Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1913)
- Date
- 1913-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seit« 425 Entwicklung der Kolonisation ״,,di nicht vorhandelt ist. Hei dieser Sachlage standen wir vor der Wahl, entweder unseren Nationalfonds ausschließlich in' börsenfähigen Staats- und Wertpapieren fcstzulegcn, oder aber solange in einer zinsbringciidcn Weise für die Zwecke der Förderung der kolonisatorischen Arbeit in Palästina zu verwenden, bis der Zeitpunkt gekommen ist, in dem wir dasselbe dem eigentlieben Zwecke unseres Fonds widmen können. Wir sind uns also dessen wohl bewußt, daß jede Kapitalanlage in Palästina, die nicht dem eigentlichen Zwecke des Nationalfonds dient, nur den Charakter einer zeitweise« Verwaltung der zu unserer Verfügung .stehenden Gelder haben kann. Eine solche Verwendung unserer Gelder ist uns nach unserem Statut in Höhe von drei Viertel unseres Vermögens gestattet. Die Bestimmungen 1mscrcs Statuts lassen keinen Zweifel, daß wir die Gelder des Fonds jeder Unternehiutmg widmen können, durch welche direkt und indirekt die Zwecke der, Nationalfomls gefördert werden. Der direkten Förderung des Zweckes des Nation,׳! Ifonds dienen aber zweifellos alle Unternehmungen Landwirtschaft- Hrlier Art, die auf Grund und Boden erfolgen, dessen Besitz uns für die Zukunft hinreichend gesichert erscheint. Hierzu gehören insbesondere die Pflanzungen der Baumspende in Beusehemcn und Hulda, der Gatt Srlicniucl Mohilevver, Goldberg-Garteii usw. Eine indirekte Förderung des Nationalfonds erblicken wir in der Förderung des Erwerbes von Grundbesitz durch andere Gesellschaften, welche die Bewirtschaftung jüdischen Landarbeitern anvcrtratien. Wir selten darin das wichtigste Mittel, ein tüchtiges, landwirtschaftliches Arbeiterelement als künftigen Pächter des Nationalfonds heranzuhiklcn. Dieser Aufgäbe genügt der jüdische Nationalfonds durch die Darlehen, ׳die er der P. L. D. C. und laiidwirtseltafflich-korporativcn Genossenschaften vermittelst der A. B. C. gewährt hat. In diesem Rahmen fallen auch Subventionen von geringem Umfange für landwirtschaftlichc Zwecke und die Erhaltung des Palästinaamtes. Der Erwerb von Gebäuden in Stadt und Land und von Boden in den Städten ist unmittelbare Zwcekcrfüliung und bedarf demnach keiner weiteren Erklärung. Aus diesem System der Tätigkeit füllt die K r e - d i t g c w ä h r u n g für liätiserbati heraus, die einzig und allein gerechtfertigt ist aus dem Gesichtspunkt der zeitweiligen Anlage unserer Gelder in Palästina,‘ wobei wir uns zur Sicherung der Rückzahlung und einpr angemessenen Verzinsung der ,Mitwirkung der A. P. C. bedienen konnten. Bei dieser Krcditgcwährung hatten wir zunächst auf die Bedürfnisse der Genossenschaft der Bauherren Rücksicht zu nehmen. Es war uns mit Rücksicht auf die Vorurteile, die iri Palästina gegenüber dem Erbbaurecht bestanden, bei der Gründung von Tel Awiw nicht möglich, uns irgendein Recht auf Grund und Boden vertraglich zu sichern und sipd hierdurch gewisse Gefahren entstanden, indem sich die Bodenspekulation durch die Beliebtheit, der sich dieses Viertel erfreut, dort entwickelt hat. Wie ich bereits auf dem früheren Kongresse berichten konnte, ist es uns gelungen, bei den späteren Abmachungen diese Gefahr zu vermeiden, indem drückte die wahren Gefühle der Wiener Juden- Schaft aus. Bereits Monate vorher war der Kongreß Gegenstand eingehender Erörterungen in der jüdischen Bevölkerung, und die Fäden der interessevollen Teilnähme spannen sieh