Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 43Ö J UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41 gegangen: der Hilfsverein der deutschen Juden und die Zionistische Vereinigung. Es fehlte die Krönung des Geb.iudes: die jüdische Universität in Vorderasien. Der elfte zionistische Kongreß, der vor wenigen Wochen in Wien ahgchaltcn wurde, hat die (iründuug einer solchen Universität in Jerusalem beschlossen und sofort dafür die vorbereitenden Maßregeln bcschlossen. Schon sind in wenigen Tagen (100(MH) Francs für diesen Zweck gesammelt. Ein hcwumlcniswürdiges und vielversprechendes Ergebnis! Welche Stellung auch ein jeder von uns zum Zionismus cinnchmc ו möge, diesen Beschluß wird ein jeder seiner Glaubensgemeinschaft treue und für seine Glaubensiirüder warm empfindende Jude mit Freude, ja mit Begeisterung begrüßen. Freilich k:.nun verschied! ner Meinung darüber sein, ob der Ort lür eine solche Anstalt, gerade Jerusalem, diese Hauptstadt eines weltentlegeneii, armen, lediglich ackcrbaul! eihenden Lündchcns sei, ob sie nicht besser mehr den Mittelpunkt des türkischen Reiches naher und an einem Verkchrs/.cntrum angelegt würde. Aber dieser Umstand ist von untergeordneter Bedeutung. Unbedingt zu verwerfen ist dagegen, daß die a 11 s - sch ließ liehe Unterrichtssprache an der Universität die hebräische sein soll. Gewiß soll die neue Universitär auf jüdischer Grundlage beruhen; gewiß muß das Hebräische seinen voll berechtigten Platz in den Vorlesungen haben, muß einzelnen Disziplinen zugrunde gelegt werden. Jedoch es zur alleinigen Unterrichtssprache erklären, heilst dieser großen jüdisehen Institution von vornherein den Charakter engherzigen Nationalismus und strenger Ausschließlichkeit verleihen, der dem Judentum und den Juden in der Vergangenheit schon so großen Schaden hereitet hat. Wir liegen zu der Einsicht der zionistischen Leitung das feste Vertrauen, daß sic bald von diesem verderblichen Wege ahlenken wird. Um so mehr, als er ein unmöglicher ist. Wir wissen nicht, ob die neu-hebräisclie Sprache überhaupt schon imstande ist, die technischen Ausdrücke für Medizin und Naturwisscnschaft in vollem Umfange darzuhieleii. Aber keinesfalls wird es eine genügende Anzahl wirklich wissenschaftlich methodisch vorgcbildctcr und wissenschaftlich befähigter Dozenten geben, die hebräisch vortragen könnten. Und andere, als vollwertige akadänische Lehrer kommen doch wohl nicht in lk׳- tracht, wenn die geplante Universität wirklich zum Segen und zur Zierde des Judentums gereichen soll. Also an diesem Umstande wird die Absicht, die hebräische zur alleinigen Unterrichtssprache zu machen, schon von vornherein scheitern. Hebräisch, Arabisch, Deutsch das scheinen mir für die nächsten Zeiten die drei natürlichen Unterrichtssprache(! an der Universität sein zu müssen. Denn Arabisch ist die Landessprache, und Deutsch wird von allen aschkcnasischcn Juden verstanden. Der Segen, der von dieser jüdischen Universität, wenn sie wirklich den berechtigten Anforderungen entspricht, ausgehen wird, ist ein großer, umfassender; von der Begründung der Universität, zumal in Verbindung mit der Ingenieur- und Werkmeisterbildungsanstalt in Haifa, wird eine neue, schönere und würdigere Zeit für die vorderasiatische Judenheit ausgcheii. Nach innen und außen wird sie zur Höhe eines wichtigen und vollberechtigten Kulturfaktors in der schnellen Entwickelung des türkischen Orients sich entfallen. Das ist der hauptsächlichste Nutzen; den die neue Universität stiften wird. Aber sie wird einen solchen auch für die außerasiatisclie Judenlicit bringen, und zwar in bedeutendem Maße. Der großen Mehrheit