Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 416 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 39 icli freudig überrascht war, aus dem Mumie Wulffsalins zu hören» daB er die erzieherische Aufgabe der jüdischen Tiirnbewcgung für die Gegenwart höher einsclüitzt als die rein intellektuelle Ausbildung des Verstandes. Packend wullte er vom I. Schau• turnen in Hasel zu erzählen: Nach dem Schauturnen fragte er Her/I, evie cs ihm gefallen habe. Sehr gut, nur seien es zu wenige, war die Antwort, Es turnten damals nur einige!)reillig. Auf diesem Turnfest hätte er mit voller Genugtuung festgestellt, welche Fortschritte wir gemacht haben, er treue sieh überaus darüber: ״Wir wachsen, wir kommen vorwärts!" Bei der Preisvcrteihing überreichte I rl. Trude llcrzl den Siegern die Preise. Die Wiener Festtage werden noch lange ihre Wirkungen ausstrahlen. In aller Welt, wo Juden ktmzentriert wohnen, wird der l ilm von unseren Leistungen Zeugnis ablegen und liir die Sache der jüdischen , Turnerci eine begriiK?nswcrte Propagamla entfalten. Alle Kongrelklclc gierte werden unter dem Eindruck des Festes ihre Stellung zur Tiirnhcwcgimg einer mehr oder weniger gründlichen Revision unter• ziehen. Die Tnrnlicwcgting, die bis vor kurzem recht stiefmütterlich von der zionistischen Organisation hehandelt wurde, wird sicherlich nicht nur von der Leitung, sondern auch von allen Ortsgruppe•!» und Landesverbänden als die Organisation angesehen werden, in der die zionistische Jugend ihre nationale Erziehung erhalten soll. Eine Turuhewc'gung ist einerseits volkstümlich und vielseitig genug, um das ganze* Volk zu umfassen, auf der anderen Seite• wird der nationale Gedanke und das geistige Interesse, das uns Juden eigen ist, die Bewegung davor bewahren, iu Rekordjägerei und Akrobatik auszuarten. Insbesondere in fircz. Israel und in Konstantinopel hat der Makkabi gezeigt, »lall inan bei aller Strammheit turnerischer Durchbildung die nationale Erziehung und die Pflege nationaler Gesinnung, nicht vernachlässigen muH. Im Gegenteil: die Charakterbildung, die das Turnen verleiht. Selbsthewulitsein, Tatkraft und Energie, sie bilden die Grundlage zu weiterer Ausbildung auch des Geistes. Wenn das Turnfest diesen Gedanken in den Reihen des Kongresses und aller Zionisten berestigt hat, dann wird sein Erfolg ein dauernder sein. Nathan K a m i n s k i, Berlin. Kongreßbericht im Berliner Bar-Kochba Der Jüdische Turnverein Har Kochha hatte am 20. September seine Mitglieder in den grollen Saal des Tiergartenhofs geladen, um aus berufenem Munde über das Wiener JubiläiimssehauUirneii und den XI. ZionistcnkongrelS berichten zu lassen. Als erster Red- «er sprach Herr R.-A. Dr. Klee, der einleitend an die Turner herzliche Worte des Dankes richtete für das grolle und erhebende Schauspiel, dal! sie den l)elegierten mit dem Turn- und Sportfest geboten hatten. Auf die Verhau»!hing selbst übergehend bemerkte er, daß es an dieser Stelle nicht seine Aufgabe sein könne, ausführlich über den Verlauf zu relerieren, da die allgemeine und die jüdische Fresse, dies im allgemeinen in ausführlicher und zufriedenstellender Weise getan hätte. Nur ein Berliner Blatt, daß sich auf eine kurze tendenziöse Noiiz beschränkt habe, mache eine unrühmliche Ausnahme. Als kennzeichnendes Moment dieses Kongresses erscheine ihm der ernste und ehrliche Wille aller zur gemeinsamen Arbeit und der Wunsch, die etwa abweieheitden Anschauungen der Gesinnungsgenossen zu verstehen. Ein großes Verdienst an dem erfreulichen Ergebnis, das dieses Bestreben gezeitigt habe, komme dem Altmeister des neueren Zionismus, Herrn David W öl ff sohn zu, dessen wertvolle Kraft mm auch weiterhin im Zionismus wirksam sein werde. Der Kongreß habe einen jeden Gegenstand seiner Tages- Ordnung