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Jüdische Rundschau · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 400 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 dankens. Aber man hatte geschickt verstanden, diesen Teil von den eigentlichen Verhandlungen ZU trennen und so trotz Aufbietung grober Massen einen Arbeitskongreß im besten Sinne des Wortes erzielt. Es gab keine Sensation und keine Sturmszcuen — die übereifrige Reporter erst erfinden mußten — dafür aber eine ernste Aussprache über die wichtigsten Fragen der Bewegung, die in den kommenden zwei Jahren ihre Früchte tragen wird. Wir deutschen Zionisten wissen, daß wir an allem, was erreicht wurde, unseren Anteil haben. Zum erstenmal wurde trotz der scharfen Gegnerschaft, der wir begegneten, die Zahl von 1000Ü Schekeln erreicht. Der stete Fortschritt des zionistischen Gedankens geht auch bei uns in Deutschland auf ganz andere, stärkere Faktoren zurück, als sie irgendwelche taktische Momente des innerjüdischen Kampfes bieten können. Auch wir setzen einen Schlußpunkt hinter alle theoretischen Auseinandersetzungen in unseren Reihen und wenden uns der ruhigen, ernsten Arbeit des Tages zu, die zur Stärkung unserer materiellen und ideellen Machtmittel so dringend erforderlich ist. Zionistische* Arbeit in Palästina *Referat, erstattet dem XI, Zionistenkongreß von Dr. A. R u p p i n Geehrter Kongreß! Zum ersten Male, seitdem ich ein Amt in der zionistischen Bewegung bekleide, habe ich die Ehre, vor dein höchsten zionistischen Forum zu stehen und über die Arbeit des Palästina- Amtes Bericht zu erstatten, mit dessen Begründung und Leitung ich im Frühjahr 1908 meine Tätigkeit begann. Ich will diesen Bericht nicht dazu benutzen, um Ihnen das Geschaffene im Detail zu schildern. Ich denke, daß Sie darüber durch die mehr als reichliehen Mitteilungen in unserer Presse, durch den Ihnen gedruckt vorliegenden Bericht des E. A. C. an den Kongreß und durch das Referat des Herrn Vorsitzenden des N.-F.-Dircktoriuins zur Genüge unterrichtet sind. Ich stelle mir deshalb in meinem Berichte eine andere Aufgabe. Ich will die prinzipiellen Fragen erörtern, die bei der Beurteilung unserer Tätigkeit immer wieder auftauchen; ich will Ihnen die ürundzüge des Systems aufzeigen, das uns zur Richtschnur gedient hat; und ich will ferner datlegcn, weshalb wir von allen mögliehen Wegen bei unserer Arbeit gerade diesen Weg gegangen sind. Als ich im Jahre 1907 noch als einfacher Tourist Palästina mehrere Monate lang durchreiste, deprimiertc mich qm meisten die Energielosigkeit und Mutlosigkeit, die ich unter den Juden, besonders in den Kolonien in Judäa, Samaria und Obergaliläa vorfand. Ich versuchte, den Zustand auf eine diagnostische Formel zu bringen, und es schien mir, als ob man ihn am besten als Ucberalterung bezeichne. Die Kolenien in Judäa, Samaria und Obergaliläa waren im Durchschnitt zwanzig Jahre alt: Die einst als junge Männer, sei cs aus Begeisterung, sei es aus Hoffnung auf materiellen Gewinn die Kolonien gegründet hatten, waren in harter und oft vergeblicher Arbeit mürbe und alt geworden, und der Nachwuchs fehlte. Die Jugend hatte von den Eltern weder die Begeisterung noch die Hoffnung auf Gewinn übernommen, und sic hatte deshalb die Kolonien verlassen, um in den Städten oder außerhalb Palästinas ihr Glück zu versuchen. Manche Kolonien sahen geradezu wie Greiscnhiiuser aus. Man durfte der Jugend darob kaum grollen. Sic konnte den Eltern mit Recht vorhalten, daß die Wirklichkeit ihre Hoffnungen als trügerisch erwiesen hatte. Habt Ihr Geld verdient, und habt Ihr eine sichere Zukunft vor Euch? Diese Frage hörten die ״materialistischen“ Eltern von