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Jüdische Rundschau · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 3 U JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36 Schaft an der Konferenz hatte ihren Ursprung gewiß nicht in bloßer Neugierde, und das Erscheinen des würdigen alten Mannes, des Wiener Kultuspräsidcnten Dr. Alfred Steril, zu Beginn der zweiten Sitzung als (miß- und FrtcdcnshcroUl im Namen von hunderttausenden Brüdern war mehr als ein Akt der Höflichkeit. Die altna matcr Thora, die Knesset Israel hat hier noch einmal ihre schützende Hügel über alle ihre Kinder ausnahmslos und liebevoll atisgebreitet . . . Besonders starke Eindrücke knüpfen sich an einige Persönlichkeiten, die an der Konferenz teilnahmen: Ein Leo Motzkin, der unlängst kein Wort hebräisch verstand und jetzt die hebräische Konferenz hebräisch leitet; ein David Jelin aus Jcrusalem, der uns mit seinem kerngesunden hebräischen Wesen an die Gestalten unserer Vorzeit erinnert; ein Itzchak Epstein mit seiner hebräischen Svmphonic, vulgo Referat über die hebräische Erziehung; oder so ein Fräulein Jchudit Pi sc 1 ina 11 n, Sludentin an der Universität Charkow, mit ihrem kurzen Referate, waren Gestalten, die, um die ganz Großen gruppiert, das innere Bild des nationalen Heiligtums nur vervollständigen und verschönern konnten. Welche Opfer wurden nun für die gute Sache des Hebräischen gebracht? Hier einige Namen: Zlatopolski, der eigentliehe Schöpfer der Bewegung, Nciditsch, Satmon Epstein, S c h e z k i n, Feldstein. Viel Arbeit und viel Geld haben diese Männer der hebräischen Kultur dargebracht. Sie haben ihr die ״T’chia“ geschenkt, die am dritten Tage angcki'mdigte Kultur- und Verlagsgesellschaft, die der Fels werden soll, auf den die hebräische Kultur auch im üolus ihren Tempel aufbauen wird. Wo viel Liebt, du ist aber gewöhnlich auch Schatten. So mußte dem! auch au diesen, an erhebenden Eindrücken so reichen Tagen ein großes und erschreckendes Defizit konstatiert werden: Der hebräische Leser ist im Verschwinden begriffen. Ist das Zufall oder das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung? Wer kann bei diesem Wimdervolke, das so oft jeder berechnenden Voraussicht Holm gesprochen hat, diese Frage mit Sieberheit beantworten? Gottlob! Fast keiner von den Teilnehmern sieht am Rückgang des hebräischen (und'jüdischen) Büchermarktes in den letzten Jahren das Symptom eines natürlichen Verfalls, Nur dem unseligen, zufälligen Zusammentreffen verschiedener Momente hat man die Schuld an dieser traurigen Tatsache zuzustlireiben. Die großen Wirren im jüdischen Lager in Rußland, die politische und ökonomische Depression, die Verzwciflung, die Auswanderung sind die 11 a u p t s ä c h - liebsten Faktoren, die auf dieses Ergebnis hinwirkten. David Frisch mann, der feinfühlige Geist, der mit der Genauigkeit einer Tliermosäule die Wärme- und Kältegrade der nationalen Literatur registriert, hielt uns (in der Morgensit/ung des zwei- I ten Tages) ein Referat über unsere schöne Literatur, I welches uns das Blut in den Adern erstarren machte. Da kommt Bialik. 