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Jüdische Rundschau · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seile 412 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 39 schrünkter Existcnzmöglichkciten werden bis in ihre dunkelsten Tiefen verfolgt und vernichtet. Das ist das tägliche Brot des osteuropäischen Juden. Nun aber gibt es spezielle Prämien, Das Blutmärchen. (Stürmische Pfuirufe im gan/cn Saal.) Die Rotten der schwarzen Hundert, Messerheldcii und Hetzbanditen haben aus dem .alten Arsenal blödsinniger mittelalterlicher Scliauenuaren, Dämonen ־ Vorstellungen, I lexenglaiibens, Ketzer- Verbrennungen, Zauberseliwindels und des ganzen Hokuspokus, durch den das finstere Mittelalter dem Hohne alter Zeiten verfalle« ist, jene Waffe gegen uns zum Kampfe heivnrgcltoit, die das widrigste Bild einer verwilderten IMumtasiv darstellt: die Blutlüge. Ist es Wirklichkeit? Alan könnte eher an ein Phantom denken. Es kam anfangs so unglauh• lieh und läppisch vor, cs schien so tmwalirschcinlieh, daß der Mcnsdiengeist heutzutage sich mit diesem nächtlichen Spuk ernstlich befassen würde. Nun hat sich dieser Haufe von Unmöglichkeiten zur vollendeten Tatsache der Anstrengung eines Prozesses verdichtet. Ein ganzes Volk wird in Atem gehalten, in drückender, spannender Erwartung einer, Gerichtsverhandlung wegen eines rituellen Mordes, der durch eine Verkettung von Lügen und Klatsch dem Juden Beilis zugcschricbcn wird. Bekanntlich fehlt für diese Anklage jeder Anhalt, ja auch nur der Schein einer Begründung. Jeder von uns könnte in derselben Weise wie der Jude Beilis auf die Anklagebank gesetzt werden. Die Schuld des Juden Beilis ist genau so groll wie die uusrige. Sie hesteht darin, daß wir Juden sind; deshalb möchte man uns unter Wutgeheul und Itohnrufeii das Mal auf die Stirn drücken. Es ist dies eine verbrecherische und ruchlose Herausforderung des Gesamtjudentums der Welt. Es ist dies eine gemeine Verzerrung und Verunglimpfung der erhabenen Moral jüdischer Lehren, welche die (irumllage menschlicher Gesittung bilden. Daß wir diesem Bestialismus, der durch die Verbreitung wilder Anklagen seine Orgien gegen uns feiert, etwa apolegctisch entgcgeiitretcn, dieser Gedanke allein genügt, uns die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Unser ganzes Selbstgefühl bäumt sich auf, unsere ganze Zornesglut lodert auf und der bedrückten Brust entringt sich ein gewaltiger Aufschrei der in uns beleidigten Menschheit. Wir weichen voll Ekel und Entsetzen vor dieser abgrundtiefen Niedertracht zurück. Nicht gegen diese Absurdität, die sich selbst richtet, sondern gegen das System, das einem solchen Blödsinn einen Nährboden verschafft, richtet das jüdische Volk seinen flammenden Protest. (Lebhafter Beifall.) Das ganze Phänomen des Gioluth ist in der Zähigkeit dieser absurden Verleumdung enthalten. Nichts kann sic widerlegen, weder die Bullen der Päpste, noch die Dekrete der Könige. Die Autorität der Päpste ist groß, aber der Judenhaß ist noch größer; die Macht der Regierungen ist bedeutend, aber die Macht der Finsternis ist noch bedeutender. Per Entrüstuugschor großer europäischer Aeropage, der die Schmach zu tilgen hoffte, hat nichts vermocht. Hat der Judenhaß diese pikante Würze nötig, s« wird er sie he• nutzen. Die Verfolgungswut ist nie um neuen Brenn- Stoff, der die Elamme des Hasses nähren soll, verlegen. Dafür ist die iilatiuge geradezu ein Schulbeispicl Bilder aus Palästina ln zweiter Auflage liegt uns das in diesen Blättern schon öfters erwähnte Buch vor’). Wenig verändert. Ein neues Titelblatt mit einer plakntrirtigeti Paläslina- Karte, rechts und links flankiert