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Jüdische Rundschau · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 405 Der Politiker Von Q. F. Müller Politik ist eine der praktischen Seiten des Volks- Icbciis. Sic ist die Kunst der Staatsbild un£ undStaatscrhaltung, eine Kunst, so leicht oder so schwer wie jede Kunstausübung überhaupt Staaten bilden und erhalten sieh nicht von selbst* oder zum mindesten erreichen sie nicht ihre vollkommene Gestalt, ohne die Hand des talentierten Lenkers und Bildners. Der Staat bedarf der führenden Staatsmänner, und darin unterscheidet er sich vom Oiesamttlascin und sozialen Leben des Volkes. Das öffentliche Leben des Volkes wird im wesentliehen gemacht von Verhältnissen und Entwickln״- gen, die Politik dagegen von den politisch geschulten Köpfen und Händen, das heißt, den führenden Staatsmännern. Jede Praxis bedarf ihrer Theorie und wissen- I schaftlichen Grundlage. Die Theorie verhält sich zur Praxis, wie das Lehrbuch des Technikers zur fertigen Brücke, oder wie der Anatomieprofessor zuin Arzt am Krankenbett. Die Theorie kann in der Hauptsache ganz gut ohne die Praxis existieren, die Praxis dagegen wird ohne die Werke der Theorie immer nur Stümperarbeit leisten. Und trotzdem ist oft die Prax.s das Wichtigere, ja in der Politik sogar bcstimmt das allein Wichtige und um ihretwillen ist die Theorie überhaupt erst vorhanden. So will es das Leben, das Tat und Handlung bedeutet. Alle Forschung aber dient bescheiden der lebendigen Praxis als eine selbstlose Dienerin. Wie angedeutet, hat auch die praktische Politik ihre theoretische Grundlage. War die praktische Politik die Kunst der Staatsbildung und Staatserhaltung, so kann man die politische Wissenschaft definiereu als die Lehre von den staatsbildcn* den und s taatscrhalte 11 den Kräften, Lehre und Praxis zusammen erst ergeben das Gesamtbild der Politik, aber die Ausübung der letzteren ist da§ Wesentliche, und nicht der politische Philosoph oder Fcuillctonist, sondern der Staatsmann am Arbeitstisch im amtlichen Bureau gewährt uns die sichtbare Verkörperung des abstrakten Begriffes der Staatskunst. Wer ist ein Staatsmann? Wen nennen wir herechtigt einen Politiker und was für Qualitäten muß der Mensch haben, dem ein Volk seine Geschicke anvertrauen kann? Diese Fragen scheinen uns erheblich und von Wert in einer Zeit, wo das jüdische Volk seine politischen Kräfte zurückzugewinnen sucht. Zum ersten Male seit fast zweitausend Jahren politisiert sich Israel wieder, erweckt von dem flammenden, Mahner Theodor Herzl. Und da wird cs in diesem jüdischen Volke zur Notwendigkeit, nachzudciiken über das Wesen der Männer, die die neuentstandene Arbeit des Volkes, die Arbeit in seiner politischen Werkstatt, zu leisten haben. Diese Notwendigkeit gibt auch den folgenden Zeilen ihren Sinn. War Politik die Kunst der Staatsbildung und Staatscrhaltung, so ist offenbar der Politiker der Künstler, der sich auf diese Zweige des völkischen Lebens versteht. Dieses Künstlertum aber ist nicht ein vager, genialischer und schwungvoll nebulöser Daseinsträum, von dem Begriff der Grenze unbeschwert — sondern es läßt sich sehr nüchtern und realistisch in vier Kategorien und Unterabteilungen zergliedern, von denen die eine so rein sachlich und wirklich ist, wie die andere. Charakter, Kenntnisse, Talente und Arbeit»- methoden — so lautet die große Vier, die den politischen Helden und den wahren Staatsmann ausmacht, und durch sic wird er fast restlos erklärt und begrenzt. Wir untersuchen sie einzeln, damit am Schluß aus der Synthese der Teile das