'Unmittelbar nach Friseiiinaiin kommt er mit einem' wunderschönen, ungemein j ti - di sehen Referat und will uns durchaus nicht verzweifeln lassen. Wir haben in unserem langen, nationalcn Leben schon so manche literarische Krisis durchgemacht, und Überstauden! Zu solchen Zeiten aber pflegte sich immer wieder eine eigentümliche Rettungsart einzustellen: Die ״Chat im a“ das Abschließen der bisherigen nationale« Literatur in ihren besten, könzentrieten Auszügen. Es ist nun eben jetzt die Zeit gekommen, so einen neuen Ab- Schluß vorzunehmen, an der alten, neuen und übersetzten Literatur, so wie man zu ihrer Zeit die heiligen Schriften ״abschloß“ die Misclma, den Talmud. Es muß für den Durchschnittsjuden ein nationaler Extrakt aus unserer Literatur gezogen werden. Das Mittel ist probat. Da kommt Frau Statistik: H i 11 e I Z 1 a t o - p o 1 s k i jubelt. Die hebräische Bewegung ist in Rußland ungemein gewachsen. Vereine, Schulen, Kindergärten geben Zeugnis davon. Dagegen kommt der bekannte Literat Czcrnowitz (Sfog) und will an dem materiellen Stand der hebräischen Literatur schier verzweifeln. Die Debatte greift ein, Trost und Unmut kreuzen die Klingen. Endlich kommt Sukkurs — von jenseits des Ozeans. A. B. Ooldberg, Redakteur vom ״Jüdischen Volk“ in New York, erzählt uns Dinge von der hebräischen Bewegung in Amerika, die uns fast wie ei« Märchen anmuten. Es wurden in den letzten Jahren seitens der jüdischen Gemeinden in Amerika Millionen von Dollars für die Gründung von ״Talmud Torah“-Sdtulen ausgegeben. Die Schulen blühen und erzeugen das beste hebräische Material. Es bestehen dort große Vereine zur Förderung der hebräischen Literatur und Sprache; der Verein ״Achiewer“ fördert die hebräische Literatur in Pa* listina. Die jüngst gegründete hebräische Tageszeitung ״Flajom“ hat am ersten Tage in New York fünfzigtausend Exemplare verkauft! Die hebräische Sprache habe also eine glänzende Zukunft in Amerika. In demselben Sinne, ja mit noch größerem Enthtisiasmus, spricht auch der immer sehr überlegte und vorsichtige Rüben B r a i n i n, der seit cinigen Jahren in Amerika weilt. Der psychologische Konflikt klingt endlich in einer friedlichen Lösung aus, in der Wahl einer litcrarischeu und einer pädagogischen Kommission, die später entsprechende Anträge Vorschlägen sollen. Am dritte« Tage der Konfcrcn/ kam die Unterrichtsspraelie am jüdische« Technikum in 1 laifa zu Sprache. Nach einer sehr erregten Debatte wurde eine gemäßigte Kommission gewählt, die dem Kuratoriuni des Technikums ein entsprechendes Memorandum vorlcgeu soll. Und so hatten sich die Gewalten gelegt und man wandte sielt nun internen organisatorischen Fragen zu. Es war nicht viel, aber durchaus Gesundes, was da zustande kam. Außer einigen unwesentlichen Aciuleriingen an der Organisation (der Kulturschekel soll gleich dem zionistischen Schekel eine Mark betragen; fünfzig Sehekclzahler wählen einen Delegierten; die hebräische Konferenz soll immer acht Tage vor dein zionistischen Kongreß stattfinden; das Zentrum der Organisation bleibt in Berlin, und dergleichen) wurden mehrere Resolutionen 'angenommen, von denen wir die wichtigsten folgen lassen: I. Anträge Bialik: I. Eine spezielle Kominission wird eingesetzt, die für die Vorschläge von Bialik (in bezug auf die neue ״Chatima“) ein Arbeitsprognimm ntisnrbcitcn wird. 2, Es werden vorläufig (durch die ״T’chia“) sechs Bände solcher Auszüge herausgegeben werden: zwei aus der alten, zwei aus der neuen und zwei aus der von den fremden Sprachen ins Hebräische übersetzten jüdischen Literatur. II. Antrag Scliueior: Die ״T'chia“ gibt jährlich zwei!,reise für die zwei besten hebräischen Neuerscheinungen belletristischer und Wissenschaftlieber Natur. III. Antrag K a t z e 11 c 1 s o 1111: Es werden Iltidier für die