Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 372 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36 uns nicht beeilen, gerade die Pionierarbeit dort zu verrichten, andere kommen und das Land erwecken werden. Uns wird alsdann nur die bittere Reue zurückbleiben, um die Schande unserer Nation. Dvr künftige Geschichtsschreiber!wird von uns sagen, daß wir es nicht verstanden, eine so günstige Zeit für uns auszunützen, um durch die gemeinsame Ar* beit unseres Volkes die ״Schande von Mizrajim“ die Schande der ewigen Knechtschaft, kraftvoll von uns abzuscliütteln, Mögen unsere Gegner sagen, was sie wollen, mögen sie kritisieren, Fehler unserer Arbeit suchen und an unseren Leistungen rütteln, so viel* sie wollen, der neue Jiscluib ist heute ein positiver Faktor, und es gellt nicht mehr an, ihn zu ignorieren. Gewiß ist er noch nicht vollkommen, er bedarf noch in vieler Hinsicht des Ausbaues, aber er ist ein lebendiges Zeugnis, daß das Land die Möglichkeit besitzt, seine Arbeiter zu ernähren, und daß unser Volk noch sehr wohl in der Lage ist, wieder den inneren Zusammenhang zwischen Volk und Land her-, zustelleii. Unsere Kolonien, ihre äußere Eulwickluug und ihr sich ganz neu gestaltendes Lehen, gehen allen unseren Bestrebungen erst einen greifbaren 111■ halt. Es ist klar: ohne den neuen Jiscluib standen wir heute leer und arm da, ohne Erfahrung, ohne Grundlagen, und wir müßten das ABC des neuen Jischub von unten auf anfangen. Weil wir eben keinen andere» Weg haben, weil die nationale Renaissauce nicht von heute auf morgen verwirklicht werden kann, weil sie nur durch allmähliche Aibeit erwachsen kann, vom Kleinen zum Großen, Stein auf Stein, bis zu ihrer Vollkommenheit. Bescheiden, ja zurückgezogen, feierten unsere Bilu-Pionitre im vorigen Jahre die dreißigste Wiederkehr des großen Tages, an dem sie ihre Arbeit int Lande begannen. In ihrem engen.kleinen Kreise gedachten sie jener großen Begeisterung, die damals herrschte, als sie die Fahne entfalteten mit dem Aufruf: ,,Haus Jakob, kommet, wir wollen gehen,“ und sie gedachten auch der schweren Stunden, die sie in ihrer dreißigjährigen Arbeit durchziimachen hatten. Nur einzelne von uns können es verstehen, diese Zeit nach ihrem wahren Werte zu beurteilen. Nur wenige von uns wissen, daß diese jungen Bihi• Pioniere vielleicht die ersten Zionisten gewesen sind. Aber ich glaube, daß alle Mitglieder des Kongresses ohne Ausnahme es billigen werden, wenn ich diese Gclogenliei. benütze, um unseren ersten Pionieren die Gefühle unserer Hochschätzung und unserer dankbaren Ancikennung von dieser Tribüne aus dar/.ubringen. {Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sprechen wir von diesen unseren ersten Pionieren, so müssen wir noch eines anderen Volksgenossen gedenken, eines Mannes, der sicli zwar nicht im Lande angesiedelt, der aber dem Lande imendlich viel gegeben hat. In jener schweren Stunde, als der neue Jischub, gering und schwach wie er war, einer Krise verfiel, und fast keine Hoffnung mehr blieb, unsere Pioniere aus ihrem Unglück zu retten, damals, da die Gegner des Jischub bereits den Untergang des Gedankens von der Wiedergeburt unseres Landes verkündeten, da sie die schwersten Angriffe gegen die begeisterten Stürmer und Dränger richteten, die nach der Befreiung unseres Volkes lechz.