Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651815-2651854--09172-2666479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der Arbeitslohn sehr niedrig sei. Das ist aber durch• aus nicht richtig. Die Lebenshaltung in Palästina ist im Durchschnitt kaum billiger als in einer europäischen Kleinstadt und deshalb ist der Arbeitslohn, auch absolut genommen, gar nicht so sehr niedrig. Im Verhältnis zu anderen orientalischen Ländern, wo schlecht bezahlt« Kinderarbeit eine grolle Rolle spielt, ist der Lohn sogar recht hoch. So arbeiten 1. B. in Damaskus und Urfa Kinder und Frauen zu wahren Hungerlöhnen, 1—3 Frcs, wöchentlich. Noch ungünstiger wird das Verhältnis aber dadurch, dail die Arbeit wenig produktiv ist. Der palästinensische Industriearbeiter hält mit dem geschulten europäischen Industriearbeiter keinen Vergleich aus. Auf die Nie• drigkeit des Arbeitslohnes allein läßt sieh also eine Industrie nicht gründen, es müssen mindestens noch andere Vorteile hinzukommen, wie z. B. Nähe «)der Billigkeit der Rohmaterialien, Schwierigkeit des 1111• ports der Waren aus anderen Ländern infolge grollen Volumens, Zerbrechlichkeit oder geringe Haltbarkeit des Produktes oder endlich Alfektionswcrt der Waren wegen ihrer palästinensischen Provenienz oder ihres eigenartigen Stils. Wo diese natürlichen Vorteile nicht hinzukonimen, wird bei dem geringen Einfuhr• zolle von II «0 sogar in Palästina und der Türkei selbst, ganz abgesehen von anderen Ländern, das Ausland die meisten industrieproduktc billiger nach Palästina importieren als sie in Palästina selbst 11er• gestellt werden könnten. Erstens hat das Ausland die wichtigsten aller industriellen Hilfsstoffe, Eisen und Kohle, wahrend sie in Palästina fehlen. Sodann sind die Vorteile, die ein industriell entwickeltes Land infolge guter Verkehrsmittel und des Vorhandenseins eines großen Reservoirs von geschulten Arbeitern und Technikern bat, sehr groll und wiegen die II <’<> Einfuhrzoll in den meisten Fällen auf. Ich kann mich deshalb zu meinem grollen Leidwesen denjenigen nicht aiischiieiien, welche große industrielle Möglich• keiten in Palästina sehen und darauf die Hoffnung setzen, daß eine Massenemigration nach Palästina in absehbarer Zeit möglich ist. Im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre sind viele industrielle Projekte erwogen worden. Manche erschienen beim eisten Ansehen sogar sehr verlockend, Aber bei genauer Prüfung halten die Prospekte regelmäßig sich als 1111• ausführbar oder wenigstens als außerordentlich riskaut erwiesen. Das schließt natürlich nicht ans, daß doch noch der eine oder andere Falirikalionszvveig sielt als rentabel herausstelleii wird. Selbstverstiiiidlieh müssen alle Anregungen sorgfältig geprüft werden. Ich fürchte nicht den Vorwurf, daß wir zu viel tun; aiicr der Vorwurf, daß wir zu wenig tun und Gelegenheiten verpassen, würde mich, wenn er be• reehtigl ist, tief treffen. Viel aussichtsreicher als eigentliche industrielle Unternehmungen, erscheint die sogenannte Fremdenindustrie, von der ja ein Land, wie die Schweiz, so ungeheure Einnahmen zieht. Wie Aegypten in den letzten 20 Jahren ein Reiseziel ersten Ranges geworden ist, so könnte wahrscheinlich auch Palästina, das ja an landschaftlichen Reizen nicht arm ist und an geschichtlichen Erinnerungsstätten überhaupt kaum von einem anderen Lande übertroffen wird, große Scharen von Reisenden herait/ielten und insbesonders die Juden, die unter dein internationalen Reisepubli■ kum einen so großen Prozentsatz bilden, würden doch wohl für Palästina zu interessieren sein. Es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis Palästina von Europa aus sogar auf dem Bahnwege erreicht werden kann und