Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Idee der Gründung einer Universität in Jeru* saleni befassen. Durch die Verwirklichung dieses gewaltigen national-kulturellen Gedankens könnte eine Pflanzs lütte allgemeiner und jüdischer Wissenschaft in der ältesten und würdigsten Kulturstadt der Welt in unserem Jerusalem, geschaffen werden. (Sturmisclier, sich immer wiederholender Beifall.) Wir haben im Verlaufe der verflossenen Kongreßperiode unsere besondere Aufmerksamkeit der Propaganda zugcwciidct. Unser Streben war dahin gerichtet, in der ganzen Welt Aufklärung über den Zionismus zu verbreiten. Diese Arbeit war fruchtbringend und unsere Erfolge erfüllen uns mit grollen Hoffnungen für die Zukunft. Ueberall ist ein Aufschwung zu bemerken, allerorts zeigen sich starke Impulse und vielvcrheiBendc Ansätze. Den allen Arbeitskräften haben sich neue zimeseiit. Wir dürfen ohne Ucbertrcibung sagen: der Zionismus steht jetzt im Vordergrund aller jüdischen Interessen. Auf viele wirkt er direkt und bewullt ein. Andere zieht er durch sein Beispiel heran. Wieder andere zwingt er, durch den Gegensatz «u ihnen zu bestimmter Stellungnahme und dadurch zur Vertiefung ihres jüdischen Empfiudcits. Aber die Kraft der Opposition, die uns entgegentritt, ist gebrochen. Sic verschanzt sich nur noch hinter Vorurteilen und ist gezwungen, sich einen Zionismus eigener Erfindung zu konstruieren, um ihn bekämpfen zu können. Der wahre., Zionismus ist für ihre Geschosse nicht erreichbar. Erlösend und triumphierend schreitet die Ziansidec durch die Diaspora, jeden Zweifel beseitigend, jeden Widerstand brechend. Dieser Kongreß beweist am deutlichsten die Macht und den Fortschritt unserer Sache. Sie alle, die Sic von nah und fern gekommen sind, begrüßen wir aufs herzlichste. Sie repräsentieren die Hunderttausende, die hinter Ihnen stehen, unsere stillen, opferfreudigen Mitarbeiter, denen es nicht vergönnt ist, liier unter uns zu sein, Aber ihre zahllosen Begrüllungen geben den vollgültigen Beweis, daß sic mit ihrem Hoffen und Sehnen bei unseren Arbeiten verweilen. Es freut uns besonders, so zahlreiche Delegierte aus dem Lande zu sehen, nach dem sich unsere Tätigkeit richtet, aus Palästina. Verehrte Kongreßmitglieder! Zu wichtigen Arbeiten sind Sie berufen, mit klarem Blick und warmem Empfinden für das jüdische Volk werden Sie an die schwere Arbeit herantreten, zu der Sie entsandt w׳orden sind. Stets das Wohl unseres Volkes als Leitstern vor Augen, werden Sic in brüderlichem Zusammenwirken das Vertrauen - Ihrer Auftraggeber reclitfcrtigcn. Möge der Erfolg die Bemühungen krönen! Zum Heile unseres Volkes, zum Fortschreiten und Ocdeihcn unserer Arbeit und unserer Idee. Der XI. Kongreß ist eröffnet! Nicht endenvvollendcr Beifall und Tücherschwenken, Rosen und Nelken, von schöner Frauenband auf die Estrade geworfen — Prof. Dr, Warbürg mußte sich immer und immer wieder dankend verneigen. Es folgten dann die Begrüßungsansprachen der großen Wiener Institutionen. Dr. Karl Pol lack übcrbraclite den Dank des W e s t ö s t e r r e i c 11 i - sehen zionistischen Zentralkomitees, ist auch schlecht; sic wird nur dann gut sein, wenn sic anders wie die Vergangenheit und die Gegenwart sein wird; was auch der kurze Sinn des etwas längeren nochmaligen Artikels des Herausgebers ist. Was ist denn die Seele des ״neuen Juden“, die der Herausgeber erst in den letzten Zeilen seines Programms anruft! Wo ist sie au linden, wo kann man ihr Bild sehen und