Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Seite 393 JUED1SCHE RUNDSCHAU nistet hat, die für das Erwachen im Osten keine Augen haben. Nichtsdestoweniger sehen wir, daß mit dem Anwachsen der jüdischen Kolonisation in Palästina auch die hebräische Sprache aufblüht. Wir kamen alle zur Ueberzeugung, dal! nationale Renaissance ohne Sprachenrenaissance nicht denkbar ist. Wir müssen mindestens im Lande unserer Väter durch unsere alte Kultur und Sprache zu einem einzigen einheitlichen, allgemein-kulturellen Faktor verbunden werden, wenn wir dort als realpolitischer Macht- {aktor gelten wollen. Durch unsere nationale und kulturelle Einheit wird unser Ansehen bei den Oast- Völkern steigen und eine beschämende Assimilation von uns fcrngchaltcn werden. Ja, noch eines! Wenn wir uns in Palästina von den fremden Sprachen frei machen und die 11cbrätsche souverän machen, dann werden wir auch ein anderes Ucbcl beheben; den Verdacht der im Oriente mit ihren Kulturen rivalisierenden Völker. In einem seiner herrlichen Gedichte besingt unser lieber Czernichowski die Tragik des jüdischen Oe* schicks: Zwei Juden ermorden einander im heiligen Kampf für ihre feindlichen Vaterländer . . . Wir sehen eine ähnliche Tragik auch in Friedenszeiten: Die Deutschen schlagen uns, weil wir böhmisch sprechen, die Tschechen — weil wir deutsch sprechen, die Polen wiederum verhängen einen Boykott über uns, weil wir russisch sprechen ussv. Und etwas Achnlichcs haben wir leider auch in Palästina. Bei den Engländern sind wir Ocrmanisatorcn, bei den Deutschen — französische Kulturträger usw. Führen wir aber Hebräisch ein, so verschwinden alle Vcrdächtigungcn mit einem Male. (Beifall.) Es wird uns außerdem noch dereinst der sehr ehrenvolle Titel der wirklichen Kulturträger im Oriente zufallcn, wenn wir durch unsere eigene, nicht bei Fremden erborgte Kultur und Sprache erstarken und vermittelst des reinen nationalen Sinnes unsere nationale Position kräftigen. Eben diese große Aufgabe einer geregelten Belebung der Sprache und Kultur in Palästina hat der ״Kedem“ übernommen. Nicht als Emissäre fremder Kulturen kommen wir ins Land unserer Väter — wir sind die Abgesandten des Hebräcrvolkes und mutig und unerschrocken werden wir für unsere geistigen Güter und nationalen Errungenschaften kämpfen. Unseren Brüdern jedoch von der Rechten können wir im voraus ein beruhigendes Wort sagen: Der ,,Kcdem“ kam nicht, um zu zerstören, sondern um zu bauen, um die geschiedenen Herzen zu einer lebendigen nationalen Einheit zu verbinden. Der ״Kcdem״ wird über allen Parteien stehen und ohne Unterschied die Meinungen und Ucberzeugungen eines jeden zu ehren und zu schätzen wissen. ln seinem inneren Ausbau und in seiner juridisehen Form gleicht der ״Kcdem“ dem ,,Jüdischen Nationalfonds“, und er kann auch mit Recht als sein jüngerer Bruder bezeichnet werden. Beide sind sic in England als Gesellschaften mit beschränkter llaftung legalisiert und werden von Direktoren geleitet, die von einer Generalversammlung der Mitglieder gewählt werden. Als Mitglieder der Gesellschaft werden alle Mitglieder des Aufsichtsrates der Kolonialbank betrachtet, d. 11. alle Mitglieder des zionistisehen großen Actions-Comites, weiche vom zionisti■ sehen Kongreß alle zwei Jahre gewählt Werden. Nach § 35 des Statuts muß die Hälfte der Direktoren bei der jährlichen Generalversammlung demissionieren. An ihre Stelle werden neue oder werden dieselben aufs neue wiedergewählt. Nach § 31 L. F. des Statuts kann die Generalversammlung jeden Direktor nach Gutdünken entfernen. Ebenso bestimmt § 32 des Statuts gewisse wichtige Unternehmungen, welche die