der studierenden russisch-jüdischen Jugend ist, wie man weiß, der Zugang zu den heimischen Universitäten versagt, und auch im Ausland macht man ihr je länger desto mehr Schwierigkeiten. Die Uitiversität Jerusalem wird ihr weit die Tore öffnen. Die jüdischen Gelehrten, die der innerste Beruf zur akademischen Laufbahn treibt, finden nur seilen und, wenn überhaupt, so doch spät den Weg zu einem Lehrstuhl — hier können sie, sobald sie sieh dessen würdig erwiesen haben, ihre angemessene Verwertung und Belohnung erhalten. So werden auch die schmähliehen Massentaufen der in ihrem Studium behinderten Jünglinge, die Ucbertritte der eine Professur anstrebenden Meister vermieden, eine traurige Quelle von Ungerechtigkeit und Unmoral verstopft werden. Es wäre die dringende Pflicht wolilsituicrtcr Glaubensgenossen, aucli außerhalb der zionistischen Kreise, für diese notwendige und segensreiche Gründüng mit beträchtlichen Beiträgen, einmaligen wie jährlichen, mitzuhelfcn. Sie würden dann auch die Möglichkeit eines Einflusses auf die Gestaltung der universitären Einrichtungen gewinnen können, Es handelt sich hier um die Schaffung eines Weges, um nicht nur Tausende der Besten, Klügsten und Idealgesinnten unter unseren östlichen Brüdern zum Ziele ihrer Lebensarbeit zu führen, sondern auch der ■halben Million in der Türkei wohnenden Juden die Fähigkeit zu geistigem, sozialem und ökonomischem Aufschwünge zu verleihen, sie mit den notwendigen Waffen für den Wettkampf mit den übrigen Volksteilen des Orient* auszurüsten. & ist eine der größten und schönsten Aufgaben, die die Judenlicit sich je gestellt hat.*' Man sicht: Philippson ist kein unbedingter Lobredner des Zionismus und des Universitätsprojektes in allen Einzelheiten; aber er verstellt, daß hier etwas ganz Wichtiges, etwas ganz Ciroßcs vor sich geht und er gibt dieser seiner Einsicht auch Worte. Das ist schön und freut lins; denn wir wollen nicht da sein, um uns untereinander zu bekämpfen, sondern um miteinander etwas zu schaffen. Zionismen Eine Entgegnung. Von Dr. L, W e i 11 h c r g ״( 1 ־rtinuml. Heinrich Margulics ist uiiz.ufricdcii mit der geistigen Entwicklung des Zionismus innerhalb der letzten Jahre. Er nennt diese letzten Jahre eine Epoche der Radikalisierung und wendet sieh gegen die neue radik dinierende .Strömung in einem Artikel, den er als Beitrag zum Studium der Phraseologie bezeichnet, Margulics bekämpft die radikale Strömung im Zionismus nun nicht etwa als abgeschworeiicr Feind des Radikalismus. Im Gegenteil. Er kennt und schätzt den echten Radikalismus, fühlt sich selber als Priester dieses Gottes und baut ihm mit Worten Altäre. Diese Altäre will er rein erhalten, und so jagt er von den Stillen des Heiligtums die Diener eines falschen (ioltes, die Wortlülner der neuen Strömung im Zionismus, die des echten radikalen Geistes keineu Hauch verspüren uml durch einen Pscmloradi* kalismus die klare durchsichtige zionistische Athmo* Sphäre getrübt haben. Er setzt das Stemmeisen des Radikalismus an, um das Lügengebäude jener Götzendicitcr /11 zersprengen. Er bekämpft die radikale Strömung im Zionismus um des Radikalismus willen, Margulics setzt in dem ersten Kapitel seines Aufsatzes das Wesen des Radikalismus auseinander. Mit dem tlicorctisclien Ergebnis seiner Forschung kann mau sich hefreuudci», Die Pscudoradtkalcn werden dieses Ergebnis nicht als eine bis dahin unbekannte Weisheit bestaunen; aber sic erkennen bc* reitwillig an, daß die sorgsam geschmiedete Waffe gut mul brauchbar ist, und sic werden sieb ihrer bedienen, um das von Margulics aufgerichtete Ge׳ rüst der Phraseologie zu zerstören. Radikalismus ist die