geschlossen einheitliche Bild emporsteigen kann, von dem wir ausgingen und das uns dann mit seinem vertieften Farbenreichtum viel belehrender begrüßen wird, als zuerst, wo wir es zum Zwecke der Analyse verließen. Ein feststehender Lehrsatz sagt aus, daß die Politik den Charakter verdirbt, Mag sein — wir haben nicht die Zeit, um sie daraufhin zu untersuchen. Aber eines wissen wir ganz genau, nämlich, daß ein wesentlicher Rest von Charakter jedem Politiker erhalten bleiben muß, will er nicht in der kürzesten Zeit einen schmählichen Schiffbruch erleiden: dieser Charakterzug ist nichts anderes, als die Ehrlichkeit gegen seinen Auftraggeber, gegen das Volk, das ihn an das Pult der Politik gestellt hat, damit er dort die staatliche Arbeit dieses Volkes leiste. Politik Ist nämlich nie ein frei individuelles Tun, sondern stets ein Dienen im Interesse anderer. Wir vollenden die Skizze vom Charakter des Politikers, wenn wir sagen, daß er ein tatgewohntes Naturell besitzen müsse und das aus unserer Definition des Begriffes Politik als einer Kette lebendiger Handlungen, Ist Politik im staatlichen Leben die Tat, dann ist auch der Politiker der handelnde Mensch und nicht ,der griu>k.׳i:,ch handlungsarme Denker oder der angenehme Plauderer untern» Strich. Mag der Politiker aber auch noch so befähigt sein zum Staatsmann und zu st-ntsmännbehen Leistungen, s,r ist nichts, wenn er nicht Kenntnisse besitzt und sich die notwendige politische Bildung erworben hat. Kenntnisse und Wissen sind die Saiten, auf denen die Melodie seiner Talente erst zum Klingen gebracht wird. , . So muß der angehende Politiker Geographie bcherrschen, denn das Antlitz dieser Erde bestimmt auch das Gesicht der Politik־, wie eine identische, geschmeidige Maske, die das Micncnspicl und dje Züge des Maskentriigers wiederholt. Die Lehre von den staaE־,bildenden und -erhaltenden Kräften umfaßt die verschiedenartigsten Gegenstände. Sie müssen dem Politiker stets gegenwärtig sein. Objekte und Subjekte der Staatskunst, Völker und ihre Lenker, Gruppen und ihre Leiter, Richtungen und ihre Begründung, kulturelle Verhältnisse und Tendenzen, ökonomische, religiöse, soziale Gebilde muß er an der Stelle kennen, wo sie für die Allgemeinheit wichtig werden. Denn da Politik eine Kunst ist, so ist sie angewandte Kunst, und diese letztere hat cs immer mit einem bestimmten Material zu tun, in den! sic ausgeführt und realisiert wird. Das Material der politischen Kunst — nun, wir haben es eben genannt; es sind die Menschen, ihre öffentliehen Interessen, Einrichtungen und Gesamtschidcsale, Es gibt ein Grundtalent, das den Politiker ausmacht. Blickt der Historiker zurück nach dem, was gewesen ist, so erschaut,der Staatsmann das, was kommen soll. Er ist ein Gedankenleser, der von der ehernen Stirne der Göttin Zukunft das abliest, was ihr Mund sich zu sagen weigert. Dabei ist er keineswegs ein Prophet -r ja, Propliezcienwollen ist in der Politik das untrügliche Kennzeichen des lädierliehen Esels von Politikaster, Der Politiker beherrscht vielmehr den aus der Mathematik bekannten Begriff der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das will heißen, er hat vernünftige Mutmaßungen darüber, wohin eine Entwicklung führt und welches dl* möglichen Folgen menschlicher Maßnahmen sind. Sein Auge ist eingerichtet auf Möglichkeiten und darum ist er auch ewig in Bereitschaft gegen tausend mögliche — Mäglidikciten. Infolge aller dieser Fälligkeiten kann er sich ungefähr richtig das berechnen, was er nicht weiß, oder was man ihm diplomatisch verschweigt oder gar diplomatischerwcise und