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Jüdische Rundschau · 1913-10-02 · Heft 40 (2.10.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 40 (2.10.1913)
Date
1913-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 424 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40 werden sollten. Dieser Standpunkt sei Widersinn!;; und nur aus falscher Rücksichtnahme aut irgendwelche ücinciiidcgrüßen zu verstehen, Gerade das Umgekehrte hätte man beschließen müssen mit Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der GroBgemeimlcn und die geringe Schüler/.1111, welche die Klein- und Mittelgenieiiideii uufbringen könnten. Redner erläuterte dann an Beispielen ans der Gesetzgebung und der Statistik die Ausgaben, welche den einzelnen Gemeinden ans der ()ruiuJuiig von Volksschulen entstehen würden, und zeigte, daß durch die gesetzlichen Zuschüsse des Staates um! der Koni• imiucn uns geradezu ein Mittel zur Aulrechtcrlialtung der übrigen Gcinciiidemstiluiioncn leistungsschwacher Gemeinden in die Hand gegeben würde, Herr Rektor!־einer schloß mit einem Apcll an die Versammlung, geschlossen für die jüdische Schule ein/utreten zum Segen der jüdischen Jugend, seinen mit großem Beifall und Begeisterung aui'gcnoinineiicn Vortrag. An das Referat schloß sich eine anregende Diskussion, an welcher sielt außer dem Referenten die Herren Dr. V'i c t o r - Wandsbek, Sanitatsrut Dr. Jacob*Kiel, Lehrer Katz-Kiel, R.-A. Tannenwald-Kiel, Dr. Ka I m u s-Hamburg, bd. Levis o 11 n - Hamburg und Unna- Allona beteiligten. Grollen Eindruck aut alle Zuhörer machte es, als I rl. Sidonic Werner, die einzige Dame, welche sich an der Diskussion beteiligte, die Vorsitzende des israelitisch-humanitären Frauenvereins Hamburg, erklärte, es tue ihr jeden Tag, wenn sie als Volksseiiullelireiiii vor ihren Schulkindern stehe, in der Seele weh, daß sie ihr Bestes, ihre Lehrtätigkeit, nicht Kindern unseres Stammes gehen könne. Sämtliche Redner vertraten den unbedingten Standpunkt der jüdischen Volksschule sowohl für Klein- und Mittelgemeinden, als auch ganz besonders iür Grußgemeinden. Auf Grund des Referats und der Diskussion wurde folgende Resolution angenommen und dem Deutsch-Israelitischen Uenieiiidebmide in Berlin über- ״״ mittelt: 1, Die Veisammlung beantragt beim Deutsch- Israelitischen Gemeindchutid, die Frage vier jüdischcn Volksschule, sowohl aus sachlichen Gründen als auch im dringendsten Interesse des Bundes selbst, auf die Tagesordnung des am 7. Dezember dieses Jahres in Berlin statuindemleu Gemeindetages zu setzen. 2, Die Versammlung . tritt 1m Interesse der religiösen Erziehung der jüdischen Jugend und im Interesse des jüdischen Lelirerstandes für die jiidische Volksschule ein. 3, Die Versammlung hält cs unter den gegen- Wurth:eil Verhältnissen im Interesse der Gleichberechtigung für die!,flicht gerade der jüdischen Groügeineiiiden, jüdische Volksschulen zu errichten. Der Vorsitzende teilte noch mit, daß im Novcinber dieses Jahres in Altona zum Andenken an die vor 50 Jahren erfolgte Emanzipation der Juden in Holstein eine Jubiläumsfeier stattfinden werde. Im Anschluß an den Gemeindetag fand eine Besichtigung des jüdischen Erholungsheims, sowie der neuenkiecktcn Höhlen unter dem Kalkberge statt. Ein gemeinsames Mittagessen im Hotel liaruch vereinte sämtliche Teilnehmer der Versammlung. Abends wurde die Gcmeindcsynagoge besichtigt und gemeinsam das Abendgebet verrichtet. Wien und der Kongress Von Ludwig B a t ö ■ Wien. Nun sind auch die letzten Akkorde des Kongresses verklungen. Die ans der Ferne gekommenen