wo sind die Umrisse dieses Bildes niedergelegt . . . wohl kaum im Inhalt dieses hebräischert Sammelbuchs 1 Die Gedichte des S c h n e i e r sind schön, aber wenn er auch den ״Stein der Weisen“ entdeckt zu haben glaubt, das Wundermittel der jugendlichen Erncucrung ist in diesen Gedichten für den neuen Juden nicht zu finden. Au:h das übrigens sehr schöne Schauspiel von Per e z wird kaum das Bild des ״neuen Juden“ enthalten, nicht der heruntergekom* mene Kommissionär, nicht die leichtsinnige Ghana und auch nicht der philosophierende Sozialist Gawricl. Vortrefflich ist der geistreiche Aufsatz J; Seheschars über den junghebräischen Dichter Jacob St e in be r g. Jehuda H 81 e v i ist der Licblingssängcr der Juden, er war und ist ihr Dichter und wird trotz «Her ״neuen Juden“ ihr Dichter bleiben >Simchoni versucht ihn darzustellen, allein, wenn dieses ihm auch gelungen wäre, der Dichter des ״neuen Juden“ ist Jehuda Halcvi nicht. Auch das Bild ״Mejta“ ist nicht klar; die Heldin hat mit dein Verlassen de* Arelim-Viertel* atißer ihrem Geheimnis auch das Geheimnis mitgenommen, wie sie eigentlich die Ent- Stellung des ״Neuen-juden-Ideals“ vorbereiten kann. dessen Mitgliedern ein Hcr/cnswimsch in Erfüllung gegangen sei, dadurch, daß der Kongreß endlich auch einmal in Wien tagt. im Namen der israelitischen Kultusgemeinde Wien sprach das Mitglied des GcmeindevorstandcB Herr Dr. Schreiber überaus herzliche Worte der Begrüßung, die von der Zu- Hörerschaft mehrfach lebhaft akkiamiert wurden. Als Vertreter der türkisch-scphardischcn Israelitengemeinde zu Wien begrüßte Herr Leon H a i וזו den Kongreß. Er betonte, welch grolle Anzahl von Anhungern der Zionismus gerade in den sephardischen Kreisen gefunden habe und wies dabei vor allem auf den akademischen Verein Esperanza hin, der in den Reihen der Jugend eine erfolgreiche Werbearbeit für den Zionismus entfalte. Herr Prof. Dr. Warburg■ dankte den drei Rednern in bewegten Worten und erteilte sodann Herrn Na 11 um Sokolow das Wort zu seinem Relcrat über ״Das jüdische Leben in der Diaspora“. Herrn So ko low wurde bei seinem Erscheinen am Rednerpult überaus herzliche Ovationen dargebracht, Das Referat führte dem Kongreß die gegenwärtige traurige Lage unseres Volkes in plastischer Weise vor Augen und erhob mit wuchtigen Worten die schwere Anklage, die wir gegen die Verfolger zu richten haben. Von dem düsteren Hintergrund der gegenwärtigen Verhältnisse hob sich alsdann in bellen Farben das Bild ab, das Herr Sokolow von unseren zionistischen Zukunftshoff• nungen entwarf. Mehrfach wurde der Redner durch Kundgebungen des Beifalls oder des Unwillens unterbrachen und am Schluß des Vortrages ertönte lange Zeit andauernder Beifall. In einer unserer nächsten Nummern werden wir auch diese Rede in extenso bringen. Prof. Dr. Warburg: Ich erteile nunmehr das Wort meinem Kollegen Dr. Schcmarja Lcvin. (Stürmischer Beifall.) Der Beilall wiederholt sich, als Dr. Levin in hebräischer Sprache beginnt. Wir geben die hebräische Rede in deutscher Ucbcrsetzuiig. Die Rede Dr. Schemarja Levins Hoher Kongreß! Herr Nahurn Sokolow, mein geschätzter Kollege, hat Ihnen soeben in großen Zügen ein Bild von der. Lage des jüdischen Volkes in den verschiedenen Ländern entworfen. Wieder haben wir ein Kapitel unserer Golus-Oeschichtc überwunden und haben■ wieder gesehen, wie sehr es unserem Volke an den Grundbedingungen für eine natürliche Entwicklung fehlt, wie sehr es jeder Möglichkeit beraubt ist, sich