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Jüdische Rundschau · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 JU EDI SCH E_R UNDSCHAU Seite 413 Proletarisicriiug! Aufrüttelung aus der Apathie, euerj׳i-;che Abwehr, und zu diesem Zwecke - Einheit. Wir müssen aber trotzdem damit rechnen, daß wir eine neue Art jüdischer Märtyrer haben ־ wenden: liütivottopfer, neue, irrende, suchende, billigende Men* selten, die an den Bettelstab gekommen sind. Sie stieren u 11,11 Blickes in die Ferne. Bald wird ״,,!, j|,1U.״ in Westeuropa, in England, in Amerika, in Südafrika begegnen. Das ist auch der Zweck des Boykotts: Jmicnaustreibung ״״f indirektem Wege. Ob die Eintt.indcrungsgebiete, die neuen uikI sehr zahlreichen Lmigrationskamlidaten aufnehiiien werden, läßt sieh niciit sagen. Die Tendenz ist ־nicht sehr günstig. Es unterliegt keinem Zweifel, da ft die bkoiioiiiiscbcti Möglichkeiten für die jüdische!! Massen in Amerika sehr groll sind. Ich stehe persönlich unter dein frischen Eindruck grober (•icmiglutmg, wie sich unserc Brüder drüben in den neuen i.ebenshedingungen mit Geschick und mustergül.igcr Tüchtigkeit n'nd auch mit einem wachsenden Interesse für Judcntuin und Zionismus mehr und mehr zfircchtfinden. Aber man möge nicht die Errichtung einer Heimstätte fur die jüdische Nation dort erwarten, ('!einig, da» unsere Brüder dort dem Amalgam,erungspro/.ell widersielten, dal) sie unetr sieh jüdisclicn Sinn, jüdisches Wissen, jüdisches Leben in der heranwnchscmlen jugeiul mit ״rollen Opfern und ׳:roher Tatkraft nach Mallgabc des Möglichen erhalten. Wir laufen jcdoclv Gefahr, im Chaos der Diaspora zu zersplittern, wenn wir nicht einen festen Kreis ziehen. Hier komme ich zu dem eigentbdicii Zweck meiner Ausführungen. Man macht uns Zionisten den Vorwurf, da» wir in der Kritik stark, im positiven i’rograimn der Diaspora hingegen schwach seien. Wir sind gewohnt, die Lage des jüdischen Volkes zu schildern. In der ersten Zeit mochten wir den Eindruck wecken, als ob wir prinzipielle Unglück«• Propheten wären. Jetzt stoben wir auf keinen Widerspruch mehr. Wir haben leider Recht behalten. Aber zwischen den Prämissen und den Schlubfolgenmgcii scheint noch immer ein Abgrund zu gähnen. Wie wollt ihr, fragt man uns, durch eure Kolonien jn Palästina die Leiden des jüdischen Volkes, die gewaltigen Konflikte der Judenfrage in der Diaspora beseitigen? Und ich unterstreiche und betone mit allem Nachdruck: Man fragt besonders uns, die wir eine, dem praktischen Leben näher gerückte Richtung des Zionismus vertreten. Denn so lange der Zionismus nur eine abstrakte Idee war, mochte der Gegensatz der Maftstäbc gar nicht ins Bewußtsein dringen. Eine abstrakte Idee kennt eben keinen Mallstab. Aber so konnte es ja nicht bleiben. Sind wir ja schon an der Arbeit, sieht man ja schon die unbestimmten Umrisse, den Werdegang und die Entwicklungsbaiin der Zukunft, ahnt man ja schon das Mall des Wahrscheinlichen und vergleicht man ja schon naturgemäß die verschiedenen Grüben. Kann der Zionismus das Leben der Diaspora ändern? Diese schicksalsschwere Frage drängt sich unabweisbar in unsere Seele. Geehrter Kongreß! Ich will Ihnen zur Beautwortung dieser Frage, dem Jammerbild der Zerrissenheit und Ratlosigkeit der Diaspora, ein anderes Bild entgegensetzen: die Diaspora, geographiseii wohl zerstreut, aber durch die Existenz eines lebendigen Zeittrums geeint; die Diaspora, wenn auch noch mit ihren von außen liereiubrechemien Leiden, aber ohne ihr ן Kteinsein, beiniitigscin, ohne ihr Versinken, ohne | ihre innerliche Untertänigkeit, ohnmiitige Uiitcrwcrj fung, ohne Assimilation, die Diaspora mit einer wirk* * liehen jüdischen Solidarität. Der (icdniike liegt uns fern, in