von der Kultusstube zu den armseligen jüdischen Wohnstätten der Brigittenau, von den Redaktionen tler deutsehfieilieitlielieii Blätter Zu den Kreisen de« Geldes mul der Intelligenz und. zu ihren Sommerfrischen, Wir nahmen es als seihst- Verständlich an, daII die Wiener Knltusgenieinüe die Tagung begrüßen werde. Und gerade in dieser Annähme liegt dos Bewußtsein der Stärke unserer Be* wegtutg. Vor sechzehn Jahren ist die Abhaltung des ersten Zionislenkongresses in München an dem Proteste der dortigen jüdischen Gemeinde gescheitert. Hochstehende Wiener jüdische Persönlichkeiten besuchten unsere Tagung, Herren, die im Wiener Leben eine große Rolle spielen. Ich sah in der denkwürdigen Nachtsitzung von Montag auf Dienstag einen bekannten Ordinarius der Universität, wie er sich aus den Händen ein Höhrrohr formte, um kein einziges Wort von der Universitätsdebatte zu verlieren. Alle lauschten mit dem grollten Interesse den Ausführungen der Referenten und Redner. Ja, selbst bei verhältnismäßig gar nicht so interessanten Debatten, wie bei der Bankfrage, legte die Galerie eine bewunderungswürdige Ausdauer zu Tage. Der Kongreß verstand es, dort, wo Interesse für die jüdisch-nationale Sache vorhanden war, es zu stärken und zu vertiefen, wo bisher nur Gleichgültigkeit herrschte, das Interesse zu schaffen und selbst den Gegnern Achtung abzuringen. wir uns durch eine ewige Ilodciircnte, die einer normalen Verzinsung; des Bode11preii.es entspricht, den dauernden Besitz des Grund und Bodens und außerdem ein Vorkaufsrecht für den Ucberbau gesichert haben, und auf diese Weise eine Steigerung der Grundrente verhüten. Wir glauben ,hierdurch die künftige Arbeit des Nationalfonds zu erleichtern und gleichzeitig an der Lösung eines sozialen Problems mitzuarbeiten. Durch diese Ausführungen dürfte auch schon klargestellt sein, weshalb wir uns in der verflossenen Periode nicht mit Kolonisation Im großen Stile Befaßt haben. Ein wichtiger Grund hierfür hg auch in dem Mangel an den verfügbaren Mitteln. Wir wisse», daß zu einer Kolonisation im großen Stile ganz andere Kapitalien erforderlich sind, als sie dem Nationalfonds zurzeit zur Verfügung stehen. Die Schaffung einer einzigen lebensfähigen Kolonie in großem Stile übersteigt schon die Leistungsfähigkeit des Nationalfonds. Ein weiterer wichtiger Grund, der uns im Wege steht, ist der Mangel an genügender praktischer Erfahrung, welche Form der Kolonisation für den Nationalfonds die geeignete ist. Rein theoretische Grundlagen sind ׳hierfür durchaus ungenügend. Wir müssen diese Grundlage auf der Basis gesammelter praktischer Erfahrungen finden. Bei dieser Tätigkeit müssen wir mit der allergrößten Vorsicht verfahren, um nicht Gefahr zu laufen, über die Grenze unserer Mittel hinauszugehen, so daß wir schon an diesem Versuche selbst zum Scheitern kommen. Den Versuchen, die wir in־dieser Richtung unternommen haben, dienen in erster Linie die Farmen des Jüdischen Nationalfonds in Benschemen und litikla, ferner die Arbeitergenossenschaft in Dagania, die Siediungsgcnosscnschaft in ׳Merchawja und die Pflanzungsgcnosseimriiaft in Gan Schemud. Bei diesen Kolonisatioimversuehen haben wir sowohl das Prinzip der Administration als auch dasjenige der freien Gcnossenselialt ohne einen von der Vcrwaliung bestellten Leiter, als auch ein gemischtes System zugrunde gelegt. Den Genossenschaften, die auf den verschiedensten Grundsätzen aufgeb,uit sind, lassen wir im Rahmen eines von ihnen in Verbindung, mit dem Paliistinaauit aufgesteflten