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Jüdische Rundschau · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 JU EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 401 Rücksicht auf die türkische Gesetzgebung ausgeschlossen. Also blieb nur übrig, den Boden in eigene Bewirtschaftung zu nehmen. Aber dafür wollte und konnte der J. N.-F. kein Geld hergeben, weil die Sache zu riskant war. Aus diesem Dilemma schien es überhaupt keinen Ausweg zu geben. So standen also die Dinge. Und mehr als einmal däuchte es mir vermessen, mit den winzigen Mitteln an all diese Aufgaben heran /.״treten und mit 300 000 M. etwas Nachhaltiges für ein Kolonisationswerk tun zu wollen, für welches der Baron Rothschild, wie man sagt, bereits mehr als f.ü Millionen Mark ausgegebeu hatte. Aber schließlich siegte der Optimismus. Ich sagte mir: ein Anfang ist die Tat. Die Tat hiefl: Kinereth. Ich entschloß mich, die Mittel der P. L. D. C. zu bcnutzen, um auf dem Boden des N.-F. in Kinereth einen Farmbetrieb cinzurichtcn. Als dies in Palästina bekannt wurde, versammelte sich in Jaffa der damals bestehende Palästinarat und nahm in vielen Sitzungen und in einem ausführlichen Memorandum energisch gegen dieses Projekt Stellung. Seine Hauptargumente waren zwei: Erstens: die Farm wird eine Administration haben und kann schon deshalb nicht taugen; zweitens: an die in der veröffentlichten Rentabilitätsbcrechnung in Aussicht gestellte Rentabilität, ist nicht zu denken. Bei dem ersten Argument spielte eine Begriffsverwirrung mit, die in ganz Palästina damals geläufig war. Man verknüpfte seit der Kritik Achad Haams mit dein Begriffe Administration unvermeidlich stets den Begriff der Bevormundung; man sah nicht ein, daß ein Administrator im Sinne Achad Haams, der als eine Art Protektor und Vcrmittler zwischen einem fernen Geldgeber und den quasi-selbständigen Kolonisten stand, etwas vollstiin* dig anderes ist als der Verwalter einer Farm, in der Lohnarbeiter beschädigt sind. In diesem Punkte hatte also das Palästina-Amt unrecht; dagegen hatte er in dein zweiten Punkte vollständig recht. Es war in der Tat ein Irrtum, wenn ich auf Grund der von Fachleuten!aufgcstelltcn Rentabilitätsberechnungen annahm, daß die Farm schon im ersten vollen Wirtschaftsjahr eine Rente abwerfen würde. Die Erfahrung hat mich inzwischen belehrt, daß die Okkupation neuen Bodens in Palästina so viele faux frais mit sich bringt, daß in den ersten Jahren eine Rentabilität ausgeschlossen ist. Aber ich bereue beute diesen Irrtum nicht. Hätte ich nicht irrtümlicherweise eine baldige Rentabilität des Betriebes angenommen, so hätte ich vielleicht nicht den Mut gehabt, die Farm zu begründen; und dann wäre das Ufer des Tibcrias-Sees, das jetzt die schönste jüdische Kolonie trägt, noch heute wüst und leer, die J. C. A. hätte nicht ihre wenigen Kolonisten dort ansicdcln können, die Gesellschaft Hoachoozo in St. Louis hätte nicht daran gedacht, dort die erste, neue, große Pflanzungskolonic anzulegen, an die sich so viele Hoffnungen knüpfen, die Kapitalisten, die ein Jahr später Mcdjdel kauften, hätten nie den Mut dazu gehabt, wenn nicht die Farm Kinereth ihnen den Weg gewiesen hätte, und schließlich wäre selbstverständlich Dagania, unsere schönste palästinensische Farm, wäre die Farm für die landwirtschaftliche Erziehung, von Mädchen in Kinereth, wäre auch der Kauf von Mcrchawia unmöglich gewesen. Kinereth hat viel dazu beigetragen, daß heute Untergaliläa ein so frisches Leben zeigt und sich so vorteilhaft von Obergaliläa abhebt. Ein Irrtum, der zum schnellen Handeln anregt, kann oft wertvoller sein als hundert Wahrheiten, die den Mut lähmen und zur Untätigkeit verurteilen. Solch ein Irrtum war Kinereth. Ich hoffe, daß man einst Kinereth als unseren ersten Schritt zur Wicdcrbelebung des stagnierenden Kolonisattonswcrkcs noch preisen wird, wenn das Defizit, das es uns in den ersten Jahren brachte und das ja übrigens durch die Wertsteigerung des Bodens mehr als gedeckt ist, längst vergessen sein wird. Was in Kinereth, im Norden des Landes, für Rechnung des P, L. D. C. geschah, erfolgte im Süden, auf dem Boden des J. N.