von zwölf Sternen, lin Inhalt einiges Ziffernmäßige auf den gegenwärtigen Stand gebracht, hier und da eine Eintilgung, dazu einige neue Illustrationen. So läfit sich auch refericrendcr Weise nicht viel neues über das vortreffliche, zur Zeit des ersten Erscheinens auch in der ,,Rundschau“ nach Gebühr gewürdigte Werk sagen. Allenfalls wollen wir für diejenigen, die das Buch selbst noch nicht kennen, einige Sätze ,aus Eeiwcls (in der ״Welt“ erschienener) Besprechung hier wieder- ׳ holen. Es heißt dort* —■ nach Erwähnung von Trietschs Handbüchern über Palästina und die Levantc — : ״Schriften dieser gediegenen Art (wie wir ihrer leider nicht viele haben) sind die besten Prupagatoren. Still, obwohl sie mit hundert Zungen reden, tun sie ihren Dienst, auf heimlichen Routen, die kein Tätigkeitsbericht registriert, ziehen sie durch die Laude. In alle vier Enden verträgt der Wind den Samen, und plötzlich geht an wcgentlcgcncr Steile die Saat auf, und keiner weiß, wer der Säemann war.“ Wir können uns auch nur. nachdrücklich dem *) ״Bilder aus Palästina", von Davis Trietsch. Zweite Auflage. Mit ca. 150 Hinslrationcn (meist nach eigenen Aufnahmen des Verfassers). Preis gebunden (Silber mit Blau) 4.— Mark. *** Orient-Verlag,' Berlin-Wilmersdorf. Wir haben es auch bei den Verfolgungen mit einem Entwicklungsprozeß zu tun und da muß noch eine Erscheinung int jüdischen Leben in der Diaspora erwähnt werden: der Boykott gegen die Juden in Polen. (Pfuirufe.) Ein Teil jenes alten Polenreiehcs, das seit seinem Bestellen eine hervorragende Rolle in der Geographie der jüdischen Diaspora spielte, ist seit einem Jahrhundert ein Bruclisliiek des sogenannten Ansicdlungsrayons geworden. Phantasie oder Tendenz mochten diesen Teil als eine Art eines ״Landes (loschen in Mizraim“ bezeichnen, ln Ländern, in denen schon das nackte Dasein einen Luxus darstellt, den sich beispielsweise nur ein Mensch leisten kann, der zur ersten Kaufmannsgilde gehört, mag ein Ort, in dem diese Bedingung nicht erfordert wird, als ein Arkadien der Emanzipation gelten, Tatsächlich darf ein Jude auch in diesem Arkadien nicht auf dem Laude wohnen, wo der Boden einem Bauern gehört, wird nicht, wenn er Handwerker ist, in die bestehenden Zünfte anfgeiiommen, ist mit Bezug auf die Erziehung seiner Kinder von Ausnahmegesetzen um ringelt. Audi die Furien der großen Pogrome hatten dieses Land verhältnismäßig verschont. Im ganzen waren mir zwei bedeutende Pogrome, Warschau 18S1 und Siedlet 1006. Erste rer war zweifeihaften Ursprunges; letzterer war ein Glied in der Kette sogenannter militärischer Pogrome. Wir dachten nie daran, wegen dieses Zustandes mit der polnischen Nation zu rechten. Die polnische Nation ist selbst eine leidende Nation, die krampfliaft bemüht ist, unter schweren Bedingungen ihre Existenz zu erhalten. Alle unsere Sympathien sind auf seiten der Leidenden. Wir mochten auch annehmen, daß dieses Volk einen ganz anderen Zustand schaffen würde, wenn es zum Schmied seines eigenen Schicksals geworden wäre. Virtuosen eines Optimismus, der an Selbsttäuschung grenzt und der gewissermaßen eine Notwendigkeit der Existenz im Ooltith geworden ist, malten sich die Zukunft in rosigen Farben aus, Wenn irgendwo ,in der Diaspora eine sehr lange Seßhaftigkeit gewisse■ Zusammenhänge schafft, und das Phantom von Eindringlingen lächerlich erscheinen läßt, so ist es dieses Land der alten ״Arazoth" und ״Kehilloth“. Eine!Invasion oder eine IJebcrflutung ist die Ausgeburt einer bösartigen Phantasie, die mit Unwissenheit gepaart ist. Wohl sind mehrere Gruppen sehwerbedriingter Juden aus anderen Teilen der östlichen Gouvernements nach diesem Teil