Direktoren ohne Einwilligung oder Beschluß der Generalversammlung nicht unternehmen dürfen. Die erwähnten Bedingungen zeigen cs zur Genüge, daß die wesentliche Leitung des ״Kcdem“ stets in den Händen der Generalversammlung bleibt, und da die Generalversammlung, wie erwähnt, aus den Mitgliedern des zionistischen Actions-Comites besteht, so muß auch der ״Keilern“ in all seinem Tun und Lassen von der zionistischen Organisation abhängig sein und unter Kontrolle und Einfluß des zionistischen Kongresses bleiben. Die Aufgabe jedoch des ,״Kedcm“ und seine demokratische Arbeitsweise brachten seine Gründer zu der Ueberzeugung, daß man die Leitung nicht auf das Große A. C. beschränken darf, dessen Mitgliederzahl gering ist; man müsse vielmehr noch andere, anderen zionistischen Institutionen angchörige intellektuelle Kräfte dem ״Kcdem" zuführen, ebenso auch solche sozialen Kräfte, die für die Entwicklung des ״Kcdem“ entweder viel geleistet haben, oder leisten können, Es werden darum nach § *1 L. I!., auch die Direktoren des J. N. F. und der Präses des Odessacr ״Untcrstützungsvereins für jüdische Ackerbauern in Syrien und Palästina“ den Mitgliedern des ״Keilern“ zugerechnet. Der § 8 des Statuts erlaubt der General- Versammlung, von Zeit zu Zeit neue Mitglieder aufzunclunen, die auf dem Gebiete der jüdischen Kultur oder Wissenschaft sich ausgezeichnet haben oder sich durch ansehnliche Legate oder durch hervorragende Arbeiten zugunsten der Realisierung des jüdischen , Regencrationsgcdankcns hervorgetan haben. Solche j Mitglieder können jedoch nur mit Zweidrittclmajorität der in der Generalversammlung anwesenden Mitgiieder ausgenommen werden. In der Frage des Aufsichtsrats waren die Gründer sehr streng, denn außer dem von den Gesellschaft«• mitgliedern gewählten Aufsichtsrat muß die General- Versammlung nach § 61 jährlich mindestens einen von Staats wegen eingesetzten und beeideten Kontroll- , kommissiir (Cliartereil Accountant) wählen, der die Arbeiten der Gesellschaft von der finanziellen Seite nach Kassnstand und jährlicher Biianzausgleichung zu untersuchen hat. Es erhellt also, daß der ״Kcdem“, abgesehen von einigen unwesentlichen Abweichungen in bezug auf die Leitung und das Direktorium, im Aufbau ganz seinem älteren Bruder, dem Jüdischen Nationalfonils, gleicht und nur im Ziel und im Arbeitsplan von ihm verschieden ist. Die beiden Institutionen arbeiten parallel, der eine will das Land, der andere den Geist erobern. Der eine will das Land für das Volk, der andere will das Volk für das Land vorbereiten. Der N.-F, ist der Harttcll im Kern der nationalen Auf lebung, der ״Keilern“ ist die lebenbringende Feuchtigkeit des Kernes, Die beiden Institutionen ergänzen einander und wollen beide eine historische Schöpfung bewerkstelligen: Die Renaissarice der Nation in ihrem eigenen Lande. (Lebhafter Beifall.) Der N.-F. erwirbt in Palästina Besitzungen zu Kolonisatioriszwecken; der ״Kcdem“ dagegen wird sich bestreben, Agrarschulcn zu gründen, um die Dorfwirtschaft theoretisch und praktisch zu lehren. Der N.-F. baut den Yemenitcn Wohnhäuser, der ״Kcdem“ aber wird für sie Lesehallen errichten, Abendkurse gründen, um ihnen die Kenntnis der hebräischen Sprache, der Volkshygienc und anderer nützlicher Wissenschaften beizubringen, für ihre Kinder wiederum wird er Handwerksschulen und Kindergärten eröffnen, wird ihnen die hebräische Sprache mundgerecht machen und sie schöne Zionsheiler lehren. Der N.