Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 388 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37 auf diesem Wege weiterkommen, wir erreichen werden, was wir auf anderem Wege nicht erreichen. Denn unsere Arbeit im Laufe der letzten Jahre hat uns einwandfrei bewiesen, daß nur zwei Sachen für unseren Erfolg notwendig sind, Rechte und Kredit, und wir sind überzeugt, daß wir beides erreichen werden. Rechte, weil wir keine Privilegien verlangen. Wir brauchen für unsere Arbeit diejenigen Rechte, die das türkische Reich selber für seine Entwicklung und sein Gedeihen benötigt. Und wir sind überzeugt, daß wir Kredit werden beschaffen können, denn unser Land hat das alte Renommee bcwiesen, daß es die Arbeit und die Liebe lohnt, und alle Verhältnisse bietet, die ein geregeltes und gcordnete.; Kreditwesen schaffen lassen. Es ist unscrc tiefste und feste Ueber/cugung, daß wir auf dem richtigen Wege unserer Arbeit sind. Wir machen jetzt eine sehr ernste Zeit durch, die für unsere Arbeit und für unsere Bewegung von der größten Bedeutung ist. Wir sollten uns daher hei org.111is.1torischen Fragen nicht n 11/11 lange ntifhallen; wir wi><> 1*11, daß wir kein Reell! lullten, ln »iiiwirr Aiheit zu ratden, daß wir 111111111־ vorwärts gehen nuisseii, immer arbeiten, arbeiten und arbeiten. Der Weg ist uns angedeutet, die Arbeit vor uns ist noch groß, aber auch die Hoffnung. Ja, Hoffnung, Einigkeit und Arbeit! Das muß unsere Devise sein, mit der wir vorwärts gehen und schließlich auch siegen werden. (Stürmischer, sich oft erneuernder Beifall.) David Wolffsohn (mit stürmischem Beifall und brausenden Hochrufen begrüßt. Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen. Tikhersclnveiikeii.) Geehrter Kongreß! Meine verehrten Damen und Herren! Unser Freund, Herr Syrkin, hat davon gesprechen, daß unsere Organisation, unsere Idee zu einer Geldsache geworden ist. Er meint, daß man bei uns die Seele verkümmern laßt und nur den Körper pflegt. Ich teile diese Ansicht nicht, aber ich will bei diesem Vergleiche bleiben. Die Idee ist die Seele des Zionismus, die Organisation ist dessen Körper. Gewiß, die Jdec muß gepflegt werden, aber nicht weniger die Organisation. Denn nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde, wirkende und schaffende Seele wohnen. Mein Vorredner, Herr Dr. Tschlenow, hat unsere Lage sehr günstig beurteilt. Im Anschlüsse an einen Ausspruch Dr. Klees auf einem früheren Kongresse, sagte Dr, Tschlenow: Wir sind zufrieden. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen; ich bin es nicht. Es ist für mich eine unangenehme Sache — ich brauche darüber nicht viele Worte zu verlieren — liier als Gencralredner auftreten zu müssen, um Kritik an meinen Nachfolgern zu üben. Ich hätte dies nicht getan, wenn das E. A. C. von dem Kongresse nicht etwas verlangt hätte, das ich für ganz unberechtigt halte. Ich bitte mich nicht milizuvcrstchcn, wenn ich sage, daß die Forderung des E. A.C. eine Gefahr für unsere Organisation bedeutet. Sic werden also begreifen, daß ich keine Rücksichten nehmen kann und darf und Kritik üben muß. Befürchten Sic aber nicht, daß ich eine solche Kritik üben werde, wie ich sic im Laufe der drei Kongresse, wo ich an der Spitze der Leitung stand, zu hören bekam. Man hat damals der Leitung zum Vorwurf gemacht, daß sie uns nicht, zu unserem Endziel geführt, man hat sie für alle Fehler, für alle Zänkereien, die in irgendeinem Vereine irgendeines Landes vorgekomnien sind, verantwortlich gemacht, kurz, man hat von der damaligen Leitung Unmöglichkeiten verlangt. Ich werde nichts Unmögliches verlangen. Was ich jetzt verlange, muß, wie ich glaube, jeder Zionist verlangen, ohne Rücksicht darauf, ob er dieser oder jener Richtung angchört. Ich verlange von der Leitung, daß sie sich als Leitung der