gekommen, es dürfte aber begreiflich sein, daß dieses keine Lustreise und kein Argonautenzug war. Im Lichte der Geschichte betrachtet, sind es ja die Bcwohner früherer (Teile Polens; im Zusammenhänge mit der Mnrtvriologie sind es Flüchtlinge der Verfolgung; volkswirtschaftlich ist dies ein Element, das sieli durch großen Gcwcrbcfleiß auszeichnet. Diese Einwanderung ist eigentlich Nebensache. Die Agitation bemächtigte sich dieses Motivcs, weil es mehr geeignet ist, durch die Aufbauschung liarm* loser Dinge, mit allerlei sensationellen Details ausgeschmückt, durch ׳״ilberne, in sich zusammcnfallenclc Behauptungen, die den ״fremden“ Juden eine ungeahnte Mission und Agentenroll« einer fremden Untcrjodumgspolitik zuschreiben, den Haß und die Voiksieidenseliaften aufzupeitsdieii. Es ist dies das bekannte Rezept der Judenhetze, das in IX'utschland Wunsche ansclilielien, mit dem jene Besprechung ausklang, - dem Wunsche an die Adresse der Zionisten; Sorget, daß diese ״Bilder aus Palästina“ ins jüdische Haus entziehen t Bücher und Zeitschriften Jüdisches Gemeinde-Jahrbuch 1913/14 — 5674. Herausgegeben von der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland“. Berlin W. 15. 112 Seiten gr. 8". Preis 1,- M. Den schon bekannten, in Deutschland crschcineiiden jüdischen Jahrbüchern, dein Jahrbuch der l.iteraturvereine, dein des D. J. G. B. und den zioiiistisdicn Volkskalcndern reiht sielt das soeben erscltiencne jüdische Gemeinde-Jahrbuch würdig an. Von dem Jahrbuch des Dcutsch-israclitischen Gemeindebundes unterscheidet cs sich schon äußerlich auf den ersten Jilick dadurch, da fl es kein Nachschlagcwcrk wie dieses sein will, sondern einen bestimmten Parteistainlpunkt vertritt, von dem cs seinen Leser überzeugen will. Man vermute aber ja nicht, daß in ihm eine extreme Gesinnung zum Ausdruck kommt, weil die zionistische Vereinigung für Deutschland als Herausgeberin des Jahrbuches zeichnet — die in ihm enthaltenen Artikel sind vielmehr streng sachlich und objektiv. Herr Dr. K o 11« 11 s c h e r, der den Lesern diese» Blattes durch seine Broschüre über die ״Jüdische Ocntcindepolitik" bekannt ist, führt in kurzen Worten tlas neue Jahrbuch begründend ein. Als eigentlicher Hauptsprccher tritt uns aber Dr. Witkowsky'im ersten Artikel entgegen. Er gibt das Programm des die Ostjuden, in Frankreich die deutschen Juden und in England die ״Aliens“ zum roten Tuch macht. Die Phantasie des Hasses lechzt nach diesem Effekt; wäre dieser Effekt nicht da, es müßte ein anderer geschaffen werden. So ist es auch eine Spießbürgerliehe Kurzsichtigkeit, an/iitielimeii, daß die Dumawahlfrage die Verfolgung hervorgerufen hat. Eine solche Auffassung zeugt von einen! Mangel sozialpolitischen Verständnisses. Die Ursachen liegen tiefer. Was wir in Polen selten, ist ein Kampf eines reaktionären und agressivett Nationalismus, der mit souveräner Ignorierung aller historisch gegebenen Voraussetzungen, sittlichen Prinzipien und humanitärer Erwägungen, eine systeniatischc Vertilgung des jüdischen Volkes durch Aushungermig anziibahnen bestimmt ist. Es wird von einem jüdischen Chauvinismus gefaselt. (krautiger war leider noch nie ein Nacken gesenkt, des Rückgrates Schmiegsamkeit war leider nirgends größer als unter unseren dortigen Brüdern, Wenn sie nun jetzt vor der kleinlichen, herrschsüchtigen Bevormundung, engherzigen Freihcits- *bcschränkung, Verhetzung, Verrohung des ötientliehen Lebens, Aufstachelung der niedrigsten Triebe des Rassenhasses, Beschränkung und Zurück- Setzung in der städtischen Selbstverwaltung nicht auf dem Bauche kriechen und nicht mit heuchlerischer Liebedienere! die Sch iniilern 11 g