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Jüdische Rundschau · 1913-09-12 · Heft 37 (12.9.1913) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 37 (12.9.1913)
Date
1913-09-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 386 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. :!/ daß sic sich au die Beschlüsse des X. Kongresses in der Kulturfrage nicht gerichtet hat und den Hebraismus gegenüber der jüdischen Sprache zu sehr in den Vordergrund gestellt hat. Richard Lichtheim wendet sich dann gegen die von mehreren Seiten vorgebraehte Kritik gegen die Haltung der Welt“ Dr. Max Nord au gegenüber. Es wäre vollkommen unrichtig, daß ״Hie Welt“ und die Leitung die Absicht gehabt habe, l)r. Nordau geringschätzig zu behandeln. Mau wäre vielmehr ausschließlich von politischen (iesiehtspunkten ausgegangen, daß es eine Unmöglichkeit gewesen wäre, sicTi mit der aiititiirkisdieii Haltung von l)r, Nordau zu identifizieren. Das Zentralorgan der Zionistischen Organisation ״Die Welt“ kann unmöglich in der Weise alle Strümungen und Schichtungen im Judentum hcrücksichtigcii, wie es hier verlangt worden ist. Es bemüht sich, allen Meinungen gerecht zu werden oder sic widcrzuspiegeln, aber gegen eine Richtung hat die ,Welt“ allerdings sehr scharf sich wenden müssen. Das ist die neue Idee des sogenannten ״Ailjudeutmns“, eine Idee, die in höchst verwaschener und verschwommener Weist׳ von unzähligen verschiedenen ,Jtulentümcrn“ spricht und einen ganz unberechtigten Kultus des Ostjudentuiiis propagiert. (1c •i n diese Richtung kämpfen wir, denn sie ist gefährlich, nicht wegen ihrer Bedeutung, sondern weil sie eine Ver- Wässerung des zionistischen Ideals proklamiert, zu dessen Schutz die ״Welt“ berufen ist. Dr. Leon Reich (Lemberg) spricht namens der g.ilizischcn Landsmannschaft der jetzigen Leitung volles Vertrauen ans. Wir sind überaus zufrieden mit dem System der politischen Arbeit der jetzigen Leitung, mit ihrer intensiven Paliistiiiaarlieit und mit der geschickten Art und Weise, in der diese Palästinaarbeit geführt wird. Wir danken der Leitung dafür, daß sie die Organisation stabilisiert hat, und wir freuen uns darüber, daß es ihr, im (icgensafz zu früher, gelungen ist, in jedem Zionisten das Bewußtsein zu erwecken, daß er nicht nur Objekt, sondern auch tätiges Subjekt der politischen Idee ist. Das macht uns nicht blind gegen die Fehler der Leitung, aber diese sind allzu geringfügig im Verhältnis zu dem großen, was sie geleistet hat. Ihre Forderungen wegen der Unterstellung der Finanzinstitutc unter den Einfluß der Leitung finden wir durchaus gerechtfertigt und werden für sie eintreten. Jean Fischer (Antwerpen) führt, unter teilweisem Widerspruch, folgendes aus: Ich spreche liier nicht im Namen einer Landsmannschaft oder im Namen einer organisierten Opposition, sondern nur in meinem eigenen Namen. Im Zentralorgaii, der ״Welt“, ist gesagt worden, ich und meine Freunde hätten nichts gelernt und nichts vergessen. Wir haben tatsächlich nichts vergessen, wir stehen mach heute auf dem alten Herzischen Standpunkt, wir sind politische Zionisten, wie es Hcrzl war. Es ist verwunderlich, daß die früheren praktischen 7.ionisten, als sie ans Ruder kamen, sieh sofort pulitische Zionisten genannt haben. Sie müssen doch also zu ihrer früheren Parole kein rechtes Vertrauen gehabt haben. Ich muß mich gegen die Ikh.uiptung wenden, daß die jetzt noch bestehenden Differen/.en lediglich persönlicher Natur sind, sondern ich sehe noch heute zwei verschiedene Richtungen in der Bewegung, wenn dieselben sich auch zahlenmäßig stark verschoben haben. Ich glaube aber nicht, daß uns eine Weltanschauung trennt, sonst würden wir uns heute hier nicht aus allen Liindem versammelt haben. Wir politischen Zionisten sind der Meinung, daß die Organisation nur die Iledingurigen für die Einwanderung nach Palästina schaffen darf und die Hindernisse