Budgets freieste Entwicklung und gewahren ihnen das Recht der inneren Selbstverwaltung. Nur so glauben wir die Erfahrungen sammeln zu können, die für unsere Zwecke erforderlich sind. Es ist begreiflich, daß wir bei diesem System nur schrittweise Vorgehen können. Von dem Gesichtspunkt kaufmännischer Rcntabilitüt allein können solche Versuche nicht betrachtet werden. Wir gingen aber von dem Prinzip aus, daß ein solcher Versuch als gescheitert zu betrachten ist, wenn aus demselben dauernd eine Rentabilität nicht zu erwarten ist. Es ist auch begreiflich, daß derartige Versuche in den ersten Jahren erhebliche Investioncn erfordern, die im Laufe eines Jahres nicht hcrausgcwirtschaftct werden können, die also den Kapitalfonds der hetreffenden Unternehmung belasten. Der Gegenwert muß dann in dem erhöhten Wert und der erhöhten Rentabilität des Bodens für die Zukunft liegen. Die ..,,... .. ^^וח-..ו.ו...ווו;? Und nicht nur auf Interesse, auch auf Keimtnis der Bewegung stieß man oft in Kreisen, wo wir es gar niciit vermutet hätten. Dies beweist eine Anekdote, die den Vorzug hat, wahr zu *ein, Nachden! der I landelsminister die Errichtung eine* Kon*, greßpostamtes genehmigt hatte, ging einer der Bcamten des Kongreillnireaus auf die Postdircktion, um dort die Eiiizt’lheiieii zu besprechen, Ein jüdischer CHierpostrat empfing ihn, der sich sehr gefällig zeigte, Nach der Besprechung wagt es unser Mann, den Wunsch zu äußern: ״Wie wilr’8, Herr ültcrpastrut, mit einem hebräischen Poststempel?״ Dieser erwiderte mit der grollten Seelenruhe der Welt: ״Wir werden'* uh» docli nicht mit den jiddischsten vorderben I״ , Natürlich war eine derartige Orientiert heit, die sich auch auf die Kenntnis einzelner Part cid irtge erstreckt, nicht überall zu finden. Immerhin hat der Kongreß auch in diesem Sinne sehr viel gewirkt. Und nun, da auch Wien in die Reihe der zionistischen Kongreßstädte eingetreten ist, können wir ruhigen Gewissens behaupten, daß cs sich vor seinen Schwestern nicht zu schämen hat. fm Gegenteil: Wien hat sich als Kongreßstadt durchaus bewährt. Der Verband der deutschen Juden veröffentlicht ■m seiner diesjährigen Hauptversammlung nicht wie bisher regelmäßig eine statistische Denkschrift, sonder״ ein etwa S Bogen starkes Buch, das unter dem Titel ״Soziale Ethik im Judentum" Aufsätze von Rabbiner Dr. Bacck, Dr. Bergmann, Dr, Bernfeld, Prof. Dr.* Bloch, justizrat Breslauer, Dr. M. Eschclbacher, Oberrabbincr Dr. Güdemann und Pr. Erfahrungen hei diesen Versuchen sind noch zu kurz, um :!In abgeschlossen zu gelten. Es dürfte aber klar sein, daß wir bei den erheblichen Mittel«, ,welche die Förderung dieser landwirtschaftlichen Unternehimingcn erfordern, bis sie abgeschlossen sind, und wir einwandfreie Resultate feststellcu können, uns die allergrößten Schranken aufcrlegen müssen und für andere Zwecke vorläufig keine Mittel zur Verfügung stellen. Abgesehen von der Erbauung von Arbeiter heim statten für ledige und von Häusern für verheiratete Arbeiter, seien es ntiri Jemeniten oder aschkenasische Arbeiter, hat der Nationalfonds seit dein letzten Kongreß nicht die geringste Summe anderen Zwecken als dem Ausbau unseres Farmensystems einschließlich der Siedlung*־ gcnosscnschaft bewilligt. Allerdings haben wir es für unsere Pflicht gehalten, auch einem anderen System der Arbeiternnsicdlung unsere Unterstützung zu widmen, die von dem Odcssacr Komitee mit Erfolg unternomnien worden ist. Wir sehen in der A11 s i e d Iung von Arbeitern in der Nähe von Pflanz ungskolonicn