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Jüdische Rundschau · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 415 dachten außer Gott. So entstanden alt die Unbedinptc״ die heiter ihr Leben dem Scheiterhaufen darbrachtcn, all die Starke«, und Gütigen, die ״och am Kreuze erkannten, wie an ihrem Olaubcn die Umweit zerschellte. Das ist Radikalismus Eine Idee in ihrer ganzen kosmischen lotal.ta , ,״ ihrer tiefsten Tiefe, in ihr״■ unberührten Reinheit erf״s־en und den Komplex der Triebe und des Wolle!״, der das Ich bildet eins werden lassen mit ihr; das heißt Radikalismus UnbcdiriRthcit. Eindeutigkeit. Einheit. Liner Idee Macht einriii.inen über sich und demütig ihr Knecht werden; sich aller Triebe cntütißcrii, die «luncrli&Ih ihres ■Bc* reiches liegen, und fortan kein anderes Leben mehr führen als ein geweihtes - das ist das Leben der Radikalen. Radikalismus ist schlechterdings absolut Nicht daß ihm die Idee, wichtiger scheint als ihre Verwirk- Heining, aber ihm fehlt jegliche Relativität und damit jegliche Beziehung z.u der Frage, wie man verwirklicht. Er hat nur den Drang zur Verwirkliehung, einen blinden, monomanen, eorwärtsstüriueuden Drang. Darum aber darf er auch nicht verwechselt werden mit jenem Pseudoradikalismiis, der heute im Zionismus stark wird: mit dem Radikalismus jener Männer, die zu ihm kamen aus Gründen der Taktik und weil ihnen eine radikale Politik die beste Realisicrungsmöglichkcit dünkt. 111 ihrem Innersten sind sie nichts weniger als radikal, denn Radikalismus überträgt sich ja auf das persönliche Leben — ihr Radikalismus ist nur ein Opportunitätsradikalismus, eine politische Sache - Radikalismus aber steht weit über Politik und Taktik, turmhoch, wie die Tat über dem Gedanken. 11. Kommen wir zum Zionismus. Prüfen wir, an welchem Punkte wir das Stemmeisen des Radikalis• mus ansetzen müssen, um das Gebäude zu zersprengen. Doch stumpf gleitet unsere Waffe ab an dem, was man Zionismus nennt: das Baseler Prograinm. ״Die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina —“ ist dies eine Idee? Ist dies ein Etwas, das man mehr oder minder radikal erleben kann? Nein — entweder man ist dafür oder dagegen; aber kein Spielraum ist hier für Nuancen des Radikalismus. Man hat einen schweren Fehler begangen, als man den Zionismus als Idee dem Zionismus als Programm gleichsetzte. Das Baseler Prograinm ist nichts als, ein Program, ein politisches, ein Arbeitsprogramm. Zu ihm kamen wir alle aus den verschiedensten Gegenden — konnte man das vergessen? War es eine Idee, die uns alle gemeinsam beherrschte? Wurden Nordau und Struck, Herzl und Syrkin, Heymann und Buber durch die gleiche Idee Zionisten? Nein doch: Jeder von uns lebte in einer anderen Idee — und eine seltsame Fügung gab es, daß wir alle, Philanthropen und Palästinenser, Weltliche und Geistliche, uns in einem merkwürdig einheitlichen Sammelbecken zusammenfanden, in das uns unser Drang zur Verwirklichimg geführt hatte. Dieses Sammelbecken war das Baseler Programm; alles aber, was ideell ist am Zionismus, liegt nicht in, sondern vor diesem. Darum kann man zwar, wenn man das Programm im Auge hat, nur von einem Zionismus sprechen; sobald man jedoch von den Ideen spricht, die die Zionisten beherrschen und zu Zionisten gemacht haben, so muß man sich halt mit dein Wort von den ״Zionismen“ befreunden, trotz allen Sträube!