Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 JUED1SCI1E RUNDSCHAU Seile 403 1 lypothekengcsetz hat dies leider nicht getan, son• dem ist auf halbem Wege stellen geblichen. Wir müssen uns deshalb damit zufrieden geben, dali die Lösung dieses Zentralproblcms unserer Ko- Ionisation noch einige Zeit dauern wird und daß wir zu seiner baldigen Lösung unser Bestes tun. lnzwischen müssen wir die anderen schon heute gangbaren Wege gehen, wie es die Form der 1 iiiusler- Siedlung ist und müssen außerdem dafür sorgen, daß ständig neue Einwanderer der Landwirtschaft zuströmen, damit wir für die Hausier- und später einmal für die Kolonistenstellen passende Bewerber zur Verfügung haben. Dazu genügen nicht unsere Farmen, die ja, um eine möglichst große Zahl von Arbeitern anzulernen, diese immer nur relativ kurze Zeit behalten können; dazu ist nötig, daß der jüdischc Arbeiter sich auch in den Kolonien seinen Platz erobert. Das ist deshalb nicht leicht, weil der Lohn des jüdischen Arbeiters höher ist als der des arabischen Arbeiters. Der Araber hat einen niedrigeren Standard af life als der aus Europa cinwaneiernde jüdische Arbeiter. Er hat außerdem minilcstens ein Häuschen und Ncbeneinnahmeii aus der eigenen Wirtschaft und aus der Mitarbeit von Frau und Kindern — während der jüdische Arbeiter nur auf seinen Arbeitslohn angewiesen ist und obendrein noch Wohnungsmictc zahlen muß und viel mehr von Krankheiten zu leiden hat als der bereits an das pa- ),istincnsische Klima angepaßte Araber. In vielen Kolonien bilden die jüdischen Arbeiter nur eine kleine Minderheit und zwischen ihnen und den Kolonisten herrschen Gegensätze, von denen die Arbeiterpresse voll ist. Man will diese Gegensätze auf das Prokrustesbett des Gegensatzes zwischen Kapitalisten und Proletarier spannen. Aber das heißt den Dingen Gewalt antun. Es handelt sich hier meines Erachtens einfach um den Gegensatz des Alters und der Jugend. Für den jungen Mann, der voll Begeisterung nach Palästina kommt, spielt die materielle Frage gegenüber der nationalen nur eine geringe Rolle; für den Kolonisten, der schon in reiferem Alter ist und für eine Familie zu sorgen hat, tritt die materielle Frage in den Vordergrund. Das ist psychologisch so leicht verständlich, daß cs unnötig ist, darüber viele Worte zu machen. Begeisterung und Selbstaufopferung ist | in der ganzen Welt das Vorrecht der Jugend und wir können es bei unseren Arbeitern am nllerwenigsteil vermissen. Im Gegenteil, gerade wegen ihrer ■ nationalen Begeisterung, sind sie fiir uns so wertvoll. Unsere ganze Stellung zu den Arbeitern müßte sich in dem Augenblicke ändern, wo sic diesen Idcalismus verlieren und lediglich ihre materiellen Interessen hcrvorkch reu würden. Ich sehe nicht ohne Besorgnis, daß sich solche Tendenzen hier und da geltend machen. Ich hoffe aber, daß die Gesamtheit der Arbeiter ihre Opferfreudigkeit bewahren und durch strenge Zucht audi die widerstrebenden Elemente in diesem Sinne erziehen wird. Ich glaube, *laß in den neuen Kolonien, die wir gegründet haben und noch gründen wollen, das Arbciterprohlcm vid an Schärfe vcrWm!» wird, weil wir von vornherein auf die Beschäftigung jüdischer Arbeiter Rücksicht nehmen und den ganzen Kolonieplan danach entrichten, so z. B. bei den Pfianzungskolonien durch die gleichzeitige Ansiedlung von Häuslern. Die alten Kolonien dagegen sind, was die Arbeiterfrage anbetrifft, im Zuschnitt verpaßt, und ich glaube nicht daran, daß sich hier sehr viel ändern laßt. Was ,vjr hier noch anwenden können, ist, daß wir versucnen, die Konkurrenzfähigkeit des jüdischen Arbeiters nach Möglichkeit zu heben. Das tun wir, wenn wir in den