Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 392 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37 komitees, teilte sodann unter stürmischem Beifall der Versammlung mit, dall die von I lernt Dr. G. Zipper eingelcitcte Sammlung von 100 000 l ies, für das h e b rä i s c I! e (i y in 1111 s i u 111 in Jerusalem soeben abgeschlossen sei. Ussischkin stellt fest, daß wir in den letzten zwei Jahren trotz mancher f"eitler, die tmveriucidlieh waren, sehr bedeutend vorwärts gekommen sind. Wenn wir jetzt mit Mcrchawjah im Erek Jisreel Fuß gefallt haben, wenn wir hier jetzt nicht nur Boden, sondern auch jüdische Arbeiter haben, die ihr Lehen dafür cinsetzcn, um uns eilte neue wichtige Position zu erobern, so geht es nicht an, zu fragen, wie viel wir dafür zu znhleir hatten. Das gleiche gilt auch für Kinercth, die l.chrfarm für Arbeiterinnen in Palästina. Als die wichtigsten Aufgaben der Paliistinaarbeit bezeichnet der Redner die Durchsetzung des Prinzips der j ü d i - s c 11 c 11 Arbeit, die Schaff u 11 g c i 11 e r Agrarbank und die Einleitung einer g r ״ (I z 11 g i g e 11 A k t i o 11 z.11 r m a t e r i e 11 e 11 und kulturellen Heb u n g J 1■ r ti s a I e ins. Sodann nahm der Leiter des Palästinaamtcs, 1 lerr Dr. Ruppin das Wort und wandte sich inshesoitderc gegen die Angriffe des Herrn Kann. Er widerlegte im einzelnen die von Herrn Kann vorgcbrachteti Fchnuptiingcn von cicr angeblichen Minderwertigkeit der zionistischen kolonisatorischen Arbeit in Palästina. Es könne gar keine Rede davon sein, daß die Summen, die Herr Kann als verloren bezeichnet habe, irgendwie als Verlust zu buchen seien. 1111 Gegen• teil, seien etwa 00 "״ der vom Nationalümds in Palästina angelegten Gelder 11 ach li.'iiikiiiälhgeii Grund- Sätzen gedeckt und auch der geringe Rest, der (tir die Vorbereitung und Besitzergreifung der Lündereien linbc aufgcwemlct werden müssen, könne keinesfalls als verloren bezeichnet werden, ,)eingegenüber stände der tatsächliche und auch von Sachverständigen festgestellte Mehrwert der fraglichen Güter, stände auch das Wachstum an Einfluß des jüdischen Namens in Palästina, Er könne überhaupt mir die Kritik von solchen Leuten anerkennen, die sich durch eingehende Studien im Lande ein Urteil über die eigentümlichen Verhältnisse daselbst gebildet liättcn, und er könne mir bedauern, daß durch die andauernde mul keineswegs freundliche Kritik von Nichtsachvcrständigeii, Wie I lerr Kann einer sei, die zionistische Pnlästinaarhcit gestört würde. Wenn er sieh an die Grundsätze gehalten hätte, die Herr Kann liier vorgetragen hatte, so wäre überhaupt nichts geschehen. Man müsse doch bedenken, daß es für unsere Arbeit in Palästina überhaupt kein Vorbild gegeben hat. Es habe sich darum gehandelt, ob man ohne jede Anleitung und auf die Gefahr hin, es falsch zu machen, die Palästinaarbeit überhaupt habe beginnen wollen, oder ob man, vorsichtig 11ml zurückhaltend die Hände in den Scholl gelegt, habe abwarten wollen, bis andere Leute Erfahrung gemacht und dein jüdischen Volke «len Boden weggeiiommcu hätten. Natürlich sei (Ins eine oder andere fehlgeschlagen, aber im grollen ganzen seien die Vcrsuche ausgezeichnet gelungen, und das wird auch im Lande selbst bestätigt. Das einzige, was man gegen die Palästinaarbeit sagen könne, sei, daß sie so klein sei, und er könne immer wieder die Kritiker nur darum bitten, durch eigene, intensive Betätigung in der Palästinaarbeit seihst Hand anzulegcn, dall cs besser werde. Eingehend berührte Dr. Ruppin die Arbeiterfrage. Es sei doch etwas, daß mehr als tausend Arbeiter ans Rußland nach Palästina gekommen seien. Der Lolin dort sei heute noch so gering, daß Amerika oder irgendein anderes F.inwandertmgsland unter ökonomischen Gesichtspunkten diese jüdischen Arbeiter zweifellos mehr hätte anziehen müssen. Sie seien nach Palästina gekommen um Palästinas willen, und das sei nicht unser geringster