״. Einzig und allein in diesem Bereich der Ideen, die v 0 r dem Programm liegen, ist die Fragestellung nach dem Radikalismus möglich. Als Ideen sind alle Ideen gleichwertig. Eine jede Idee kann man mehr oder minder radikal erleben. Hieraus allein geht schon hervor, daß man die gegensätzlichsten Arten von Zionismus vertreten kann, ohne sich hinsichtlich des Radikalismus גu unterscheiden, m. a. W.: daß keine Art Zionismus für sich das Monopol des Radikalismus in An- Spruch nehmen darf. Aus den zahllosen Ideen, die zum Zionismus führten, greifen wir blindlings einige heraus: Zuerst die hausbackenste: die etwas bäuerlichalltägliche Idee der Bruderliebe. Sie schuf den Zionismus des grölen Mitleides. •Zwar ist nicht jeder imstande, diese Idee in aller Unbedingtheit zum Leben erstehen zu lassen. Ucberströmende Liebe und Güte müßte die Seele füllen wie bei dem Juden Jesus und Stärke wie bd Franz von Assisi. Die Menge aber bleibt vor des Toren und kauert auf der Schwelle der Philanthropie. Weiter: die Idee des Judaismus, der frei sich entfaltenden jütischen Geisteskultur. Und hier entstand der Misrachf-Zionismus einerseits, der Kulturzionismus andere iseits. Beide haben gleichermaßen Komprotnißler uid Radikale hervorgebracht — ja gibt es denn vklleicht überhaupt einen radikaleren Dia- Spora-Zionismus, als die im Misrachi-Ziontsmus durchgeführte Abkehr von der Orientierung nach deutscher Sitte mul deutschem Geist? Und weiter: die Idee des Sozialismus. Ist Oppenheimer in seiner Ideologie minder radikal als Buber in der seinen? Und noch eine vierte Idee will ich hcratisgreifen: den Paiästinagcdauken, die Idee der historischen Kontinuität, da» Bewußtsein der unlöslichen Verknüpftheit mit dem Lande Palästina, das uncrschütlerliehe Wissen, das kein anderes Land uns, persönlich, als einzelnen, annähernd so viel geben kann als das Land der Väter- Nicht dieser Aufsatz gibt den Rahmen, die mannigfaltigen Ideen des Zionismus einander in Ausführlichkeit gcgcnüberzustcllcn; nur begrifflich, sehematiscli sollte hier geprüft, werden und diese Prüfung ergab Unsere Aufgabe ist cs, als vollkommen gleichberechtigt anzuerkennen einen jeden, der sich zum Baseler Programm fand — ganz gleich, aus welcher Idee heraus. Wir haben nicht das Recht, die Tore zu verschließen vor Männern, die gleich uns Palästina wollen, aber vor einer zionistlsehen Fraktion eine gewisse Scheu empfinden. (Siche den Artikel von Rosen in ״Ost und West“.) Denn es gibt auch in unseren Reihen Fraktionen, die be» grifflich auf gegensätzlichem Boden stehen; stehen sich doch religionslose Zionisten und Misrachistcn, Turn Juden und Hubcrianer scharf gegenüber. Warum sollten wir nicht Platz haben für neue Fraktionen, sofern sie nur das gleiche Ziel wollen wie wir: Palästina als neue jüdische Heimat? Die Radikali• sicrungsmcthode hat versucht, den Begriff ״national“ als Kriterium zu betrachten und uns radikal abmgrenzen von den Nichtnationalen. Lassen wir diesen Irrtum fallen! Denn nicht nur, daß jeder unter national etwas anderes versteht (Geist, Religion oder Körperlichkeit)' gibt es tatsächlich auch unter den Gegnern ehrliche Nationaljuden. Nicht ein solcher mystischer Begriff kann die Scheidegrenze bilden — diese bildet allein das Ziel und das Ziel heißt Paliistina, Und darum soll die Frage ״Wie stehst du zu Palästina?