dem Leben unsercs Volkes in der Diaspora nichts als Schatten zu sehen. Nein, so hoffnungslos ist die Sache nicht, und dem, der näher zur.ioht, wird es trotz aUedem klar, daß das Judentum auch in der Diaspora die Möglichkeiten einer ,Entwicklung in sich trägt, wenn es nur verstehen würde, einen Mittelpunkt in Pa-, lästina zu gewinnen und die Einheitskeime in sich zu finden und zur Entfaltung zu bringen. Das Judentum trägt eine innere Sehnsucht nach Befriedigung eines seelischen Ttlebes in sich, eines Triebes, der ihm sagt: du bist zu etwas Höherem geschaffen. Es hört, ob es will oder nicht, diese Stimme in seinem iiiiicrn. Es fühlt etwas, aber es weiß noch nicht, was ihm fehlt. Fragt jeden beliebigen Juden, er mag dom Zionismus noch so fern stehen, ob wir jüdische Solidarität brauchen und er wird ihnen sagen: Wir brauchen sie wie das liebe Brot. Aber was er noch nicht weiß, ist, daß eine jüdische Solidarität ohne Nationalbewulitscin eine Unmöglichkeil und das Nntionnlbewulltsein wiederum nur durch den Zionismus eine dauernde Grundlage gewinnt. Zu keiner Zeit war es wichtiger und notwendiger als jetzt, 11,1(1 wir für die Selbstverteidigung eine geschlossene Einheit ׳bilden, selbstverständlich unter strenger Wahrung unserer staatsbürgerlichen Pflieh* tun. Es fehlt aber das zu voller Einigung und einträchtigen Zusammenwirkens unumgänglich notwentlige Volksbcwubtsein, das allein eine grolle Orgnnisation schaffen und erhalten kann. Wir Zionisten haben eine solche Organisation, die mit der Zeit uns die Mittel liefern wird zu vollständiger gemeinsamer Wahrnehmung unserer iLcbcnsintcrcsscii, zu gemeinsanier Beratung, zur Herbeiführung eines möglichst einmütigen Vorgehens auf allen Gebieten der Volksrettung, dieser Gedanke muli sich im Gesamtjudentum Bahn brechen. Sämtliche Moralpredigten über die Notwendigkeit jüdischer Solidarität sind sonst in den Wind gesprochen. Man mag hier und da etwas Philanihropie treiben und sich gegen Pogrome, wenn sic stark auf die Nerven gehen, entrüsten; aber mit der Zeit wird auch die Entrüstung abgeschwäclit. Man zuckt nicht mehr zusammen, inan zürnt nicht mehr, man nimmt die Dinge mit einer gefühllosen Selbst- Verständlichkeit hin, die schaudern macht. Und doch könnten wir uns zuweilen auch in der Diaspora mit Erfolg verteidigen, aber uns fehlt die Einheit, uns fehlt die erfrischende nationale Welle, die suggestive Kraft cinjL's!Mittelpunktes, die synthetische Zusamtnenfassung aller Lebenskräfte und Lebenserscheinungett in einem festen und einheitlichen Prinzip der Volkserhnltimg. Ohne ׳palästinensischen Zionismus würde das Nationalbewufitseiii nur eine leere Abstraktion sein, Durch Palästina führt es sidi in die Wirklichkeit ein. . Die Vcrbindungsbrückc ,zwischen Zionismus und dem Diasporaproblem , ist das jüdische Nationalbewubtsem. ■Hier stehen wir auf dem festen Boden eines Programms. So kann lind wird uns Palästina auch hier helfen, indem cs eine jüdische Solidarität schaffen wird. Eine Wechselwirkung tritt zwischen dem Zentrum-Ideal Palästina und der Umkreis-Wirk• liclikcit Diaspora ein. Das Tun gehört noch der Diaspora, der Impuls Palästina. Alles versammelt wirtschaftspolitischen Aufgaben der jüdischen üeineinden. Dr. Heinrich Löwe, l)r. Jose p h Stolp und Leo Masmu wollen in ihren Artikeln über die Sprache des Gebetes und über unsere Feste und Fasttage zu einer liebevolleren Pflege der hebräischen Sprache und zu einer verständnisvolleren Innchaitung unserer religiösen Gedenktage mahnen. Die kurzen Ausführungen von Dr. Thcilhabcr über ,,die Bevölkerungspolitik der deutschen Juden“ scheinen mir besonders erwähnenswert. Aus seinen wenigen Worten schon spricht eine hohe moralische (Jesiiimmg