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Jüdische Rundschau · 1913-10-02 · Heft 40 (2.10.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 40 (2.10.1913)
Date
1913-10-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 426 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 40 Eine andere Grenze für diese Tätigkeit des Nationalfonds liegt in dem Auftreten bedeutender momentaner Bedürfnisse der Entwicklung der Kohmisation, die ein unmittelbares Eingreifen der an der Kolonisation Palästinas im allgemeinen interessierten Unternehmungen erfordert. Ich nehme an, daß beispiclswcisc in Zeiten einer Krise der Nationalfonds auch berufen ist, privatwirtschaftlichcn Genossen• schäften zur Erhaltung des jüdischen Kolonialbesitzes in Palästina• Kredit zu gewähren. Auch die Erbauung von Häusern für die einwaiidertulcii Jemeniten betrachte ich unter diesem Gesichtspunkte. Nach diesen Ausführungen habe ich nur wenig über die Tätigkeit während der letzten zwei Jahre hinzii/ufügcn, deren Grundsätze ihnen ja aus den regelmäßigen Berichten über die Sitzungen des Direk• toriums und der Generalversammlung bekannt sind. Sie wissen, daß ich in Gemeinschaft mit dem damaligen Leiter unseres Bureaus, Herrn Hoofien, in1 Vorigen Jahre eine größere Inspektionsreise in Palästina unternommen habe. Zweck dieser Reise war vor allem, uns darüber zu vergewissern, ob unsere Unternehmungen in Palästina in Gemäßheit der ihnen eben dargelegtcn Prinzipien ausgcstaltet worden sind. In zweiter Linie die Prüfung der Frage, ob wir uns mit diesen Prinzipien auf dem richtigen Wege befinden. Ein weiterer Grund dieser Reise waren die Beschwerden, welche gegen die Einriclitung der O e I b a umsp e 11 d c erhoben worden waren, insbesondere die Prüfung der Frage, ob die Pflanzung der Oelbäumc in zweckmäßiger Weise erfolge und hierfür nicht ungewöhnlich hohe Spesen erwachsen. Sie wissen, daß wir behufs Prüfung der in dieser Richtung hauptsächlich von Herrn Kann erhobenen Bedenken einen Sachverständigen nach Palästina geschickt haben und ein weheres Gutachten von einer Autorität in Palästina anfertigeu ließen. Da diese Gutachten, wie es vielfach bei Sachverständigen der Fall ist, sich in einem gewissen Widerspruch befanden, der auch durch das ausführliche Gutachten unserer eigenen Beamten nicht aufgeklärt werden konnte, galt mein Besuch in Palästina insbesondere der Klarstellung auch dieser Frage durch Besprechung mit unserem palästinensischen Sachverständigen. Die Ergebnisse meiner Reise habe ich in einer ausführ־ liehen Denkschrift niedergclegt, die den Mitgliedern des A. C. übermittelt worden ist. Ein Auszug, soweit derselbe für die größere ücffcntlichkcit bestimmt ist, wurde in mehreren Sprachen sämtlichen Vertrauensmännern des Nationalfonds übermittelt. Ich darf diese Tatsachen demnach als bekannt voraussct/cn. An dieser Stelle möchte ich nur wiederholen, daß ich die Beobachtung gemacht habe, daß unsere palästinensischen Beamten mit großer Gewissenhaftigkeit' ihre Pflichten erfassen, daß die Einrichtung der Oeibaumpfl.-mzuiigen in Benschemen und Hulda durch die wirtschaftlichen Erfahrungen bedingt war, die inan in Palästina gesammelt hatte. Daraus hat sich die Notwendigkeit ergeben, ein gemischtes Wirtschaftssystem eiii/uführen, bei welchem die Pflanzung von Oelbiiimien und anderen Bäumen als ein Hauptzweck, aber nicht als die ausschließliche Arbeit der Verw altung erschien. Wir sind ferner zur Ucberzeugung gelangt, daß die Beschränkung auf die Pflanzung von Oclbäumcn weder durch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, noch durch den Charakter des Landes bedingt sei, daß cs vielmehr angczcigt erscheint, die Bepflanzung des Landes