“ einzig und allein das Erkennungszeichen der Brüder in Israel gehen und jeder, der sic wie wir bejaht, sei unser Mitstreiter. Die Forderung des Radikalismus aber, die wir jetzt proklamieren, lautet alsdann: Nicht welcher Art du Zionist bist, will ich wissen. Aber daß du cs ״mit ganzer Seele und von ganzem Herzen“ bist, das verlangen wir. Bewahre du deine Idee und laß mir die meine — doch lebe ihrer eingedenk, ״wenn du aufstehst und wenn du dich niederlcgst —״ Das Baseler Programm verlangt kein Glaubensbekenntnis, sondern Mitarbeit. Und darum sei unsere Forderung nicht die Richtung, sondern die Intensität. Vernichten wir den Radikalismus, der Intoleranz predigt gegen Arten von Zionismus, bauen wir aber auf jenes Gebäude grandioser Monomanie, in dem sich alle Starken und Unbedingten, in freundlicher Schätzung ihres Nachbarns, zur gemeinsamen Arbeit einfinden. Das 7tE5״a- und Sportfest in Wien Wir haben in Wien unsere Erfahrung wieder um eine bereichert. Früher begründete man ylie jüdische Tiirnbewcgung damit, daß wir Juden ein schwaches, degenerierendes Volk seien. Wir haben in Wien einsehen müssen, daß das nicht richtig ist. Wir haben eine zahlreiche, mannhafte, frische Jugend. Uns Turnern sollte dieses Selbstgefühl eigentlich nicht neu sein. Kommt es uns doch bei jeder neu erlernten Uebung zum Bewußtsein, daß wir selbst keine Schwächlinge und Feiglinge sind, jede gute Leistung hebt von neuem unsere Selbstachtung und unser persönliches Selbstbewußtsein. Und doch, mit dieser überzeugenden Wucht haben wir dieses Hochgefühl des Stolzes noch nicht empfunden. Unser altes schwaches Volk wird wieder jung und stark. Das war der Gedanke, der uns erfüllte, als wir 1500 auf dem Sportplatz zur ״Hohen Warte“ in Wien vor etwa 13 000 Zuschauern einmarschierten. Keiner der Zuschauer konnte sich wohl dieses Eindruckes erwehren. Der tosende Beifall und Jubel der uns e!npfing und gar kein Ende nehmen wollte, zeugte genirgend von dieser Stimmung, Und auch wir alterprobten Kämpen, die wir in Schauturnen und Wettkämpfen eine gewisse Erfahrung haben, wurden ein Opfer dieser Stimmung. Manch guter Vorsatz einer strammen Haltung und guter Richtung wurde zuschänden; doch konnte das den Eindruck der 1500 wenig schmälern, Wenn wir ein klein wenig zur Seite schielten, 80 sahen wir, daß der mehr als 300 tn lange Zug fast das ganze Rund der Laufbahn deckte. Mit Recht wies Rechtsanwalt Oreifcnhagcn, der Vorsitzende des Ausschusses der Jüdischen Turnersebaft, In der Festrede darauf hin, daß dieser gewaltipc Aufmaresb und die Unsumme an turnerischer und erzieherischer Arbeit, die er Tepräseiitiert, allein der Macht der nationalen Idee im Judentum, und damit in erster Linie dem Zionismus zu danken sei. So wurde das Turnfest zu einer einzigen großen Demnnstration des nationalen Gedankens, zu einem Zeugnis der Grüße und Kraft der jung jüdischen Bewegung. Die Antwort Selicmarja Lew ins zeigte, daß auch u..:crc Führer ihr Urteil über un* und unser Volk in Wien ein klein wenig, und zwar auf der Aktivseite, ändern mußten. Dann die Freiübungen. Schräg vor uns stand der Kinematograph. Da heißt es elegant turnen, denn der Film hält alle Fehler und Schwächen mit unübertrefflicher Exaktheit fest. Mancher von uns wird sich freuen, später auf dem Film zu sehen, wie er geturnt hat. Auch etwas Neues für uns. Aber wir können nicht klagen, cs klappte tadellos, so viel wir in Reih und Glied beobachten konnten. Das Geräteturnen bot uns schon mehr Gelegenheit,' die Leistlingen unserer Turner zu beobachten. Ich war erstaunt, was in Wien und vor allem in Budapest geleistet wird. Auch kleinere Vereine boten recht Gutes. Bei den Ucbungen der Damen waren wir wieder mal Publikum. Hier übertrafen die Leistungen alle Erwartungen, da infolge der