Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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* Seite 414 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 39 europäischer Juden im Verhältnis zu ihren osteuro• j pfiischcn Brüdern in Erscheinung. Dana brauchen wir eine nationale Erziehung. Wird der Jugend durch die Erziehung die Ucbcrzeugung cingeflöfit, dal! wir ein Volk sind, dessen Mitglieder gegenseitig Pflichten und Aufgaben haben, daß selbst in dem schwächsten unter uns die Kraft liegt, dem Volke Gutes zu tun, wird ein lebhaftes Interesse am jüdischen Volke überhaupt und ein allgemeines jüdisches Empfinden geweckt, so würden Männer heranwachsen, die anstatt eines mattherzigen Gcschchenlasscns die Selbsthilfe als ihre ן Devise aufnehmen würden. Man wird durch eine nationale Erziehung viel 1 zur Ausbildung dieser Gesinnung tun können, und j besonders Charaktere von glänzenden Fähigkeiten j und einer gewissen natürlichen Größe und Kraft t könnte man durch Erweckung eines hochherzigen, j uneigennützigen Stolzes zum Segen unserer Nation,! der Verteidigung seiner berechtigten Interessen dienst- } bar machen. Es Siegt in der Macht der Erziehung, Geister dieser Art durch den Hinweis auf die Taten großer Männer zu edlem Wetteifer anzuspornen und in ihrem Innern ein reineres und höheres Gewissen zu erziehen, ein Gewissen, das unabhängig ist von dem Urteile kurzsichtiger Zeitgenossen. Alan müßte sie lehren, ihre Taten und Gesinnungen innerlich zu prüfen, ob sie jene großen Volksgenossen billigen könnten, welche die Bannerträger und Märtyrer der jüdischen Nationalität gewesen sind. Es wird sich in ihnen ein reineres Gewissen und ein weiter Blick in Vergangenheit und Zukunft entwickeln lassen, ein Blick, welcher Festigkeit aus den Vorbildern der Vergangenheit zu schöpfen und sich selbst an dem erhofften Beifall späterer erleuchteter, glücklicherer und freierer Geschlechter unseres Volkes in der Zukunft zu weiden imstande ist. So imaginär der Beifall von Vergangenheit und Zukunft von Mensehen, die nicht mehr sind, und solchen, welche erst kommen sollen, zu sein scheint, so ist doch auf alle großen Geister, vielleicht bis zu einem gewissen Grad auf alle Menschen, das Vorbild von Leistungen der Vergangenheit — unser ״S'chutli Aboth“ — und die Hoffnung auf den Nachruhm und das Nach- ׳ wirken ihrer Ideen in fernen Jahrhunderten ein bcdeutender Antrieb zu ihren großen Leistungen und Taten gewesen, und dieses Streben, cs der Vergangenheit gleich zu tun und der Zukunft zum Vorbilde zu dienen, war ein wesentlicher und vielleicht der glänzendste Teil jüdischer Leistungen. Deshalb ist auch die Ucberzeugung von der Sicherheit einer Zukunft des jüdischen Volkes eine Vorbedingung für die psychologische Möglichkeit einer aufrichtigen Gesinnung und energischen Tätigkeit in der Gegenwart. Gleichwohl kann die nationale Erziehung nur die Keime zur Entwicklung edler Charaktere in die Jugend legen; die Ausbildung dieser Keime muß immer dem Leben und eigener Anstrengung überlassen sein. Wenn der junge Jude die Bitternisse des Goluth schon in seinen Kindcsj;ihren zu spüren bekam und auf eine gewisse Selhstvertcidigung angewiesen war, so wird er doch erst als selbständiger Mensch sich der ganzen Schwierigkeiten und Geiahten bewußt, welche seine festesten Grundsätze bedrohen. Der eine oder der andere wird vielleicht der Versuchung nicht widerstehen können und durch Uebereilung, durch Unkenntnis der menschlichen Verhältnisse