absolute unbedingte Aus׳ Wirkung einer in ihrer Totalität erfaßten Idee. Dieser Radikalismus — sagt Margulics — muß am Zionismus scheitern. Demi der Zionismus ist das Baseler Programm, und das Baseler Programm ist keine Idee; das Baseler Programm ist nichts als ein Programm, ein politisches, ein Arbeitspro grämt«. Also, folgert Margulics, ist im Zionismus kein Raum für Radikalismus. Nim gibt cs natürlich auch etwas Ideelles im Zionismus, das man radikal erleben kann. Aber — lehrt Margulics weiter — was ideell ist am Zionismus, liegt nicht in, sondern vor dem Baseler Programm. Es seien die zahllosen Ideen, die zum Zionismus hin führten. Alle diese Ideen Margulics greift aus der Fülle die Ideen der Bruder׳ liebe, des Judaismus, des Sozialismus, des Paliistinis- «Ulis heraus — seien als Ideen gleichwertig, was ihr radikales Erleben betreffe. Eine seltsame F u g 11 n ix habe cs gewollt, daß sie alle in ihrem Drang /ur Verwirklichung in einem merkwürdig e i 1111 e i t I i e 11 e n Sammelbecken, dem Baseler Programm, sich zusammengefunden hätten. Und so sicht sich Margulics etwas resigniert gezwungen, die Einheil der zionistischen Idee aufzugeben *und sich mit dem Wort von den ״Zionismen" zu befreunden. Herr Margulics hat von seinem Standpunkte aus recht, von einer seltsamen Fügung zu sprechen. Denn wenn man sich entschließt, den Zionismus für Zionismen preis/.ugeben, muß man den Fügungen glauben; muß man es als eine Merkwürdigkeit ansollen, daII die Träger der heterogensten Ideen sich in einem gemeinsamen Sammelbecken gefunden haben. Schließlich brauchen alle jene Ideen nicht gerade zum Baseler Programm zu führen. Es ist denkbar, daß die Idee der Bruderliebe in ihrem Drang zur Verwirkliciuing zu einer Art Heilsarmee, die Idee des Judaismus zum ״Alljudenlum“ Birnbaums gelangt. Und so gibt cs die verschiedensten Möglichkeiten der Auswirkung für jene Ideen, die sich nach Margulies zu Zionismen erheben können. Daß uns Margulics die Vereinigung gegensätzlichster Ideen in einem gemeinsamen Sammelbecken nur durch den Hinweis auf ein Wunder erklären kann, macht uns seine Zionismentheorie verdächtig. Wir wollen deshalb seine neue Wahrheit, daß das Baseler Programm lediglich ein Arbeitsprogramm und kein« Idee sei, ein wenig kritisch betrachten. Wir wollen ihr eine andere Wahrheit gegenüberstellen, die schon aus dem Grunde vorzuziehen ist, weil sich aus ihr altes Leben im Zionismus leicht und Ungezwungen und ohne Zuhilfenahme seltsamer Fügungen erklären läßt; die Max Nordau auf dem Hamburger Kongreß in folgende Form gegossen hat: ״Was wir 180? in der modernen Ausdrucks weise des Partei- und Vereinslehens als unser Programm bezeichnet haben, das ist tatsächlich das in schlichte Worte gefaßte zweitausemijährige geschichtliche Ideal des Judentums; es ist das, Ziel, das dem jüdischen Volke in der Nacht des Exils als ein heller Stern geleuchtet hat, es ist die Hoffnung, für die unsere Väler Uebermenselilielies erlitten haben und als Helden gestorben sind." Diese im Baseler Programm verkörperte geschiehtliehe Idee heißt Zionismus. Ls ist die Idee des jüdi« sehen Nationalismus, unter der sich nicht jeder, wie Margulics irrtümlich amiinirnt, etwas anderes vorstellen kann, die unter der Wirkung des (laluth einen ganz hesliiuniten Inhalt 11,11. Ls ist die Idee der Erneuerung unseres Volkstums, che sich manifestiert als Glaube an die nationale Wiedererstchung und als Tatwille zur Volkserneuerung. Daß individuell verschiedene Elemente, Träger gegensätzlichster Ideen sieh in dieser Volksidec gefimdeu haben, ist nielu einer seltsam wunderlichen Fügung zn/uschreiheii. Sind sie doch alle Kinder