mit verschiedenartigen Bäumen vorzunehmen, deren Pflanzung viellach bedeutend geringere Kosten erfordert und denselben wirtschaftlichen Erfolg gcwährleistet. Wir haben daher beschlossen, die Baumspende in derselben Höhe, wie bisher, aufrecht zu erhalten, aber vom vorigen Jahre ab nicht auss c h 1 i c ß I i c h zur Pflanzung von O e 1 - bäumen, sondern von anderen Frucht- und Nutz• bäumen zu verwenden. I>ie Kosten der Pflanzung eines Oclbaumes werden erst nach einiger Zeit endgültig festzustclten sein. Diese Kosten spielen aber keinerlei ausschlaggebende Rolle in dieser Frage, da die Rentabilität der Oelbäumc auch bedeutend höhere Aufwendungen rechtfertigen kann, als wie sic ursprünglkn für die Pflanzung der Oelbäumc in Aussicht genommen waren. Bei meiner Reise in Palästina fiel mir der No!- stand auf, der in hohem Grade durch die rasche Zuwanderung des ycmenitischcn Arb ei• tcre Icmcnts entstanden war. Diese unglücklichsten unserer Stammesgenossen kamen in einem trostlosen Zustand in Palästina an, und es war für ein einigermaßen den Gesetzen der Hygiene entsprechendes Unterkommen in keiner Weise vorgesorgt. Da anderseits von alten Seiten die Eignung dieses Eiements für landwirtschaftliche Beschäftigung bestätigt wurde, erschien cs mir eine zwingende Aufgabe des Nationalfonds, die Errichtung von einigermaßen genügenden Wohnungen für diese Einwanderer zu er• möglichen. Das Direktorium des Nationalfonds hat demnach auf meinen Vorschlag diese Sache in die Hand genommen, für die zwei ersten Jahre einen Betrag von 100(MIO Frcs. zur Errichtung solcher Yemcnitcühäusur zur Verfügung gestellt, und eine Sammlung für diesen Spezi,׳d/.weck cingeleitet. Daß wir mit diesem Unternehmen einen richtigen Weg betreten haben, und daß sich der Nationalfonds eine große Sympathie durch seine kolonisatorische Arbeit auch in weiteren jüdischen Kreisen erworhen hat, konnten wir bei dieser Gelegenheit fentstellen. Insbesonders haben sich an diesem Werke Kultusgemeinden in Oesterreich und Italien beteiligt, ferner der Ko |o n i $ a t i o 11 s vor c i n ״E s r a" in Berlin und der jüdische K o 1 o n i s a t i o 11 s - verein in Wien, der sich mit 10<H)0 Kr. beteiligt hat, B’nai B’rith-Logen in hervorragender Weise in Oesterreich, wie z. B. die Loge in Prag mit 6000 Kr. und auch die Groß Io ge für Deutschland. Bei einer so umfassenden Tätigkeit, wie sie der Nationalfonds entfaltet hat, konnte es nicht ausbleiben, daß auch die Kritik zu Worte kam. Ich darf wohl sagen, daß wir alle Aeullcrungcii der Kritik, soweit sie uns zu Ohren kamen, mit der größten Objektivität geprüft haben und bestrebt waren, wenn sich irgendwie ein berechtigter Kern in denselben zeigte, diesen Fragen nachzugehen. Ich muß aber sagen, daß ich nicht gefunden habe, daß der Nationalfonds Veranlassung hatte; von seinen wohlerwogenen Grundsätzen der Verwaltung abzugehen. Wenn man diese Kritik einer allgemeinen Prüfung unterzieht, so ist zunächst auffallend, daß dieselbe sich gewissermaßen gegenseitig aufhebt. Herr Kann warnt vor einer weiteren Beteiligung des Nationalfonds ,111׳ allen palästinensischen landwirtsciiaftliclicn Unternehmungen und möchte denselben, wenn irgend möglich, auf die Kreditgewährung an die A. P. C, bescii ran keil. Die Ponte Zion hingegen und vor allein Herr K a p I a n s k v , ich bedauere, daß er bei dieser Auseinandersetzung!lieht zugegen ist, verlangen, daß alle Kapitalien in lariclWirtschaftliehen Unternehmungen an/ulcgcn seien. Ein palästinensischer Schriftsteller warnt wiederum davor, clas Schwergewicht auf die Heranbildung des Arhcitcrclcmcuts zu legen, wogegen die Poale Zion diese Forderung auf das lebhafteste verlange» und ein System der Heranbildung