Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 375 Vereins Waldeck, war mindestens ebenso lange oder länger Vorsitzender des Königs berger Handwerker• *׳crcins bis zu dessen Auflösung•, er ist ferner Vor• Standsmitglied des Wald Vereins der freisinnigen Volkspartei sowie des Provinzialvcrcius der freisinnige״ Volkspartci für Ostpreußen und, last not least, selbstverständlich auch Stadtverordneter. Er hat sich nach den! übereinstimmenden Urteil Alier, auch seiner j Gegner, durch seine rastlose politische Tätigkeit unj gclieurc Verdienste um seine Partei erworben. Hei den vorletzten Rcichstagswalden war er als Kandidat in einem aussichtslosen Wahlkreise Ostpreußens auf gestellt worden und hatte sich durch die intensive Wahlarbeit, der er sieh neben seiner umfangreichen rechtsanwaltlichen Praxis unterzog, imleni er fortwährend Agitationsreisen in den Wahlkreisen unternahm und in den kleinen Städte!! und Dörfern Wahlreden hielt, völlig aufgerieben, so daß er auf eindringlichen Rat seines Arztes für viele Monate alle Vereinstätigkeit aufgeben und weiterhin für längere Zeit cinsehräuken mußte. Den Dank für seine aufopfernde politische Tätigkeit hat ihm seine Partei nunmehr nbgcslattct. Wie gesagt, kam Lichtenstein nach GyfSlings Tode in erster Linie und allein als Kandidat für die Nachwahl in Betracht. Aber hei der Vertraucnsmännerversamrnlung zur Vorbesprechung der Nachwahl zeigte sich unerwartet eine Gcgenströmung, und zum Sprachrohr dieser Gegenströmung machte sich — ein Jude, der Stadtrat Kaufmann Oske, ein Jude allerdings, der von seinem Judentum stets sehr wenig Gebrauch gemacht und sich am öffentlichen jüdischen Leben absolut nicht heteiligt hat, wahrend er sich doch am politischen Leben von Stadt und Provinz, seit ca. U/2 Jahrzehnten in ganz hervorragender Weise betätigt und seit vielen Jahren der anerkannte Organisator und Leiter der Wahlfcldzügc ist, so daß er hier den Beinamen ״Ge* ncralfcldmarschall“ erworben hat, auf den er sich nicht wenig zugute tut. Dieser Jude erklärte nun ganz im Sinne jener oben charakterisierten jüdischen Herren, die Eugen Richter gebeten hatten, um Gotteswillen keine Juden als Abgeordnete aufznstelkn, £s würde ein großes Unglück für die Partei sein, wenn Lichtenstein als Kandidat aufgestellt würde. In der Folge kam dein ״Auchjudcn“ Oske— und das ist wieder recht charakteristisch — ein getaufter Jude, Justizrat Lapp, zu Hilfe, indem er bei einer vertraulichen Besprechung erklärte, Liclitenstcin hesitze bei den Richtern und einem Teil seiner Köllegen nicht das Anscv.cn das ein Abgeordneter haben müsse. Kurz und gut, es bildete sich eine Gegenpartei, die auf den zweiten Bürgermeister Kunkel, einen Mann, der eben im Begriff stand, wegen vor* gerückten Alters sich pensionieren zu lassen und der im politischen Lehen überhaupt nicht hervorgetreten war, auf den Schild erhoben, obgleich dieser seihst erklärt hatte, daß er sich nicht für berufen halte und daß er als Kandidat nur cintreten wurde, wenn sicii absolut kein geeigneterer Königsberger finden würde, Als trotzdem in der Versammlung des Wahlvereins zur Aufstellung der Kandidaten Liehtenstein mit großer Majorität als Kandidat gewählt wurde, opponierten die Gegner der Kandidatur Lichtenstein gegen die Wahl, weil die Ver- Sammlung zu schwach besucht gewesen sei, und vorlangten die Einberufung einer neuen Versammlung. Und als die ,Majorität des Vorstandes des Waids crcins diesem Verlangen nicht nachgab, trat eine Anzahl Herren, unter ihnen Stadtrat Oske, aus dem Vorstand aus. Die Minorität setzte dann die Agitation für die Kandidatur Kunkel öffentlich fort und erreichte, daß es den Wahlmännern überlassen wurde, sich für einen von beiden Kandidaten zu entscheiden, mit dem Erfolge, daß bei der Nachwahl Lichtenstein mit überwältigender