ihren Kindern und mußten sie verneinen. Uml in keiner besseren Lage gegenüber ihren Kindern waren die ״idealistischen" Eltern, Als sic mit dem Feuer der Jugend nach Palästina gekommen waren, da hatten sie geträumt, daß cs nur ihres festen Willens bedürfe, um ganz Palästina mit blühenden jüdischen Dörfern zu bedecken und die gesamte Judcnheit des Oaluth nach Palästina zu ziehen. Und was w׳ar das Resultat fünfundzwanzigjähriger Arbeit? Wie winzig war es im Verhältnis zu dem Erträumten! Und das schlimmste war, daß seit Jahren keine einzige neue Kolonie hinzugekommen war, daß das ganze Kolonisationswerk auf einem toten Punkt angelangt zu sein und sogar abzubröckeln schien. Hatten die Kinder da nicht Recht, wenn sie das sinkende Schiff yerließen? Ich gewann die Uebcrzeugung, daß hier nur eins Hilfe bringen konnte: eine Verjüngung der Kolonien durch Heranziehung neuer junger und begeisterter Elemente aus Europa. Es mußte ein Blutauffrischung stattfiudci), um dem alternden Organismus neue Spannkraft zu geben. Und das war gerade unser Glück, daß wir zwar artn an Mitteln, aber immer noch reich an opferwilligen Menschen waren. Es gab in Palästina Leute, die es als ganz selbstverständlich betrachteten, daß, wen» überhaupt die zionistische Organisation in Palästina praktisch arbeiten wolle, sie nichts anderes tun könne, als was man bisher getan habe; die bestellenden Kolonisten zu unterstützen und neue Kolonisten durch Gewährung der notwendigen Mittel zu schaffen. ״Ihr wollt einen Herzlwald pflanzen und Geld dafür ausgeben? sehr gut; übergebt es den Kolonisten der Nachbarschaft, damit sic das Geld verdienen.“ ״Ihr habt den J. N.-F.? vortrefflich; kauft mit dem Gehle Boden bei einer Kolonie und siedelt darauf neue Kolonisten an.“ Es gab in Palästina aber auch nicht wenig Leute, die überhaupt jede Tätigkeit seitens der Organisation für verderblich hielten. Für sie war das a und b ihrer Weisheit, daß nur die Privatinitiative dem Kolonisatioimverk helfen könne und daß jede Tätigkeit einer Administration gar nichts wert sei. Es gab schließlich auch Leute, Schüler von Achad I laam, die in einer meines Erachtens mißverständlichen Auffassung der Lehrer ihres Meisters überhaupt von kolonisatorischer Arbeit nichts wissen wollten. Nach ihrer Meinung mußte sieh die zionistischc Organisation, wenn sie in Palästina praktisch arbeiten wollte, ausschließlich die Förderung der hebräischen Sprache, des Schulwesens und sonstiger kultureller Institutionen zum Ziele setzen, um dadurch in Palästina möglichst rasch ein jüdisches Kulturzentrum zu schaffen. Sie wissen alle, daß wir in Palästina weder den Weg der alten Kolonisation gegangen sind, noch still und stumm auf die Privatinitiative gewartet, noch ausschließlich Kulturarbeit getrieben haben. Den Weg der alten Kolonisation konnten wir schon deshalb nicht gehen, weil unsere Mittel dazu viel zu klein waren. Mit den damaligen Jahreseinnahmen des J. N.-F. hätten wir gerade ein Dutzend neue Kolonisten ansiedeln, mit den Geldern der Oelbauinspende einigen alten Kolonisten und hundert arabischen Arbeitern für ein paar Jahre Verdienst gebe» können. Wäre cs nicht lächerlich gewesen, hiermit die praktische Arbeit, von der man so viel gesprochen und für die m,■ui ein eigenes Amt gegründet hatte, zu beginnen? Und auf die Privatinitiative warten, hieß einfach die Arbeit ad calemlas graecas vertagen. Was sollte denn den jüdischen Kapitalisten bewegen, seine Gelder in Palästina anzulcgen? Und wie hätte er cs überhaupt tun können? Wenn er in die jüdischen Kolonien kam und dort mir alte Leute und die allgemeine Mutlosigkeit sah, so erlebte er eine furchtbare Enttäuschung, und meist galt von