ähnlich .den anderen Völkern, die in letzter Zeit zur nationalen Wiedergeburt gelangten, zur nationalen Selbständigkeit : aufzuschwingen. Der schöpferischen Kraft unseres Volkes erstehen überall nur Hindernisse und Hemmungen, wo immer sie sich zu offenbaren sucht, und gelingt cs ihr, alle Hindcrungen zu überwinden, so geht sic eines guten Teiles ihrer Art .verlustig und das Resultat ist nur ein Teil ihres Seihst, Sogar im' besten Falle muß die jüdische Schaffenskraft an ihre Umgebung einen hohen Tribut entrichten, eine Kopfsteuer und eine Scclenstcuer, muß sich andersartigen Bedingungen anpassen, eine Ebenso wird Herr Epstein durch seinen Aufsatz kaum das Denken und das Reden des ״neuen Juden“ ins Ideale reformieren können, Die übrigen Erzähhingen sind klein und kurz, viel zu wenig Inhalt, um Eindruck zu machen; cs bleiben nur noch der Aufsatz Frischmanns, der uns in eine polnische Bildergalcrie cinführt und der Aufsatz Baal-Machschawot-s über den englischen Dichter Oscar Wilde. Wenn auch das Fremde gut dargestellt wird, so ist mir speziell das Eigene immer lieber und über Freiheit in Palästina höre ich immer gerne sprechen. Ich höre zwar immer nur reden, aber vielleicht wird einmal auch die wirkliche Freiheit dem vielen Reden folgen; hoffen können wir es; und vielleicht wird dann der ״neue Jude“ such diese Freiheit genießen, der ״neue Jude", dem wir in der ganzen Zeit des Lesens dieses Sammelbuches nicht begegnet sind, von dem wir sogar wissen, wie er tanzen wird, wahrscheinlich nach der Darstellung der Dora Duncan, aber noch immer nicht, wie er selbst höchst persönlich ausschauen wird. Freilich gibt es dort noch einen Artikel des Sch. Horowitz, der als national-jüdischer ״amtlieh beglaubigter“ Schatzmeister Immer wieder die Theorie der neuen Schätzungen und der neuen Werte uns vergebens beizubringen versucht. Hier erfahren wir manch Neues: Abraham war ein Revolutionär, denn Philister gründen kein«. Religion. Wären die Juden keine Sünder gewesen, dann hätten sie keine Propheten gehabt; Maimonidcs Ist groß, aber keineswegs durch seinen Jad-Hachsakah, sondern gerade durch das andere, das er geleistet hat. Jehuda Hafremde Form unnehincrt und ihren inneren Kern bis zur Unkenntlichkeit in eine fremde Schale hüllen. Und selbst, ,wenn wir nur diejenigen Werte vertodigen wollen, die als historisches Vermächtnis zu nationalem Gemeingut geworden sind, haben wir einen Kampf zu führen nach außen und nach innen. Nach außen mit einer Umgebung, die sich gegen uns sträubt, und •nach innen mit einem großen Teile unsercs Volkes, der nur das eine Streben kennt, sich von einer Vergangenheit loszulösen, die er als Last empfindet und *dafür rein persönliche Zukuuftshoff• nungen cinzutauschcn, 1 Die Unnatürlichkeit .solcher Zustände, der dauernde Kampf mit der Umgebung und ihren Bcdingungen einerseits und das starke innere Gefühl anderseits, das ,Bewußtsein, daß die schöpferische Kraft unseres Volkes durchaus noch nicht erlahmt ist, das sind die Momente, die den Boden für unsere Freiheitsbewegung vorbereitet haben, die sich jetzt in unserer zionistischen!Organisation ihre Form geschaffen hat, und die alles Gesunde und Lebensfähige in unserem Volke vereinigt. Es kommt nicht darauf an, ob das Gefühl unser Bewußtsein beeinflußt hat, oder ob unser Bewußt- - sein das Gefühl hervorgerufen hat, beide zugleich, haben vor etwa dreißig Jahren jene erste große Stoßkraft erzeugt!und uns neue Bahnen gewiesen. Wenn wir nun auch diese