von Arbeitern in den Farmen des Nationalfonds vertreten. Immerhin möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß mir die Beschlüsse der Poale Zion sowie des ״Hapoel Hazair“ über das System einer Ausbildung der Arbeiter recht beachtenswert erscheinen. Auch mir ist der (iedanke sehr sympathisch, auf den Farmen des Natioitalfouds und ebenso der Siedlimgsgescllschaft nur Arbeiter aufzunehnten, die sieb bereits landwirtschaftlieh in den Koolnicu betätigt haben. Wie mir aber von sachverständiger Seite mitgcteilt wird, ist leider eine mehrjährige Beschäftigung von Arbeitern in unseren jetzigen Pflanzungskolonien noch kein hinreiehender Beweis für eine genügende landwirtschaftliehe Vorbildung zum Zwecke einer speziellen Aus* biklung auf unseren Wirtschaften. Durch die Einriclitung u>11 Wirtschaften, die vorbildlich sein sollen furche wirtschaftliche Entwicklung des Landes, dürfte es vielleicht dennoch möglich sein, die Arbeiter in der Erwerbung von .Spezialkenntnissen zu fördern. Ich kann aber bei der Betrachtung dieser sowie der von Herrn W i 1 k a n s k y gemachten Vorschläge bezüglich der Heranbildung von Kleinbauern eine Bemerkung nicht unterdrücken, die ich auch schon früher gemacht habe. Es besteht durchaus keine Notwendigkeit, mit solchen Vorschlägen zu warten, bis ein ־Kongreß Zusammentritt. Wir brauchen die große Pauke des Kongresses durchaus nicht, um solche soziale und wirtschaftliche Probleme in wohlwolleiulster Weise zu untersuchen und auf ihre Verwendbarkeit zu prüfen. Das Direktorium des Nationalfomls ist eine Körperschaft, die ständig daran arbeitet, ihre Einrichtungen in Palästina zu vervollkonininen und die gern die Mitarbeit jeder Person oder jeder Organisation annimmt, welche nützliche Vorschläge in dieser Richtung zu niadien bereit ist. Wir begrüßen eine solche freiwillige Mitarbeit auf das allcrfrcudigste und sind überzeugt, daß dicsellvc unserer allgemeinen *Sache mir dienen kann. Wenn aber derartige Vorschläge bis zu einem Kongreß verschoben werden, entsteht ein doppelter Schaden: I. Ist es unmöglich, diese Fragen bis zum Kongreß genügend vorz.uprüfeii, um eine sachliche Entschcidüng auf dem Kongreß treffen zu können. 2. Könnte leicht der Eindruck entstellen, als ob man an die Verwaltung des Nationalfonds vergeblich mit diesen Vorschlägen hcrangeireteii wäre, und dieselben dort keinerlei Beachtung gefunden hätten, weshalb es notwendig wäre, sich auf die Tribüne des Kongresses m flüchten. Diese Tribüne ist meines Erachtens nur zur Erörterung von prinzipiellen Fragen gegeben, nicht aber von solchen wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit und Vcrwaltungstechnik, die einer ruhigen und gründlichen Prüfung bedürfen, wozu die Zeit und die übrigen Arbeitsnotwendigkeiten des ,Kongresses in keiner Weise die Möglichkeit bieten. (Schluß folgt.) An die Antizionisten Das anti/.ionistisdie Komitee, das bereits vor Mo• nuten einen beträchtlichen Versand seiner Aufrulc und Broschüren inszeniert hat, ließ soeben wieik; einer grollen Anzahl deutscher Juden seine Prop;,. gandasdiriften zugehen. Wir sind in der Lage, ein Schreiben zu veröffentlichen, das daraufhin den Unta Zeichnern des nntizionistischcn Aufrufs zugegegangen ist. Hochgeehrter Herr! Ihr geachteter Name figuriert unter dem Aufrui eines aiitiziotiistisclien Komitees, den ich ganz fällig heute in die Hand bekomme. Gestatten Sie mir, zu sagen, daß Sie meiner tiefen Ueberzeuguie; nach sicherlich weder diesen Aufruf noch die gleich• zeitig damit versandte Broschüre mit Ihrem Naim u gedeckt hätten, wenn Sic die Bestrebungen, gegen die sic gerichtet sind, wirklich kennen, und wenn Sie md dem Inhalt dieses Angriffs sich genau vertraut