden Gemeindeinitglicder vereinige. Das Programm diese» Verein* gehe auf eine Kontrollicrung des Kuratorium« der Baronin von Cohn-Oppenheim-Stiftung; auf die Forderung der Wald und Kündigung der Beamten'(Rabbiner, Lehrer) durch die Gcsamtgcineindc. Es sprach 11. a. noch Herr Dr. Ascher. Möge die Versammlung recht viele gute Früchte zeitigen. Dem Redner, Herrn R.-A. Dr. Klee, ist unser ganz besonderer Dank sicher. Bericht der Berliner Kongreßdelegierten Am 23, September veranstaltete die Berliner Zionistische Vereinigung «in Saale der Brauerei König. Stadt eine öffentliche Versammlung, in der vor zahlreichem Publikum die Berliner Kongreß-Delegierten ihren Bericht erstatteten. Der erste Redner, Herr Dr. H c y m a n 11, hob hauptsächlich die U n i v < r 8 i - tatst rage hervor, tlie das wichtigste Verhandlung*- theina des Kongresses war. Der Beschluß, die jerusalemcr Hochschule zu errichten, hätte bereits seine Zugkraft bewiesen, und es kämen von allen Seiten — zionistischen wie nichtzionistischen — Zeichnungen in einer Höhe wie noch nie vorher für irgendwelche anderen palästinischen Zwecke. Heymann schätzt die Gesamtsumme, die für die Universität erforderlich sei, auf etwa 50 Millionen Francs, aber wir seien über die Zeiten hinausgewachsen, in denen so außerordentlich hohe Erfordernisse uns schrecken mußten. Es sei kein Zweifel, dal) das Geld kommen würde. Von besonderem Interesse waren seine Ausführungen über die wirtschaftlichen Konsequenzen der Universitätsgründung. Nicht nur würde eine solche zentrale jüdische Hochschule noch unverhältnismäßig mehr Geld ins Land bringen, als man es bereits hei einer anderen kulturellen Schöpfung der letzten jahre, dem Jaffacr hebräischen Gymnasium, sehen konnte (dies zieht bereits eine Million Francs im Jahr nach Jaffa), sondern auch die Anlage des Universität*- fonds könnte in einer Weise erfolgen, durch die unser gesamtes Kolonisationswerk auf eine neue Basis gestellt werden könnte. Herr Rechtsanwalt Dr. Greifenhagen zeigte, in wie machtvoller Weise sich auf dem Kongreß das Aufblühen unserer Turn- und Sportorganisationen manifestiert hatte. Auch in dieser Hinsicht bedeutet der Kongreß einen neuen Abschnitt in der Geschichte unserer Bewegung. Besonders hob der Redner hervor, daß bei dieser Gelegenheit klar geworden sei, daß unsere Turner die hebräische Kommandospräche unbedingt brauchten. Auch hier sei das 1 lebrüische das Band, <1,1 s die in alle Länder zerstreuten Teile unseres Volkes verbinde. Der nächste Redner, Herr Dr. Theodor Z 10 cj s t i, behandelte zunächst die allgemeine Organisation des Kongresses, die er — ohne die Schuldfragc aiil/tirollen -- als unzulänglich charakterisierte. ,,Wien liegt nicht in Preußen.“ Seine wesentlichen Ausführungcu' galten der Bedeutung, die dieser Kongreß unserer Arbeit in Palästina gegeben. Auch in der Ideologie Jean Fischers, der die Aufgaben der zionistischen Organisation; Bedingungen der Besiedelung Palästinas zu schaffen um den Pflichten jede*• einzelnen Zionisten: persönlichen Anteil an der Ko- Ionisation des heiligen Landes zu nehmen, scharf trennt, findet Referent bereits die Synthese von politischem und praktischem Zionismus vorbereitet. Die Einwendungen von Kann entbehrten jeder prinzipiellen Besonderheit. Nur die Spannung der leidenschaftlichen Anteilnahme konnte die Tat- Sache verzerren, daß über die Dinge keine versrhiedenen Auffassungen bestehen. Das Fazit dieses Kongrosses der wiedcrgefumlencn Brüder sieht Referent in der Verpflichtung, die Palästinaarbeit der Organ!- sation durch Ausbau, Systemisierung, Anregung der privaten Initiative mit dem machtvollen Palästinawillen der Zionisten in allen Ausmaßen kongruent zu machen. ״Es hätte die schweren Kämpfe nicht gelohnt, wenn nur eine Theorie durch eine andere ersetzt werden sollte! Nichts wäre gewonnen — nur ein funkelndes Ideal wäre verloren —, wenn nur die Theorie der praktischen Palastinaarbcit gesiegt hätte, Nicht neue Resolutionen, sondern neue ölensehen, nicht Thesen, sondern die Schaffung von Lebensbedingungen können in der Wirklichkeit Pa* lastina die zentrale Bedeutung für unser Volkstum geben, die es in der Idee längst besitzt. — Herr Gregoirc Lourie beleuchtete den Unterschied in der Aufnahme der Kongresse durch die jüdischen Gemeinden, in deren Mitte sie stattfanden, ln dieser Hinsicht bedeute Wien einen Höhepunkt. Gemeinde und Kultusvorstand, Publikum und Presse hätten sich viel günstiger zum Kongresse verhalten, als es von vornherein gerade in Wien anzunehmen gewesen wäre. Auch die Haltung der großen Wiener Blätter hätte jede Erwartung übertroffen. Um diese Dinge recht «1 würdigen, müsse man sich erinnern, welche Schwierigkeiten *eincrzcit dem ersten Kongrettc, der

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