Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I I I 1 r\ ( ■■SÄ i? u ך# i \ 'V, c c f ך*־■""" ן"» 1• } i j : -~i L«^ v״j V- Ä “ “־ ־־ “C Nummer 39 Berlin, den 26. Sc f%rp •W kmä 24. Elul 5673 | XVIII. Jahrgang! I Der XI. Kongress '■£r und die Presse Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, bei der Beurteilung und Bewertung unserer Kongresse die etwas gewaltsame Unterseheidung zwischen ihrer Bcdaitunug als Arb c i t s kongreß einerseits und ihrer Wirkung als I )0 in o n s t r a t i o 11 s kongreO andererseits zu machen. Abgesehen davon, daß das Fremdwort ״Denmnstration“ die Beziehungen unserer Tagung zur Außenwelt nur teilweise deckt, ist die ernste und sachliche Arbeit des Kongresses ja das erste und vornehmste Mittel, die Ocffciitlichkcit mit den Notwendigkeiten unserer nationalen Zukunft und den Nöten unserer Gegenwart bekannt zu machen. Auf diesem Wege allein haben wir uns (kltör verschafft und die Achtung, die man unserer Arbeit entgegenbringt, konnte durch ״demonstrative“ Akte erhalten und gesteigert, niemals aber geweckt werden. So kam es, daß jene Kongresse, die uns sachlich unbefriedigt ließen, auch von den Außenstehenden, weniger beachtet wurden, als diejenigen, auf welchen, besonders fruchtbare Arbeit geleistet wurde. Auch die Presse, deren Bedeutung als feinnerviges Organ der ״Oeffentlichen Meinung“ Theodor Herzl, der Schöpfer unserer Kongiesse, von allem Anfang an richtig bewertete, hat unseren sachlichen Verhandlungen ihre Aufmerksamkeit im gleichen Maße geschenkt, wie den großen Veranstaltungen, mit denen wir uns in erster Linie a!1 die Ocffciitlichkcit wandten. Auch diesmal dürfen wir im allgemeinen die durchaus loyale Haltung der Presse aller Lander anerkennen. Die persönliche Antipathie einzelner jüdischer Redakteure und Verleger, die in früheren Jahren oftmals für die Behandlung oder Niclitbehandluug zionistischer Dinge maßgcblich war, mußte ausgeschaltet werden, nachdem der Zionismus sieh auch in seinen äußeren Dimensionen zu der größten und beaehtenswertesten jüdischen Bewegung entwickelt hat. So hatten sich denn auch zum XI. Kongreß mehrere hundert Berichterstatter eingefunden, und der Widerhall, den die Verhandlungen in den von ihnen bedienten Blättern fanden, war ein weit bedeutenderer als bei irgendeinem der früheren Kongresse. Von besonderem Interesse war für uns natürlieh die Haltung der Presse jenes Landes, in dem der Kongreß zu Oast war. Und da war es wiederum in erster Linie die liberale Presse, <Jie sich bisher alle Mühe gegeben hatte, unsere Bewegung totzuschweigen, und von der man nicht wußte, wie sie in diesem Falle ihre Berichterstattungspflichten auffassen würde. Heute darf gesagt werden, da« diese Blätter anläßlich des Kongresses mit ihrer Taktik gebrochen haben und daß unsere Tagung in gerechter Würdigung ihrer weittragenden Bedeutung behandelt wurde. Nur zwei Wiener Blätter, deren Redaktion sehr bezeichnenderweise jüdischen Renegaten untersteht, die ״Arbeiter-Zeitung“ und die ״Mittags- Zeitung“ befanden es für gut, unsere Bewegung in der niedrigsten Weise aiizugreifen und zu verdächtigen. Mehrere Blätter ließen dem Kongrell teilweise an leitender Stelle eine verstaudige, sachliche Würdigung zuteil werden, und fast alle Tageszeitungen räumten der Berichterstattung täglich mehrere Spalten ein. ״Bor Zlonfr jüdische VoJ’t «31. ilc!i־recliiti!ela j 11«s crsiro&t für das ׳ Cchnf fung einer Sffentdtfiherten Heimstätte In ׳ ProfrraiEBi. Audi die