eine überaus nützliche Ergänzung unseres Systems der Heraubildisng von kleinen Bauern und Pächtern. Es hat sich übrigens nirgends ein Widerspruch dagegen erhoben, daß wir uns an diesem Unternehmen durch geringe Kapitals-, Unterstützung beteiligt haben. Ich möchte für meine Person keine Zweifel darüber lassen, daß ich nicht das geringste Interesse daran habe, veraltete Wirtschaftliehe Prinzipien nach Palästina zu verpflanzen. Für den Nationalfonds, der dem ganzen jüdischer. Volke zu dienen berufen ist, darf Palästina nur Neuland sein, wo wir die bewährtesten Grundsätze landwirtschaftlichcr Siedlung ein führen wollen. Diese mögen sich dann in freiem Wettbewerb mit den bestehenden landwirtschaftlichen Unternehmungen messen. Als das Wichtigste erscheint mir hierfür die Heranbildung des Menschen materiales für unsere zukunft Igcn Siedlungen. Es bedarf daher keiner besonderen Versicherung, dafi ich den größten Wert auf die Förderung des landwirtschaftlichen Arbeitere I c in c n t c s und seiner Lebensbedingungen In Palästina lege. Ich möchte sogar so weit gelten, zu sage«, daß mir das Interesse dieses Arbeiterclcmentc* untrennbar mit der zukünftigen Entwicklung des jüdischen Nationalfonds verbunden erscheint, und der Nationalfonds alle Aufwendungen verantworten kann!, die er diesem Zwecke zuwendet, Selbstverständlich gibt cs für den Nationalfonds auch für diese Seite seiner Tätigkeit gewisse Grenzen, die er nicht überschreiten kann. In erster Linie ist dies die; statutarische Bestimmung, wonach der Nationalfonds rin Viertel seines Kapitals dauernd in Werten anlegcn muß, die nach den Grundsätzen unserer englischen Rechts- Berater als solche Werte zu betrachten sind, die jeden Augenblick flüssig gemacht werden können, Hieraus ergibt sich, daß, solange keine palästinensischcn Werte existieren, die an den europatschen Börsen kursfällig sind, wir in absehbarer Zeit ein Viertel unserer Kapitalien in solchen europiiischen Wertpapieren anlegcn müssen. Diese Schranke ist eine •feste und unübcrschrcitbarc und wird kein Direktorium des Nationalfonds die Verantwortung für die Uebcrschreitung dieser Grenze in irgendeiner Form übernehmen können, .. . ״.'.. ״״*״״..... Nobel mit einem Schlußwort von Hcrrnbitcn vereinigen wird. Das Buch erscheint im Verlage von J. K au f f m a n n in Frankfurt a. Main und wird vom Tage der Hauptversammlung an auch im Buchhandel zu haben sein. Bücher und Zeitschriften Gustav PfannmüHer, Di« Propheten. Die Klassiker der Religion, 4. und 5. Bd. — Protestantischer Sduiftenvertricb G, «1, b. H,, Beriin-Scliönebcrg 1913. 3,- M. ,111 der Sammlung ״Die Klassiker der Religion“ hat der Herausgeber, Gustav Pf a n ״ m ü 11 e r, leihst ein 'Vorzügliches Büchlein über die Propheten Israels veröffentlicht. Er gibt einen gedrängten Uebcrblick über die Zeitverhältnisse und die Entwicklung des Prophetismus und stellt dann das Werk der einzelnen Propheten in entsprechender chronologischer Anord* nung und guter Ucbersetzung, mit charakteristischen Uebcrschriftcn übersichtlich dar; jedem einzelnen Abschnitt ist eine sachliche, gut geschriebene, aus-' reichende Einleitung über den betreffendem Propheten vorausgeschickt. Das Buch, das am Schluß «in ausführliclics Literaturverzeichnis enthält, ist äußere ordentlich brauchbar und empfehlenswert. Da es sich jeder Tendenz, enthält und der Größe des jüdisehen Prophetismus in liebevoller Würdigung gerecht wird, kpmipt es auch für das jüdische Haus als Hausbuch im besten Sinne in Betracht. . P»*f H W.