־ ten — damals erschien jener auserwählte Mann gleich einem rettenden Engel und befreite den neuen Jiscluib von seinen Nöten. Wenn wir heute gesunde und lebensfähige Kolonien haben, so müssen wir beim Hinweis auf dieses grandiose Werk, wenn wir nicht undankbar sein wollen, dem Baron E d m tt 11 d von Rothschild unseren freudigen Dank sagen. Denn Baron Edmund von Rothschild kam nicht als gewohnlicher Wohltäter nach Palästina, sondern als ein Mann, dom die Zukunft seines Volkes am Herzen liegt. Während die anderen Reichen unseres Volkes nur Spott und Hohn für jene ״Träumer“ und ״Phantasten“ hatten, gab dieser Mann ihnen sein Herz, und er begriff, daß die nationale Wiedergeburt eines Volkes nicht mit den Mitteln und dem Verstände eines Kramers geschaffen werden kann. Dreißig Jahre der fruchtbaren und nach dem gewöhnlichen philanthropischen Maße ungeheuren Arbeit dieses Mannes sind jetzt vollendet. Was noch von früher her faul war, ist verschwunden, und ein lebenskräftiger, gesunder Kern ist geblieben. So anhänglich und ergeben Baron Rothschild seinem Volke ist, so bescheiden ist dieser treffliche Mann zugleich. Niemals hat er nach äußeren Ehren und nach Anerkennung gestrebt, und nicht, um ihm den Lorbeer zu winden, den er niemals bcgehrte, erinnern .wir uns in dieser Stunde seines Werkes. Denn er schuf, was er tat, als ein treuer Sohn seines Volkes und erfüllte seine Pflicht als ein wahrhaft edler Mensch, der Lohn und Dank weder erwartet noch wünscht, War es ihm besclneden, einst die erste Saat zu streuen, so wird er seinem Werke gewiß auch weiter seine Liebe und seine Sympathie nicht versagen, und wir sind sicher, daß das jüdische Volk in seiner Gesamtheit cs einst verstehen wird, eines Mannes Werk zu würdigen, der ein wirklich großer Mensch war. (Lebhafter Beifall.) In den letzten dreißig Jahren ist der neue Ji- •chub zu einem wichtigen und bedeutsamen Faktor in unserer Renaissancebcvvegung geworden. Auch die Kleinmütigen und die Ungläubige», die an die selbständige Existenz der Kolonien nicht glauben wollten, und dem ganzen neuen Jischub den Untergang prophezeiten, sobald ilttn die Unterstützung von außen genommen v.’ürdc, auch sie müssen zugeben, daß sie sich geirrt haben und sie können nicht mehr anders, als den Wert und die Bedeutung des Jischub atizuerkunnen. Das ist der erste entscheidende Wendepunkt in der Geschichte des neuen Jischub von Ercz Israel. Betrachten wir die anderen grollen Bewegungen um uns herum, seien cs Bewegungen nationaler oder sozialer Art, so sehen wir meist, daß das Feld ihrer Arbeit auch der Zielpunkt ihres letzten Wollens ist. Ganz anders dagegen verhält cs sich mit unserer Reitaissamvhewegimg. Unser Endziel liegt im Osten, während das Zentrum unserer Arbeit, unserer Besvegütig, sieh int Westen befindet. Hierin ist der Grund für unsere innere Zwiespältigkeit zu suchen, für die Zwiespältigkeit der Seelen und der Kräfte. Die innerhalb der Bewegung stehen, vergessen bisweilen das Endziel, und die sielt dem Endziele nähern, vergessen nicht selten, weil sie vom Zentrum der Arbeit entlernt leben, die Bedeutung jener Bewegung im Westen. Wir pendeln ständig zwischen diesen beiden Punkten hin und her. Gewiß ergänzen sieb Ziel und Bewegung gegenseitig, aber cs fehlt der gemcinsame Mittelpunkt, durch den unsere ganze Arbeit zur Vollkommenheit gelangen könnte. Damit kommen wir zu dein zweiten bedeutsamen Moment in der Entwicklung des neuen Jiscluib, der sich nicht mir von der Vormundschaft der Geldgeber, sondern von der Bevormundung durch das Golus überhaupt zu befreien beginnt. Der neue Jischub verlangt jetzt, daß man mit ihm nicht mehr als mit einem Mittel rechne, das die Notwendigkeit der Renaissaiicoarbcit zu beweisen habe — er will im Gegenteil das Zentrum werden, auf das sich die ganze Arbeit richten soll, er verlangt die Arbeit für das Ziel und will nicht mehr das Ziel für eine Arbeit sein, die nur da zu sein scheint, um die innert;. Leere des Golus-Lebcns atisztifiillen. Das ist die Tendenz, die aus den neuesten Forderungen des Jischub hervorgeht. Der Jischub will nicht mehr ein Objekt für