dreißigjährige Periode nur als den Anfang eines großen Werdens betrachten, so glaube ich dennoch, hoher Kongreß, daß wir die Pflicht haben, dem neuen Leben, das im Lande un* sercr Verheißung sich entwickelt, die genaueste Aufmerksamkeit zu schenken und die Tendenzen zu untersuchen, von denen cs beherrscht ist, damit wir danach feststcllcn können, ob die Entwicklung sich in der Richtung unseres Hauptzieles vollzieht, und damit wir auf Grund unseier Erfahrungen das Programm unserer zukünftigen Arbeit festlegen können. Wir müssen wissen, ob im neuen Jischub der gesunde Kern einer nationalen Renaissance sich findet und inwiefern in ihm die Verwirklichung unseres großen Gedankens in kleinem Maßstabe Gestalt und Form annimmt. , Dabei wollen wir nur bei zwei Momenten verharren, die aber zur Genüge beweisen werden, daß die Idee unserer nationalen Wiedergebürt nicht umsonst gehegt und gepflegt worden ist. Vor allem muß anerkannt werden, daß unsere ersten Pioniere, die aus eigenem Antrieb, noch bevor die zionistische Organisation von ihrem hcroisehen Schöpfer gegründet worden war, in unser Land zogen, diese ,,babylonischen Rückwanderer“ des 19. Jahrhunderts, die in gefahrvoller Zeit eine mühselige Arbeit und zahllose Leiden aus eigener lnitiative auf sich nahmen, daß diese Pioniere uns jetzt pach dreißigjähriger Arbeit den Beweis geliefert « haben, daß man in Ercz Israel mit unermüdlicher Anstrengung sehr wohl das neue Milieu schaffen kann, das dem Wesen des jüdischen Volkes angcpaßt ist. Wenn die Zahl der Arbeiter nicht in dem Maße gewachsen ist, wie wir cs erhofft haben, so ist der Grund nicht in den Verhältnissen des neuen Jischub zu suchen, sondern in den schweren Lebensbedingungen des ,Qolus, die unserem Volke die Lust nehmen, ein neues Leben zu beginnen. Platz gibt es in Erez Israel für Unzählige, und unsere Aufgabe ist es, die Trägen und Nichtsahnenden in unserem Volke darüber auf zuklären. Wir haben die Pflicht, unaufhörlich die Kunde zu predigen, daß der Orient zu neuem Leben erwacht ist, und da ft, wenn w i r levi aber ist der Dichter der Plebs, der Dichter des Golus. Also, ein donnerndes Hoch allen Revolutionären und Sündern! Wenden wir uns weg vom Jad-Hachsakah und von d»m so eigentümlichen Jehuda Halcvi, denn amtlich ist dieses bei der Fest- Stellung der neuen Werte so vorgeschrieben. Leider aber halten manche' noch immer am alten fest. Die positive Leistung Abrahams, die positive Regierung zu Zeiten der jüdischen Selbständigkeit während der Aera der Propheten und gerade der Jad-Hachsakah mit dem ersten Versuche der Ordnung in dem Chaot unseres jüdischen Wissens und gerade Jehuda Halevi, der unserem Jammergefühle entspricht, sollten nach unserem Gefühle auch einen wirklichen Wert haben. Freilich ist dieses nur die Auflassung der ״alten Juden", denen vielleicht auch die einzelnen Artikel viel mehr entsprechen würden, wenn sie nicht infolge des anspruchvollen Titels der Sammlung, mit eigenartigen Anforderungen an diese Sammlung herantreten würden. Nur der reine Druck und das gute Papier verraten vorläufig allein das Herannahen des ״neuen Juden"; hoffen wir mehr in den folgenden Sammetbänden zu finden, die uns der Herausgeber in Aussicht stellt; zumindest möge er dann ein Programm eines Ideals entwickeln, dessen Etikette weithin sichtbare Merkmale des Judentums entwickeln soll.. Denn mit griechischen Idealen haben wir Juden weder im Altertum noch in der jüngsten Gegenwart gute Er• folge erreicht.