Majorität gewählt wurde, während auf Kunkel nur wenige Stimmen fielen. Aber dein neuen Abgeordneten war nur eine kurze Wirksamkeit beschicken. Die Wahlperiode ging bald zu Ende, und für die Neuwahl war von der augenscheinlich durch die Königsberger Gegner Lic 11t enstein« bearbeiteten Parteileitung an Stelle Lichtensteins ein Berliner Herr, der Landgerichtsrat a. D. Kanzow, auscrschcn, wie Liebt e n »t e i n in Berlin von dem Reiclistagsahgeordneten von Königsberg-Land, dem Klcmpncrmcistcr Bartschat-Königsberg, bei einer Unterredung zu hören bekafti. Auch die gegen ihn vorgebrachten herabsetzenden Aeuße.'ungen des Justizrats Lapp waren ihm zu Ohren gekommen, und er hatte daraufhin an Lapp ein Schreiben gerichtet, in dem er diesen aufforderte, seine Vorwürfe zu präzisieren, damit er die Möglichkeit habe, ihn gerichtlich zu belangen und «ich zu verteidigen. Das Antwortschreiben Lapp« hielt die1 AcuBcrung aufrecht, ohne dein Wunsche Lichtensteins nachzukommen. Unterdes rückte die Zeit heran, die Vorbcreitungen für die Neuwahlen zum Abgcordnctcnlmise zu treffen. Dies veranlaßte die aus dein Vorstand des Wahlvereins ausgetretenen Mitglieder, ihre Wiederaufnahme in den Vorstand nachzusuchen, die ihnen auch von dem arglosen Rumpfvorstand bereitwilligst gewährt wurde, weil man hoffte, daß damit der Zwist, der die Partei zu spalten drohte, mulgültig beseitigt sein würde. Aber sic hatten sich, wie sie bald sahen, bitter getäuscht. Die Gegner Lichtensteins waren jetzt im Vorstand in der Majo- und sie benutzten diese ihre Machtstellung skrupellos, um die Kandidatur Lic 111 ensteins für die Neuwahl mit allen ihnen zu Gebote steheni den Mitteln zu bekämpfen und die Ranzows zu 1 betreiben. Zunächst wurde Kanzow ringelnden, im I Königshcrger Wahlverein einen Vortrag zu halten, j allerdings wurde auch an diesem Abend schicklichj kcitshalber ein Bericht Lichtensteins über die abgclaufenc Wahlperiode und seine Tätigkeit im Abgeordueteuhause «!gesetzt, Die Versammlung sprach nach diesem Bericht L i c 111 e n s t c i 11 ihr vollständiges Vertrauen aus. Außerdem beschäftigte sich die Versammlung mit den gegen Lichtenstein veranstalteten Quertreibereien, und cs wurde schließlieh von dieser eine Resolution angenommen, durch die der Vorstand aufgefordert wurde, vor der Ver- Sammlung, in der die Kandidaten für die Neuwahlen bestimmt werden sollten, eine Versammlung einzuberufen, in der die Gegner Lichtensteins die Mängel Lichtensteins präzisieren uml alle ihre Anschuldigungcn Vorbringen, der Wahlvcrcin aber das vorgebraclite Material prüfen sollte, Was tat nun der Vorstand des Wahlvereins bzw. die in ihm allgewaltige Majorität? Zunächst beschloß sie, Kanzow an Stelle Lichtensteins als Kandidaten vorzuschlagen, und gleichzeitig, da fl die Minorität im Vorstand sich jeglicher Bekämpfung des Majorität*- Beschlusses gegen die Kandidatur Kanzow zu enthalten habe. Dadurch war die Minorität, die sich durch diesen Beschluß gebunden fühlte, mundtot ge* macht und außerstande, zu (1cm weiteren eigenartige ו Verhalten der Majorität in Sachen der Wahl Stellung zu nehmen. Der Vorstand ging nun so vor, daß er die durch die angeführte Resolution geforderte Prüfung des gegen L i c h t e n s t c i n vorzubriiigcnden Materials mit der Wahl des Kandidaten auf eine Abend- Versammlung verlegte und nur jene Prüfung vor der Wahl ansetzte. Alle Proteste, die in der Ver- Sammlung gegen diese dem offenbaren Sinn der Resolution verstoßende eigenartige Auslegung der Resolution, auch von den Linbringern selbst, erhoben wurden, fruchteten nichts. Und was wurde nun gegen L i c 111 c n s t c i n vorgebracht? Nicht das geringste mehr, al־־ bisher. Ls war weiter nichts vorhanden als die Aeußcruug des Justizrat Lapp, Lichtenstein genieße bei den Richtern und einem Teil der