reifere Jugend mit Vokalisati״) 11 ״N'kudoth“) licrausgcgcltcii. IV. Antrag E lies er Kaplan: Die ״T'cltia“ übernimmt die Regulierung ries hebräischen Büchermarktes. Zahlreiche Anträge der pädagogischen Kommission gelangten gleichfalls zur Annahme. Am aussichtsreichsten scheinen die Beschlüsse in bezug auf die Gründung von Kindergärten. So zielten fast alle Beschlüsse dahin, den cleinen ta re n hebräischen Unterricht zu fördern. Der höhere hebräische Unterricht bleibt vorläufig noch unberücksichtigt und die Lösung dieser Frage wird der zweiten alhveltiiehcn hebräischen Konferenz, eine sehr dankbare Aufgabe bieten. Ausweis Schekel: Kohr I,, Schwab.׳■Gmünd I, , Wcimar 1,--, Gelnhausen 1,--, Ansbach 1, Jever 1,—, Lübeck l,-Frankfurt a. M. 3,—, Marburg 1,-~, Mölsheim 3,—, Chemnitz 1,—, Berlin 14,— , Förchheim 2,—, Sangerltausen 1,—, Neumarkt 1 —, Myslowitz 13,—, Stettin 2,—, Lübau 1 — Burgkundstadt 2,זד-, Metz 3,—, Bernburg 1,—, Oppeln 1,—, Cleve 1,— M. Landesorganisationsboiträge! 1. Ortsgruppen: Molsheim 3,—, Stettin 20,—, Bernburg 1,—, Oppeln 3,—, Berlin 2,— M. 2. Einzelpersonen: Moritz Locwe, Sängerhausen 5,—, Rechtsanwalt Abrahamsohn, Sensbttrg fOstpr.) 5,—, Leopold Kristeller Fraustadt 5,—, Siegfried Cosman, Cleve 5,—, Rechtsanwalt Alfred Fischer, Berlin für 2. u, 3. Quartal 40,— M. Eingang vom 27. August bis 2. September 1913: Schekel: 57,— M. — Landesorganisation8beitrage: 80,- ty. Gesamteingang: Schekel: 8466,— M., dazu beim Z. B. direkt eingegangen 357,— M., zusammen 8823,— M. — Landcsorganisationsbeiträge: 11 953,37 M. Berichtigung. In Nr. 35 sind aus Frankfurt a. M. durch einen Druckfehler statt 17,— M. nur 7,— M. ausgewiesen. Die Addition ändert sich nicht. Adresse für Geldsendungen t * Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto! Berlin 8091. Bankkonto 1 A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. « Königsberger Brief Der Fall Liclitcnstein Antisemitismus in der Fortschrittlichen Volkspartei. In dem Kampfe um die ihnen verfassungsgtmäß zustellende Gleichstellung hatten die deutschen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit ihren Anschluß an die liberalen bzw. freisinnigen Parteien genommen, die ihrem Programm nach auch die Rechte der Juden zu schützen und walirziiiichinen geradezu berufen schienen. Mit einem beispiellosen Eifer und Opfermut arbeiteten die Juden allenthalben für die Inter, essen der freisinnigen Parteien, sie stellten ihnen in ihren politischen lind redebegabten sowie organisatorischen Köpfen die besten Vorkämpfer, sie waren die Rufer im politischen Streit, unterstützten ,,ihre Partei“, als die unwidersprochen die freisinnige Volkspartei galt, in opferfreudigster Weise mit reichlichen Geldmitteln, und achteten es gering, wenn sie, im Streit der Parteien überall voranstchcnd, den Haß der Gegenparteien auf sich und die gesamte Judenhcit lenkten und deren Antisemitismus nur noch steigerten. Und was war der Lolin dafür, daß sich die Juden den fortschrittlichen Parteien mit Haut und Haaren verschrieben? Es soll zugegeben werden, daß diese Parteien im Reichstag und Abgeordnetenhaus die antisemitischen Hetzereien bekämpfen, daß sie ge- Icgentlicli ihre Stimme gegen antisemitische Vcrwaltungsmaxinien der Regierung erhoben und nichtjüdische Redner verschickten, wo die Juden selbst in diesen Körperschaften für jüdische Interessen einzutreten sich scheuten oder nicht für rätlich hielten. Galt cs doch lange Zeit den Juden