reichsdeutsch•־!! Blätter haben, von einigen ganz wenigen AusnU’hien in Berlin abgesehen, objektiv und ausführlich berichtet, so daß auch auf diesem Wege der zionistischen Propaganda in Ceutsehlannd vom Kongreß Fürderung erwuchsen dürfte. Insbesondere den- ]eiligen unserer t iesinnungsgenossen, die durch Flinweise an unser Pressebureall und eigene Tätigkeit am Kongreß der Sache gedient haben, sei an dieser Stelle gedankt. Auch die Preßstimnien aus dem Ausland, die uns vorlicgeu, zeigen, daß das Verständnis für unsere Bestrebungen allüberall im Wachsen begriffen ist. Die Haltung der Konstantinopclcr Blätter bestätigt den erfreulichen Umschwung in der Stellungnahme der türkischen Oeffcntlidikeit zum Zionismus, welcher auf dem Kongrell mehrfach konstatiert wurde. Wir werden in unseren nächsten Nummern versuchen, durch eine Zusammenstellung der wesentlichsten Aeußerungeu unseren Kongreß im Spiegel der öffentlichen Meinung ein wenig genauer zu beleuchten. Für heute seien unsere Freunde wieder einmal erinnert, daß unsere Kongres.se ja nur einen Teil der zionistischen Aufklärungsarbeit zu leisten haben, und daß ein jeder, der irgend dazu befähigt ist, die Verpflichtung hat, auch im Laufe des Jahres das Seine zur Orientierung der örtlichen und allgemeinen Presse zu leisten. Dann wird das allgemeine Urteil über unsere Arbeit ständig an Klarheit und gerechter Würdigung gewinnen. Das jüdische Leben in der Diaspora Vortrag, gehalten in der Eröffnungssitzung des XI. Kongresses von Nahuin Sokolow. Geehrter Kongreß! Die Schwierigkeit, das jüdische Leben zu überschauen, in großen Linien zu schildern und in abgemessenen Proportionen als Züge eines Bildes dnr/ustcllen, liegt auf der Hand; sie liegt eben in der Sache selbst. Die Diaspora ist ein Chaos. Vor dem Auge des Beobachters huschen Zusammenhanglose Schattenbilder flüchtig vorüber. Die mannigfaltigsten Verwicklungen der Judenfragc, •die Not und das Elend in den verschiedensten formen, die Verfulguiigen, die Ausnahmegesetze, ■die Wanderungen, die inneren Zwistigkeiten und dergleichen lassen sich nicht in ein System bringen. Vergebens sucht der ordnende Sinn nach einer Formel, Nichtsdestoweniger dürfte es hier Pflicht sein, wenigstens den Versuch einer solchen Schilderung zu machen. Wo soll denn sonst die Lage des jüdischen Volkes geschildert werden? Wo ist denn sonst eine Tribüne, von der aus das jüdische Volk über seine Angelegenheiten offen spricht? Wäre außer dieser Tribüne, die dem Zionismus geweiht ist, noch eine andere irgendwo in der Welt vorhanden, die für die Ocsamtinte'rcssen des Volkes bestimmt wäre, drum könnte vielleicht der Gedanke aufkotnmen, wir täten besser, das allgemeine Problem jener anderen Tribüne zu überlassen. Der Gedanke könnte Aufkommen, richtig wäre er nicht. Denn für uns ist eben der Zionismus die einzige richtige und gründliche Lösung des Judenproblems und nichts ist natürlicher, als daß wir uns mit diesem Problem eifrig beschäftigen. Haben wir uns doch immer bemüht, das jüdische Empfinden und die Erkenntnis des wahren Zustandes unseres Volkes auf eine höhere Stufe zu heben, nichts zu bemänteln und zu verschweigen, sondern 'der Wahrheit mit kühnem Mut ins Auge zu schauen. Wir tun dies mehr für uns, als für die Fernstehenden. l)c׳r zionistische Kongreß ist unser Forum, und wif laden uns selbst vor das Tribunal unseres Gewissens. Möge die Außenwelt uns hören, wir wünschen nichts sehnlicher. Wir bedienen uns deswegen verschiedener Sprachen, Wir haben