ihm das Wort: da wendet sich der Gast mit Grausen. Wenn aber doch einmal jemand durchaus ein Stück Land kaufen und bewirtschaften wollte, so fehlte ihm auch hierzu die Aiöglichkeit. Keine Parzellierungsgescüschaft gah ilun dasjenige Land und soviel Land, als er gerade brauchte. Entweder vertröstete man ihn, daß später vielleicht einmal ein passendes Terrain gekauft werden würde, oder man bot ihm ein beliebiges, gerade käufliches oder gekauftes isoliertes Terrain au, mochte, es in Lage, Qualität und Größe passen oder nicht. Es war ungefähr so, als wenn jemand in einen Laden tritt, um ein paar Schuhe zu kaufen und der Verkiiufer ihm mit gewinnendem Lächeln ein lebendiges Rind anbictet, das er nur zu schlachten, zu häuten, zu gerben und zu verarbeiten brauche, um die gewünschten Schuhe zu haben. Wenn dann der Käufer für ein solches Angebot kein Verständnis zeigte und der Kauf nicht zustande kam, so war natürlich der Käufer schuld, denn jetzt sei es ja klar erwiesen, daß er gar nicht ernstlich kaufen wolle und daß cs überhaupt keine ernstlichen Käufer für Boden gäbe. Glauben Sie nicht, daß ich' mit dieser Schilderung ׳übertreibe, inan konnte eine solche Meinung damals i» Palästina von den berufensten Stellen hören. So stand es also mit der Privatinitiative. Es war klar, daß von dieser gar nichts zu erwarten war, wenn man nicht in ganz anderer Weise als bisher vorging, und ihre Wege erleichterte. Blieb noch die kulturelle Tätigkeit. Ich sprach ohen von einer mißverständlichen Auffassung der Lehren Achad Haams. Ich glaube, daß Achad Haam die Ansicht vertritt, daß eine große und starke jüdische Gemeinschaft in Palästina später auch eine jüdische Kultur ausbildcn und daß diese Kultur dann auch auf die Juden des Goluth ausstrahlcn und ihr jüdisches Gefühl stärken werde. Aber es heißt diese richtige Auffassung zu einer Farce machen, wenn man daraus die Forderung ableitet, in Palästina nun zunächst und ausschließlich jüdische Kultur zu schaffett. Ich will hier gar nicht das schwere Geschütz des historischen Materialismus Auffahren, um nachzuweisen, daß eine jüdische Kultur in Palästina nicht das Priiis, sondern nur das Posterius der Entwicklung sein, d, h., erst dann erwachsen kann, wenn in Palästina eine jüdische Bevölkerung lebt, welche sich bodenständig und materiell gefestigt fühlt und für die nunmehr eine gute Erziehung ihrer Kinder und die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst ein Lebensbedürfnis ist. Aber völlig aussichtslos wäre cs, wenn man unter den jetzigen Verhältnissen, wo wir erst eine kleine Minderheit im Lande bilden, durch vermehrte Schaffung von Bildungsanstalten künstlich das Reifen einer jüdischen Kultur beschleuiiigcn zu wollen. Erstens müßten alle diese Anst alten ihre Mittel und Lehrkräfte für lange Zeit noch vom Auslände beziehen und würden damit vom Auslande abhängig sein. Sodann würde aber alle Mühe, die Jugend natianaljiklisdi zu erziehen, für die Schafhing einer jüdischen Kultur in Palästina vollständig zwecklos sein, wenn nicht die Schüler nach Absolvicrung der Schule in einer jüdischen Kolonie oder in einem jüdischen Milieu in den Städten eine Exi* stenz fänden. Heute ist das noch nicht der Fall, Viele junge Leute müssen Palästina verlassen und sich im Ausland eine Existenz gründen, wodurch sic für Palästina verloren gellen. Da aber die Verbcsserung der ökonomischen Verhältnisse viel schwieriger und langwieriger ist als die Schaffung von Erzieluingsaustalten, so ergibt sich schon daraus, daß man zurzeit im Interesse einer kommenden jüdischen Kultur nichts Besseres tun kann, als die Wirtschaftliehe Position der Juden in Palästina zu verstärken. Aber wie? Ich