hierdurch, wie durch den bevorstehenden Bau von Häfen in Jaffa und Haifa, durch die jetzt im Bau befindliche Bahnstrecke Haifa — Jerusalem werden sich die Vcrkehrsverliältnissc so verbessern, daß eine Reise nach und in Palästina nicht beschwerlieber ist als eine Reise nach Aegypten. Wir wenden dieser Frage unsere besondere Aufmerksamkeit zu und haben durch Herausgabe eines Reiseführers und durch Gründung eines Reisebureaus den jüdischen Reiseverkehr zu fördern gesucht. Weitere Projekte wegen des Baues von modernen Hotels und Bade- Etablissements am Meere sind in Vorbereitung. Außer aus dieser Fremdenindustrie wird Palästina vielleicht auch aus seinem Schulwesen mit der Zeit wirtschaftliche Vorteile erzielen können. Schon heute bringt das hebräische Gymnasium in Jaffa du reit die ihm von auswärts «!gesandten Schüler fast 250 000 Francs Pensionsgcldcr unter die jüdische Bcvölkerung von Jaffa. Mit der weiteren Ausgestaltung des Schulwesens und mit der Eröffnung des Technikums wird die Zahl der Eltern, die ihre Kinder nach Pa-* iästina entseiulen, hoffentlich eine größere werden, und ich halte es für keine zu kühne Phantasie, wenn ich glaube, daß Jaffa, Haifa und Jerusalem mit der Zeit ein jüdisches Lausanne werden können. Aber all diese Aussichten bewirken natürlich noch keine rapide Volksvermehrung. Wir werden uns mit der Tatsache abfinden müssen, daß die Juden in Palästina, die heute 100000 Seelen unter einer Ge* Samtbevölkerung von 700000 zählen, mindestens noch einige Jahrzehnte nötig haben werden, bis sie in Palästina die Mehrheit der Bevölkerung bilden, trotzdem ihre natürliche Vermehrung etwas größer zu sein scheint als die Vermehrung der nichtjüdischen Bevölkerung. Im Anfänge der zionistischen Bcwcgong war vielfach die Ansicht verbreitet, Palästina sei ein leeres Land und vielleicht ist unsere ganze frühere Taktik in hohem Maße von dieser irrigen Auffassung bestimmt worden. Wir haben inzwischen gründlich imilcrncn müssen. Palästina ist zwar mit seinen 23 Einwohnern auf den Quadratkilometer ein dünn bevölkertes Land und könnte sicherlich bei entwickelter Wirtschaft das Vielfache seiner jetzigen Bevölkcrung ernähren, Aber vorläufig ist jeder fußbreit brauchbarer Boden dort in Privatbesitz und, wenn auch extensiv, bearbeitet und vorläufig sind die Araber der Zahl nach sechsmal stärker als wir. Wir können die Wirkungen dieses ungünstigen Zahlen- Verhältnisses nur dadurch wettmachen, daß wir uns vorläufig nicht durch ganz Palästina zerstreuen, son- «lern uns an einigen Punkten konzentrieren und liier geschlossene Siedlungen bilden. Nur auf diese Weise können wir schon heute in gewissem Umfange das erreichen, was wir erstreben, nämlich ein jüdisches Milieu und einen geschlossenen jüdischen Wirtschafts• kreis, in dem Konsument, Zwischenhändler und Pro• diizent sämtlich Juden sind. Unsere Taktik bei der Ansiediung in Palästina ist dadurch vorgczcichnct. Wir müssen in der Nähe der Städte bleiben, in denen schon jetzt eine zahlreiche jüdische Bevölkerung lebt, und müssen versuchen, durch Gründung von Koloaieii bei den Städten oder in der Nähe der Städte den städtischen Juden ein wirtschaftliches Hinterland zu verschaffen. Wir müssen ferner danach streben, daß die Kolonien oder Kolouicnkomplcxc durch gute Verkehrswege miteinander verbunden sind. Diese Prinzipien haben uns hei allen Landkäufen der letzten Jahre zur Richtschnur gedient. Es ist aber zugleich eine unabweisbare Aufgabe, das Beieinanderwohncn von Juden und Arabern zu einem friedlichen und möglichst freundschaftlichen zu machen. Wir haben hier vieles nachzuholen, was wir bisher versäumt halicn, und begangene Fehler wieder gut zu machen. Natürlich ist es vollständig