hochbedeutsamer Menschenrechte willig akzeptieren, wenn sie nicht Mamelucken und Marionetten der polnischen nationalistischen Partei sein wollen, sondern ihre Rechte und die Individualität ihres Volkstums ehrlich verteidigen und wahren, so sind sie Schädlinge. Nach der bekannten Maxime: ״Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich tlir den Schädel ein'‘ ist die Boykottagitation eingeführt worden. Es gab ein Hetzen, nach Rache förmlich kreischend, ohne daß wir gewußt haben, welche Schuld den Juden bcigciucsscn worden ist, außer der Schuld ihrer Existenz. Die Juden appei- Berten gegen die Lüge an die Wahrheit und gegen die Diktatur des Antisemitismus an den humanen Sinn und die oft gerühmten Ideale des schwergeprüften polnischen Volkes. Sie erklärten, es sei Wahnsinn, hoffen zu wollen, Polen könne seine Wohlfahrt fördern, indem cs die Juden bekämpft: es sei Wahnsinn, zu glauben, Polen könne des Friedens, der Ruhe, der Sicherheit genießen, wenn cs die Rechte des jüdisehen Volkes mit Füßen tritt. Kein Widerhall. Von hier soll aber der Notschrei unseres bcdrängten Volkes ein volltönigcs Echo Hervorrufen. Das jüdische Volk vereinigt sich mit jenem bcdcutenden Teil seiner Söhne, die jetzt so schwer leiden, und es wird sich gegen eien Ansturm des wilde!» Hasses mit großer Willenskraft verteidigen. Die in ihren Mitteln nicht wählende ruchlose Agitation hat es auch jetzt nicht leicht, den Besitzstand, die Erfahrungen, den rastlosen Fleiß, die ungeheuren Leistungen der Juden für das Erwerbsleben Polens mit einemmal zu vernichten; sie greift deshalb zu immer wilderen Rechtlosigkeiten und scheut nicht, die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes zu erschüttern, tun mir eleu eigenen Haß und die Habgier zu befriedigen. Gegen eine solche Strömung ökonomischer Pogrome kann unser Voik nicht gleichgültig bleiben. Selbstwehr gegen Angriffe, Wirtschaftliehe Stärkung gegen das System der Vertilgung und neuen Jahrbuches, das wie er ausfiilirt, zugleich das Programm der in einigen deutschen Großstädten vorhandelten neuen jüdischen (ieineiniievereine ist. St* wie eiiese in ihrem politischen Kampfe gegen der» häufig frcihcitfciiullichvu Liberalismus der jüdischen Gemeindevertrettiitgen und gegen die Christian!־ sierung des jüdischen Lebens und Gottesdienstes eintreten, so will auch dieses neue Jahrbuch eine Erneueriing des Gcmcindclcbens in jüdischem Sinne erstreben und die Forderung einer gerechteren An• teilnalime aller Mitglieder an den Gemeindcgcscliäftcit begründen. Herr Dr. Keil len scher weist in seinem Artikcl über ״die Finarizwirtschait der Gemeinden'‘ mich, daß bei der Aufstellung eines gesunden Etats und besonders der Einführung der progressiven Einkonuneusteuer eine die bislterigc bei weitem übertreffende Tätigkeit der Gemeinden in jüdischer Erziehungsarbeit möglich wäre. Dr. Victor -Wandsbek behandelt die Frage der Ausländer in den jüdisehen Gemeinden und fordert, indem er vor allem gegen die Ausführungen des Herrn Rechtsanwalt Dr. Michaelis in der Allgemeinen Zeitung des Judenlums polemisiert, auf Grund des Judengesetzes die Einräumung des aktiven und passiven Wahlrechts aller Gcmcindcmitglicdcr. Dr. Elias Straus bcweist, daß als einziges gerechtes Wahlsystem, das auch der Minorität eine angemessene Vertretung in der Gemeindeverwaltung verschaffe, die Verhältniswähl in den jüdischen Gemeinden eingeführt werden müsse. Herr Dr. K a i m u s behandelt die sehr scliwierige Frage der Gründung jüdischer Höherer-, Mittel- und Volksschulen in den deutschen Großgemeinden, und Herr Goslar beschäftigt sich mit einigen

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