eines Volkes! Und es ist grundfalsch, aus der Existenz von Fraktionen innerhalb des Zionismus ver* scliiedene Zionismen ali/uleiten. Es ist immer die gleiche Volksidec, oh sie sieh nun in den Kulturmantel vinhüllt oder oh sie als Misrachizionismua oder Poalezionismus auftritt. Es steht auch nichts im Wege, daß neue F'raktinnen sich bilden, wenn ein Bedürfnis sich lierausstellt. Selbstverständlich im Rahmen der Volksidee. Es gibt keine andere zionistisclie Oriciiticrungsnüiglichkcit. Und 80 ist — zionistisch gesprochen - die nationale Idee, deren Galutliausdruek das Baseler Programm ist, allerdings die Scheidegrenze. Die Idee der Bruderliebe, des Sozialismus und andere Ideen mögen im jüdischen Individuum lebendig sein und es aiiregcn und formen; religionslose Zionisten und Misracliisten, Turnjudci» und Kiilturjudcn — als Zionisten offenbaren sic sich lediglich durch die eine Volksidee. Wenn Heinrich Margulics nun nochmals versuchen wollte, das Stemmeisen des Radikalismus an dein Gebäude des Zionismus anzusctzcn, wird er finden, daß seine Waffe nicht ahglcitet ״an dem, was man Zionismus nennt", und daß hier Spielraum genug ist für Nuancen des Radikalismus. Er darf fürderhin nicht mehr von einem Pscudoradikalismus sprechen, wenn er sieht, welche innere Umwandlung das radikale Erleben unserer Volksidec im jüdischen' Individuum hervorgerufen hat. Daß der nationale Radikalismus sich durch ringt, ist nicht zum Schaden unserer Bewegung gewesen. Er ist notwendig und muß stärker werden. Denn nur er kann den Boden bereiten, auf dem ein freies und starkes, unserer Volksaufgabe gewachsenes Judcngeschkcht ersteht. Der Kiewer Prozeß Der Bcilis-Prozcß hat begonnen. Die Anklagesclirift drückt sieh um ihre wirklichen Motive herum: sie spricht von einer jüdischen ״Sekte", die den kitualinurd vorschreibe. Die ganze Welt weiß, daß es keine jüdischen Sekten gibt. Die ganze Welt weiß, daß dieser schändliche Prozeß gegen das Jüdische Volk gerichtet ist. Alle die lichtscheuen Elemente, die ihrem fanatischen Haß gegen alles Jüdische die Zügel schießen lassen wollen, vereinen sich unter dem Schlagwort dieses Prozesses. Alles, was Zivilisation und Kultur besitzt in ganz. Europa, empört sich gegen die Ungeheuerlichkeit dieser Beschuldigung, die von Gerichten, Herrschern, Päpsten seit Jahrhunderten und immer wieder als grundlos und verleumderisch erklärt worden ist. Und so heimatlos, so schütz- und rechtlos sind wir in der Welt, daß alle Verbote, daß alle Proteste, daß die sonnenhelle Wahrheit uns nichts helfen kann gegen den finstern Haß. Die Kiewer Geschworenen werden hoffentlich die Stimme der Wahrheit hören, Beilis wird hoffentlich freigesprochen werden; aber nichts kann uns über die fürchterliche Tatsache hinwcgltelfen, daß ein solcher Prozeß möglich ist. Die Ehre eines heimatlosen Volkes ist dem Wohlwollen kleinbürgerlicher Oeschwtwener ausgelicfert, die unter den Einflüssen einer fanatisierten Welt stehen. Wir sollten für unsere Ehre Sorge tragen. * Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultus* gemeinde hat die Mitglieder dieser Gemeinde sowie sämtliche jüdischen Kiiltusgcmcinden in Oesterreich und ihre legale Repräsentanz zu einer Protcstversammlung eingeiaden, die am 6. Oktober d. J. im großen Mu'ikvcrcinssaale atattfand und bei einem geradezu massenhaften Besuch einen überaus würdigen und ein* drucksvollen Verlauf nahm. In der VctSammlung wurde nach einer Rede des Präsidenten der Wiener Kultusgcmcindc, Dr. Alfred Stern, und des Oberrabbiners Dr. Oüdemann eine Resolution ange* nommen, in der in der entschiedensten Weise dagegen protestiert* wird, daß es irgendwo und irgend-