Delegierten und Gäste sind von der Bildflüche der Kaiserstadt verschwunden, und die alte Wienerstadt wie auch das jüdische Leben darin, zeigt wieder das gewohnte Bild. Es finden wohl zurzeit drei andere Kongresse statt: der Kongreß der Naturforscher, der statistische Kongreß und der Kongreß für Rcttuiigswcseu, allein all diese Kongresse, wiewohl sie in der Wiener Presse viele, viele Spalten füllen, verschwinden im (jetriebe der Großstadt. Wie anders wirkte der Zionistenkongreß! Noch vor der Eröffnung des Kongresses verglich ich die Beteiligung mit den 01״c regel“, den Pilgerfahrten unserer Vorväter in Palästina. Und fürwahr, ich habe nicht übertrieben. Bereits eine Woche vor dem Kongreß, also während der Tagung der Hebräischen Konferenz, begann die Wainleruiig jüdischer Massen nach Wien, und die ganze Stadt wußte um den Kongreß. Aus allen Ecken und Enden der Welt brachten die Eisenbahnzüge ganze Scharen von Juden, die zum Kongreß fuhren. Alle Eiscnbahnscliaffner wo fl- ' ten dies und übergaben an der Landesgrciizc mit bedeutungsvollen Blicken ״ihre“ Zionisten an die Kollegen. Aus Galizien brausten unter anderem zwei Sonderzüge der Nordbahn, blau-weiß beflaggt, nach der Kotigreilstadt. Und das Getriebe in Wien selbst! Vor dem Kongreß gaben sich mannigfache Bedenken kund, die gegen Wien als K o 11 g r c II s t a 111 Bericht über den Jüdischen Nationalfonds. "*' erstattet dein XI. Zionistcn-Korigreß 9 von Justizrat Dr. M. Botl e 1111 e i 111 e r. Sehr geehrter Kongreß! In der letzten Kongreßperiode ist der Nationalfonds wiederum gewachsen. Die Spendeiicingäiige in den letzten zwei Jahren weisen einen Betrag von 1 253 519 M. aus, gegenüber jenen der vorlieigcgaiigeneti zwei Jahre eine Zunahme von ca. '3(10 0(10 M. Dieser Erfolg ist 111 erster Lime der unentwegten Arisch unserer Sanimclstellen, ihren Mitarbeitern und Vertrauensmännern und der zielbcwußten Ausdehnung unserer organisatorischen und propagandistischen Maßnahmen ztiz.uschreiben. Der Erfolg׳ ist um so höher zu bewerten, als gleichzeitig erhebliche Ansprüche für die organisakuisclien Ausgaben der Zeiitrallcitung erhoben und befriedigt worden sind. So kann ich zu meiner Freude feststellen, daß auch zu diesem Kongreß zahlreiche spezielle Spenden cingelaufen sind, obwohl von der Leitung die Parole ausgegeben worden war, nur,für den Zcutrulfunds zu spenden. Der gegenwärtige Bestand unseres Vermögens beträgt über 0 000 1׳(KJ Kronen. Wir nähern uns also dem Zeitpunkt, au welchem wir das bei der Grüniliing vorgesehene Millimalkapital von 5 Millionen Kronen erreicht haben. Für ein rein philanthropisches Unternehmen ist das schon eine ganz, erkleckliche Summe, als Natioualschatz eines großen Volkes ein minimaler Betrag. Wenn wir den großen Aufgaben, die uns bevurstehen, einigermaßen gerecht werden wollen, müssen die Einnahmen verdoppelt werden. Vervielfacht müßten sie aber werden, wenn wir ernstlieh daran gehen wollen, mit Hilfe des jüdischen Nntionalfonds das politische Ziel des Zionismus zu erreichen. Zum Zwecke der Vermehrung unserer ständigen Spenden haben wir uns insbesondere den Ausbau unserer Sanimcl mittel angelegen sein hissen. Wir haben hierbei ausschlicßlieh jüdische Künstler ziigezogcii, um in dem kleinen kalniteii, der uns liicrbci gesteckt ist, die junge jüdisrlie Kims! zu fördern. Außer der kleinen Paläsiiiiainarkc von Struck haben wir nunmehr zwei Serien Palästinensischer Landseliaftshikler von dem Maler Westfeld anfertigen lassen und werden eine Jerusalem-Marke, die Klagemauer von Lilien darstellend, nächstens herausgehen. Neben