mit ernstester Sachlichkeit augelalit. Das gelte auch vom Univcrsitätsprojgkt, dessen Scltwierigkeiten von keinem verkannt wurden. Ein jeder sei sich bewußt, da» er durch Unterstützung dieses Planes für eine fernere Zukunft wirke, aber alles Große müsse aus kleinen Anlängen erwachsen. Niemals könne es sitli darum handeln, in Palästina ein Gelehrtenproletariat Uerauzuziehen, ihm schwebe vielmehr eine Durchdringung der gesamten Bevolkeiung mit einer holleren sind gediegenen Volksbildung vor, etwa wie sie in Dänemark bereits zur Tatsache geworden ist. Dieses Ziel könne durch die Ausxtrahlungen der geplanten Hochschule erreicht werden. Ein weiteres Eingehen auf die einzigartige Leistung der zionistischen Organisation und ihre finanziellen Institute gab dem Redner Gelegenheit, an die Ver- Sammlung den dringenden Appell zu richten, auch hier ihrer Pflicht gegen die Bewegung eingedenk zu bleiben. Insbesondere der Absatz der J. C. T.-Aktien müsse in ganz anderem Maße als bisher betrieben werden, wenn die Bank wirklich das werden solle, wozu Herzl sie gemacht wissen wollte. Die fortschreitende I iebräisicrimg des Kongresses uries Dr. Klee als eine ganz besondere Errungensdiaft des Kongresses. Auch liier bieten sieb der Jugend Aufgaben, die keiner vernachlässigen darf, will er sieh nieht einer Versündigung an seinem Volke schuldig machen. Die ״HisLiilruth“ bietet speziell in Berlin einen jeden hinreichende Gelegenheit, das Hebräische zu erlernen, Als zweiter Redner sprach Dr. Heinrich Locwc. Er erklärte eingangs seiner Rede, daß er im Gegensatz zu seinem Vorredner die Absicht habe, am Kongreß Kritik zu üben. Vorbehaltlos allerdings sei der Beifall, den auch er den Turnern und Sjiortslcuten für ihre prächtigen Leistungen zollen müsse. Die Disziplin, die exakte Ausführung der Uebnngcn und der hohe Grad turnerischen Könnens, der gezeigt wurde, hätten einen jeden Zweifel au der körperlichen Leistungsfähigkeit unseres Volkes im lleschaiier verstummen gemacht. - Die Eröffnungssitzung des Kongresses, die auf einen jeden, der unsere früheren Kongresse nicht gekannt hatte, einen ganz übcrvvältigenden Eindruck gemacht habe, mußte den, der sieh früherer Kongresse erinnerte, die Herz! eröffnet hatte, als schal erscheinen. Auch die erste Gesehäftssit/ung zeigte ein müdes Tempo, und erst als Wo I f f s o h n seine große Rede in der Generaldebatte hielt, erhoben sich die Verhandlungen zu der alten I lohe. Wenn der Kongreß schließlich einen befriedigenden Ausgang genommen habe, so sei das Ikivid Wolffsohn zu danken, der es verstanden hatte, unter der neuen Leitung eine Disziplin zu üben, wie man sie seinen früheren Gegnern nur hätte wünschen können. Die Vergrößerung des E. A. C. durch den Hinzutritt Tschlcnows begrüßte Dr. Locwc aufs wärmste und nannte als einen jener Männer, die er gerne wieder in unserer obersten Leitung sehen würilc, Ussischkin, den er neben Wolffsohn und I) r. Ru pp in als den Mann nennt, der sich aus der großen Zahl starker Persönlichkeiten, über welche wir verfügen, noch besonders hervorhebt. Alsdann trat Erkli Burin, der Ilaiiptturnwart der ״Jüdischen Turnerschalt“, dem die Leitung des Wiener Turntestes unterstellt war, von lebhaften! Beilall begrüßt, ans Rednerpult. Cr gab eine anschauliche Schilderung davon, wie der Plan zu dem Feste entstanden war, wie er allüberall in den Reihen der Turner begeisterten Widerhall geweckt hatte und wie dann mit emsigem ,Eiter an die Vorbereitungen geschritten wurde. Die Generalprobe, die am Morgen »!es Turnfestes veranstaltet wurde, zeigte noch einige Ver.schiedenheiten der Auifassung und Unebenheiten, wie sie bei der Vielsprachigkeit und weiter Dislozieruug der Vereine unvermeidlich waren. Aber am Nachmittage, als das F'est begann, halte man sich ühcr alles verständigt mul der Erfolg überraschte auch diejenigen, die mit allen Details vertraut waren. Die Disziplin aller Teilnehmer genügte »len höchsten turnerischen Anforderungen und alle Teilnehmer, ohne Ausnahme, verdienen den Dank der Verbandsleituiig. Das turnerische und sportliche Können besonders iler Wiener und Budapest er habe allgemein überrascht, Rechtsanwalt (irti f.c 11 h a g e u sprach sodann als Vorsitzender des Bar Kochha über die ,, N a t i o - aale E r z i e 1111 n g i ווו B a rKochha, A u f g a b e und Arbeitsmethode.