und Mangel an Erfahrung sich zu folgenschweren Mißgriffen verleiten lassen; er wird vielleicht die treulosen Ucberläufer nachzuahmen suchen. Dann aber wird er sich wieder besinnen lind die Nichtigkeit jener Karriere durchschauen. Er wird erkennen, wie jene trotz der glünzendsten Erfolge auf ihren Gebieten doch nicht glücklieh werden, wie sie sich zu Erreichung ihrer Ziele tausendmal bücken, wie sie schmeicheln, lügen und heucheln müssen, wie sie immer noch trotz ihres Abfalls und schmachvollen Verrats an den ihrigen und vollständige Hingabe an die andern, von diesen ״Andern‘' mit beleidigender Herablassung oder geradezu mit Verachtung behandelt werden, wie sic schließlich, wenn sic ihr Ziel erreicht haben, doch nicht glücklich sind, sondern nur immer weiter auf demselben mühseligen und dornenvollen Wege forteilen und, wenn ihnen durch Mißgeschick oder Torheit oder durch den natürlichen Lauf der Dinge ein ferneres Fortschreitcn unmöglich ,geworden ist, ohne Würde und ohne Trost dem Elend und dem Jammer, dem Groll ihres eigenen Volkes und dem Geringschätzen anderer Völker anhcimfallcn. Der junge Nationaljude vergleicht dann mit ihrem Streben das «einige. Er hat für seine Ziele nicht nötig zu betteln und zu kriechen, das Zutrauen, welches er zu seiner Kraft besitzt und die Kühnheit, welche Wahrhaftigkeit und reme Ziele geben, lassen ihn sich den Machtigen und Großen ebenbürtig fühlen und erzwingen ihm eine mit Furcht gepaarte Achtung, seihst bei Leuten, die ihn hassen und vernichten möchten. Sein Sclbstbewußtscin wird ihn über manche Kräukungen erheben, ihn manche Beleidigungen weniger fühlen lassen, als die anderen, er wird viele der seclisehen Leiden, die die anderen peinigen, gar nicht oder doch nur in geringerem Maße kennen lernen; sein alter Stolz schützt ihn gegen die Kränkungen niederen Ehrgeizes und kleinlicher Eitelkeit. Er verbannt die ängstliche Sorge darüber, ob dieser oder jener Richter sein vollständiges Assimiliertsein anerkennt oder nicht, und die Furcht von Mächtigen und ihre Folgen, die Demütigungen vor demselben und die Empfindung ihrer Geringschätzung aus seiner Brust. Selbst körperliche Leiden verlieren etwas von ihrer Bitterkeit, wenn einem der Stolz verbietet, dieselben allzu weichlich und offenkundig zu äußern. So wird denn, wenn auch keine vollendete Eriösung, wie wir sic in der Heimstätte erwarten, so doch eine relativ hohe, menschliche Seelenruhe die Frucht redlichen und treuen Strcbcns zum Volkswähle sein. Gleichwohl wird man sich der Tatsache nicht verschließen dürfen, daß die Befriedigung zum Wolde der'eigenen Nation beizutragen nicht in allen Gcmütern einen gleich geeigneten Wohnsitz finden kann. Eine nationale Jugenderziehung würde allerdings viel zur Pflege eines edlen Stolzes auf redliches Streben und wackerer Taten tun können. Aber es gibt unzweifelhaft Naturen, in denen der heilige Funke dieser Begeisterung nicht anzufachen ist, aber auch wenn die Zahl jener Männer, welche vorwiegend die Interessen der Nation zu fördern bestrebt sind, nur gering bleibt, ihr Einfluß würde nicht zu verachten sein. Sie würden durch• Wort und Schrift und durch das Vorbild ihrer Persönlichkeit in engerem oder weiterem Kreise auf die Volksmasse, die dem Nachahmen und Bewundern geneigt ist, mächtig einwirken, sic würden die wahren sittlichen beiter und Lehrer des jüdischen Volkes sein. (Beifall.) Und in der Tat scheint die Zahl der Naturen, welche sich im Stillen durch das Streben nach Achtung