Erfolg. Nach Dr. Ruppin, dessen Ausführungen Murmischen lleifnll fanden, kritisierte der Farnilciter Tolknwskv aus Palästina Einzelheiten der Arbeit der Palestine Land Development Company. Er vcrlangte ein«״ stärkeren Einfluß auf die Alliance- Schulen im nationalen Sinne, um die Auswainieniiig von Kolonistcnsöhncn zu verhindern. Die Amfüllrungen des Redners, der sich allzusehr mit Details abgab, fanden Widerspruch, er wird daher seine weiteren Darlegungen im Palästinaausschuß machen. Zehnte Sitzung Montag, am Nachmittag des 8. September. Nachmittagssitzung. Von den gewählten acht Gcneralrednem kamen zunächst d!e palästinensischen Delegierten Alironowitsch und Dr. Bogratschew zutn Worte. Ahronowltsch kritisierte die Tätigkeit des Jüdisehen Nationalfonds in Palästina, insbesondere mit Bezug auf die Gründung des Stadtviertel Tel-Awiw m Jaffa, die mit dem eigentlichen Zweck des Nationalfonds nicht* zu tun hätte. Man müsse mehr die dem Nationalfonds zugrunde liegende Idee des Bodenerwerbs betonen. Pr; Bogratschew macht der Leitung zum Vo wurf, daß »hr der Zionismus mehr eine Ideologie;1 eine persönliche Lebensfrage sei. Das Palästina;!״ »nAerfs?'.erc sicl1 vicl m w«niR für die industriell« Möglichkeiten in Palästina und in der Arbeiterfrai begehe man den Fehler, nur für die organisiert( Arbeiter zu sorgen, die sich ziemlich gut selb helfen könnten. Während z. B. die Jaffacr Han werker sich selber überlassen blieben. Die 2i nistische Organisation müsse dafür sorgen, dall P .lostina mit einem Netz von Schulen verschieden stufen und Arten bedeckt werde, die auf die E Ziehung des heranwaehsenden Geschlechtes, eine entscheidende Wirkung auszuübcii berufen sei. Kann hält die von ihm in der Soiinabendsitzung vorgehrachtcn Vorwürfe aufrecht und verlangt die Einsetzung eines kaufmännischen Beirates für das Palästinnamt. B. Goldberg betont, daß die Angl«» Palestine (;011111,111׳ y, die Zionistische Bank in Palästina bereits ja einen kaufmännischen Beirat des l'alästinaamtes darstellt. Er unterstützt namens der Russischen Landsmannschaft warm einen heute Vormittag eingebrachten Antrag, der dem Palästinaamt Dank und Anerkennung nusspricht und vom Actions-Comite die Fortführung der Palästinaarbeit in der bisherigen Weise verlangt. Israel Schochat, Delegierter des palästinensisehen Arbeifcrverb,׳indes Poalc Zion, betont die überragend!' Bedeutung des Laiulerwerhs. Leider geschehe nach dieser Richtung viel zu wenig. Auch für den jüdischen Arheiterstand, namentlich für die Heranziehiing «ler jemenitischen Juden, könnte noch viel geschehen. 1111 übrigen verlangt der Redner, dal! sich der Nationalfonds bei jedem größeren Laiidkauf in Palästina beteilige, tun dann auf seinem Boden hei den neu zu schaffenden Kolonien spezielle Arbeiter- Siedlungen ins Leben zu rufen. Abraham Goldberg (New York) hält hei aller Anerkennung der Palästinaarbeit doch die größte Vorsicht für geboten, Julius Simon betont, daß es zwei verschiedene Arien von Kritik gäbe. Eine, die fördern will, und eine solche, die zur Vernichtung der Arbeit führen muß. Leider müsse er erklären, daß die Kritik «les llerrn Kann zu der zweiten Kategorie gehöre. Herr Kann liahc gesagt, man habe mit der Palästinaarbeit begonnen, nur um die Massen zu befriedigen. Das beweist, daß er die Bedeutung der Arbeit verkennt. Die jüdische Masse drängt und ist unzufrieden mit dem Mall der bisher geleisteten Arbeit, mul Sie, Herr Kann, werden die Arbeit mit aller Kritik nicht auihalU'ii, Herr Kann moihte nur Lehrkräfte ausbildcn und sie nach Palästina ,schicken. Aber er vergißt, daß die Lehrer dann keine Schüler für den Unterrieht haben würden. Für «las ganze Verhalten des Herrn Kann gibt es nur eine Erklärung, nämlich die, daß er beruhigter ist als wir über das Schicksal Palästinas. Seine Kritik au unserer Laiulerwerhsgesellschaft, «ler Palestine Land Development Compaity, ist außerordentlich schädlich. Herr