als der Weisheit höchster Schluß, nicht selbst für sich und ihre Interesse« zu sprechen und zu kämpfen, sondern dies durch die befreundeten Niclitjudcn besorgen zu lassen, die dadurch den Titel ,,Jtideusclmtztruppe*' einheir.tsten. Aber welche wirklichen Errungenschaften haben die < deutschen Juden den ״Scbut/redeu" der Freisinnigen zu verdanken? Haben sieh die Freisinnigen jemals zu irgendeiner Tat attfgesehwungen, und wenn es auch nur die gewesen wäre, daß sie einem Minister, der in seiner Verwaltung offen antisemitische Tendenzen verfolgte oder billigte, das Gehalt verweigert hätten? lind wie haben sie sieh innerhalb der Partei seihst gegen ihre jüdischen Mitkämpfer dankbar gezeigt? Nun, die Juden sind Vorsitzende von liberalen Wahlvereinen, liberalen Ikzirksvereiiicn, Organisatoren der Wahlbcvvegung und des Wahlkampfes, vielleicht auch 'noch Vorstandsmitglieder in Provinzialvcrcintn der freisinnigen Partei geworden. Ihren weiteren Ehrgeiz aber mußten sie beschränken. Nur außerordentlich wenige wurden von der Partei in aussichtsreichen Wahlkreisen als Kandidaten für das Abgeordnetenhaus oder für den Reichstag aufgestcllt und zu Ab,»cordne ten gewählt. Wie mir ein hiesiger jüdischer Politiker mitgctcilt hat, hat Eugen Richter, dem man antisemitische Tendenzen vurwarl, als sieh einmal Juden bei ihm beschwerten, daß jüdische Politiker trotz ihrer ausgesprochenen politischen Begabung und I üchtigkeit so gut wie gar nicht als Kandidaten für ein Abgeordiietenin.iiidat autgeslellt würden, geantwortet: ״Was wollen Sie? Wenn wir einmal einet» jüdischen Kandidaten in einem Wahlkreise aufstcllcn wollen, kommen die einflußreichen Juden des Kreises selbst zu mir und bestürmen mich, um Gottes willen nur keinen Juden aufzustellen, man müsse die antisemitische Gesinnung der Bevölkerung berücksichtigen, ein Jude habe in dem Wahlkreise zu wenig Aussichten, und so könne der Wahlkreis verloren gehen.“ Also ganz nach dem Rezept Sombarts: Die Juden hatten im Schoße der freisinnigen Volkspartei anscheinend die volle Gleichberechtigung, aber sie hatten den ״Takt“, davon so wenig wie möglich Gebrauch zu machen. Seit Richters Zeiten ist die Abneigung innerhalb der freisinnigen Volkspartci, jüdische Kandidaten aufzustcllcn, nur noch gewachsen, während die Juden allerdings etwas mehr Selbstbewußtsein und mehr Rückgrat bekommen haben und sich nicht einfach mehr oder weniger sanft bei Seite schieben lassen wollen. Der Fall Lichtenste in bietet dafür ein klassiseit cs Beispiel. Nach dem Tode des Landtagsabgeordneten für Königsberg, Justizrat Gy ßlingaus Königsberg־, erschien es weiten Kreisen der liberalen Wähler und Politiker Königsbergs als selbstverständlich, daß, wenn Königsberg wenigstens durch einen Königsberger im Landtage vertreten sein sollte (Königsberg entsendet drei Abgeordnete in den Landtag, von denen bisher laut Wahlabkommen stets zwei der freisinnigen Volkspartei, einer der nationallibcralcn Partei angehört), nur Justizrat Dr. Lieh enstein als Nachfolger Gyßlings in Frage kommen könne. Lichtenstein steht seit zirka 20 Jahren in der politischen Bewegung Königsbergs als einer ihrer ersten, fähigsten und eifrigsten Vorkämpfer, wozu er durch seine glänzende Beredsamkeit, seinen scharfen Verstand und seine ungeheuere Belesenheit geradezu prädestiniert erscheint. Er ist seit über einem Dutzend Jahre Vorsitzender des fortschrittlichen

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