irreführend vorfälscht. Denn da es nur eine men schliehe Logik gibt, und die Logik der Dinge herrenloses Gut Ist, so gehört sic jedesmal dem, der sich Mühe gibt, sic aufzugreifen. Um cs kurz zu sagen, es ist in der Politik wie im Leben überhaupt: wer denkt, der weiß, Dummheiten kommen nur vom Nichtdeukcn, Das Geschäft des Politiker* besitzt seine ganz besondere Eigentümlichkeit, die cs von jeder anderen Art menschlicher Tätigkeit deutlich und charakteristisch unterscheidet, Politik hat cs nämlich mit einem Material zu tun, das ständig Im Flusse und manchmal In wildester Bewegung ist. Täglich und oft stündlich treten Neuerschcinuiigcn auf in der Arena des staatlicli-völ• kischen Lehens, Machtverscliichnngcn, Ansprüche, Nöte, Angriffe, Erfolge, Neubildungen aller mögliehen Art, Geburt und Tod wirken stürmisch das Gewebe der ailerjüngsten Tagesereignisse. Wollte der Politiker jedes neue Faktum mit der Eingebung des Momentes beantworten, so würde er sehr bald auf seinem Arbeitsgebiet umherzuckcn, wie ein Mensel», der von der Tarantel gestochen ist. Der staunende Bürger sähe in ihm nicht mehr einen Lenker, sondern einen Spielball der Ereignisse. Für den Politiker gibt cb deswegen eine erste Notwendigkeit: Wenn ein Marinemaler den windgepeitschten Ozean auf der Leinwand fcsthält, so ist es wie ein wirkliches — Festhalten. Er malt ja nicht den stundenlangen Sturm und das eigentliche Laufen und Springen der Wellen, sondern einen Moment, einen einzigen Moment aus dem bewegten Chaos, Er hält fest, was da enteilen will. — So muß auch der Politiker in seinem Geiste die schnellen Ereignisse des Tages einen kurzen Augenblick aufnihaltcn suchen. Er muß gleichsam der Historiker der letzten Sturdcn werden und aus der Zahl der einlaufenden Meldungen ein organisch zusammenhängendes Gebilde schaffen, das wie ein fertiges Bild im festen Rahmen seinem Kritiker entgegentreten kann. Nur so kommt er z« einem Urteil. Jenes Gemälde aber, das sich der Politiker aus den Geschehnissen des Tages'entwirft, hat iti der Politik einen ganz bekannten Namen, und er lautet: die Lage. Die ״Lage“ ist nicht ein unumstößliches Faktum, das jeder harmlose Leser ohne weiteres erkennt. Sie ist vielmehr der Querschnitt, der unter einem bestimmten Gesichtswinkel durch die Tagesgeschichte gelegt wird, Auf der entstandenen Schnittfläche erscheinen die wichtigsten Ereignisse der Stunde,, aber nicht anorganisch zusammengewürfelt, sondern geordnet nach einem intelligenten und fördernden Schema, dessen Urheber eben der Politiker ist, welcher die ,Geschehnisse klug durchdacht hat. — Dieses Schema wollen wir einmal kennen lernen, weil es uns hinführen soll zu dem, was die Aufgabe des Staatsmannes ist. Aus allen Richtungen der Windrose kommt dem Politiker das Nachrichtenmaterial auf den Fisch geflattert. Er hat nun die Aufgabe, diese Mitteilungen zu sichten, und da ordnet er sie denn nach dem Nutzen oder Schaden, den sic seinem Volke oder seiner Partei bereiten. Alle gemeldeten Einzelheiten werden so um das nationale Interessenzcntrum des Staates gruppiert. Hier sieht inan die Vorteile und Erfolge, dort die Mängel und die ״Echecs“. So entsteht gleichsam eine Kohlezeichnung, aus der die Licht- und Schatteneffckte heraustreten mit einer fast plakatartigen Einprägsamkeit. Wozu der Politiker das tun muß? Nun, da Politik immer Intcressenpolitik ist, so muß er die Interessen seiner Auftraggeber fordern, das heißt hier, er hat die Aufgabe, die Gesamtlage zu beeinflussen. Er soll an ihr nach Kräften solange modellieren, bis alle Schattenpartien möglichst aufgehcilt sind. Weil