Rechtsanwälte nicht die Achtung, die ein Mann haben müsse, den man der Ehre eines Ahgcordnctenmandats würdige. Vergebens forderte Liehtenstein präzise Beschuldigungen, denn mit diesen unsubstantiierten, vagen Ansichten eines Einzelnen iai.se sich, wie er mit Recht hervorhob, gar nichts auf!tilgen. Doch alles noch stumm blieb wie zuvor, L i c 1! t c n s t c i n wies, wie ״üüge seiner Freunde, darunter auch Christen, schon aiigedeutet hatten, in der Versammlung ohne Scheu auf die eigentliehe Ursache der gegen ihn veranstalteten Aktion hin, auf den Antisemitismus, mul führte eine Reihe von ihm lilnterhrachtcr verbürgter Aetißerimgen an, die dies unzweifelhaft erscheinen ließen. Der Vorsitzende und lindere Vorstandsmitgliedcr von der Majorität versicherten selbstverständlich, daß von Antisemitismus keine Rede sein könne, und der oben genügend charakterisierte Auchjude, Stadtrat Oske, trug sogar kein Bedenken, um zu zeigen, daß Antisemitismus nicht in Frage kommen könne, da er doch selbst gegen die Kandidatur Liehtenstein sei, von sich kühn zu behaupten: ״Ich stelle und falle für das Judentum, wenn ich auch kein Religionsjudc bin.“ Nun, wenn er kein Rcligionsjude ist, dann ist der für das Judentum stehende und fallende Stadtrat Oske, der noch keinen Finger für das Judentum gerührt hat, sicher Nationaljude, denn etwas Drittes gibt es nicht. Doch das nur nebenbei. Jedenfalls hat die dreiste Behauptung Oskcs sowie sein ganzes Auftreten In der gesamten Königsberger Judcuscliaft, soweit sie sich überhaupt für jüdische Dinge interessiert, die stärkste Entrüstung hervorgerufen, Oegcn Lic 11 tenstein selbst, dessen hervorragende Verdienste um die Partei übrigcns allgemein anerkannt wurden, brachte auch Oske nicht das geringste vor. Dafür strich er die Verdienste Ranzows um die Juden, die besonders in seiner Tätigkeit als Richter in dem Konitzcr Prozeß liegen sollten, und dessen Philoscinitismus in langntmiger Weise heraus. Als ob jemand da» Fehlen des Antisemitismus — denn um mehr handelt es sich sicher bei Kanzow auch nicht —־ und!eine anständige Gesinnung atigczwdfclt hätte, und als ob nicht die einzige in Betracht kommende Frage die gewesen wäre, was gegen die Kandidatur des Königsberg«•« Lichtenstein spreche. Für den Auchjuden Oske war die Entscheidung sehr einfach, er zog eben in jedem Fall den christlichen ״Philoscmitcn“ dem Juden vor. Recht bezeichnend war auch eine köstliche Aeußcrung, die dem Vorstandsmitglicde Gutsbesitzer Braeslke, einem schon etwas alten Herrn, entschlüpfte, indem er in folgender Weise aus der Schule plauderte: ״Man halte cs nicht für zweck* mäßig, daß dieselbe Person zugleich Landtags- und Rciclistagsabgeordueter sei, weil die Pflichten dabei oft kollidieren, deswegen solle jetzt Kanzow für den Landtag kandidieren, die tüchtige Kraft Lieht c 11־ s t e i n s aber wolle inan sich für die Künigsberger Reichstagskandidatur reservieren.“ Also das war des Pudels Kern. Derselbe Jude L 1 c 111 c 11 91 ein , der bei den Richtern und einem Teil der Rechtsanwälte nicht das genügende Ansehen besaß, um ihn der hohen Ehre eines Abgeordnetenmandates würdig erscheinen zu lassen, war gut genug für das Königsberger Reichstagsmamlat, wie er ja auch vor Jahren der Llire für würdig gehalten worden war, in einem aussichtslosen Kreise für den Reichstag zu kandidieren. ״Erkläret mir, Graf (»cViudur, diesen Zwiespalt der Natur!