“ Er führte ans, daß das beste Mittel, die Mitglieder an den Verein zu fesseln und ihnen gleichzeitig nationale Gefühls- »verte zu gehen, das sei, auf Turnfest»'11 wie dem in Wien veranstalteten ihnen den weltumspannenden Zusammenhalt des nationalen Judentums vor Augen zu lühreu und hervorragende Leistungen zu zeigen. Dies sei schon bei früheren Turnfesten »vie vor dem Hamburger Kongreß und bei dem letzten Berliner Ilallentiiru- und Sportfest des deutschen Kreises, ganz, besonders aber in Wien der Fall gewesen, wo der IS.ir Kochha z. B. auf dem Sportfeste von 10 ersten!,reisen •i errungen habe, jedoch mülHe mehr als bisher auch versucht werden, Kenntnisse über Natioualjiulentum mul jüdische Geschichte zu verbreiten; dies könne nur in kleinen Kursen mit geringer Teilnchmerzahl geschehen. Die Einrichtung dieser Kurse und die Beschaffung eines geeigneten Klublokales sei <jie Aufgabe des Vorstandes im nächsten Gefichäftsjahrc. Auch sei zu lioflen, »lall der Bar Kochha Fortschritte iu der I Icbräisicrung und der Liiifiihrung der lu-bräischen Koimmudaspraehc machen werde. Die Notwendigkeit der Einführung dieser habe sich deutlich auf dem Turn lest gezeigt. Nur durch Einführung der Hebräischen in der Turnerschaft kann das Sjiraehgemisch für die Turnerschaft überwunden werden. Der Referent schloß mit der Erklärung, daß der derzeitige Vorstand des Bar Kochha auf ein Programm intensiver nationaler Arbeit bin wiedcrgewählt werden wolle und mit allen Kräften bestrebt sein werde, dieses Programm durch- Zufuhren. Der derzeitige Stand der Beilisaffäre Senator Meißner, Vorsitzender des Kiewer Geriehtsliofes, vor dein sich demnächst der liciiis- Prozeß uhspictvn wird, batte jüngst einem Vertreter des Uusskojc Slowo“ erklärt, »lall die Staatsanwaltsehaft ״mit aller Macht" auf der Anschauung bestelle, daß ein Ritualninrd vorliege, ohne imlessen ״das jüdische Volk in seiner Gesamtheit mit Ritualmonk'ii in Verbindung zu bringen‘‘. Andererseits erklärte Senator Meißner, daß der Vertreter der Anklage ״wahrscheinlich davon absehen werde, zu erörtern, ob es sich um eine Sekte oder um eine Tat einzelner Fanatiker handle“. Die i’crsöntichkcit des Senators Meißner, eines klugen Mannes und gewiejifen Juristen, verleiht seinen Wollen eine ganz besmiiiere Bedeutung, und da bis jetzt kein Dementi seiner Actißcriingcn er folgt ist, so darf auch au der Riehtigkeit der vom ״Russkojc Slowo“ veröffentlichten Erklärungen des Senators nicht ge/weitelt werden. Wie steht es nun aber um den Angeklagten Beilis, 11er im Verdacht steht, den ,,Kitnahiiord“ an dem Knaben Justsclünsky verübt zu haben und dieses Verdachtes wegen bereits über zwei Jahre in Untersuchungshaft gehalten wird? Bis jelzt hat ihm nichts weiter bewiesen werden können, als daß er iler einzige Jude war, der in der Nähe der Mord- Stätte gewohnt hatte. Zwar hat der Vertreter der Anklage eine Reihe Zeugen geladen, die gesehen haben wollen, wie Beilis »len Knaben Justsclünsky irgendwohin geschleppt haben soll, imlessen — so erklärt Senator Meißner selbst - ״handelt cs sich dabei lim eine Sorte Menschen, deren Aussagen mit äußerster Vorsicht atilziinehtnen sind“. Pie Mords:1cl»1• Justsclünsky stclH sich demnach, <ler Ansicht des