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Jüdische Rundschau · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 402 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 Ohne die Arbeiter ist die Kolonie abgestorben, mit ihnen lebt sie. Ich denke, solche Fakten sprethcn mehr als lange Abhandlungen und sind die beste Rechtfertigung für den von uns eingeschlagenen Weg. Sic werden jetzt wohl auch verstehen, weshalb die mehrfach gehörte Forcierung, wir .!mißten kaufniänniseh arbeiten, für die kolonisatorische Arbeit in Palästina absolut nicht pullt. Wollten wir kaufmiinnisch arbeiten, so mühten wir unsere Arbeit ausschließlich daraufhin umstellen, dal! jeder Betrieb am Ende jeden Jahres einen möglichst hohen Profit bringt; die zionistische Organisation und ihre Institute glichen dann etwa einer Aktiengesellschaft zur Erzielung möglichst hoher Dividenden. Nun, ich bin selbst lauge Jahre Kaufmann gewesen und meine kaufmännischen Instinkte sind vielleicht nicht geringer als hei irgendeinem anderen Juden. Aber ich rechne es mir gerade als Verdienst au, daß ich imstunde bin, diese kaufmännischen Instinkte überall den höheren Anforderungen unserer nationalen Bewegung untcr/iKirdnen. Wo keine kolonisatorischen Gesichtspunkte vorherrschend sind, legen auch wir Wert auf Geldverdienen und die Arbeit und die Divi- (lenden der iminobilicngcsdlschaft zum Beispiel beweisen, daß wir das gar nicht, schlecht verstehen. Aber nur jemand, der ganz mul gar im kaufinännischen Getriebe verstrickt ist und über den Profithorizont nicht, hinausblicken kann, kann verlangen, daß dieser Profitstaudpunkt auch in unserer ganzen kolonisatorischen Arbeit maßgebend sei. Ich sehe zum Beispiel in der Ausbildung von Arbeitern oder in der oben erwähntet! Neuhclebuug einer Kolonic, die in den Büchern des Kaufmannes natürlich gar keinen Wert haben, Aktivposten von größtem Werte. Ich kann es mit größter Bestimmtheit sagen: die für den Kaufmann profitabelsten Unternehmungen in Palästina sind häufig für unsere nationale Aufgäbe die uiiprtditabclstcii; und umgekehrt sind viele kaufmännisch s uitprofitahlc Unternehmungen von höchstem nationalem Werte. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man sich vorstcllcn kann, daß eine Tätigkeit, die zum größten Teile darauf gerichtet ist, die Juden beruflich umzuschichten und aus Städtern Landwirt zu machen, nach Profitrücksicliten geleitet werden kann. Mit demselben Hechte könnte man verlangen, daß unsere Schulen Dividende zahlen. Ich verstehe aber auch nicht, wie man glauben kann, daß eine so gigantische Aufgabe, wie es die I leranbildung von städtischen Juden zur Landwirtschaft ist, ohne solche Erziehungsstätten und ohne jede Mithilfe unsererseits gelöst werden kann. Wollten wir svstematisch Vorgehen, so müßten wir Dutzende von landwirtschaftlichen Schulen und Lchrfarmcn gründen; wenn wir es nicht tun, so nicht deshalb, weil es nicht nötig ist, sondern weil der Mangel an Mitteln uns zur Beschränkung zwingt. Es ist auch irrig, wenn man glaubt, die Kolonisation dadurch auf eine kaufmännische Basis stellen zu können, daß wir uns darauf beschränken, bankmäßige Kredite an Ansiedler zu geben. Ich verkenne nicht die große Rolle, die dem Kreditwesen in der Kolonisation zufällt, aber cs kann diese Rolle nur dann spielen, wenn ilun Kolonisationsgesellschaften als Schrittmacher vorangehen. Es müssen erst neue beleihungsfähige Objekte geschaffen werden, bevor Agrarkredit gegeben werdet! kann. Es war gerade kürzlich Gelegenheit, diese Frage eingehend zu erörtern. Von kompetenter Seite war uns vorgeschlagen worden, für den Agrarkredit die Form der Hypotliekcnlebensversicberung nutzbar zu machen. Die Idee ist an sich sehr beachtlich, aber nach langer Diskussion kam der Referent selbst zu dem Schlüsse, daß die Verwirklichung des Vorschlages das Vor- Hattdenscin ertragsfähiger Parzellen in