und lieschraiikuitgen aus dem Wege zu räumen hat. Die Kolonisationsarbeit muß der Privatinitiative überlassen bleiben. Alle Leute, die sich Zionisten nennen, haben die heilige Pflicht, alles in Palästina zu wagen, und ich mache hier besonders unseren materiell gutgestellten Gesinnungsgenossen den Vorwurf, daß sie ihr Geld bisher zu fest in der Tasche gehalten haben. Wenn wir in Palästina eine große Anzahl gut geleiteter Unternehmungen, die von der Organisation geschaffen wurden, hätten, so würden wir, meiner Meinung nach, damit nichts erreicht haben. Wenn diese Unternehmungen aber von privater Seite gegründet werden, so würden siefi viele Nachahmer finden. Wir politischen Zionisten begnügen uns nicht mit den Zielen der praktischen. Wir wollen nicht bloß ein Kulturzentrum schaffen, sondern die Verwirklichung des Baseler Programms, d. h. die liefreiung der Juden vom Golus. (Beifall und Widerspruch.) Es entspann sich dann eine Gcscliäftsordmuigsdebattc über die Wahl von Generalrednern, da noch etwa sechzig Redner auf der Tagesordnung standen. Es wurden sechs Generalrcdner gewählt. Alsdann erhielt der Vizepräsident des Kongresses Oberrabbiner Dr. Gaster (London) das Wort. Er sagte u. a.t Wir müssen jetzt eine vollständige Klärung in unserem Zionismus vornehmen. Hie pol»• tisch, hic praktisch. Die ״politischen“ Zionisten sagten sic seien die wahren Nachfolger Hcrzls. Nun, Herzl war nicht fossil, er wäre nicht stehen •geblieben und hätte die Hände nicht in den Schoß gelegt. Wir müssen die Emigration der türkischen Untertanen auf dem Balkan nicht nach dem Westen emsetzen lassen, sondern nach dem Osten. So bringen wir türkische Untertanen in das Land unserer Vater. (Beifall.) Fünfte Sitzung Donnerstag, am Nachmittag des 4. September. Beginn: •5*/ו Uhr. Präsident Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Ich habe Ihnen eine Allerhöchste Nachricht zu übermittcln, (Das Haus erhebt sich.) ״Die Kabinettskanzlei Sr, k. und k. Apostolischen Majestät I An Herrn David Wolffsohn Wien, Hotel Imperial. Had Ischl. Seine k, und k. Apostolische Maiestät danken Allergnädigst für die im Namen de« XI. Zioiiistcnkongrcsses dargebrachtc Huldigung.‘ Dur Verlesung folgt lebhafter Beifall. Präsident Wolffsohn s Ich gebe nunmehr auch das Telegramm bekannt, weiches ich gestern im Namen des Präsidiums an die Kabincttskanzlci Sr. k. und k. Apostolischen Majestät abgeschickt habe: ״An Se. k, u. k. Apostolische Majestät den Kaiser von Oesterreich, König von Ungarn 1111 HofInger zu Ischl. Der in diesen Tagen in Eurer Majestät Reichsliaupt- und Residenzstadt Wien tagende XI. Zionistenlomgrdl, in welchem über 500 Delegierte der zionistischen Organisation aus alle«#* Weltteilen teiliichmeii, bringt Eurer Apostolischen Majestät seine ehrfurchtsvolle 1 lukliguug dar. Wir denken dabei dankbar des väterlichen Wohlwollens, das tiure Majestät, wie allen Nationaiitaten, auch den jüdischen Untertanen Eurer Majestät stets entgegeiigebradit haben. Im Aufträge des Präsidiums des XI. Zionistenkongresses David Wolffsohn, Präsident.“ (Lebhafter, Inngaiihaltcndcr Beifall.) Der Präsident macht sodann die Mitteilung, daß Professor Dr. Warbtirg wegen eines in seiner Familie vorgefallencn Trauerfalles zum Begräbnisse abreisen mußte, und spricht Prof. Warburg im Namen des Kongresses das Beileid aus. Sodann erteilt er Herrn Simon das Wort. Julius Simon macht dem Kongreß Mitteilung über die inzwischen stattgefundenc Ernennung von üeneralrednern. Es sollen sprechen: 1. Aronowitsch, 2. S y r k i n, 3, T scltlcnow, 4. W o lf fso 11 n, 5. Mo t z.k i 11, ft. Wcizman n. Präsident Wolffsohn erteilt zur Antragstcllung Hern! B r 111 7. k u s das Wort. Herr Brutzkus stellt folgenden Antrag: 1. Der XI. Kongreß spricht dem E. A. C. sein vollstes Vertrauen und seinen tiefsten Dank für die von ihm geleistete fruchtbringende Arbeit aus und erteilt ihm die Decharge. (Zwischenrufe.) 