die Institutionen sein, sondern der Zweck und die Ursache der Institutionen, weil sich der Jischub eben bereits als die lebendige Kraftwellc find als das Fundament der nationalen Renaissance fühlt. Freilich stört diese neue Tendenz manche unserer Mitarbeiter, aber cs läßt sich nicht leugnen, daß sie natürlich und gesund ist, überall, wo eine naturgemäße Entwicklung und ein starker Glaube an die eigene Kraft vorhanden sind. Dennoch scheint mir hierin ein wesentlicher Grund für den Streit der Meinungen innerhalb unserer Organisation zu liegen. Die Entfernung vom Lande unseres Endzieles bringt es selbstverständlich mit sich, daß sehr viele von uns das Wachsen des neuen Jischub nicht beobachte», daß sie die sich leise ins Leben ringende Renaissance nicht mitcrfühlen können. Infolgedessen sehen sie das Schwergewicht unserer ganzen Arbeit in den von uns geschaffenen Institutionen, und so entstellt die Meinung, daß diese Institutionen.die Hauptsache seien, deren Anhängsel in Palästina den neuen Jiscluib bilde. Wir müssen natürlich zu einer ganz anderen Ansicht gelangen, wenn wir uns die Anschauungsweise der Urheber und Schöpfer des jüdischen Jischub in Paliistina aneignen. Sicher wissen auch sic, daß unsere Bewegung Form und Ausdruck in ihren Institutionell findet. Aber sie wissen auch, daß unser Ziel eben nicht in unseren Institutionen sich verwirklicht, sondern im jischub selbst. Man braucht nur zu fragen, wer denn eigentlich wofür geschaffen und bestimmt sei, und die Antwort versteht sich von seihst. Wenn wir diese Anschauung als Grundlage für unsere Arbeiten aiHirhmen, so haben wir darin auch die beste Möglichkeit, zum Frieden in unserer Organisation zu gelangen. Und wir werden diese Ansicht annehmen müssen, denn der neue Jischub zwingt uns dazu. (Händeklatschen und lebhafter Beifall.) Es wird aber noch eine weitere Forderung vom neuen Jischub an uns gestellt, ein großes, aber durchaus begründetes Verlangen, das durch die Tat- Sachen des Lebens gerechtfertigt ist. Natürlich ist es unser Ideal, daß alle Unternehmungen in Palüstiim, sowohl ökonomischer wie kultureller Art, von der Organisation begründet werden sollen, die auf ihr Banner die Wiedergeburt des jüdischen Volkes geschrieben haben. Wenn cs nun bisweilen zulässig sein mag, in wirtschaftlichen Dingen von diesem Ideal abzugehen, obwohl dann gewöhnlich infolge des Fehlens nationaler Bestrebungen die Zweckmäßigkeit des Geschaffenen stark beeinträchtigt wird, so muß dieses Ideal unter allen Umständen und mit aller Energie da vertreten werden, wo es sich um die Erziehung des in Palästina heranwaclisemlcn Geschlechts handelt. Die dürfen wir keinesfalls den anderen Organisationen überlassen, eben weil ihnen jenes Banner fehlt. Das muß auch daun absolut gelten, wenn an der Spitze der anderen Organisationen Männer stehen, die sieh mit den Forderungen des neuen Lebens ciiivcrstamlcn erklären und dem jüdischeu Geiste Konzessionen machen. Woher aber wollen wir denn die Garantie nehmen, daß diese Männer nicht anderen, ihre Stimmungen nicht anderen Stimmungen Platz machen! Dann würden wir gezwungen sein, von neuem einen inneren Kampf zu beginnen, der ein gut Teil von der Schaffenskraft des jungen Jiscluib in Anspruch nehmen würde. Und leider fehlt es ja nicht an Anzeichen, daß jene Stimmungen tatsächlich wandelbar sind. Wir dürfen nie vergessen, daß zwar der Ostiviiid, der von Zeit zu Zeit unser Land durchstreift, die Ernte unserer Arbeit manchmal ernstlich bedroht, daß lür uns aber der schlimmere Feind jener Wind vom Westen ist, der über das Meer herüberkommt. Er verdirbt uns unsere Menschen und übt einen schädlichen Einfluß auf unser heran wachsendes Geschlecht. Wir erkennen es dankbar