den Händen arbeitsfähiger Elemente voraussetze. Nun, diese Voraussetzungen waren eben bis jetzt in größerem Umfange nicht da. Wir müssen sie erst schaffen und alle Tätigkeit unserer Farmen und unserer Parzcllicrungsgcscllschaft ist gerade hierauf gerichtet. Es besteht also nicht etwa ein Gegensatz zwischen unseren Kolonisatiansgcscllschaften und dem bankmäßigen Kreditwesen, sondern sie sind im Gegenteil aufeinander angewiesen und müssen sich gegenseitig ergänzen. Ohne Agrarkredit ist keine größere Kolonisation, aber ohne vorhergehende Kolonisationsarbeit ist auch kein Agrarkredit möglich. Es hat mich sehr geschmerzt, daß Herr Wolffsohn in seiner gestrigen Rede geglaubt hat, die Verdienste unserer Bank nur dadurch erhöhen zg können, daß er die anderen palästinensischen Gesellschäften verkleinerte. Ich werde ihm auf diesem Wege nicht folgen und nicht die anderen pnlästincnsischcn Gesellschaften auf Kosten der Bank herausstreichen. Dazu ist mir unsere Bank zu teuer. Ich möchte nur darauf hinweisen, daß es vollständig falsch ist, das Verleihen von Geld, womit sich unsere Bank beschäftigt, mit kolonisatorischer Tätigkeit zu vergleichen. Gcldvcrleihen ist ein Geschäft, das wir Juden leider seit zwei Jahrtausenden mehr als zuviel betreiben; es wäre also mehr als merkwürdig, wenn wir auf dem Oebiete, auf dem wir in allen Ländern der Welt exellieren, nicht auch in Palästina etwas leisten sollten. Aber wo in der Welt finden Sic 1 jüdische Kolonisatoren, wo finden Sic Sachverständige, Leiter und Arbeiter auf diesem Gebiete, wo finden Sie ein Schema oder Vorbild für solche Arbeit? Hier müssen wir seihst erst mit Schweiß und Blut dim'li dichtestes Gestrüpp unseren Weg bahnen, dort finden wir einen breilen ausgetretenen Weg. Ist cs da möglich, die Leute, welche auf dem ersten Wege sich Sehritt für Schritt das Vorwärtskommen erkämpfen müssen, mit jenen zu vergleichen, die auf dem .•linieren Wege freie Bahn vor siel! haben? Mancher meint, daß unsere kolonisatorische Tätigkeit in Palästina schon ungeheuer groß sei. Mir kommt sie leider in! Verhältnis zu unserer Aufgabe jämmerlich klein vor. Diese Kleinheit ist sogar meine größte Sorge. Alle Schwierigkeiten unserer Arbeit werden mich nicht ohschrecken, solange diese Arbeit seihst eine große Perspektive hat lind mir ein Anfang zu Größerem scheint. Aber ich müßte und wir alle niiillten in dem Moment verzweifeln, wo wir diese׳ Perspektive dicht mehr haben. Deshalb ist es nötig, daß die Anfänge nicht gar zu winzig sind, die Basis unserer Arbeit nicht gar zu schmal ist, denn der Anfang bestimmt die Expansionsbreite 11» der Zukunft. Seihst wenn unsere Arbeit nur vorbereitender Art ist und nur Versuche ilnrstcllt, so muß sic doch gewisse Dimensionen haben. Sie wissen aus den Naturwissenschaften, daß ein Versuch oft gar nichts besagt, aber eine Reihe von Versuchen mit variierten Bedingungen liefert entscheidende Resultate. Und noch eins. Früher hatte unsere Bewegung in der Glimter-klee ein großes Ideal, Wir haben uns jetzt damit abgefuiuk'ii, daß• wir unser Ziel nicht durch den Chnrter, sondern durch praktische Arbeit in Palästina erreichen müssen. Auch aus diesem Grunde darf die Arbeit nicht zwerghaft sein. Ich würde es deshalb als ganz falsch anseheii, wenn wir aus übergroßer Vorsicht uns zur Maxime machten, Reserven aii/usainmcln, und und! das Wenige nicht zu tun, was wir mit unseren Mitteln tun können. Bei meiner Tätigkeit mußte stets der letzte Pfennig mitarbeiten. Für eine Sparbiichsenpolitik ist die Zeit zu kurz und die Aufgabe zu dringend. Alle aufgcsammeltcn Millionen werden bei der fortschreitenden Entwickluiig Palästinas das nicht gut machen können, was wir jetzt versäumen und Millionen werden vielleicht da nicht ausreichen, wo jetzt Hunderttausend!: genügen. Ich will noch ein Argument der Kaufleute beberühren, das ich manchmal gehört habe. Man sagt, daß unsere