vor sich selbst leiten lassen, nicht allzu gering zu sein, Sind wir doch ein Volk, daß im allgemeinen an Idealisten reich ist; je kräftiger und größer aber eine Natur ist; je empfindlicher sie für geistige Genüsse, je mehr sie hochherzigen und edlen Regungen zugänglich, je mehr sie geläutert ist durch Nachdenken und Geistesbildung, um so mehr pflegt sie Verständnis und Empfänglichkeit zu besitzen für die tiefen und unerschöpflichen Befriedigungen, welche ein Mensch empfindet, der sich mit seinem Volke eins fühlt und der sich für ein wackeres und tätiges Mitglied seines Volkes hält. So wird durch nationale Erziehung und Propaganda auch das jüdische Leben in der Diaspora von seinem Zwiespalt und seiner Zerrissenheit einem inneren Ausgleich näher kommen. Mit dieser Tätig• keit wird sich der Zionismus zu befassen haben. Geehrter Kongreß! Es ist eine langwierige Arbeit und wir haben unmittelbare Aufgaben, in der eigentlichen Arbeit in Palästina, die für uns die Hauptsache bildet. Aber wir werden uns auch mit diesem Problem immer mehr zu befassen haben. Werden unsere Schilderungen und unsere Ratschläge endlich Licht bringen den Augen jener, die berufen sind, zu sehen? Noch ist’s nicht zu spät, aber die zwölfte Stunde naht. Möge sich unser Volk aufraffen und aus dem Traum erwachen, in den es die Untätigkeit gelullt. Wir hoffen es, und um dies zu. erreichen, fahren wir fort, unsere Arbeit zu tun.f Unsere Idee, sagen manche, trete agressiv auf und wir verstießen fortwährend gegen die milde, friedfertige Gemütsstimmung und Behaglichkeit. Wir gestehen, daß wir vieles aus der Nacht ans Licht gezogen haben. Aber noch weit mehr kann man uns vorwerfen. Auch an tiefen Problemen haben wir gerührt, haben die Krankhcitssymptoinc analysiert und Heilung gesucht für die Schäden der Zeit. Wir erwarten ohne Furcht den Wahrspruch der Geschichte. Sie wird sagen, daß wir die Augen unbeweglich auf ein Ideal gerichtet, niemandem zu Leid und unserem Volke zum Segen, auch in das Leben der Diaspora ordnend und klärend eingcgriffen haben, und daß wir mit ernstem Sinn in die Ursachen und Zusammenhänge cingedrungen sind, durch die das einzige Rettungswerk für die Diaspora, die jüdische Einheit, geschaffen werden muß. Ja, das Leben der Juden in der Diaspora ist noch ein Chaos, aber es regen sich schon die Keime neuer Gedanken, die mehr und mehr ans Licht gelangen. Verborgen und rein wie das Gold in den Tiefen der Erde, liegt die gestaltende Kraft im Chaos; der Zionismus in der Diaspora. Dieser Kraft gehört die Zukunft! Radikalismus Ein Beitrag zum Studium der Phraseologie. Von Heinrich AAargulies - Berlin. Kein Wort gebraucht man in den Reihen der dcutsehen Zionisten zurzeit!läufiger, als das vom ״Radikalismus". Jeder empfindet, daß die letzten Jahre eine Epoche der Radikalisierung darstcllen und jeder betrachtet die Wortführer dieser neuen Strömung als die einzig Radikalen, an denen gemessen sämtliche anderen Zionisten halbe Kompromißler und inkonsequente Versöhnlichkcitspalitikcr bilden. Dies zeugt zur Genüge, drfß auch der Begriff ״Radikalismus“, wie alle Worte, die man täglich im Alunde führt, an Schärfe und Präzision verloren hat, die Konturen sind verschwommen, ungeklärte Vorstellungen drängten sich ein, und bald entgleitet der Begriff ins mystisch-nebelhafte Reich der Phrase. Eine Bewegung aber, die wie die unsere das ewig gärende Leben verkörpert, hat die doppelte Pflicht, darauf zu achten, daß keine Erstarrung eintritt, und hat