“ Nun, die Ltklanmg ist sehr einfach. Sicher würden die Königshcrger antisemitischen Fortschrittler nicht das mindeste einzuwenden haben, und sie würden sicii sogar diebisch darüber freuen, wenn der freisinnige Jude L i c 111 e 11 s t c i n dem Sozialdemokrat^ sehen Juden II aase, übrigens dessen Schwager, durch eine gewaltige agitatorische Tätigkeit das Köiiigsberggr Reiclistagsinandat, das diesem allerdings ziemlich sicher ist, entreißen würde. Einen Schaden hätten die Königshcrger freisinnigen Antisemiten keineswegs, und trotzdem ihnen jeder Jude unsympathisch ist, ist ihnen der freisinnige Jude Liehtenstein immer noch viel lieber als der sozialdemokratische Jude llaasc. Sapicnti sat. Um cs kurz, zu machen, Lichtenstein unterlag hei der Abstimmung nit etwa 378 Stimmen gegen •112 Stimmen. Da cic Gegner Lieh* teil:,!eins das Heft in der ־fand hatten, so bestimmten sie muh den Modus der Abstimmung, der eine geordnete Kontrolle ganz unmöglich machte. Die Einladungskarten;.11 der Verdammlung, die beim Eintritt vorgezcig; werden mußten, ohne daß die Kontrolle dabei eine strenge gewesen war — manche Besucher waren ohne eine solche Karte in den Saal gekommen - wurde vom Vorsitzenden trotz heftigen Widerspruchs als Stimmzettel bestimmt. Bei der Wahlhandlung kamen nun außerordentlich schwere Unregelmäßigkeiten vor, die in einem darauf erfolgten Wahlprotest festgestellt wurden: Einladungskarten waren vor dem Eingänge an Nichtmitglieder verteilt worden, ebenso wurden noch kurz vor der Abstimmung solche im Saale verteilt, außerdem waren in vielen Fällen Angehörige oder Bekannte von Mitgliedern, die nicht erscheinen konnten, auf deren Karten in den Saal gekommen, einzelne gaben mehrere Wahlkarten ab; die Ein- Sammler der Wahlkarten, die vom Vo..ätzenden ernannt worden waren, die aber sonst nicht bekannt waren, hatten in fcutgcstclltcii Fällen Karten von Anhängern Lichtensteins in die Tasche gesteckt und nicht abgegeben, andererseits gaben einzelne mehrere Wald* karten ab. Der Wahlprotest wurde zurückgewiesen, weil die Zahl der fcstgcstelltcn Unregelmäßigkeiten zu gering gewesen sei, um das Wahlresultat erheblich zu modifizieren, Ls wurde also ganz nach dem Vorgehen hei Wahlprüfungei! im Reichstage verfahren, als ob cs sich um politische Gegner und nicht um einen Wahlakt innerhalb einer Partei gehandelt hätte, in der nicht die Zahl der feststellbaren Unregelmäßigkeiten — wieviele müssen in dem Wirrwarr, der bei der Abstimmung in dem überfüllten Saale herrschte, unbemerkt und imnachweisbar geblieben sein — und nicht die Art und die Schwere der Unregelmäßigkeiten ins Gewicht fallen mußte. Auch eine Protest- Versammlung, in der beschlossen wurde, dem Vorstand des Wahlvereins das Mißtrauen ausztispreclicn und ihn aufzufordern, da er das Vertrauen eines grollen Teils der Vercinsmitglieder nicht mehr besitze, das Amt niederzuiegen, blich erfolglos. Ebenso vermochte die Ueberscndung einer eingehenden Schilderung der Vorgänge bei der Kandidalcnwahi nebst einer Abschrift des Wahlprotcstes an Herrn Kanzow auf diesen nicht den erwarteten Einfluß auszuüben,die Wahl vorläufig nicht anzunehmen und auf einen nochmaligen Wahlakt zur unzweifelhaften Feststellung des Willens der Königshcrger Wählerschaft zu dringen, So waren denn alle Bemühungen der Anhänger Lichten- Steins, Ihrem Kandidaten, gegenüber der brutalen Gewalt der augenblicklichen Machthaber zum Siege zu verhelfen, vergeblich gewesen. Anstrengungen, um die Wahl Lichtensteins hinterher im Wahlkämpfe selbst üurclizusetzen, wurden, um eine Zer- Splitterung innerhalb der Partei zu verhüten, nicht mehr gemacht, und so wurde denn Kanzow gewählt. Allerdings war die Wahlbeteiligung der liberalen Wilder diesmal wesentlich geringer als sonst, et blieben nicht nur recht zahlreiche jüdische, sondern auch nicht wenige nichtjüdisclic Wähler, die über die Beiseiteschiebung Lichtensteins und de übrigen Vorgänge erbittert waren, der Wahl fern. Von der jüdischen Wählerschaft Königsbergs kann man mit Befriedigung konstatieren, daß sie in ihrer großen Majorität die Sache Lichte nateIns als Ihre eigene betrachtet hat und geschlossen hinter ihm ■fand, da man sofort begriff, daß die" Treibereien