-F. in Hulda und Ben Schemen für Rechnung der Oclbaumspcndc, Ich sagte schon oben, daß diese Terrains wegen ihrer isolierten Lage, ihrer Kleinheit und der Sdiwierigkeit der Wasserversorgung für eine landwirtschaftliche Bearbeitung nicht günstig waren. Es wäre z. B, viel besser gewesen, statt zweier Terrains von je 2000 ein Terrain von 4000 Dunams zu haben; die Ausgaben für Verwaltung, Gebäude, Wasserbcschaffung, Bewachung hätten sich dadurch viel niedriger gestellt. Aber cs stand nicht in unserer Macht, dies zu ändern. Die Terrains waren einmal da und erheischten die Bearbeitung. Da wäre es natürlich ganz verkehrt gewesen, wenn wir diese Terrains wegen der angeführten Mängel ihrem Schicksal überlassen und für den Herzlwald ein neues Terrain gckauft hätten. Es war immer noch besser, auf diesen Terrains mit höheren Kosten den Herzlwald zu pflanzen, als sie allen Gefahren preiszugeben, die! mit der bis dahin geübten Verpachtung an Araber J } Verbundes war. Die beiden Farmen bestehen jetzt fünf, bzw. vier Jahre. Sic heben alle Aufgaben _erfüllt, derentwegen sie gegründet waren. Freilich, I wenn man die Pflanzung de: lierzlvvakfes als Selbst- I zweck betrachtet, so hätte man wahrscheinlich leichter j dazu kommen können, wenn _ mau die Anpflanzung unter Aufsicht einiger Kolonisten durch die Araber der Umgegend hätte vornehmen lassen. Es bestand damals in unseren Kreis«: große Neigung dazu. Aber ich rechne es mir zum Verdienst an, daß ich diesen Wünschen nicht naehgegeben und von vcrtiehercin die Pflanzung des Hcrziwaldcs nicht als Selbstzweck behandelt, sondern aus ihr ein Mittel zur Errichtung und Unterhaltung zweier Farmen gemacht habe. Der Herzlwald selbst kommt dabei nicht zu kurz; seine Anpflanzung ist fast beendet und in drei bis vier Jahren werden wir bereits die ersten Erträge haben. Allerdings ist cs möglich, daß der einzelne Oclbaum sich nicht auf 0 M., wie man vor mehr als zehn Jahren berechnet hatte, sondern einige Mark teurer stellen wird, oder daß der Preis von 6 M, als Durchschnitt nur dann bestehen bleiben wird, wenn man auch die anderen, als Zwischenkulturen gepflanzten Bäume hinzurechnct. Ich weiß nicht, ob bei irgendeiner anderen Wirischaftsart, selbst mit arabischen Arbeitern, der Oclbauni heute mit 6 M. zu pflanzen ist, denn die Preise für menschliche und tierische Arbeit sind in Palästina in den letzten zehn Jahren gestiegen und man rechnet heute allgemein die Kosten für den Dunam Oliven ohne den Bodenpreis auf 90 bis 100 M., also für den Baum auf 9—10 M. Aber auch selbst, wenn in unserem Farmbetriebe mit jüdischen Arbeitern die Kosten höher wären, kann nach meiner Meinung noch Immer nicht der gcringste Zweifel darüber bestehen, daß wir doch diesen Weg gehen müssen, weil die Farmen für uns einen unschätzbnren kolonisatorischen Wert haben. Die Farm Ben Schemen /,, B. hat als erste die Milch- Wirtschaft in den jüdischen Kolonien eingeführt. Bis dahin hatte keine einzige jüdische Kolonic eine ratioiicllc Milchwirtschaft; kein einziger Liter Milch kam von den jüdischen Kolonien zum Verkauf in die Stadt. An schönen Reden an die Kolonisten, daß sie sich doch der Milchwirtschaft annchmcn möchten, hat es nicht gefehlt, aber der Erfolg war