dem!)iploitiu des goldenen Buches werden wir wahlweise ein vorlieh nies Kunstblatt von Lcsser Ury als Ehrengabe jedem verehren, der in dasselbe eingetragen wird. Die Herstellung des Deckels des neuen Goldenen Buches haben wir den ״Bezalcl“-Werkstätten übertragen, die uns ein wahres Kunstwerk geliefert haben. Der Deckel des Sefer 1 lahnskarotli des neuen Meinorbiiclies, das dem Andenken Verstorbener gewidmet ist, die sieh hervorragende Verdienste tun den N;1tioiiall'ouds und das jüdische Volk erworben haben, hat I Iciioclt Gliecnstein aus Rom modelliert und die neuen künstlerischen Sammelbüchsen der Bildhauer l'lcisehhueker in Düsseldorf. Alle diese Werke einer neuen jüdischen Kunst können Sie in der Ausstellung des jüdischen Nationalfonds im Saale bewundern. gerichtet waren und au ihr allerhand ausziisetzcn hatten. Aber merkwürdig: je entfernter die Angstmeier waren, um so größer wurden ihre Bedenken, die mit tlcr Unkenntnis der Verhältnisse ins Ursendliche wuchsen. Vor allem hieß es, die Wiener Presse werde die Tagung des Kongresses tofschweigen, wobei noch zu befürchten sei, dalä die Wiener Bevölkerung die Verhandlungen und Vcranstaltuiigen durch Gegendemonstrationen zu stören suchen werde. Ferner sei an eine Teilnahme der jüdischen Bevölkerung Wiens gar nicht zu denken und dürfe nicht außer Acht gelassen werden, daß die Wiener israelitische Kultiisgemeimle den Kongreß nicht bi־׳ grillten wird. Die noch ängstlicheren Zionisten fügten hinzu: Vielleicht wird auch das österreichische iuiierpolitische Problem auf dem Kongreß angcschnitten werden. Es wäre fürchterlich! Und siche da, welch ganz anderes Bild hot der Kongreß! Die von Bedenken erfüllten Männer haben siel» als schlechte Propheten bewiesen. Die Wiener Presse, deren größter Teil den Zionismus von Beginn an systematisch tot zusch weigen trachtete, brachte spaltcnlange Berichte über die Tagung. Es war die imposante Größe und Stärke des Kongresses, die sie hierzu zwangen. Untl man las die Berichte, jeder las sie, und es gab sich in allen Kreisen ein tiefgehendes Interesse für den Zionismus kund. Karn nur« während der Kongreßtage in den gewohnten Bekanntenkreis, da wurde man von Juden und Nicht- Juden mit den verschiedenartigsten Fragen bestürmt: ״Ja, hören Sie mal, wie ist es denn eigentlich um die Palästinaarbeit bestellt? Was sagen •Sie zu den Vorwürfen der Opposition? Wie sprach denn dieser Ehe wir darangehen, die Arbeit des Nationalfouds in den letzten zwei Jahren zu charakterisieren halte ich cs für nötig, einen Einwand zu widerlegen, der uns manchmal bei unserer Propaganda begegnet ist. Trotz aller Anerkennung, die dem Nationalfonds von vielen Seiten für seine Arbeit in Palästina zuteil ge• worden ist, wurde von hervorragenden Gesinnung,״ genossen öfters der Gedanke laut, als ob diese Täsi;•- keit des Nationalfonds in Palästina keine ganz systemalische und den statutarischen Zwecken desselben entsprechende wäre. Ich möchte daher in kurzen Zügen die bisherige Arbeit des Nationalfonds, v.k ich sic betrachte, von dein Gesichtspunkte sein«;,• Zwecke zusaninienfassen. Da kann nun kein Zweitel sein, daß der Zweck des jüdischen Nationalfonds an.,- schließlich Landerwerb in Palästina als ewiger Besitz des jüdischen Volkes ist. I Herzu bedarf es aber zweier Voraussetz.u11gen•. 