2. Der Kongreß drückt dem Großen A. C. sein uneingeschränktes Vertraue n aus und fordert, daß demselben a 1 s höchster Instanz der Bewegung ein entscheidender Einfluß auf die Bestimmung der Richtlinien der T ä - tigkeit der Finanzinstitutc cingcräumt wird. (Lebhafter Beifall, Bravo-Rufe.) Die Generaldebatte Präsident Wülffsolin erteilt Herrn Arono- W i t s c 11 das Wort. J. Aronowitscli (Delegierter des llapael llazair, Palästina, spricht hebräisch) führt aus: Die Stärkung unserer wirtschaftlichen Positionen in Palästina sei die Hauptaufgabe der Organisation. Wir dürfen aber dabei mellt engherzig kaufmännisch verfahren. Wein! es sich um die Wiedergewinnung des nationalen Bodens handelt, darf nicht auf den landläufigen Preis Rücksicht genommen werden. Der Zweck aller Palästinaarbeit ist es, unserem Volke zu normalem Dasein zu verlud fen. Zu einem normalen Dasein gehört aber eigene Arbeit, eigene Sprache, eigene wirtschaftliche und geistige Güter. Diesem Zwecke kann aber unsere Palästina,irbeit nur dann dienen, wenn sie von unserer Organisation geleistet wird, da Privatpersonen immer ihre eigenen Interessen voranstellen würden, Redner spricht sich deshalb gegen die Auffassung aus, als ob die zionistische Organisation in Palästina nur B e d i 11 g u 11• gen, nicht aber Dinge zu schaffen hätte. Der Organisation werden die Mittel eines ganzen Volkes 711 r Vertu g 1111 g st c 11 c 11, wenn s i e s c h ö p f e r i s c 11 e A r b c i t i 111 L a 11 d e leisten wird. Der Chalukah bringt jährlich zirka fünf Millionen Franken ein aber viel größere Aussichten würde der Nationalfonds haben, wenn er all seine Einnahmen sofort in lebendige Palästin,aarbeit tmiwandelii würde. Diese Gesichtspunkte bestimmen mm unser Verhältnis zur Leitung. Wir hatten in den letzten zwei Jahren außerordentlich große Arbeitsinögiichkeitcn vor uns, wie wir sie während der letzten dreißig Jahre nicht hatten. Leider aber blieben diese Möglichkeiten unbenutzt. Die wenigen tausend Dunain Land, die wir während dieser Zeit erworben, die 1500 Jemeniten, die während derselben Zeit nach Palästina kamen, bedeuten sehr wenig im Vergleich zu dem, was man hätte leisten können. Das Actions- Gönnte hat aber nicht mehr leisten können, weil es nicht über die Machtmittel der Organisation verfügte. Das A. C. hat das getan, was cs unter diesen Verhültnissen machen konnte. Das A. C. hat bewiesen, daß es den besten Willen und die richtige Auffassung I von unseren Aufgaben hat. Redner bemängelt ferner, -4 daß manche Mitglieder des A. C. bei ihren Privat- Unternehmungen in Palästina gegen das Prinzip der jüdischen Arbeit verstoßen. Des weiteren beschwert sich Redner darüber, daß die hebräische Sprache, die ja gemäß dem Beschlüsse des Haager Kongresses die offizielle Sprache der Organisation sei, stiefmütterlich behandelt werde. So seien all die offiziellen Rechenschaftsberichte und Mitteilungen des Kongresses lediglich in deutscher Sprache erschienen. Resümierend betont der Redner, daß er und seine Frcmide das Arbeitsprogramm der Leitung billigen, daß aber die Arbeit darunter zu In,len hatte, daß die Leitung auf die finanziellen Insmute iiielit den gebührenden Einfluß hatte. Er fordert des- " halb das L. A. C. auf, auf seiner Forderung bezüglich der Finanzinstitutc zu beharren. Dr. Syrkin (Kiew) meinte, man müsse zunächst gegen den merkantilen Geist der Bewegung auftreten. Die zionistische Bewegung ist zu einer Kollekten- Sammlung herabgedrückt worden. Es ist uns nichts in literarischer und agitatorischer Beziehung gc. boten worden. Audi die Agitation bat vielfach versagt; der kleine Zuwachs an zionistischen Kräften geiiügt uns nicht mehr. Es genüge nicht, daß die Männer der Leitung gute Verwalter seien, die Bewegnng müsse auch Führer haben. Die Leitung habe auch verabsäumt, in die in Rußland jetzt im Vordergruml des Interesses stellenden Fragen der