nutzlos, wenn wir uns darauf beschränken, den Arabern zu versichern, daß wir als ihre Freunde ins Land kommen. Wir müssen dies vielmehr durch Taten beweisen. Zwar ist «s sicher, daß die jüdische Kolonisation bisher den Ara- Hern schon große materielle Vorteile gebracht hat. Die Juden haben nicht mir den Arabern in der Um• gegerul der Kolonien Arbeitsverdienst gegeben, sondem durch die jüdische Einwanderung ist auch der Preis des Bodens und der Preis der landwirtschaftliehen Produkte erheblich gestiegen und den Vorteil davon haben die Araber gehabt. Es ist auch nicht gering aiizuschlagcn, daß die Araber von den Juden in landwirtschaftlicher Beziehung viel gelernt haben und daß ihnen in Krankheitsfällen durch den Arzt und den Apotheker der jüdischen Kolonien Hilfe ge• leistet wird. Es wird aber in dieser Richtung noch mehr geschehen müssen. Ich habe schon in meinem vorjährigen Berichte zur Jahreskonferenz darauf hingewiesen, daß wir Juden uns durch Bekämpfung der epidemischen Krankheiten in Palästina, insbesondere der fürchterlichen und bei den Arabern ungemein verbreiteten Augenkrankheiten ein großes Verdienst erwerben könnten, und daß die systematische Bekämpfung durchaus im Bereiche unserer Mittel liegt. Inzwischen hat dieser Gedanke durch die Initiative des Herrn Nathan Strauß, in Verbindung mit anderen Gesellschaften, bereits greifbare Gestalt angenommen, und es ist zu hoffen, daß wir uns durch diese Arbeit bei den Arabern Sympathien erwerben werden. Zugleich aber erfordert die Rücksicht auf die Araber, daß wir bei allen Landkäufen mit größtem Takte zu Werke gehen und dabei Härten gegen die Araber vermeiden. Wir haben dies aucii schon bisher befolgt, indem wir zum allergrößten Teil nur solchen Boden kauften, der für Getreidebau wenig geeignet und deshalb für die Araber fast wertlos ist. In den wenigen Fällen, wo wir Getreideboden gekauft haben, habep wir‘dafür gesorgt, daß die bisherigen Besitzer entschädigt wurden und ohne Groll blieben. Wir glauben, daß auch in der Zukunft noch viel Landerwerbungcn zu machen sind, ohne daß den Arabern der Boden zu knapp wird, weil sehr viel Boden, der für die Araber ungeeignet ist, für uns als Pflanzungsboden verwendbar ist und weil außerdem auch die Araber ihre landwirtschaftlichen Methoden verbessern und dadurch mit viel weniger Boden auskommen als bisher, wo bei dem primitiven Frucht- Wechsel viel Boden brach liegen mußte. Wenn trotzdem bisher die Beziehungen zwischen Juden und Arabern manches zu wünschen übrig ließen, so Ist das nicht zu verwundern. Die neuen jüdischen Einwandercr sind von der arabischen Bevölkerung in Sitten und Gewohnheiten durch eine große Kluft getrennt und beide Teile haben sich bisher wenig Mühe gegeben, sich gegenseitig zu verstehen, eine Erscheinung, die ja allerdings überall zu beobachten ist, wo zwei Bcvölkcrungsclemente von verschiedener Kultur und verschiedener Sprache aufeinanderstofkn. Es kommt noch hinzu, daß die große Masse der Araber in ihrer Meinung sehr stark abhängig ist von einer dünnen Oberschicht einflußreicher Familien. Audi die ganze arabische Presse wird von dieser Oberschicht beherrscht, die zum großen Teil dir christlichen Religion aiigehört und mit der christlichen Religion auch eine gewisse gegensätzliche Stellung zu den Juden übernommen hat. Es ist gewiß nicht unmöglich, diese antijüdischen Beeinflussungen zu bekämpfen. Dazu ist notig, daß wir in der arabischen Presse den falschen Ausstreuungen über die Juden entgcgeinretcii, und daß wir auch durch persönliehen Verkehr mit einflußreichen Arabern ihnen unserc Absichten verständlich machen. Von Wert wird es auch sein, wenn durch die Einführung der ambischen Sprache in unseren höheren Schulen allmäh• lieh ein Geschlecht hcranwächst, das mehr als die bisherige Generation imstande ist, mit den Arabern in ihrer eigenen Sprache zu reden. Eigentlid! müßte ich, um in meinem Referat!