Farmen die Arbeiter berufstüchtig machen oder wenn wir für sie in und bei den Kolonien Arbeiterhäuscr, Arbeiterheime und Arbeiterküchcn schaffen, welche die Lebenshaltung verbilligen. Eine größere Bedeutung hat die von uns inaugurierte stärkere Einwanderung der yemcnitischcn Juden, weil diese keine europäischen Gewohnheiten und Ansprüche mitbringen und deshalb ungefähr mit dem landesüblichen Lohne auskommen können. Soviel über die Arbeiterfrage, das heißt, die Heranziehung von Menschen. Bei der zweitwichtigen Frage, der Heranziehung von Ka^.ial nach Palästina, kann ich mich weit kürzer fassen. Es hat sich im Laufe unserer fünfjährigen Tätigkeit gezeigt, daß man große Kapitalien für Palästina heranzielien kann, wenn man nur die Kapitalsanlage dem Kapitalisten in handlieber Form anbietet. Das ist uns gelungen, weil wir durch aufklärende Schriften den bemittelten Palästinafreunden in der Form der Pflanzungsgcsell- Schaft (Achoozo) einen leicht gangbaren Weg zeigten und weil wir ferner in der P. L. D. C. ein Institut für ländliche Parzellierung und in der im Jahre WM gegründeten Immobiliengesellschaft Palästina ein lnstitut für städtische Parzellierung geschaffen hatten, ln den verflossenen fünf Jahren sind in die neugegründeten privaten Farmen etwa eine Million Francs investiert worden und die P. L, D. C. hat für etwa U/s Millionen Francs, die Immobilien Gesellschaft für etwa 1 Million Francs Hoden an Privatleute verkauft. Die Umsätze des Palästina-Amtes haben sich in den fünf Jahren verdrcißigfacht. Sic betrugen in Einnahmen und Ausgaben: 1908 . 2080011 Francs 1<J0<). 527 009 ״ PI 10 . 1 138 009 ״ WH 3400009 ״ 1912 . 5 552001) ״ Im I. Halbjahre 1013 3 503OCX) ״ Die größere Hälfte dieser Umsätze betrifft Investitionen privater Kapitalisten oder Gesellschaften. Dabei wollen Sic beachten, daß diese Umsätze erzielt worden, obwohl die von uns vertretenen Ge- Seilschaften über lächerlich kleine Kapitalien verfügten. . Der P. L, D. C. stand, da sie ihr eigenes Kapital in Kinercth fcstgclcgt hatte, nur eilt Kredit des J. N.-F. von etwa 250 000 Frcs, zur Verfügung, die Inimohilieiigescllschalt hatte ein Kapital von 80 000 Mark. Wir hatten wegen dieser geringen Mitte! ungeheure Schwierigkeiten bei unseren Transaktionen und hätten sicherlich noch viel mehr erreichen können, wenn die Gesellschaften über größeres Kapital verfügt hätten. Wenn Sie bedenken, daß der Bodenkauf in Palästina zu unseren wichtigsten Aufgaben gehört, und daß unsere einzige Gesellschaft, welche sich — ungehindert durch eineugeade Statuten — dem Landgeschäft widmen kann, die P. L. I). C. ist, so werden Sie cs gleich mir als einen unhaltbaren Zustand anschcn, daß diese Gesellschaft für diesen Zweck eigentlich keinerlei Mittel besitzt. Hier muß je eher je besser Abhilfe geschaffen werden. So bedeutsam die Pflanzuijgsgcsellschaftcn für den Fortschritt unserer Kolonisation sind, so haben sie doch den einen Fehler, daß sie von jedem Mitgliedc die lnvestion eines beträchtlichen Kapitals — etwa!5 000 Frcs. — erfordern, wovon eine Hälfte sofort und die andere in fünf bis sechs Jahresraten zu zahlen sind. Solche Zahlungen, insbesonders die hohe Anfangszahlung, sind nur den Begüterten möglieh. Wir bestreben uns, für diese Pflanzungsgcsellschäften Kredite!ucllcn zu eröffnen, um wenigstens die drückende Anfangszahlung zu vermeiden und die Zahhingen auf acht Jahre gleichmäßig zu verteilen. Noch wichtiger aber ist es, auch den weniger Bemittelten, den Leuten mit nur 4—6000 Frcs. Vermöge 11, die Möglichkeit einer Uebcrsiedlung und selbständigen Existenz in Palästina zu verschaffen. Gelingen kann das nur durch eine stärkere