Gesamtorganisation fühlt, nicht als eine Partei in der Organisation. (Beifall. Rufe: Sehr richtig!) Diese Leitung ist nach einem Kampfe auf dem vorigen Kongresse gewählt worden und das macht manches begreiflich. Aber die Leitung hätte von dem Momente an, wo sie an die Spitze der Organisation getreten war, keinen Unterschied zwischen den einzelnen Richtungen machen, sondern jede Richtung innerhalb der Organisation anerkennen und unparteiisch behandeln sollen. Sic hat es nicht getan. Daraus resultieren all die Fehler, die man heute hier in den Anklagen gegen das E. A. C. erwähnt hat und die ich nicht wiederholen will: über die ״Weit“, über das Vorgehen gegen Dr. Nordau usw. Ein Zweites: Ich verlange von der Leitung, daß jedes Wort, das sie schreibt oder ausspricht, von einer absoluten Glaub- Würdigkeit sei, insbesondere — wenn es sich um Zahlen handelt. Diese Forderung ist ja eigentlich *elbstxerständlidi, namentlich, wenn man bedenkt, daß die jetzige Leitung, die Bank in die Hände des A. C. gelegt wissen möchte. Nun haben wir im Beuchte, den wir vom E. A. C. bekommen haben, drei Seiten — Seite TO bis 81 — die von Zahlen handeln und die •— ich möchte kein Wort gebrauchen, das irgendwie beleidigend klingen könnte — nicht riditig sind. Um nur ein Beispiel anzuführen: Herr Dr. Hiintke hat uns berichtet, daß die neue Leitung — im Gegensätze zur alten Leitung —־ um 50 ״/o mehr Schekel hereingebracht hätte, Tatsache aber ist, daß in diesem Kongreßjahre 116000 Schekel ausgewiesen sind und im vorigen Jahre 101 000. Nun liegt es mir fern, zu behaupten, daß uns Dr. Hantke bewußt irreführen wollte. Aber ich behaupte, daß die Bilanz nicht so ist, wie eine kaufmännische Bilanz sein soll. Eine Bilanz muß klipp und klar zeigen, wie die Verhältnisse liegen. Ich könnte noch vieles über die Bilanz, sagen, die allzu stark von dem Budget-Voranschlag abweicht. Ich könnte auf Posten hinweisen, die in den ״kaufmännisch-zionistischen“ Bilanzen niemals vorgekomnien sind, wie z. B. Hand- Iungsunkostcn von über 12 000 M., könnte darauf hinweisen, daß für die ״Welt“ kolossale Uebcrschüsse versprochen wurden, die ausgcblieben sind usw. Ich habe von all den Dingen gesprochen, weil ich zeigen wollte, daß es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen kaufmännischer und nicht kaufmännischer Arbeit. Geehrter Kongreß! Ich hin jnlirehing von 11t!t»1ehem heküiiiplt winden, hmtpUISelilli'lt deshalb, weil Ich angeblich zu viel Kaufmann gewesen hin. Man warf mir vor, daß ich deshalb nicht verstanden habe, unser Ideal in die Höhe zu bringen und die zionistische Idee zu vertiefen. Man hat dafür den Ausdruck ״echt kaufmännisch“ geprägt, den besonders unsere Hebräer und die jiddisch Sprechenden gebrauchen. Da sagte man: Wir können die Bewegung nicht den Kaufmann in Köln überlassen, dazu müssen wir geistig hochstehende Männer wählen, die das jüdische Geistesleben besser kennen. Das ist auf dem letzten Kongresse geschehen, unter den Bedingungen, die Herr Jean Fischer Ihnen heute auseinandergesetzt Hat. Es war ein Friedensvertrag: Ihr bekommt die Leitung der Organisation, damit für unsere geistigen und kulturellen Bedürfnisse besser gesorgt sei, Ihr erhaltet auch den gebührenden Einfluß auf unsere Banken, die Leitung der Banken aber bleibt in den bewährten Händen der bisherigen Verwaltung. Nun kommt das E. A. C. und sagt zum Kongresse: Gebt uns die Banken. (Stürinischcr Beifall.) Meine Herren! Das Geld unserer Banken ist uns unter ganz besonderen Umständen und für ganz besondere Zwecke anvertraut worden. Ls muß doppelt so gut wie anderes Geld verwahrt werden. Das sollte jeder von Ihnen begreifen. Nun kommen die Herren und sagen: Ich habe es heute von sehr gescheiten Leuten gehört, von Dr. Reich und sogar von Ussischkin, das Geld unserer Bank ist zionistisch! Meine