• einigermaßen vollständig zu sein, auch unsere kulturelic Aufgabe in Palästina besprechen. Ich unterlasse es aber, weil ja Herr Ussischkin darüber ein besonderes Referat erstatten wird, und weil er auf diesem Gebiete natürlich hundertmal mehr sachvvrständig ist wie ich. Was mir auf kulturellem (, biete wichtig erscheint, ist, daß die verschiedenen Be- Strebungen kultureller Art in Palästina an einer l;cstimmten Steile zentralisiert werden, und ich habe die Absicht, hierfür in den Kommissionen besondtre Vorschläge zu ntachen. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, mit meinen Ausführungen zu zeigen, daß wir bei unserer Arbeit in Palästina nicht waldlos zu Werke gegangen sind, sondern daß wir dabei ein bestimmtes System verfolgen, und ich hoffe, daß Sic dieses System billigen. Daß die Arbeit in Palästina notwendig ist, darüber herrscht heute wohl nur eine Meinung. Die Wirkengen unserer Palästina-Arbeit zeigen sich ja nicht nur in dem, was wir in Palästina geschaffen haben, sie zeigen sich auch in den Ausstrahlungen, welche die Palästina-Arbeit in den Ländern des Galuth hervorbringt. Jeder Tourist, der von Palästina zurückkommt und jeder Zeitungsartikel, der von dem judisehen Palästina erzählt, schafft uns neue Anhänger für unsere Idee. Auch das gute Verhältnis, in dem wir heute zu allen anderen an Palästina interessierten Kohlnisationsgesellscliaften stehen, ist nur dadurch möglich geworden, daß wir in Palästina praktisch zu arbeiten begannen und von Worten zu Taten übergingen, ich glaube, daß dieses gute Verhältnis zu allen anderen Gesellschaften auch kein geringer Aktivposten in unserer Arbeit ist. Vieles bleibt uns noch zu tun, um die Palästina- Arbeit zu stärken. Die Entwicklung unserer Arbeit in Palästina hängt auf absehbare Zeit durchaus noch von den Fortschritten unserer Bewegung im Galuth ab. Es ist gewiß wahr, daß die Anhänger unserer Bewegung im Durchschnitt opferfreudiger sind als in irgendeiner anderen jüdischen Organisation. Aber wir müssen noch viel opferfreudiger werden. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß überall im Galuth lokale Verbände entstehen, welche sich bestimmte Aufgaben wirtschaftlicher oder kultureller Art in Paliistina zum Ziele setzen und welche sich rieht scheuen, auch bedeutende materielle Opfer für diese Zwecke zu bringen. Der Zionismus darf für jeden Zionisten nicht nur eine Parteisache, sondern er muß ein Teil seines Lebensinhaltes bilden. Wer nicht imstande ist, nach Palästina übcrzusiedeln, muß?!eh wenigstens zur Pflicht machen, so oft wie möglich nach Palästina zu reisen und sich an irgendwelchen Aufgaben in Palästina materiell zu beteiligen. Nur auf diese Weise können wir hoffen, daß unsere Arbeit in Palästina nach der Sturm- und Drangperiode, die wir jetzt hoffentlich bald hinter uns haben,!<׳«־ vvinenartig anschweilcn und uns wirklich zu dem rsehnten Ziele einer großen nationaljüdischen G» meinschaft in Palästina führen wird. (Lebhafter, ian:;e anhaltender Beifall.) Sitzungen des Actions-Comites Am Tage nach Schluß des Kongresses, am Mit»• woch, den 10. September, trat das Engere Actions-Comitc in Wien zu einer konstituicrenden Sitzung zusammen. Zum ersten Vorsitzend«« wurde Prof. Dr. Warburg, zum zweiten Vorsitzen• den Dr. Tschle n o w gewählt. Dr. Tschlenow wird im Laufe des Winters von seinem bisherigen Wohnort Moskau nach Bcrlin übcrsiedeln. Auch das Große A ct i 0 n s-Com i t £ hielt am 10. September in Wien seine erste Sitzung ab, an der die meisten Mitglieder teilnahmen.