-F. unterstützt die jüdischen Arbeiter, damit nicht unsere Bauern auf fremde Arbeitskräfte angewiesen seien; der ״Kcdem“ wird die heimischen Schulen unterstützen, damit nicht unsere Kinder gezwungen werden, die Missionsschulen zu besuchen. Die Tatsache, daß jüdische Eltern in Palästina gezwungen sind, aus Mangel an Schulen, ihre Kinder in die Missionsschulen zu schicken, ist ein nationales Unglück. Das ist keine Erziehung, das ist ein Skandal! Die Folgen sind unberechenbar und können unermeßlichen Schaden bringen, wenn wir nicht rechtzeitig eingreifen und unsere Schulen eröffnen, um das junge Geschlecht in unserem Sinne zu erziehen. Es ist hier am Platze, zu bemerken, daß der» ״Kcdem“ nicht etwa Kulturproblcmc als solche zu losen beabsichtigt, Er wird sich vielmehr als eine Kraft betrachten, die berufen ist, die Anerkennung der politischen Nationalidee zu erstreben, in der palästinensischen Judenschaft den Jischuw-Gedankcn zu pflegen und ein junges Geschlecht heranzucrzichcn, das mit dem Boden der Väter mit materiellen und mit moralischen Banden verknüpft ist. Der ״Kcdem“ wird zu allererst die Herausgabe von Lehr- und Lesebüchern für den Schul- und Selbstunterricht unternehmen. Diese Arbeit setzt aber eine andere voraus, d. i. die Vergrößerung des hebräischen Sprachschatzes. (Beifall.) Der große Mangel an modernen, technischen und alltäglichen Worten und Ausdrücken hemmt die Ent- Wicklung der hebräischen Sprache. Unsere palästinensischen Lehrer waren die ersten, die sich für die schwere Arbeit, solche Wörter zu schaffen, organiäiert haben. Wir sind ihnen für diese Grundsteinlegung 'für die nationale Sprachakadeniic herzlich dankbar. Jedoch sind ihre Kräfte in jeder Beziehung noch zu schwach, um Großes leisten zu können. Es müßte zu diesem Zwecke ein ganzes Synhedrion für hebräische Kultur und Sprachwissenschaft eingesetzt werden, eine wirkliche Akademie auf breiter wissenschädlicher Basis und unter Mitarbeit aller jüdischen Gelehrten in Palästina und in der Diaspora. Diese Institution wird alsdann in alien hebräischen Sprachangeicgcnhc-itcn die höchste Autorität vorstellen. (Beifall.) Es ist noch eine wichtige Frage auf der Tages- Ordnung: Die Frage der Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Es ist wahr, daß wir unserer studierenden Jugend im 001119 nicht helfen können. Dagegen sind wir aber keineswegs der Pflicht enthoben, den Zöglingen unserer Gymnasien in Palästinn den Weg zu ihren weiteren Studien zu bahnen. Die diesjährigen ersten Abiturienten des jaffacr Oymuasiums sind die wirklichen nationalen Erstlingsfruchte, die nationalen Bikurim auf unserem pädagogischen Felde in Ercz Israel, Und da unsere diesbezüglichen Pioniere und Bahnbrecher mit fast leeren Händen nach Palästina kamen und nur dank ihres unbeugsamen Willens und ihrer großen Opferwiliigkcit diese Vorhalle der Wissenschaft, dieses hebräische Gymnasium entstehen konnte, so ist es auch unsere heiligste Pflicht, ihr nationales Werk fortzusetzen und für den Aufbau des eigentlichen Tempels der Wissenschaft zu sorgen, für unsere hebräische Universität! (Lebhafter Beifall.) Die Frage der Realisierung dieses Gedanken« ist aus Mangel materieller wie auch Wissenschaftlieber Kräfte vorläufig ein wenig schwierig und vcrwickelt. Darüber wird mein geehrter Freund, Herr Professor Wci/mann, ein spezielles Referat halten. Wir bemerken bloß, daß die Leitung des ״Kcdem“, als offizielles zionistisches Amt, bestrebt sein wird, alle diesbezüglichen Beschlüsse seitens des Kongrosses pünktlich auszuführen. Geehrte Gesinnungsgenossen! Aus meinen bisherigen Ausführungen haben Sie sich bereits überzeugen können, daß vor uns ein großes Arbeitsfeld liegt, und daß auch der palästi-!musische Hoden dafür überaus günstig ist. Wir hoffen nämlich, dort treue Mitarbeiter für unsere gute Sache zu finden in unseren dortigen Parteimännern, Literaten und Gelehrten. Das wird ftfr die gute Sache den eigentlichen Resonanzboden bilden. Und von den besten Hoffnungen beseelt, beehre ich mich, hiermit vor dem geehrten Kongreß folgende Resolution zur Annahme vorzulegcn: ״Der XI. Zionistenkongreß in Wien nimmt die Gründung des hebräischen Kulturfonds ״Kcdem“ mit Befriedigung zur Kenntnis und erklärt es als Pflicht eines jeden Zionisten, diese wichtige Institution materiell und moralisch zu unterstützen.