gleich Null. Man hörte stets den Einwand, daß im Winter der Milchpreis zu niedrig sei, um die Milchproduktion lohnend zu machen, und im Sommer, wenn der Milchpreis hoch sei, fehle es .... Futter und deshalb auch an Milch. Jn mehrjährigen Versuchen, bei denen wir vieles den Erfahrungen der benachbarten Kolonien verdanken, hat der Leiter unserer Form Ben Schemen den Futterbau studiert und durchgeführt. Der Erfolg war, daß die benachbarte Kolonie Ekron die Sache sofort nachmachte und daß heute Ben Schemen und Ekron Teil Awiw täglich mit Milch und Milchprodukten versorgen. Andere Kolonien sind im Begriffe, ‘dasselbe zu tun. Was theoretische Belehrungen und. Ermahnungen niemals vermocht hätten, hat das praktische Beispiel in kürzester Zeit bewirkt. Wir wer* den den Kolonien bei der Aufnahme der Vichwirtschaft in einiger Zeit noch eine weitere wesentliche Hilfe leisten können. Die Rinderrassc Palästinas ist schlecht und gibt wenig Milch, Wir haben uns für die Farm lksi Schemen eine Anzahl guter Zuchtticre vom Libanon beschafft und aus diesem Stamm werden wir allmählich alle Kolonien mit guten Zuchtticren versorgen können. Die Folgen dieser Aufnähme der Viehwirtschaft sind ganz unübersehbar, denn Viehwirtschaft gibt Dünger und Dünger gibt gute Ernte. Einen außerordentlichen Nutzen haben die beiden Farmen auch dadurch gebracht, daß sic als erste die Anpflanzung von Oliven und Mandeln im Großbetriebe mit jüdischen Arbeitern durchführten und dadurch für die privaten Pflanzungsgcscllschaften ein lebendiges Vorbild schufen. Wein, wir den für den Fortschritt der Kolonisation so außerordentlich wich* tigen Typus der Pflanzungsgesellsduftcn schaffen und die zahlenmäßigen und technischen Unterlagen dafür liefern konnten, so verdanken wir dies zum großen Teile den Erfahrungen, die uns unsere Farmen gaben. Als den größte« Nutzen der Farmen sehe ich aber die Heranbildung von jüdischen Arbeitern an. Wenn in den letzten Jahren der fast schon versiegte Zustrom von jungen Leuten nach Palästina wieder zu fließen beginnt, wenn ׳die Zahl der jüdischen landwirtschaftlichen Arbeiter, die vor fünf Jahren kaum 300 betrug, sich inzwischen verfünffacht hat, so ist dies nach übereinstimmender Ansicht aller Kenner der Verhältnisse in erster Linie den neuen Farmen zuzuschreiben, Ohne die Farmen hätten die jungen Leute zum allergrößten Teile keine landwirtschaftliehe Beschäftigung finden können. Der junge Ein* Wanderer ist im Anfänge durch den Klimawechsel und durch seine Unkenntnis meist ein so schwacher Arbeiter, daß kein privater Kolonist ihn beschäftigen will. Der Kolonist will und kann auch häufig kein Lehrer sein und will und kann seinen Betrieb nicht zu einer Schule machen. Er braucht einen Arbeiter, der die Arbeit schon kennt. Die Folge ist, daß der erfahrene jüdische Arbeiter in den Kolonien jederzeit Arbeit linden kann, der neue Ankömmling aber wochenlang vergeblich nach Arbeit sucht. Dieser Mißstand war seit langem bekannt, und es sind schon viele Mittel zu seiner Beseitigung vorgeschlagcn worden. Aber erst unsere Farmen haben, indem sic neue Einwanderer als Arbeiter aufnetunen und ein volles Jahr ausbildcn, praktisch einbegriffen und Besserung gebracht. Im Laufe der vier bis fünf Jahre ihres Bestehens haben Ben Schemen und Hulda eine stattliehe Zahl von Arbeitern ausgebiklct und fast alle sind in Palästina geblieben und haben in den Kolonien ihre Existenz gefunden. Was sie ihrerseits für die Ncubclcbung clor Kolonien leisten, dafür will ich Ihnen ein Beispiel erzählen. Im vorigen Jahre kauften wir in der seit zwanzig Jahren existierenden Kolonie Kastinieh etwa 1000 Dunam Boden und verkauften ihn an auswärtige Käufer. Da