Farmen schon deshalb auf Erzielung von Profit ausgehen müßten, weil nur dadurch *das Privatkapital herangezogen werden kann. Aber um sich zu überzeugen, daß die Landwirtschaft in Palästina profitabel sein kann, braucht der Privatkapitalist gar nicht die Ergebnisse unserer Farmen abz.uwarten. Er kann in jeder jtidäiscben Kolonie erfahren, daß Pfianzimgeii einen hohen Gewinn abwerfen. Man soll die Ziele nicht verwirren. Unsere Farmen haben vorläufig ׳noch andere, höhere Aufgaben, als die Erzielung von Profiten. Was man von ihnen verlangen kann, ist, daß diejenigen unter ihnen, die nicht alljährlich neue Arbeiter aufnehmen, sondern größtenteils mit gelernten Arbeitern arbeiten, Rente bringen. Das bahnt sicli in Kinerctb und Daganialt auch bereits an. Es gellt langsam, weil die Erfahrungen im Farmbetrieb mit jüdischen Arbeitern noch sehr jung sind und eine neue Technik erst im Entstehen begriffen ist. Nach all dem oben Gesagten kann ich mich über andere häufig gehörte Frage, weshalb wir in unseren Farmen nur jüdische Arbeiter beschäftigen, ganz kurz fassen. Von meinem Standpunkte aus hat die Frage überhaupt keinen Sinn, denn die Farmen sind uns ja nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zu gewissen Zwecken und unter diesen Zwecken nimmt die Ausbildung jüdischer landwirtschaftlicher Arbeiter die erste Stelle ein. Und nicht nur für einfache Arbeiter, auch für die Ausbildung von Vorarbeitern und Leitern sind die Farmen fast unerläßlich. Wir bekommen ja auch unsere Agronomen nicht fix und fertig geliefert, sondern müssen sic erst durch die Arbeit erziehen. Solänge man für die ebenso wichtige wie schwierige Erziehung von Städtern zur Land- Wirtschaft keinen anderen Weg zeigt, werden die Farmen diesen Erzichungszwccken auch weiterhin dienstbar sein müssen. Sic werden uns dann statt Zinsen etwas viel Notwendigeres geben; nämlich Menschen. Ich will nur nebenbei bemerken, obwohl es gar .nicht so unwichtig ist, daß wir bei unserer Methode unsere Farmen zugleich zu Pflegestättcn jüdischen Geistes und der hebräischen Sprache machen. Und ferner: nur wenn wir in!*,!lästina ein ״Werk unserer I lande" schaffen und nicht Exploitatoren fremder Arbeit sind, erwerben wir uns ein moralisches Recht auf den Boden, den wir juristisch erworben haben, Damit ist auch klar, daß wir bei der Beschäftigung jüdischer Arbeiter in keiner Weise von einer Animositat gegen die Araber, die ja gute profitable Arbeiter sind, geleitet werden, sondern nur von dem Bestreben, uns selbst zur Arbeit zu erziehen und unseren Boden mit unserem eigenen Schweiße tu düngen. Es ist selbstverständlich, daß wir überall auch Nichtjeden beschäftigen sollen und können, wo die Arbeit es verlangt und uns gleichwertige jüdische Arbeit*- kräftc nicht zu Gebote stellen. Ich brauche kaum zu sagen, daß mit der Kescliäftigting von jüdischen Arbeitern auf unseren Farmen die Arbeiterfrage noch in keiner Weise gtlöst ist. Obwohl mich dem Vorhilde unserer Farmen auch alle anderen, seitdem von Privatleuten und Ge- Seilschaften gegründeten Farmen mit jüdischen Arheitern arbeiten - - auch ein nicht gering an/uschlagender Erfolg unserer Farmen — und obwohl in all diesen Farmen zurzeit bereits über 400 jüdische Arbeiter beschäftigt werden, so behält die Arbeiterfrage doch noch viele Stachel. Zunächst ist klar, daß die jungen Leute nicht ewig Lohnarbeiter bleiben wollen und sollen, die mir gerade eben den knappen Lebensunterhalt für sich selbst verdienen. Sie müssen eine Möglichkeit haben, wirtschaftlich vorwärts zu kominen und eine Familie zu gründen. Da wir mit einer Wiederaufnahme des früheren Kofoiiisationssvstems, das auch ganz unbemittelten Leuten zu einer vollen Kolonistenstcllc verhalt, kaum rechnen können, so sehe ich nur zwei Existenzmöglichkciten; die erste Möglichkeit ist die Existenz als Häusler, der neben seinem Häuschen auf einigen Dunam Boden