er seinem Volke Nutzen zu bringen hat, so darf er nicht zugeben, daß es ganz passiv von einer ״Lage" in die andere ״Lage" gerät, Er darf nicht gestatten, daß mit seinem Volke bloß Geschichte gemacht wird, sondern er muß selbsttätig politische Ereignisse herbeiführen, Ereignisse, die die Geschichte des nächsten Tages mitgestalten helfen. Nur so verwandelt er das Passivum der zufällig gewordenen Lage in das Aktivum der bewußt gewollten Erfolge. Aber das gelingt nicht ohne weiteres. Zwar definierten wir etwas weiter oben den Staatsmann als die Summe der vier Einheiten Charakter, Talent, Wissen und Arbeitsmethoden. Doch während wir diesen Gedanken aussprachen, mußten wir ihn schön vorsichtig einschränken. Und in der Tat — eine noch nicht genannte, originale Eigenschaft müssen die Männer beweisen, die am Steuer des Staatsschiffes stehen. Eine Eigenschaft, ohne die sic in jeder politischen Lage die Ohnmacht selbst sind. Der Politiker muß Geist haben. Das will sagen, er muß die unzähligen An• Sprüche des Tages mit Antworten bedienen können, die keiner erwartete, und die trotzdem gut sind. Sein Erfindungsrcichtum und sein erfinderisches Genie aber haben folgendes Aussehen: sie bedeuten die Gabe, die Mittel, mit denen Politik gemacht wird, durch neue und überraschende Methoden zu verbessern; und sie bedeuten das Talent, die alten Methoden der Politik durch ungeahnte Kombinationen zu vervielfachen. So sicht der Staatsmann eine Bündnismöglichkeft zwischen Gruppen und Nationen, die eigentlich ihrer ganzen Natur nach feindlich sind. — So agitiert der Zionismus in Europa, um Bauern in Palästina ansiedeln zu können; und er siedelt Bauern in Palästina an, um — mit ihnen in Europa Agitation treiben zu können, — Bahnen rentieren nur dort, wo bereits viele Maischen wohnen. Und doch baut der vor• sichtige Rechenmeister Staat Buhnen in die mcnschcnleere Wildnis hinaus, und kalkuliert geistreich, daß er damit die leeren Länder erst rentabel macht. Denn Schienenwege ziehen Menschen an. — Oder ein ge• sunkenes Volk will sich zu blühendem Leben erneuern. Da kauft es sich die Waffen seiner Gegner und macht sich mit ihnen stark und wehrfähig: so hat Israel gelernt in der Diaspora, den Wert einer intcr* nationalen, disziplinierten Volksorganisation zu schätzen. Wohl gab es vor Herzl den Intcrnationalismus, ein jüdisches Volk, Organisationen und den Be• griff der Disziplin. Aber der große Politiker mußte kommen, um ■ uns zu sagen, daß aus dieser Vier eine Eins gemacht werden müsse, um unsere ״Lage“ zu verbessern. — Um ein politisches Ziel zu erreichen, ist ein Arbeitsplan nötig. Ein Plan heißt ein System ziel• strebig angeordneter Mittel. Die unendliche Fülle dieser Mittel wird nur eingeschränkt durch die Lage der Dinge. Dieser müssen jene angepaßt sein, weil jede Lage nur auf diejenigen Mittel reagiert, die direkt in ihre Eigenart cingreifen. Die Eigenart der Lage beruht also auf der Weise, wie in ihr Nutzen und Schaden verteilt sind und die politischen Mittel müssen somit fähig sein, den Nutzen und den Schaden zweckmäßig und geordnet zu behandeln. Der Plan des Politikers verhält sich zur politischen Lage, wie das Kanalbett des gehändigten Stromes zum freien Ungestüm einer Quelle im Gebirge. — Von lolch einer Politik empfindet jeder ohne weiteres, daß sie Stil habe, und bleibt sie erfolglos, so ist sie dann doch wenigstens immer untadelig. — Die Fähigkeiten des Politikers sind letzten Ende• nicht erlernbar, sondern angeboren. Darum auch be» deuten cle ein echtes Künstlertum.

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