örtlieben Verschiedenheit, die Ucbungen ganz verschieden eingeübt waren, und erst in mehreren Proben ״ausgeglichen" werden mußten. Die Sondervorführungen hatten ein ziemlidi umfangreiches Programm. Die Musterriege de» Deutschen Kreises am Reck, die Gewehrsprungriege aus Posen, die Damcnriegc am hochgestellten Schwcbcbaum aus Wien boten liier die schönsten Leistungen. Aber auch die anderen Riegen zeigten Gutes und Originelles. Eindrucksvoll waren die schwedischen Vorführungen der Wandervögel aus Lemberg, nach hebräischer Kommandosprache. Ein Hockeymatch Hakoah, Wien, gegen Bar Kochba, Berlin, das wir mit 0:1 verlören, weil noch nicht die Hälfte unserer ersten Mannschaft antrat, bildete den Schluß des Festes. Das Fest hat wieder einmal bewiesen, daß wir den Vergleich mit allen anderen Turnorganisationen aushalten. Berücksichtigt man die Jugend unserer Bcwegung und die Schwierigkeit ihrer Arbeit, so gibt uns das für die Zukunft frohe Zuversicht. Die Fortschritte, die die Turnbewegung seit dem Hamburger Schauturnen gemacht hat, sind enorm, ln Basel 1903 etwa 30, in Hamburg 1909 noch nicht 200 Turner, allerdings ohne Ortsvercin, in Berlin zum Kreisturntag 1913 über 500 bei geringem auswärtigen Besuch, und in Wien 1500, darunter allerdings etwa 100 Knaben und Mädchen aus den Wanderbund ״Blau- Weiß“. So dokumentiert sich in Zahlen der riesige Aufschwung, den die Bewegung in den allerletzten Jahren genommen hat. Nur einer war unter uns, der alle diese Turnfeste mitgemacht hat, Herr Theo-, bald Scholcm, der frühere Vorsitzende der Turnerschaft und des Bar Kochba, Berlin. Das Turnfest bot aber noch mehr. Das Zusaimnentreffen der Führer aus allen Ländern gab Oelegenhcit zu einem regen Austausch der Ideen. Zeugte das Turnfest schon von gewissen Traditioncu, die sieh bei uns entwickelt haben, so bewies das Sportfest am nächsten Tage, daß wir auf dem besten Wege sind, auch den Sport bei uns heimisch zu machen. . Zwar waren die Leistungen meist noch nicht hervorragend, doch darf man in Anbetracht der kurzen Zeit der Arbeit die Ansprüche nicht zu hoch setzen. Gute Besetzung hatte eigentlieh nur der IÜÜ-m־Lauf, was zwar nicht in der gestoppten Zeit (11,4 Sek.) zum Ausdruck kommt. Doch dürften die ersten drei Sieger Roth .(Budapest), Langomer (Berlin) und Lederer (Wien) überall Erfolg haben. Vielseitige gute Leistungen zeigte Roth (Budapest), der auch im Kugelstoßen (11,4 m), im Diskuswerfen (29 m) und im 400-m-Laufen (56,8 Sek.) siegte, ferner Friedmann (Wien), der den Dreikampf gewann und E ge r (Berlin), der im Stabhochsprung und im Speerwerfen den ersten Platz belegte. Langomer (Berlin) gewann den Hoch- Sprung (1,58 m) und Kupp erst ein den 1500-m- Lauf. In der Kreisstafette (10X100 m) wurde der Kreis Westöstcrrcich, in der Vereinsstafette der V. A. C. (Budapest) Sieger. Die Abwicklung war flott, die technische Durchführung teilweise nicht ganz sportgerecht. Das mit großer Spannung erwartete Fußballmatch Hakoah (Wien) gegen V. A. C. (Budapest), die beide recht Ansprechendes leisten, endete mit einem knappen Sieg des Hakoah (1:0). Wir haben zwar keine Veranlassung, mit den Resultaten sonderlich zufrieden zu sein, aber immerhin ist ein gewaltiger Fortschritt gegen früher zu ver• zeichnen. Den Abschluß de! Ganzen bildete ein Kominert im Sophiensaal. Auf die Ansprache des Vorsitzenden O reif enhagen antwortete David Wolff- •oha in meisterhafter Weise. Ich muß gestehen, daß

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