gc• macht haben würden. fch komme soeben von dem Zionisleiikongresse in Wien, der! ich als erst kürzlich zum Zionismus ge■ langtcr englischer Jude und Kolonisationsmann und als Delegierter des Order of .Ancknt Maccabaeaiis besucht habe. Ich bin nüchtern und sachlich genug veranlagt, um trotz des oft überwältigenden Schau• Spiels, das dieses Judenpariament bot (und das sogar die bisher antizionistischc [,resse Wiens zu einer höchst sympathischen Stellungnahme unistimnitc) mein kritisches Gefühl für zahlreiche Haupt- und Neben- Sachen des Kongresses sowohl wie der zionistischen Taktik und Praxis zu wahren. Aber niemand, der den Tatsachen des jüdischen Lebens fest und ruhig ins Auge schaut, kann wrkennen, (lall die von den Zionisten proponierte Lösung der Frage eine große und durchführbare, hilfreiche Sache ist, der kein edler Jude seine Milarbcil und Sympathie versagen sollte, und die andererseits keinen einzigen Juden in seinen sozialen, wirtschaftlichen mul staatsbürgerlichen Beziehungen zu beeinträchtigen vermag. Wir sind jüdischen Blutes und jüdischen Stamnies! Diese Tatsache, auf die wir so stolz, sein dürfen wie irgendeine andere Gemeinschaft auf ihre Herkunft, läßt sich nicht verwischen, wie heftig auch der antizionistischc Aufruf die deutschen Juden nach Kultur und Sprache und Nationalgefühl für das Deutschtum (fast für das Chcruskcrtum) reklamieren möchte. Ein einfaches Beispiel, das mir besonders naheliegt: Sind nicht die deutschen und englischen Jude 11 in einem ganz anderen Sinne Brüder, als die deutsehen und englischen Christen? Darüber hilft kein Jonglieren mit so strittigen Begriffen wie Volk, N.1tion oder dergleichen hinweg. Noch ein Beispiel: der Deutsche Kaiser doch sicherlich ein guter Nationalist freut sich über das kräftig-deutsche Nationalgefühl der Deutsch-Auarikaner, und wer von den Unterzeichnern des anti/i•'- nistiseben Aufrufs wollte ihm unrecht geben? Was aber für die amerikanischen Staatsbürger deutschen Stammes gilt, hat /w eifellos auch für die deutsch! 1׳ Staatsbürger jüdischen Geblüts volle Geltung, Wenn Sie und Ihre Freunde an der Hand zahl• reicher Tatsachen, die ich und viele andere Anhänger des Zionismus Ihnen jederzeit darlegeit können, sich überzeugen lassen wollten, wie realisierbar (und in der» Anfängen schon vielfach realisiert 1 unsere Bestrebungen sind, so würde» Sie - darüb.׳! habe ich keinen Zweifel statt eine grölte Sach! zu bekämpfen, in der bereits Hunderttausendc du• scits und jenseits der Grenzen der Kulturländer ihre beste Hoffnung sehen, uns mit ihrer wert volle!, Mitarbeit unterstützen. Sie selbst haben es unlerschriebeti: ״Die Ile- Yechtigimg kolonisatorischer Bestrebungen im Interesse der östlichen Juden soll dabei nicht in Al rede gestellt werden, sie wird von den Juden aller Richtungen anerkannt.“ — Das ist die Hauptsache am Zionismus. Ein Anti/ionist, der das unterschreib! und auch wirklich danach handelt, i>1 mir und vielen anderen lieber als zehn Zionisten, die mir Worte zu machen verstehen! Wollen Sie in diesem Sinne Ihre eigene Unterschrift •respektieren? Ich hofle es und stelle Ihnen von Herzen gern meine nicht unbeträchtliche kolomsatorische Erfahrung zur Verfügung, in gemeinsamer Arbeit zugunsten unserer verfolgten und zurückgesetzten Brüder. Aus dieser Arbeit heraus werden Sie dann vielleicht auch vieles andere schätzen lernen, was Ihnen bisher an der zionistischen Bewegung mißlallen haben mag. Mehr kann ich Ihnen heute und im Rahmen eines kurzen Briefes nicht sagen, stehe Ihnen aber gern mit Weiterem zur Verfügung. Mit vorzüglicher Hochachtung Henry Samuel. London W., 11 Clcveland Square, Hyde Park.

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