1. Muß der Erwerb von Grundeigentum in Palästina für den jüdischen NV tionalfonds in einer gesetzlich zulässigen Form sein, 2. muß ein Pächtereleinent vorhanden sein, das Lereit und in der Lage ist, das Land des jüdischen Nationalfonds in Erbpacht oder überhaupt’ in Pacht zu nehmen. Beide Voraussetzungen sind zurzeit noch nicht vorhanden. Die Verwirklichung der ersten Vor aussetzung ist von der Entwicklung der türkisch« n Gesc׳izgel)tu1g abhängig. Bei der Gründung des Nationalfonds «ging man von dem Gedanken aus, daß dieser Zeitpunkt cmgetreten sein werde, sobald der von I lerzl angestrebte (',harter für Palästina erworben sei. Darauf sind auch alle Pläne für eine statutarische Festlegung des Nationalfonds zu erklären, die darauf gerichtet waren, den Nationalfonds als einen eisernen Fonds zu betrachten, der erst dann zur Verwendung gelangen sollte, wenn der (!harter erreicht und eine gewisse Höhe des Kapitals vorhanden sei. Nach dem heutigen Gcset/.eszustand ist der Nationalfonds wohl in der Lage, durch Vermittlung vertrauenswürdiger Personen sich Rechte zu schalten, die den Besitz des käuflich erworbenen Bodens für die Zukunft einigermaßen Gewähr leisten. Ein gesetzliclies Eigentumsrecht auf den Grund und Boden besitzt der Nationalfonds als solcher nicht Nach den gegenwärtigen Planen der Aenderimg des turkischen Eigentumsrechtes an Grund und Boden ist zu erhoffen, daß die Rechtsstellung von (iesclKeliaften, wie sie der Nationalfonds darstellt, eine günsti• gere sein w ird. Jedenfalls können wir damit rechnen, daß die gesetzlichen Schwierigkeiten, die heute der Erlangung des Eigentums von Gesellschaften koiporativen Charakters entgegenstehen, in absehbarer Zeit beseitigt werden. Die Verwirklichung der zweiten Voraussetzung, von der wir gesprochen haben, ist von uns allem abhängig. Wenn cs gelingt, den Stand der landwut• scbaftiii-hen Arbeiter auf eine Höhe zu bringen, <l«ß sie sieh Ersparnisse ztirücklcgcu können, die zur ־ ׳- Werbung von lebendem mul totem Inventar h; 1reichen, kurzum, wenn es gelingt, aus dem St.׳<׳d der landwirtschaftlichen Arbeiter einen solchen i n kleinen Bauern zu schaffen, so wird sieh aus die• m ein taugliches Pächtereleinent für den jüdischen Nttionalfonds finden, welches heute nach der bisherig11׳ Ussischkin, daß man ihn so schwer Überseet konnte?“ Ein Schwarm von Tragen, bunt durch«!- ander, daß man sie kaum zu beantworten venu .. Ucber die judcnfciiulliclic Gesinnung der Wie. Gemeindeverwaltung hat sieh wohl niemand lllusio! 1-. gemacht, allein jedem Kenner der Wiener Verb «V nissc war cs klar, daß die Zionisten, und rinder Kongreß und seine Veranstaltungen noch «> « posant ausfallen, unter keinen Umständen irge! eine Belästigung von seiten der Wiener Kevoli• rung erfahren würden. Im Gegenteil, es kann 1:. Befriedigung festgcstcllt werden, daß unsere (1.1 ■ überall auf das größte EntgcgonIti minien stieß■׳ ׳. wobei die Verkehrsbehörden durch Einräumung \ ״׳ Vergünstigungen den Reigen eröffneteu. Vom Besuche des Döblinger Friedhofes zog die Turnersehar in geschlossenen Reihen nach der ziemlieh entfernt gelegenen Hohen Warte, wo das Tur״- fest stattiand. Die stramm marschierende Jugend machte entschieden den Eindruck eines Dem««״- strationszuges. Unterwegs cs war Sonntag standen überall dichte Mciischengruppen, sie schauten zu, es ist aber kein einziger irgendwie bcleuligender oder höhnischer Ruf gefallen. Man brauchte in der Wiener jüdischen Bevölkerung gar nicht Umschau zu halten, um wahrzunchmen, daß sie mit der größten Herzlichkeit nnseren Kongreß begrüßte. Es war kein bloßer Höflichkeitsakt von seiten der Wiener jüdischen Gemeindc, wenn sie den Kongreß offiziell willkommen hieß und in verschiedenen Synagogen aus Anlaß der Tagung Festgottesdienste veranstaltete. All dies

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