Kann und seine Freunde waren schuld daran, daß diese Ge- Seilschaft noch nicht soviel leisten kann, als wir von ihr erwarten. Für die Anregung der Ih'ivatinitiative gäbe cs kein wichtigeres Unternehmen, und es sei die Pflicht des Kongresses, dafür zu sorgen, daß die Palestine Land Development Company baldi, M ausgebaut werde, Herr Kann muß die Art seiner Kritik einstclleii, er muß sich erst mit den Bedürfnissen der Palästinaarbeit vertraut machen. Dann wird er uns für die Vefwaltnngstätigkeit sehr willkommen sein und wir werden, 1ms seiner Mitarlieit freuen, weil wir wissen, wie sehr er der Sache ergeben ist. Wir müssen alle Kräfte anspannen, utn die Palästinaarbeit lind «laniit den nationaien Gedanken in der Diaspora zu fördern. Dr. Bodcnheimcr geht auf die einzelnen, von den Rednern erhobenen Einwändc ein, besonders auf diejenigen von Herrn Kann, die er sich nur so erklären kann, dal» 1 lerr Kann falsche Schlüsse aus den Zahlen des Nationalfonds gezogen hat. Der Bodenbesitz, der P, L, IX hattet 1ms nämlich vollständig für den dieser Gesellschaft gewährten Kredit, llerrn Kaplansky mit seiner Forderung einer Unterstützung der Genossenschaft verweist er auf die Betonung dieser Notwendigkeit im Nationalfondsbcricht. Das Direktorium «les Nationalfonds hat die einzelnen Kolouisationsmethoden sorgfältig studiert, hat Tausende für Gutachten aus״ eg ehe 11 und fordert nun vom Kongreß, daß er seine gewissenhafte Arbeit durch neues Vertrauen belohne. Dr. Kaplansky von der Arbeiterpartei Poalc Zion geht ausführlicher auf die Notwendigkeit ein. einen jüdische» Haucrustami in Palästina zu schauen, da durch Erwerbung des Hodens durch Privathcsitz allein die_ jüdische Frage nicht gelöst werden könne: Da die Erfolge «ler Siedlungsgenossenschaft in Merchawja noch zu ungewiß sind, um ein Urteil zu ermöglichen, wünscht der Redner im Namen «ler Poalc Zion, daß man eine weitere genossenschaftliche Kolonie begründe, und stellt ferner den Antrag, der Gcnossenschnftsfonds möge durch einen Betriebsfonds für die Genossenschaften ergänzt werden, da- 1 mit der vom Nationalfonds gekaufte Boden auch wirklich bearbeitet werden kann und ein wirklicher jüdischer Landarbeiterstand sich entwickelt. Nach einem Schlußwort von Dr. R u p p i n brachte namens «ler Palästinakommission Dr. Halpcrn folgenden Antrag ein: ,,Der Kongreß billigt die vom Engeren Actions- Gönnte dem Nationalfonds und d<yn Palästinaamte geleistete Kolonisationsarbeit und fordert deren Fortsetzung und Ausbreitung auf Grundlage der bisherigen Prinzipien.“ Der Antrag wird einstimmig angenommen. Elfte Sitzung Montag, am Abend des 8. September. Beginn: 8»/s Uhr. Die י cingescliobcnc Nachtsitzung am Montag, den 8. September, gestaltete sich zu der zweifellos bedeutsamsten Sitzung des XI. Zionistenkongresses. ״' ־re Beschlüsse dürften von der allergrößten Tragweite für die Entwicklung des modernen jüdischen Geistes und der zionistischen Bewegung werden Die ■-4 Gründung der jüdischen Universität in Jerusalem, die den Hauptinhalt dieser Sitzung bildete, wurde um einen bedeutsamen Schritt vorwärts gebracht und bei dem Enthusiasmus, den der Plan im Kongreß selbst hervorrief, ist gar nicht daran zu z.wcitehi. «laß dieses Unternehmen in absehbarer Zeit in das Reich des Realen gerückt sein wird. Von der Trihüiie des Kongresses konnte verkündet werden, daß 3(15 000 Eres, bereits vor der öffentlichen Diskussion über diese Frage für die Gründung der Universität gezeichnet worden sind. Die Sitzung begann mit dem von Zlatapolsky (Kiew) erstatteten Referat des Herrn Feldstein (Warschau) über den Kulturfonds ״Kedem“ (kehrte Gesinnungsgenossen! Der X. Kongreß hat einen wichtigen Beschluß gefallt, den die früheren Kongresse nicht zustande bringen konnten. Die Frage der hebräischen Kultur war für uns immer ein Stein des Anstoßes und darum pflegten wir sie immer von Konferenz zu Konferenz, von Kongreß zu Kongreß zu verschieben. Allein diese Frage reifte kraft ihres wirklichen inneren Lebens immer mehr heran, so daß der X. Kongreß sie als ein vollkommen lebensfähiges Gebilde nicht mehr länger hinausscliiehen konnte und seinerzeit nach grollen, hitzigen Diskussionen endgültig fftlgendeti Beschluß faßte: ״Der X. Kongreß fordert «las Engere Actions-Comit«• auf, die Kulturarbeit in Palästina und in den Nachbarländern zu ordnen und zu zentralisieren.