Vorsitzenden des Kiewer Gerichtshofes zufolge, folgendermaßen dar: die von der Anklage geladenen Zeugen ״sind mit äußerster Vorsicht aiiizimehmeu‘‘ - trotzdem sitzt Beilis schon das dritte Jahr in Untei stichlingshaft. Das jüdische Volk wird nicht der Ritualmorde beschuldigt (was, wie Senator Meidner bemerkt, ״keinem einst »lenkenden Menschen entfallen kann‘‘), trotzdem besteht die Anklage ,,mit aller •Macht“ auf »lein llitualmord und verzichtet nur darauf, zu untersuchen, ob es sich um eine ״Sekte“ handelt, die Ritualmorde aiislührt. Die Anklage richtet sich somit ״mit aller Macht“ gegen eine Präsumtion, die indessen weder das jüdische Volk, noch irgendeine bestimmt umrisscne Gruppe ist. Unter diesen Umständen, sollte man meinen, wäre ein Prozeß nach streng juristischen Grundsätzen gar nicht denkbar. Nullutn crimen sine persona, tin Gcrichtstrihunal ist keine Akademie und keine Rcgieruiigskominission, lind cs kann die Dinge nicht ,,als Ding au sich“ beurteile», Die Aufgabe des Gerichts ist cs, den objektiven Tatbestand des Verbrechens im Verhältnis zum subjektiven Urheber der Tat zu ergründen und »las Schuklinaß lies Täters fcstzustellen. Ohne Täter kann die Tat nicht Gegenstand einer Gerichtsverhandlung sein; so lange das Subjekt fehlt, ist »1er objektive Best an »I der Tat nur ein Material der Prüfung und »ler Untersuchung, Trotzdem bereitet man sich vor, über eine unbekannte Gruppe von Subjekten Gericht zu hatten, die nicht mir nicht der Täterschaft überführt ist, sondern deren konkrete Existeuz überhaupt problematisch erscheint. Das ״]ü- 11 iseiic Volk“ kommt nieht in Betracht; das behaiiptet ״kein ernst tlettkcmlcr Mensch“. Ob cs sich um eine ״Sekte“ handelt, soll nicht untersucht werden. Die Anklage will nur ״mit aller Macht“ beweisen, »lall es sich um einet» Rituahnord hamiclt, und beruft sich dabei auf Gutachten, wie »las von Prauaitis, von Sikorski und von »udcreii ,,Gelehrten“. Der Täter soll Beilis sein. Das Gericht hätte also auf Grund von Zeugenaussagen, die ״mit äußerster Vorsicht mif/iinchmcii smil", zu entscheiden, ob Beilis des, Mordes an dem Knaben Justsclünsky schuldig »st uml, wenn ja, ob es sich um einen Ritualmorii ha11dc*'te. Nehmen wir an, »laß die Anklage es ״mit aller Macht“ beweist, daß der objektive Falbestaml eines Ritualmordes vorliegt. Der Staatsanwalt hat sich da« vorgenommen. Nehmen wir a,ber zugleich an, 11:11» i'ie ,,zwcikThaflen“ Aussagen der Belastungszeugen nicht ausreiehen werden, um die subjektive Täterschaft des Angeklagten zu beweisen. Die juristische Bedeutung eines solchen Urteilspruches wäre nichtig. Es hätte nur Wert in der Anwemliing auf eine Person oder eine Gruppe von Personen, deren Täterschaft als erwiesen gelten könnte. Gegen ״Unbekannte“ ang;wendet, hätte eine solche Entscheidung des Gerichtes keinen anderen Wert, als den eines Gutachtens von Prauaitis, Lutostauski und der anderen Sachverständigen der Anklage. Es wäre kein OerichtsuPeil, sondern ein Papier mehr iu »lern grollen Wust der Papiere, den dieser Prozeß bereits ge zeitigt hat. Eine Aufgabe, die wohl schwerlich der Würde des Gerichtes entsprechen würde. ,,Res judicata pro verdate habctitr.“ Hier gibt es aber keine res judicata, denn es feilt die persona judirntri. Jemand hat »len Knaben Judschinsky ermordet, doch dieser ״jemand“ ist niemals verhört worden, und es steht da 11 in, wie sich dieser Mord darstellvn würde, wenn dieser ,Jemand‘‘ gesprochen hätte. Die Entscheidung des Gerichtes würde nur bedeuten, daß die Geschworenen den Argumenten eines Prannitis zugänglicher wären, als jenen des Professors Troitzky, denn wo ein Angeklagter fehlt, da kann sieb kein Gericht eine eigen« lebendige Ueber/eugung bilden. Aus dem Gesagte! fjeht hervor, daß es sich nicht darum handelt, yarhandene