keine Mysterien, wir sind nicht im Nebel gehüllt, klar und deutlich kommt die Pein unseres Volkes durch unseren Mund zum Ausdruck, weil wir seine Qualen tief im Herzen tragen und ebenso klar zeigen wir den Weg der Rettung. Möge die Welt hören, — aber vor allem und im wesentlichen gilt der Bericht uns selbst, damit wir Einkebr in unser Gewissen halten und nachztidenkcn beginnen. Wie sicht das jüdische Leben in der Diaspora jetzt aus? Ein Tohuwabohu. Ziellos, zersplittert, dem Zufall preisgegeben, wie ein Blatt, mit dem der Wind spielt. Stumpfsinnige Unterwerfung unter Knechtschaft, Schmach und Elend. Das einzige gemeinsame Merkmal, das an allen Teilen dieses Wirrwarrs wahrgenommen werden kann, ist — die düstere Trauer. Die Mehrheit des jüdisehen Volkes leidet jetzt mehr als es srit langer Zeit gelitten hat. Bei der Beurteilung der Lage eines Volkes dürfte zweifellos der Mehrheitsgrundsatz entscheiden. Wir müssen also feststcllen, daß das jüdische Volk schwer bedrängt ist. Das Elend umklammert unsere Volksmassen immer fester. Aus dem Stadium der Exzesse ist das Volk in das Stadium des Niederganges übergegangen; aus der akuten Krise ist die schleichende geworden. Unser Haus ist baufällig geworden und wir benötigen ein sicheres, schützendes Dach. Inzwischen siechen die einen im Ghetto dahin, während die anderen wie ein gescheuchtes Wild in ferne Zonen ziehen. Ein anhaltender Notstand wächst lawinenartig ganz von selbst: die Widerstandskraft erlahmt, der erhabene Trotz, früher in Kampf und Not gestählt, senkt schlieBlich sein stolzes Haupt vor den düsteren Mächten des Lebens. Es ist aber nicht nur die Zeit selbst, es sind auch schicksalsschwere Ereignisse, die den Kreis des Elends immer weiter ziehen. Dort, wo sich der wandernde Menschenstrom beständig hin und her wälzt, begegnet man in letzter Zeit neuen Gestalten, die durch das Gewühl der Häfen müde und ziellos umbcrschwcticn: Balkanjuden. Mit stummer Gebärde ziehen sie vorbei, die armen sepliardisciten Juden, die so hart getroffen, durch die Kriegsfurien und die Zerstörungswut verscheuchte Menschen, Ihr Spaniolisch verstehen die anderen Juden nicht, das Yiddisch der anderen Juden verstehen sic nicht, und sofern Hebräisch nicht verstanden wird, bleibt nur die Mimik als Verständigungsmittd. Eine Ooluspantomime. Aber der Schwerpunkt des Volksleids liegt nicht etwa in den blutigen Launen der Weltgeschichte, in Kriegsausbrüchen und Verwüstungen, die von entfesselte!• Leklcnsciuth angerichtet werden. Das sind Konflikte, Spannungen und Katastrophen vorübergellender Art. Win 11 es einen Zustand gibt, der viel mehr die Trostlosigkeit der Lage darstellt, so ist cs derjenige, der inmitten tiefsten Friedens im jüdischen Ansiedlungsrayon des europäischen Ostens herrscht. Es ist ein Kriegszustand inmitten tiefsten Friedens, ein Kampf, der mit allen Waffen eines wütenden Hasses, einer rücksichtslosen Verfolgung, raffinierter Ausnahmegesetze und grenzenloser Willkür gegen die ganze jüdische Bevölkerung geführt wird. Mit einer Entschiedenheit und mit einer Folgerichtigkeit, die man an den Elementen einer Reaktion nur sehr selten wahrzunehmen Gelegenheit hatte, werden Schritt für Schritt die Quellen des materiellen und geistigen Lehens, des Erwerbs, der Aufklärung, der Erziehung, der Menschenwürdigkeit, der Sicherheit des Daseins, der Selbständigkeit, der Entwicklung und eines edlen Wettbewerbes systematisch verstopft und verriegelt. Die noch vorhandenen ־ Ucberreste be-