“ Brüder! Gedenket unserer alten Sprache und nehmet meine Resolution einstimmig an. (Lebhafter, lange andauernder Beifall.) Hierauf erstattete M. .Ussischkin, Odessa, sein Referat über jüdische Kulturarbeit in Palästina. Seine in hebräischer Sprache gemachten Ausführungen gipfelten in dem Verlangen, daß der Kongreß die Organisation zur intensiven Pflege der hebräischen Kultur verpflichte. Die palästincnsischen Schulen sollten nur insoweit unterstützt werden, als in ihnen die hebräische Sprache zum Unterricht verwendet wird, ln Jerusalem soll eine besondere Zentrale zur Wiederbelebung und Ent- Wicklung der hebräischen Sprache eingerichtet werden. Die jüdisciie Nationalbibliothek in Jerusalem soll ausgebaut werden, das große Ben-Jehudasche Wörterbuch soll gefördert, die Lehrerverbände in Pv lastina sollen unterstützt, die Lehrer- und Lehrerinnen- Seminare sollen intensiv weiter entwickelt werden. Zum Schluß verlangt und begründet Redner unter stürmischem Beifall des Kongresses die Errichtung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Sodann erstattete Prof. Dr. Weizmann ein ausführliches Referat über die Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem Er erwähnt, daß bereits der V. Zionistenkongreß zu Basel im Jahre 1901 das Actions-Comite beauftragt habe, die Frage dir Gründung einer jüdischen Hochschule einen! gründlichen Studium zu unterziehen. Theodor Herz! hatte damals schon Schritte unternommen, um von der türkischen Regierung ein« Konzession für die Universität zu erhalten. Aber in-׳ folge drängender anderer Probleme trat das Projekt in den Hintergrund. Verschiedentlich seien ernste Bedenken geäußert worden, die Universität könne die. landwirtschaftliche Kolonisation Palästinas schädigen, aber man müsse berücksichtigen, daß die Juden nun einmal von einer starken Geistigkeit erfüllt seien, und der wahre Kolonisator müsse mit der Psychologic des zu kolonisierenden Elementes rechnen und ־ sich bemühen, dessen spezielle Anlagen Wirtschaftlieh nutzbar zu machen. Der Zionismus erhebt ja nicht den Anspruch, die Judennot in naher Zukunft beseitigen zu können. Er ist ein ״Brot von morgen“. Die Türkei und der ganze Orient eröffnen den an einer jüdischen Hochschule Ausgebildcten bedeutende Aussichten und die Zöglinge einer jüdischen Unlversität Palästinas werden die besten Pioniere des zionistischcn Ideals sein. Die Universität wird der Türkei die geschulten Kräfte zuführen, deren sie so dringend bedarf und sie wird auch die freundlichen Beziehungen zwischen Türken, Arabern und Juden fördern. Die Gymnasien in Jaffa und Jerusalem beweisen, daß der Zionismus imstande Ist, Schulen zu gründen und zu erhalten. Schließlich findet das Pro- Jckt seine Stütze auch in dem Notstand der jüdl» sehen Studenten Osteuropa« und der Absperrung»* Bewegung gegen diese an den mitteleuropäischen Hochschulen, die seit zehn Jahren immer schärfer werden. Schon allein in moralischer Beziehung wäre die Existenz einer jüdischen Universität für die jüdische Jugend eine Hoffnung und eine Stärkung. Das Beispiel der Universitäten in Beirut und! Brüssel beweist, daß man auch mit ■ehr kleinen