die Aufgabe, jede Dogmatik durch unermüdliche Purifizierung der bestehenden Begriffe zu verhindern. Darum müssen wir das Wort ״Radikalismus“ fein säuberlich hcrausschalen aus dem Wust nebensächlicher Beimengsei, um ehrlich Stellung nehmen zu können zwischen ihm und seinen Feinden. Wenn man rein empirisch den Begriff des ״Radikalen“ zu erfassen, ihn aus der Geschichte abzuksen versucht, so verweilt man zuerst bei den Reihen jener Männer, die von der Nachwelt mit so gegensätzlichen und leider als Werturteil empfundenen Attributen belegt werden wie: Fanatiker, Propheten, Glaubcnshelden, Märtyrer, Monomanen, Besessenen. Und wenn man weiterhin rein empirisch fcstzustelicn versucht, was diese Gruppen zu einer einheitlichen vereint, so sehen wir: es ist das Wörtchen ״Glaube", Sic alle waren gläubig, sie alle glaubten an die Wahrheit einer Idee und unterschieden sich dadurch allein von anderen Männern, die die gleiche Idee vielleicht ״anerkannten“, sie aber nur verstandesmäßig verbuchten. Es scheint, daß in diesem Begriff ״Glaube“ die letzte Wurzel des Radikalismus enthalten ist. Um aber nicht einen mystischen Begriff durch einen anderen zu ersetzen, werden wir vorerst den ״Glauben" verstaridesmäßig formulieren müssen. Nun gibt es ja kaum ein Wort, das wie dieses von den heterogensten Männern als Schutzmarke ihres persönliclien Lebens beansprucht wird. Insbesondere ist auch heute noch im Hirne der Mehrzahl der Begriff ״Glaube“ ohne den des ״Gottes“ nicht denkbar. Darum sei mit besonderer Freude auf eine Untersuchung verwiesen, die Erich Warschauer* Kattowitz s. Z. in der bekannten ״Zeitschrift für Religion und Philosophie“ erschienen ließ: ״Zur Psychologie der Entstehung und Entwicklung des Glaubens“. Dankbar begrüßen wir diesen endliehen Versuch, auch diese letzten Vorstellungen präzis zu umschreiben, und werden uns im Verlauf dieses Aufsatzes eng an die dortigen Gedankengänge anlchnen. Die Bewußtseinstatsachen, die unser Begriffsvermögen zu Erkenntnissen formt, stehen uns keineswegs gleichartig distanziert gegenüber. Manche gehen still in uns hinein, fügen sich in das Alltagsleben ohne sonderliche Erschütterung, manche versinken unbeachtet in die Kammer des toten Wissens, manche aber winden sich wie Schlingpflanzen um unsere Triebe, unser Wollen, umklammern unser Ich und zwingen es in eine neue Richtung; sie bleiben nicht leeres, kaltes Wissen, sie steigen empor in die Stuben des Lebens, und sie, aus uns entstanden, von uns erschaffen und gestaltet, werden zu Herren, die uns meistern. Mit all unseren Trieben, mit unserer ganzen ungeteilten Persönlichkeit hängen wir an ihnen, schicksalsgleich sind wir an sic gebunden und jede Zerstörung bedeutet Lcbcnsvcrniclitung. So erhebt der in uns schlummernde ״Wille“ im Schopcnhauerschen Sinne, der ja unser eigentliches Wesen, unseren intciligiblen Charakter darstelit, die ihm wahlvcrwandten Erkenntnisse aus dem Reiche des Wissens in das des Olaubens, potenziert Bewußtseinstatsachen zu Ideen, die uns beherrschen und denen wir unser Leben weihen, ״wenn wir aufstciien und wenn wir uns niedcrlegcn“. So entstanden die Glaubcnshelden, die nichts waren als Männer, denen eine Idee die Seele füllte. Gleichgültig, welcher Art diese Idee war. Kopernikus wurde für den Gedanken der Erddrehung zum Märtyrer. So entstanden die Propheten, die in erhabener Monomanie der Erkenntnis Gottes ihr Leben unterwarfen und keinen Gedanken mehr Gedenket der Ablösung der Roschhaschanahglückwünsche!