Herren. Sie irren sich. Die Sclickelgeldcr sind zionistische Gelder, auch der Nationalfonds. Da hat man uns die Gelder direkt für bestimmte zionistische Zwecke zur Verfügung gestellt, für die wir nur moralisch Rechenschaft schul■ dig sind. Wenn ■wir unser Bestes tun und die Gelder verwenden, kann uns kein Mensch einen Vorwurf machen. Die Gelder unserer Banken aber sind fremde Gelder (Zwischenrufe: Unser Geld! Lärmen der Widerspruch. Zwischenruf: Sie provozieren uns!) Vorsitzender Boden heimer: Ich bitte, meine Herren, um Ruhe. Herr Wolffsohn hat das Recht, seine Ansicht dem Kongresse mitzuteilcn. (Rufe: Sehr richtig!) Herr Wolffsohn (fortfahrend): Ein Herr hat hier gerufen: ״Das ist eine Provokation! ich meine trotzdem, daß die Gelder der Banken fremde Gelder sind. (Sehr richtig! Widerspruch.) Wenn Sie sieh über ineine Meinung, daß die Aktien nicht unser Geld sind, so aufregen, so sagen Sie mir: Sind auch die 10 Millionen Depots, die wir verwalten, unsere, zionistischen Gelder? (Lebhafte Rufe Nein! Stürmischer Beifall, Lärm. Vorsitzender Boden heimer malmt wiederholt zur Ruhe und droht, falls der Redner weiter gestört werden sollte, die Sitzung zu suspendieren.) Herr Wolffsohn (fortlahrend) Meine Herren! Ich fürchte nicht, daß man meinet wegen die Versammlung wird auflösen müssen. Sie werden mir Zutrauen, daß ich weiß, ob ich zur Sache rede und daß ich meine Ausdrücke zu wählen weiß, wenn ich auch ein bißchen temperamentvoll bin, wie ein Zionist eben sein soll. (Bravo 1) Nun zur Sache. Herr Dr. Reich hat ein sehr schönes Wort gesagt ״Die Bewegung sei die Seele und wenn man diese der gegenwärtigen Leitung anvertraut, so sei es un würdig, ihr das Geld nicht geben zu wollen.“ Ein anderer Herr bat auf einer A. C.-Sitzung einen anderen guten Vergleich angestellt. Er sagte: ״Es komme ihm 80 vor, als wenn einer, der seine Tochter dem Schwiegersohn gibt, ihm die 'Mitgift nicht anvcrtraucn will.“ (Heiter* keit.) Das ist aber ganz richtig. Wenn man sich einen Schwiegersohn nimmt, der von Geschäften nichts versteht, dann gibt man ihm wohl die Tochter, ver• traut ihm aber das Geld zur Verwaltung nicht an (Heiterkeit und Beifall), und zwar im Interesse der Tochter und des Schwiegersohnes. Der Schwieger-» vater sorgt eben dafür, daß die Gelder gut verwaltet werden. Herr Dr. Reich wundert sich, daß man dem gegenwärtigen E.A.C. die Seele anvertraut hat und nicht das Geld. Ja, meine Herren, wenn man seine Kinder einem Lehrer anvertraut, so muß man ihm doch nicht auch sein Vermögen ^rur Verwaltung übergeben. Wir sind zwar keine Handelsgesellschaft die sich mit guter! Geschäften begnügt, wir haben ein hohes Ideal. Wenn wir aber etwas unternehmen wollen, was mit Geldgeschäften zu tun hat, was man ohne Geld nicht machen kann, so braucht man ' dazu Leute, die Geld zu verwalten verstellen. (Bravo! Beifall.) Hcrzl war z.war kein Bankier, aber als er die Bank gründen wollte, da hat er sich die Leute ziisammengcsucht, denen er die Verwaltung übergeben konnte. Es hat manchmal auch Meinungsverschiedcnhciten zwischen der Bankleitung und Herz! gegeben. Die Bankleitung hat manchmal auf ihren Standpunkt bcliarrt, manchmal auch nacligegehen. Hcrzl hat die Bankleitung mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote gestanden, zu halten gesucht. Bei jener Bankdebatte pflegte Her/I immer und immer wieder zu betonen: ״Banksachen müssen von Leuten verwaltet werden, die mit Geld umzugehen verstehe•,! ״ Die gegenwärtige Leitung zeigt leider weniger V rstämluls dafür, iiulcm sie mit Anträgen kimimf, <!ie c« der jetzigen Verwaltung der llnuk unnuigluh maehrn könnten, weder inllziiaibeiteii. Da« L, Ä.