“ Um diesen Beschluß auszuführen, wählte der vorjährige ״kleine Kongreß“ eine Vorhereitiingskominission von fünf Mitgliedern, die ein Organisation«• Statut aiisarheiten sollten bezüglich eines eigenen Kulturvereins für Palästina. Aus den hier heute vcrteilten Prospekten ist ersichtlich, daß die Vorbercitungskommission ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt hat. Der ״K e d e m“ ist g e g r ü n d e t und bald wird er auch seine praktischen Arbeiten beginnen, da er bereits in London als eine englische Gesellschaft die Sanktion der Regierung erlangt hat (Beifall.) Um nun den geehrten Kongreß über das Wesen des ״Kcdem“ und das Arbcitsprogramm, . welches er seiner zionistischen, kulturellen und politischen Institution gesetzt hat, näher aufzuklären, müssen wir zuerst die frühere Zeit uns vor Augen halten, in welcher die kulturelle Frage sich in unserer nationalen Bewegung zu entwickeln begann und dabei auch die vielen Faktoren berücksichtigen, welche die Bedinginigen für eine diireli die Gründung einer eigenen Institution geregelte Kulturarbeit geschaffen Italien. Wissenschaft und Lebenserfahrung haben uns gelehrt: Solange die Glieder der Nation nicht zu einem kulturellen sprachlichen Ganzen verbunden werden, ist cs ihnen unmöglich, in ihrer sich lebendig entwickelnden Umgebung einen wichtigen Platz einzunehmen und ein wichtiger politischer und ükonomisclier Faktor zu werden. Die Seele des Volkes ist die Sprache, in der die ganze geistige Kraft der Nation au (gespeichert liegt. Unser anormaler Zustand ist vielleicht weniger dem Mangel eines eigenen Bodens, als dem Umstand zuzuschrcibcn, daß \'!r unsere Sprache verloren haben und unserer nationalen Kultur entfremdet wurden. Durch einen beschämenden Verrat an der nationalen Sprache und das Sieh- Anscliniiegen an fremde Sprachen und Kulturen wurde unser nationales Baud zerrissen, wurden unsere nationaien Kräfte, zersplittert. Ls ist eine Tatsache, daß die eigentliche Assimilation unserer Jugend aiisschliclllieh in der unjüdisehen,' ja in «ler tinliebräisclien Er- Ziehung ihren Grund hat. Die Tatsache, dall nicht bloß in der Diaspora, sondern auch in Palästina die Juden sprachlich zersplittert sind, das ist die größte Tragik in der Geschichte unseres Unglückliehen Volkes. Die Juden, welche nach Palästina kamen, bringen den Golusschmutz mit, ohne zu überlegen, daß durch die Sprachenzcrsplitterung die Erlösung der Kultur in eine weite Feme gerückt wird. Statt einer einzigen, zentralisierten Nationalkraft haben wir dort Splitter, unzusammenhängend, ja sich gegenseitig bekämpfend. Diese traurige■ Erscheinung finden wir auch an den verschiedenen palästinensischen Schulen. Kot und Schmutz, eine babylonische Sprachverwirrung, — die Kinder, die Zöglinge verstehen einander nicht. So können z. B. die Zöglinge der französischen Alliance-Schulen ihre Kollegen, die Zöglinge der deutschen Schulen des ״Hilfsvcrcincs“, nicht verstehen, während diese beiden wiederum von ihren Kollegen aus der Schule der englischen Juden nicht verstanden werden, ln letzter Zeit droht uns dort ein neues Uebel: Manche unserer Wohltäter wollen im Technikum zu Haifa als Unterrichtssprache die deutsche einführen. Und schwer, sehr schwer wird dadurch der nationale, zur Renaissance strebende jüdisclic Geist verletzt werden! So steht es mit unserer Vielsprachigkeit und unserer Gleichgültigkeit der nationalen Sprache gegenüber, die größtenteils bei unseren Alten sich einge- ־»