und eine kraftvoll menschliche Anschauung, Ich wünschte, daß ein Artikel von ähnlichem Schwung in diesem Jahrbuch auch ein religiöses Problem des modernen Judentums behandelte, Schon diese kurze Angabe des Inhaltes der einzelnen Artikel des Jahrbuches zeigt, daß hier gerechte Forderungen tu offenen, ehrlichen Worten und in anregender Form zur Sprache gebracht werden. Die Auswahl und Zusammensetzung der Artikel bot sicherlich insofern Schwierigkeiten, als die An- Behauungen aller Einzelgruppen der Gemeindevereine zu Worte kommen mußten und daher nur das Gemeinsame ihrer Forderungen und Ucber• Zeugungen mitgeteilt werden konnte. Was ich außer den kurzen Novellen und den Gedichten, über die zu urteilen ich mich nicht für kompetent halte, und neben dem geschmackvollen von Herrn J. H. Wagner redigierten Jahreskalcndcr noch gern geboten sähe, sind tabellarische Nachrichten aus dem allgemeinen Leben der jüdisehen Gemeinden, wie man sie in einem jüdischen Gemcindcjahrbuch zu finden hofft. Ich denke an eine lesbare Darbietung der allzu trockenen Notizen aus dem 1). J. G. B.-Jahrbuch oder an s t a t i s t i s c h e Notizen über Liturgien und Gebetbücher, über das jüdische Schulwesen oder den Wahlmodus in der Mehrzahl der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Dr. G. Weil. * Der kürzlich erschienene Jahresbericht 1912/13 der New Yorker Public Library zeigt, daß deren seit einigen Jahren bestellende eigene Abteilung für Hcbraica und ijudnica jetzt schon über 20 000 Bände zählt. Diese Abteilung, die in einem besonderen riesigen Sank* untergebracht ist, ist in drei Klassen eingeteilt : die biographische, die Abteilung für Nachschlagewerkc und eine Abteilung für Zeitschriften. 1021 Bände behandeln die schöne Literatur in alt- und neuhebräischer Sprache, 1110 enthalten Jiddish- Literatur und 606 strengere jüdische Wissenschaft und Kunst, während 522 Bände Aufklärungen über jüdische Fragen, Antisemitismus, Zionismus und Itoismus bieten. Diese jüdische Bibliothek enthält mich eine hübsche Anzahl alter Bibcldruckc und Manuskripte, Brandet» israelitischer Volkskalendcr, dessen ׳i'i. Jahrgang vor kurzem erschien, enthält u. a. einen warmempfutidenen Nachruf für den verstorbenen Gründer und langjährigen Verfasser des Kalenders, Jakob II. B r a n d c i s, dessen Lebensarbeit eingehend gewürdigt wird. Bei der Reichhaltigkeit des Inhalts darf mit Recht vorausgesetzt werden, daß der weit verbreitete und beliebte ״Brandcls-Kalc’ndcr“ sich auch in diesem Jahre neue Freunde erwerben wird, > י sich in diesem Gesichtspunkt: Juden verschiedener Stände und Partciea werden durch ihn in gleicher Pflichtmiilligkeit an den allgemeinen Zweck herangezogen, ihre Bahnen begegnen sieh. Der Wille zum Leben tritt in Permanenz. Wir sind nicht mehr ein enthaupteter Körper, ,wir können nicht mehr stückweise vertilgt werden. Dieser Wandel ist mehr als irgendeine Tat; es ist eine Armierung der Denkungsweise, eine Um Wertung aller Werte, ein Umschwung, der der ganzen jüdischen Selbstverteidigung in der Diaspora eine .einheitliche Richtung gibt. Der sicherste Weg, der zu diesem Ziele führt, ist die nationale Erziehung zur Einheit. (Lebhafter Beifall.) Freilich durfte das Prinzip der nationalen Solidaritiit, wie es soeben angedeutet wurde, noch allziis. hr der praktischen' Klarheit und Anwendbarkeit entbehren. Es dürfte die Frage aufgeworfen wer* den: was beißt es, mit den anderen Juden solidarisch zu fühlen und zu handeln? Bis zu weichem Grade soll der einzelne Jude verpflichtet sein, fein eigenes Wohl, wenn es mit den Interessen anderer Juden in Konflikt kommt, denselben aufzuopfern? Diese Fragen werden sich in einzelnen konkreten Fallen mit größerer Bestimmtheit