an, dal! andere Organisationen uns mit ihrer kulturellen Tätigkeit im Lande unserer Väter zuvorgekommen sind, aber wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, daß es andere sind, die das tun oder gar uns darüber freuen, daß gerade andere diese unsere Arbeit verrichten! Das heranwachsende Geschlecht das ist ja der strahlende Stern unseres neuen Jischub, und unsere Sorge muß es sein, daß es im Geiste der nationalen Renaissance erzogen wird. Wir dürfen auch ganz ruhig, auf Grund von beweisbaren Tatsachen, die Behauptung aufstellcn, daß alle diejenigen Schulen und Lehranstalten, die von Zionisten geschalten und geleitet oder durch den Zionismus bceinilußt sind, alle anderen jüdischen Schulen Palästinas an Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit weit überragen. Und zwar durchaus nicht nur vom jüdisch-nationalen Standpunkte aus, sondern auch unter dem Gesichtswinkel allgemein menschlicher Erziehung betrachtet. Im Golus hat unsere ״Doppelgestalt“ unsere besten Tugenden nicht zur Geltung kommen lassen, und im günstigsten Fidle haben wir Menschen großgezogen, die halb Knechte und halb Freie wurden. Da erstand uns die neue Schule in Palästina und zeigte uns, wie man die Janusmaske abwerfen kann. <ierade jetzt hat das hebräische Gymnasium in Jaffa ein Erstlingsfest gefeiert, und zinn ersten Male in unserem Leben haben wir junge Abiturientin vor uns gesehen, die nur Juden sind und nichts als das. Diese jungen Menschen sind ganz, und gar frei von unserer Zwciseclcn-Psychologic, und von ihnen dürfen wir zuversichtlich erwarten, daß sie unserem Volke Ehre machen und unserer Fahne Treue halten werden. Möglich, daß diese jungen Leute hie und da durch Uebcreifcr Maß und Grenze ein wenig überschreiten. Das wird sich im Laute der Zeit so natürlich ändern, wie dieser Uebcreifcr eine natürliebe und notwendige Reaktion ist, gegen Indifferenz und Feindseligkeit. Wird unsere Position immer ruhiger und fester sich entwickeln, so wird altes Uebermaß und aller Uebcreifcr ganz von selbst verschwinden. Die Zionistische Organisation hat also die ernste Pflicht, alles zu tun, um au( die kulturelle Ent- Wicklung des neuen Jiscluib Einfluß zu gewinnen. Recht naiv hat man in der letzten Zeit da und dort die alte Frage wieder aufgeworfen: was ist denn eigentlich jüdische Kultur? Sind wir denn nicht alle Kulturmenschen? Wollen wir denn die Räder der kulturellen Entwicklung rückwärts drehen? Auf diese naive I lagada-Frage brauchen wir nur eine kurze Antwort zu geben. Auch die anderen Organisationen, die mit der jüdischen Renaissance nichts gemein haben, ja sogar die Schulen der Missionare verkünden bckanntlich mit Stolz, daß sie durch ihr Erziehungswerk im Orient Kultur verbreiten. Nun also: es gibt doch offenbar Kultur und Kultur. Wer jene Frage immer wieder stellt, mag sich dies eine endlich merken und er wird ein für alle Male den Unterschied begreifen. Aber noch aus einem anderen Grunde erwächst der Zionistischen Organisation die unbedingte Verpfliclitung, die gesamte Kulturarbeit in Palästina in ihren Händen zu konzenfrieren. Wir müssen die Re- Rieriing des Landes zu der Ueberzeugung bringen, daß wir keine abseits unserer jüdischen Bestrebungen liegenden Tendenzen verfolge״, und daß unsere Arbeit nur unseren Zwecken dient. Den« es könnte für unsere Tätigkeit verhängnisvoll werden, wenn wir — und sei cs nach so unbeabsichtigt — uns in den Konkurrenzstreit der verschiedenen fremden Gruppen cinmischten. Wir dürfen unter gar keinen Umstünden für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, denn wir untergraben damit den jüdischen j ischub. Die Zionistische Organisation hat weiterhin die Pflicht, dem Problem des jüdischen Arbeiters jn