etwas Gemüsebau und Geflügelzucht treibt und eine Kuh oder ein Paar Schafe hält, in der Hauptsache aber von Lohnarbeit in einer IMlanzungskolonie lebt. Vielleicht wird es mit zunehmender Erfahrung besonders auf dem Gebiete des Gartenbaues möglich sein, allmählich den Typus eines Häuslers zu schaffen, für den die eigene kleine Wirtschaft die Hauptsache ist und die Lohnarbeit nur eine Nebenrolle spielt. I He Schaffung einer I läiislerstellc kostet durchschnittlich nur 2000 bis 3000 I res. für den Bau des Häuschens, den Boden und die Wasserversorgung. Für das geringe bewegliche Inventar genügen einige 100 Frcs. Solche I läiislcrstellen könnten wir durch Krcditgcwährimg für Häuschen, Boden und Wasseriiistall.ilion auch mit unseren beschränkten Mitteln alljährlich in beträchtlicher Anzahl schaffen, zumal wir auf diesem Gebiete mit dem Odessaer Komitee, mit dem Kolo• nisntionsvcrcin Ezra und noch anderen Kolonisation*• gcscllschaftcn Zusammenwirken. Die Arbeitcrsiedlungen in Ain Gamin, Hir Jakob, Nachlath Jcluida, Kafr Saba und Glieder«־» sind die Früchte dieser gemeinsainen Tätigkeit. Aber diese Arbeitersiedlungen können nur in oder neben einer größeren Pflanzung*• kolonic bestehen, wo die Arbeiter Arbeit finden, und ihre Vermehrung ist deshalb immer von der Vermchrung der Pllanzungskolonien abhängig. Die unerw«artet schnelle Verbreitung des Achooza-Gcdankm eröffnet hier günstige Perspektiven. Neben der Ansiedlung von Arbeitern als Häusler wäre es für unsere Kolonisationsarbeit sehr wiinsehenswert, Arbeiter auch auf der Basis des Körnerbaues zu Hauern zu machen, weil wir hierdurch in den Stand gesetzt wären, größere Terrains schnell unter den Pflug zu nehmen. Aber so wünschen*• wert diese Art der Kolonisation ist, so schwierig ist sic. Wollen wir nicht wieder in die Fehler der früheren Kolonisation verfallen, so müssen wir von den Ansiedlern nicht nur verlangen, daß sie für den Beruf gut vorbereitet sind — das sollen ja eben die Farmen tun — sondern daß auch die Installierung so erfolgt, daß kein Geld dabei verloren geht. Das setzt wiederum voraus, daß eine landwirtschaftliche Betriebsform mit vorherrschendem Getreidebau gehn!• den wird, welche dauernd befriedigende Ertrage liefert, und daß der Ansiedler selbst wenigstens -» viel besitzt, um das bewegliche Inventar aus eigenen Mitteln zu erwerben. In Zahlen ausgedrückt heißt das, daß jeder Ansiedler mindestens 2000 Frcs. eigenes Kapital haben und für einen Kredit von mindestens 15 000 Frcs. völlige Sicherheit bieten muß. Da die jungen Leute zum allergrößten Teile ganz mittellos nach Palästina kommen, müßten sie diese 2000 Frcs. durch ihre Arbeit in Palästina selbst verdienen. Es ergeben sich also folgende drei Fragen: 1. In welcher Weise können Arbeiter in Palästina zu Ersparnissen kommen? 2. Welche Betricbsform auf der Basis des Getreidebaues liefert dauernd ,angemessene Erträge? 3. Wie läßt sich der für die Installierung solcher Kolonisten erforderliche Kredit von 15 000 F'rcs. pro Kolonist beschaffen? Vorläufig sind alle diese Fragen noch ungelöst. Wir können nur sagen, daß wir an der Lösung arbeiten. Für die Erreichung von Ersparnissen erhoffe ich viel von den• Arbeiter- und Siedlungsgenossenschäften, indem hier die Arbeiter durch übcrdurchschnitt liehen Eifer hoffentlich allmählich auch überdurchschnittliche Einnahmen haben und davon etwas werden zurücklegen können. Auch ist es möglich, daß der eine oder andere Häusler Ersparnisse macht und dann ein Vollkolonist wird. Die technische Frage: Wie ist der Getreidebau rentabler zu gestalten? wird von allen unseren Farmen mit Eifer studiert und praktisch erprobt. Für die Kreditfrage endlich soll eine Agrarbank sorgen, sobald die türkische Gesetzgebung das Hypothekenwesen in europäischem Sinne geregelt haben wird. Das in diesem Frühjahre erlassene neue

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