die neuen Käufer nicht so schnell kamen und der Boden bearbeitet werden mußte, schickten wir zu diesem Zwecke acht Arbeiter aus Ben Schemen und Hulda nach Kastinieh. Etwa ein halbes Jahr später kamen die Käufer und wir wollten nunmehr unsere Arbeiter wieder aus Kastinieh zurückziehen. Da erschien bei mir vollzählig der Waad von Kastinieh und bat mich flehentlich, das nicht zu tun und die Arbeiter weiter in Kastinieh zu belassen. Seitdem die Arbeiter dort seien, herrsche ein ganz anderes Leben in der Kolonic; durch die Arbeiter hätten sie überhaupt erst gelernt, was Arbeit sei, und sie sähen jetzt ein, daß ihre ganze frühere Arbeit ein Oe• lächtcr gewesen sei (ich zitiere wörtlich). Sic seien ״abgeschwächt״ gewesen und hätten die Arbeit schon verlernt; jetzt begännen sie selbst wieder aufs Feld zu gclicn. Sie hätten, da sic ja nur eine kfcinc Kolonic und alte Leute seien, vor den Nachbarn gezittert und hätten kaum Mut gehabt, in diesem Jahre überhaupt zu säen; jetzt, nach der Ankunft der Arbeiter, zitterten die Nachbarn vor ihnen. — Und von dem früheren Lehrer der Kolonie erhielten wir vor kurzem einen Brief, in dem es heißt: ״In letzter Zeit besuchte ich die Kolonie Kastinieh, in der ich früher dreieinhalb Jahre verlebte, für die ich mich auch nachher unausgesetzt interessierte und die ich also ganz genau kenne. Kastinieh, die nach Bodcnqualität und Klima blühen müßte, ist durch verschiedene Umstände so heruntergekommen, daß sie dem völligen Untergang nahe war und von allen fast aufgegeben wurde. Wie groß war daher meine Freude, als ich dort solch einschneidende Verbesserungen traf. Die einst mißmutigen und verzweifelten Kolonisten, die für ihre Arbeit das Interesse bereits verloren hatten, arbeiten jetzt mit freudiger Hingebung und starker Zuversicht. Die wenigen jungen Leute der Kolonie, die früher nur an überseeische Länder dachten, erwarten jetzt ihre Zukunft nur von der Arbeit. Wie hat sich aber auch die Arbeitsmethode geändert! Kolonisten, die früher nur auf die arabische Arbeitsmethode schworen, geben jetzt zu, daß 200 Dunam gut bearbeitet mehr als 400 Dunam bearbeitet in der früheren Art bringen. Man sieht nicht mehr die Misthaufen vor den Häusern und man ist auch nicht mehr ganz wie früher auf das arabische Gemüse angewiesen. Es gewährt eine besondere Freude, zu sehen, mit welcher Lust und Liebe die Kinder der Kolonie in den Gemüse- und Blumengärten arbeiten, Nun wissen sie ganz gut, daß diese wunderbaren Veränderungen nur .dem Einflüsse der Arbeitergruppe zuzuschreiben ist. Unter diesem Einfiuß stand auch das öffentliche und moralische Leben der Kolonic. Um so mehr bedauert cs die Kolonie und jeder Kolonisationsfreund, daß die Arbeiter demnächst die Kolonie verlassen sollten. Es ist klar, daß dadurch ein Ruckfall eintreten wird, denn acht Mo* natc sind eine zu kurze Zeit, um eine andauernde Wirkung auszuüben. Die neuen Kolonisten, die jetzt sich dort ansiedeln, würden auch nur unter dem Einfluß der Arbeitergruppc für die Kolonie von Segen sein; ohne sie werden sie bald den alten gleich sein. Darum erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen: Sie waren die Retter einer absterbenden '. Kolonie, bleiben Sie nicht stehen in der Mitte des Weges! Bevor man neue Positionen gewinnen will, muß man die alten halten. Um Kastinieh, das für Südpalästina ein Zentrum des Jischuwt werden könnte, zu halten, gibt es keinen anderen Weg, als einen Teil der Gruppe dort zu belassen. Sie wer* den dadurch nicht bloß für Kastinieh, sondern für unsere gesamte Kolonisation in Südpalästina ein segensreiches Werk leisten." Löst die :;c ationalfonds ab!

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