K« »pe* rativbewegung Stellung zu nehmen. Desgleichen ver• mißt Redner eine seharlc Stellungnahme gegen die in Rußland mehr denn je grassierende Tatilbcwegtmg, Trotzdem dürfe sieh die Opposition nicht von der Majorität entfernen, die Differenzen müssen überbrückt werden, und Redner beantragt in diesem Sinne eine Resolution, in der es beißt: ״Der Elfte Zionistenkongreß hebt die politische, volkstümliche Grundlage des Zionismus hervor, die üegenwartsarheit wird betont und dem Engeren Actions-Coinitc das Vertrauen ausgesprochen/‘ Dr. Tschlcnow (stürmisch, mit tosendem Beifall akklamiert): Geehrter Kongreß! Vor vier Jahren war cs, in Hamburg, da hatte ich auch die schwierige und ehrenhafte Aufgabe, vor Ihnen als Generalrcdner in der Frage, die damals den Kongreß aufregte, her* vorzutreten, und auch heute ist mir von den vielen Rednern, statt deren Sie sechs Generalredner gewählt haben, die Pflicht auferlcgt worden, als General• redner in der Frage, die auch diesmal unsere dichten Reihen so tief bewegt und interessiert, hervorzu• treten. Der Unterschied zwischen damals und heute besteht darin, daß der Ankläger Verteidiger wurde. Derjenige, der damals die Aufgabe hatte, gegen die Leitung 7.11 kämpfen, der ist froh, daß er jetzt dieser Aufgabe enthoben ist, und daß er in die beneidm• werte Lage gekommen ist, in der sich Dr. Klee am II. Kongresse befand, und wo er sagte: W'ir sind zufrieden. Meine Damen und Herren! Ich muß Ihnen etwas Geschichte vorführen und Ihnen jene Tatsachen in Erinnerung bringen, die in Hamburg noch ein Sclircckensgcspenst waren, nämlich die sogen,mutert ״Petersburger Beschlüsse“. Eine grundlegende Keform, aber nicht, wie es manche Leute hier gedeutet halicn, des Programms, eine Acnderung der Prinz.ipien unserer Arbeit. Die Grundprinzipien sind bereits auf dem VII. und VIII. Kongresse fcstgclcgt worden und werden eben jetzt erst verwirklicht. Worunter unsere Bewegung gelitten hat, war, daß diejenigen, die nach diesen Richtlinien unsere Arbeit führen sollten, nicht von ihrer Wichtigkeit dmclidrtingen waren, und zweitens, daß wir zu wenig Kräfte für ihre I hirclifülirimg hatten. Von derGltiuperiode des Zionismus her haben wir 1ms daran gewölmt, daß wir den ganzen Stimulus von einer Person erwarten. Wir haben uns daran gewöhnt, dal! in einer Person alle Initiative konzentriert war. Ja, <ine Sonne kann wirklich eine Welt beleuchten. Eine gcwohnliche Mcnsdicnkraft kann dafür nicht ausreiclien. Unter diesen zwei Umständen hat unsere Sache gelitten, sehr gelitten. Und darum sagten wir, wir müssen zum Prinzip der kollegialen Arbeit übergehen. Das war die Grundlage des Kampfes, der jahrelang geführt wurde und entflieh am letzten Kongresse fast sein Ende erreicht hat. Wir haben folgende Grundlagen fcsfgcstellt und das waren auch die Grundlagen der sogenannten Petersburger Beschlüsse; ein verkleinertes, mir aus europäischen Mitgliedern bestehendes Großes A. <1, welches statt einer dekurativen Rolle eine aktive und kontrollierende bekommen soll. Das E. A. C, welches ein Kollegium darsteilen soll aus Männern, welche von den festgelegten Prinzipien des VII. und VIII. Kongresses durchdrungen sind, welche kollegial die Arbeit entwickeln sollen, und das dritte, was wir forderten, das war die gleichmäßige Arbeit in allen Teilgebieten des synthetischen zionistischen Programms. Ein dirigierendes A. ein kollegiales E, A. C. und ein gleiches Arbeiten an allen Teilen des zionistischen Programms. Nun, meine Herren! Zwei Jahre sind vorüber, das ist nicht viel, aber genug, um sich Rechenschaft zu geben, Umschau zu halten und zu sagen, inwiefern diejenigen Hoffnungen, die wir ge* hegt haben, sich erfüllt haben. Ich denke, wir können mit vollem Rechte sagen, daß die Grundlinien, die wir gelegt haben, ihre Zweckmäßigkeit und ihren Nutzen für unsere Bewegung vollständig erwiesen

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