(;, glaubt ja wohl seihst nicht, daß die Glückseligkeit der zionistischen Organisation davon abliängt, ob noch ß Leute aus ihrer Richtung in den Aufsicht«* rat liincinkormncn. Man gibt Gründe dafür an, die keine Gründe sind. Die Gelder der Bank seien ja für die zionistische Organisation da, diese müsse zu jeder Zeit über das Geld verfügen können. Das E. A. C. sagt: ״Wir sollen bei der Bank nicht solche Leute in der Majorität haben, die in zionistischen Fragen anders denken als wir.“ Ich möchte aber den Kongreß und unsere Leitung fragen, ob man mir einen Fall nennen kann, wo die Bankverwaltung sich geweigert hat, für zionistische Zwecke Geld herzugeben, sobald dies mit den reellen kaufmännisehen Prinzipien vereinbar war. Als Hcrzl der Verwaltung unserer Banken sagte, er brauche 4000 Pfund für EI Arisch, da haben wir ihm die 4009 Pfund ohne Zögern bewilligt, weil wir uns sagten, daß daraus eine große Sache werden kann. Und wenn in Palästina etwas Solitics zu unternehmen wäre, wofür alle Gelder der Bank nötig wären, keiner von uns wird auch nur einen Augenblick sich weigern, dies zu tun. (Stürmischer Beifall.) Erst vor kurzem hat das Mitglied des E. A, Herr Dr. Jacobsohn, für eine Sache, die in der Schwebe ist, 10 000 Pfund verlangt und erhielt umgehend unsere bereitwillige Zustimmung. Ich will damit beweisen: Wenn Sie mit Sachen gekommen sind, die von Wichtigkeit waren, da ist die Bank- Verwaltung, also auch ich, der doch seit der Gründung an der Spitze der Verwaltung steht, noch nie dagegen gewesen. Wenn Sie aber mit zweifelhaften Expcri* menten kommen und Geld verlangen für schlechte oder schlecht geleitete Unternehmungen, da sagen wir: Nein! Das Geld ist uns anvertraut uml wir wollen cs reell und pciiiliclist gewissenhaft verwalten. Wir wollen mit dem Geldc keine riskanten Versuche machen. (Zwischenruf: Wer entscheidet, was richtig ist?) Richtig ist, was nach kaufmännisehen Begriffen aussichtsreich ist. (Beifall, lebhafte Zwischenrufe,) Herr Wolffsohn (fortfahrend): Ich werde auf diese Zwischenrufe nicht cittgcltcn. Nach meiner festen Ucbcrzcugung ist die beste praktische Arbeit, die in Palästina von uns geleistet worden ist, die der Anglo Palestinc Company. Sie haben einen Bericht über ihre zehnjährige Tätigkeit bekommen, lesen Sic und urteilen Sic selbst, ob ich nicht recht habe. Unser Jewisli Colonial Trust, die Angl« Palästinabank und unsere dritte Bank in Konstantiu ntcl haben alle zusammen 7•,'* Millionen Franken und wissen Sie, geehrter Kongreß, daß wir schon c>r 10 Millionen in Palästina investiert haben. V'׳r konnten dies nur dank dem Umstande, daß cs 1 :8 nach langer und schwerer Arbeit gelungen ist, V,rtrauen zu gewinnen. Als wir unsere Bank gründe un, da bin ich von einem jüdischen Großbankicr zu tu anderen gegangen und sic — ich muß schon sagen -״ förmlich angebettelt, daß man sich unser annimin;. Ich erhielt zur Antwort: Eine solche Bank kann nicht bestehen. Eine Bank, wo Leute, die fünfmalzwanzig Kronen Kapital hineingesteckt haben, große Reden und Generalversammlungen halten können und über die ganze Geschäftsleitung Artikel schreiben, kann nicht Erfolg haben. Es tut mir leid, daß ich gezwungen bin, über unsere Banken öffentlich zu sprechen. Von Frauen wird gesagt, die besten sind die, von welchen man am wenigsten spricht. Von Banken darf man schon gar nicht reden. Meine Herren, Sie haben gehört, daß wir Depots von über neun Millionen haben. In der ersten Zeit haben wir keinen Pfennig bekommen. Nicht nur, daß man uns keine Depots anvertrauen wollte, man wollte mit uns überhaupt keine Geschäfte machen. (Unruhe.) Meine Herren! Ich stehe seit der Begründung an der Spitze der Bank. Wir haben uns Vertrauen in den 10 Jahren erworben. Wir haben nicht geprahlt und niemals übertrieben, niemals große Dividenden in Aussicht gestellt; sehen Sie unsere Bilanzen nach. Wir haben niemals mehr versprochen, als wir halten konnten. Dadurch haben wir uns allmählich da« Ver*