will Ihnen nicht all die Ueberlcgungcn wiederholen, die mich zu der von mir schließlich angenominellen Lösung führten; ich will Ihnen nur diese Lösung selbst nennen. Sie hieß: Schaffung einiger landwirtschaftlicher Großbetriebe im Norden und Süden des Landes; ferner Schaffung einer großen Parzcllierungsgesellschaft, und zwar einer solchen für ländlichen und einer für städitschcn Boden. Die Parzellicrungsgesellschaften sollten den Privatkapitahstcn Boden in solcher Form aubictcn, daß er für sie unmittelbar verwendbar war. Und die Farmen sollten folgende Aufgaben erfüllen: 1. Sie sollten die jungen Leute, die sie als Ar* beiter beschäftigen, landwirtschaftlich ausbilden, damit sie nachher als gelernte Arbeiter in die Kolonien gehen könnten. 2. Sic sollten, zum Teil wenigstens, durch genosscnschaftliche Organisation der Arbeiter auf der Basis der freien Zuwahl der Genossen den Charakter und das Verantwortungsgefühl der Arbeiter stählen und eine Auslese der Tüchtigsten herbeiführen; 3. Sie sollten alle technischen Neuerungen erpro• ben und eine Form des Betriebes zu finden suchen, die den besonderen Eigenschaften des Juden und den speziellen Erfordernissen der jüdischen Kolonisation angepaßt ist; 4. Sie sollen sich, da ja in ihnen nur jüngere und größtenteils aus nationaler Begeisterung eiligevvanderte Leute vorhanden waren, zu Zentren reinen nationalen Lehens ausbildcn; 5. Sie sollten den Privatkapitalisten nicht nur durch ihr frischeres Leben Mut cinflüßen, sondern auch praktisch den Nachweis erbringen, daß!and■ wirtschaftliche Betriebe mit jüdischen Arbeitern durchaus möglich sind und so die Privatkapitalisten zur Nacheiferung anspornen. Also damit — Schaffung von Farmen und Parzcflieruugsgeselischaftcn — war die Aufgabe präzisiert; es handelte sich jetzt darum, diese Aufgabe zu verwirklichen. Ich hatte, um für die Lösung der Aufgabe nicht ganz hilflos zu sein, nach meiner ersten Palästinnreisc vor Ucbernahmc des Amtes die Gründung einer ländlichen Parzcliierungsgcsellschaft mit wenigstens 1 Million Mark Kapital verlangt. Wirklieh wurde daraufhin die P. L. D. €. gegründet. Aber statt des Kapitals von 1 Million Mark hatte sic, als ich im Frühjahr 1908 nach Palästina liinüberging, knapp den zehnten Teil, 100 000 M. Dieses Kapital und die etwa 2(MMMM) M. des Vereines Oelbaumspende zur Pflanzung des Herzlwaldes waren — abgesehen von den nicht für Kolonisation verfügbaren 100000 M. des Palästinensischen Industrie-Syndikates — die gesamte Morgengabe, die man dein Palästina- Amte auf den Weg gab. Denn die die! Terrains des J. N.-F. (Kinereth, Ben Schemen und Hulda), die uns gleichzeitig zur Verfügung gestellt wurden, waren nicht ein Vorteil, sondern eine Last, Sie waren an Araber verpachtet und vollständig ausgesogen. Zwei von ihnen waren in Anbetracht ihrer isolierten Lage viel zu klein, nur 2000 Dunam groß, so daß sie eigentlich für keinen einzigen landwirtschaftlichen Zweck paßten, wozu noch kam, daß die Frage der Wasserversorgung auf beiden Terrains noch ungclöst war. Auf der anderen Seite war es eine ge* bicterischc Notwendigkeit, mit diesen Terrains des J. N.-F. irgend etwas anzufangen. Verkaufen durfte der J. N.-F. sic nicht; das verboten ihm seine Statuten; sie an Juden zu verpachten, war unmöglich, denn kein Jude konnte daran denken, in diese ausgesogenen Böden die großen Beträge hineinzustecken» die zu ihrer Bewirtschaftung notwendig waren; die weitere Verpachtung an Araber verbot sich deshalb, weil es von Jahr zu Jahr schwieriger geworden wäre, den Boden von den Pächtern zurückzubekommen, und ein Brachlicgcnlasscn des Bodens endlich war mit

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