Ausbildüng der landwirtschaftlichen ׳Nebenzweige, des Ga!teil ha lies, der Milchwirtschaft, der Geflügelzucht. Ansätze zu solchen landwirtschaftlichen Kleinbetrieben finden wir in Ain üanin und auch unsere Farmen arbeiten durch Einführung und Erprobung aller landwirtschaftlichen Nebenzweige mit Eifer an der Lösung dieses Problems. Hat unsere Arbeit in den vergangenen fünf Jahren hauptsächlich dein Pllanziuigs- und Arbeiterproblein gegolten, so soll sic jetzt dein Kleiukoloiiisten gelten. Es ist zu hoffen, daß sieh in absehbarer Zelt der Typus eines Kleinkoloiiisten lieraiishllclen wird, der aus diesen Nebenzweigen eine ausreichende Existenz hat und für seine Installation keines größeren Kapitals als 4 —6000 Frcs. bedarf. Wie außerordentlich dies unsere Kolonisation stärken würde, brauche ich wohl kaum zu sagen. Wenn überhaupt die landwirtschaftlichen Nebenzweige sich jetzt erhöhter Bedeutung erfreuen, so ist dies *- neben der schon erwähnten Bedeutung der Farmen für die Milchwirtschaft und der neu eingerichteten Wasserleitungen für den Gemüsebau — dem Umstande zu verdanken, daß die Kolonien in Judäa jetzt zum ersten Male einen Markt für diese Produkte haben. So lange Teil Awiw nicht bestand »nd die kaufkräftigen Juden von Jaffa in der ganzen Stadt zerstreut waren, konnten die Juden mit den Arabern schon deshalb nicht konkurrieren, weil der Araber seine Produkte nicht nur produziert, sondern auch direkt durch seine Familienmitglieder auf dem Wochenmarkt verschleißt. Seine Fräu oder ein Kind sitzen den ganzen Tag mit ein paar Hühnern oder etwas Gemüse auf dem Markt. Das konnten und wollten die Juden nicht nachmachen, und sie konnten deshalb ihre Produkte gar nicht oder nur zu niedrigen Preisen im Kleinvcrschlciß absetzen. Jetzt ist es, wenigstens in Teil Awiw, anders geworden. Da die Konsumenten zusammenwohnen, ist es möglich, große Verkaufsstellen für alle Produkte einzurichten und so die jüdischen Produzenten, sei cs durch ihren Zusammenschluß zu Konsumvereinen, sei cs durch einen von Produzenten und Konsumenten gleichmäßig kontrollierten Zwischenhändler, in nahe Verbindung zu bringen. Diese Bedeutung der Konzentration der Juden in eigenen Stadtteilen 18t bisher noch wenig gewürdigt worden; und doch ist sie vielleicht berufen, uns den 80 lange vergeblich erträumten jüdisehen Klcinkolonistcn zu ermöglichen, der von zehn bis zwanzig Dun am Boden leben kann. Wenn nicht schon hinreichend andere Gründe sozialer und kulturcilcr Art dafür sprechen, Stadtviertel nach dem Muster von Tel׳ Awiw auch in allen anderen Städten zu schaffeii, 1! sollte allein diese Rücksicht auf die Förderung dr landwirtschaftlichen Kolonisationen dar für genügen. Ein Hindernis gibt es beim landwirtschaftlichen Kleinbetrie!) noch zu übe!winden, d. i. die Untätigkeit der Familienmitglieder. Ich hörte kürzlich ein Gespräch zwischen einem jüdischen Kolonisten aus Pdach-Tikwah und einem deutschen Bauern aus Sarona. Es drehte sich um die Einführung der Milch- Wirtschaft bei den Juden, Der Deutsche erkannte, an, daß die jüdischen Kolonien in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hätten und seine Einwen• düng gegen die Prosperität der Milchwirtschaft bei den Juden, beschränkte sich auf die Worte: ״Ich glaube nicht, daß Eure Frauen nachts um 3 Uhr autstchen werden, um die Kühe zu melken." Er hat damit in der Tat den wundesten Punkt berührt. Wir haben bisher so viel mit der Heranbildung der Kolonisten zu tun gehabt, daß wir darüber die Kolonistin vollständig vergessen haben, lind doch ist ihre Mithilfe unerläßlich. Viele Kolonisten kommen im Hause nicht zur Ordnung und in der Wirtschaft nicht