beantworten lassen, als in der Allgemeinheit, mit welcher sie hier aufgestellt sind. Es wird leider der Fehler einer jeden zusammen fassenden Formel in der Moraf eine gewiss« Unbestimmtheit bleiben, und dennoch wird man auf die allgemeinen Formeln nicht verzichten können. Die Berücksichtigung einzelner bestimmter Fälle dürfte nur ein Katechismus nationaler Pflichten bieteil können, von diesem Standpunkte aus eine der verdienstvollsten Aufgaben für unsere nationalen. Denker und Führer. Im übrigen werden sich trotz alledem einige bestimmte Grundsätze aufstellcn lassen. So wird alles, was zur dauernden Erhaltung und zum Wohlsein unserer Nation beizutragen geeignet ist, der Befriedigung eines ihrer momentanen, vorübergehenden Bedürfnisse, jeder dauernde Nutzen einem kurzen Genuß vorzuziehen sein. Ferner: alles, was für die Intcresser. eines großen Teiles der Nation erforderlich ist, wird höher geschätzt werden müssen als das, was die Interessen weniger fördert. Der national empfindende Jude wird den Wert der einzelnen Faktoren der Interessen seines Volkes abwägen und zugleich die natürliche unzertrennliche Verknüpfung einzelner vorübergehender, geringerer und auf wenige beschränkter Annehmlichkeiten und Genüsse mit dauernden, luftigen und über viele verbreiteten Leiden sowie den ursächlichen Zusammenhang, der häufig zwischen geringen Schmerzen und dauerndem Wohlsein besteht, in Erwägung ziehen; müssen. Es u׳ird oft ernster Uebcrlcgüng, gegenseitiger Beratung zahlreicher, durch Mcnschcnaltar gesammelter Erfahrungen bedürfen, um in manchen Verhältnissen das Rechte zu treffen und vor allen Dingen wird es von großer Bedeutung sein, die Neigungen und Bedürfnisse der einzelnen Volkskreise, Naturen und Charaktere zu studieren, damit man bei dein redlichsten Streben iür das Wohl des Volkes nicht in die Lage mancher Regierungen kommt, welche ihre Untertanen wider ihren Willen glücklich zu machen versuchen, indem sie ihnen, in der Ueberzeugung höherer Einsicht, vorsdtreiben, worüber sie sich glücklich zu fühlen haben. Bedauerlicherweise treten zuweilen Aspirationen dieser Art seitens west- In einem in der ״Arbeiter-Zeitung" jetzt erscheinenden Roman von Alfons Pctzold ״Erde“ finden wir die folgende Stelle: ״Der Zionismus ist eine die Trägheit ungezählter Massen Juden timpflügende Kraft, der Sozialismus des jüdischen Ostens. Er kriecht in Löcher, worin der blindeste Aberglaube mit dem gräßlichsten Elend zusammenhockt und streut dort den Samen der Autklärung in einen Boden, auf dem der Sozialismus mit seiner anscheinenden Negierung alles Mystischen mehr Haß und Verachtung auslöst als das Christentum. Die Utopie des Zionismus, die Errichtung eines Judenstaates, hat einen sehr realen Grund. Es ist die bodcnreformcrische Bewegung unserer £eit, die der jüdische Geist mit den Träumen seiner phatv tastischen Seele durchtränkt hat.“ 50 Jahre hebräische Buchhandlung. Auf ein 50 jähriges Bestehen kann in diesen Tagen die heb r ä i s c 11 e Buchhandlung C. Boas N a c h f. Berlin C, 2. N cfic Friedrich straßc 69, zurückblicken. Mit dem zunehmenden Interesse für das jüdische Bewußtsein in Deutschland begann die Ent- Wicklung der Firma, die in kleinem Kalten ange* fangen, heute ihren Kundenkreis in ganz Deutsch-!and, Rußland, Oesterreich, England Schweden, Nor* wegen, Amerika, Afrika und Palästina, besitzt. Dem vergrößerten Bedarf entsprechend, wurde vor einiger Zeit erst das Oeschiiftslok.1l durch Hinzufügung neuer Räume erheblich vergrößert, so daß die Finna, der vor einiger Zeit eine Verlagsabteilung artgegliedert wurde, heute zu den führenden Firmen des heorlttchen Buchhandels in Deutschland zählt.

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