vorwärts, weil die Frau das Hauswesen nicht zu verwalten versteht. Gilt das schon für den heutigen Kolonisten, so gilt cs noch in viel höherem Maße für den Klcinkolonistcn, dessen Existenz ohne die Mithilfe von Frau und Kindern bei allen leich- »teren Arbeiten überhaupt undenkbar ist. Es ist eine durchaus unaufschiebbare Aufgabe, hier einzugreifen, wie es in letzter Zeit durch die Beschäftigung von Mädchen in den Farmen und in den Arbeiterküchen, durch die vom Verband Jüdischer Frauen begründete Madclienfarm in Kinercth und durch die Iandwirtscliaftliehe Schule in Pctach-Tikwah geschehen ist. Verehrter Kongreß! Ich bin zu Ende mit dem, was ich Ihnen über die landwirtschaftliche Koionisation zu sagen hatte. Es ist sehr lang ausgefallen, aber ich wollte in dieser wichtigsten und meist umstrittenen Frage nach Möglichkeit erschöpfend sein. Ich werde mich dafür, um Ihre Geduld nicht zu sehr auf die Probe zu stellen, bei den folgenden Punkten utn so kürzer fassen. Es ist mehrfach behauptet worden, *laß wir infolge unserer Vorliebe fiir das landwirtschaftliche Problem die wirtschaftliche Stärkung der Juden in den Städten vernachlässigten. Tatsächlich ist für die Entwicklung von Industrie in den Städten wenig geschehen. Im Handel haben die Juden in den letzten Jahren meines Erachtens :111 Terrain gewonnen, industricll sind wir aber über den Bczalel und die Spitzenatclicrs nur insoweit hinausgckoniincn, als infolge der verstärkten Bautätigkeit der Juden ein stärkcrcs Einströmen der Juden in das Baugewerbe erfolgte und die Herstellung von Baumaterialien durch Juden in die Hand genommen wurde. Was daneben noch von Industrie bei Juden existiert, ist abge* sehen von der Weinfnbrikatioii — nicht bedeutend und bcschriinkt siel) auf wenige Unternehmungen zur Verarbeitung landwirtselwftlicher Produkte für inländischen Bedarf, wie Mühlen, OcKabrikcn und Gerbereien, oder zur Wasserbeschaffung für landwirtschaftliche Zwecke, wie die Bcwässerungsgcsellschaft Palästina oder einige mechanische Werkstätten. Es ist aber nicht richtig, daß der geringe Erfolg in der Einführung von Industrie in mangelnden Be« miihungen seine Ursache hat. Wir haben alles, was in unseren Kräften stand, getan, um einige Verkehrsuntcrnchmungcn, die uns aussichtsreich schienen, ins Leben zu rufen, aber alle Verhandlungen sind schließlich an der Passivität der Behörden oder an der Aufstellung unannehmbarer Bedingungen oder an illoyaler Konkurrenz von anderer Seite gescheitert. Dies zu ändern, stand nicht in unserer Macht, ln der Landwirtschaft, wo wir Menschen heranbilden wollen, müssen wir in gewissem Umfange auch un* rentable Unternehmungen; beginnen. Wo aber dieser Zweck wegfällt und wo nicht besondere andere nationale Motive mitsprechen, können wir selbstverständlieh nur an Unternehmungen herantreten, die sich bezahlt zu 1machen versprechen. Und da entsprechende Bedingungen nicht zu erlangen waren, mußten wir untätig bleiben. Nun gibt es außer den konzessionspflichtigen Verkehrsunternchmungcn auch konzessionsfreie industrieilc Unternehmungen. Aber alle diese Unternchniungcn haben natürlich — mit einigen gleich zu besprechenden Ausnahmen — mit der europäischen Konkurrenz zu rechnen. Palästina selbst hat bei der Bedürfnislosigkeit seiner arabischen Bevölkerung einen geringen lnlandsverbrauch; eine große Industrie kann also nicht allein auf dem palästinensischen Konsum fußen, sondern muß die europäische Konkurrenz auch auf dem außerpalästinensischen Markte Aushalten können. Es ist vielfach die Ansicht verbreitet, Palästina könne die Konkurrenz deshalb ertragen, weil Löst die Roschhaschanahwünccho durch den Nationalfonds abl /