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Jüdische Rundschau · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 370־ JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36 erweitern und das jüdische Prestige zu heben, um so eine möglichst starke wirtschaftliche Position in Stadt und Land zu erreichen, Parallel zu dieser praktischen Arbeit in Palästina sind! unsere politiselten Bemühungen darauf gerichtet, alle beschränkenden Maßregeln, welche die jüdische Einwanderung hemmen, zu beseitigen und weitgehende Rechte in bezug auf Hodenerwerb und Kolonisation zu erlangen. Zu diesem Zweck sind wir bemüht, die öffeutliehe Meinung und die maßgebenden Kreise der Türkei von dem friedlichen und ktilturförderndcu Charakter unserer Bewegung zu überzeugen. Wir können mit Genugtuung feststellen, daß manche Vorurteile, die unsere Arbeit gehemmt halten, einem besseren Ver• ständnis von dem Wert unserer Bestrebungen gewichen sind. Hatte die Türkei doch auch im Laufe der letzten Jahre Gelegenheit genug, die Treue und Loyalität der Juden zu erproben. Wir hegen die Oeberzcugiing, daß mit unseren wachsenden Lcistungen diese Erkenntnis immer mehr diirchdringeu und mit der Zeit alle Hemmnisse und Widerstände aus unserem Wege räumen wird. Diese Uehcrzeugimg stützt sich nicht mir auf das Vorhandensein von Sympathien oder auf einige erreichte Zusagen, soitdern vor allein auf die Logik der notwendigen Ent- Wicklung. Die Türkei will leben, will sich erneuern. Aber was ihrem Vcrjüngungsprozcß Leben und lnhalt gibt, das ist die beschleunigte Aufscliließimg und Besiedelung des Landes, die Nutzbarmachung der heimischen Bodenkräfte und Hilfsquellen, die Urbarmachung der Oeden, die Heranziehung von Kapital und Intelligenz. Eben dies sind die Bestrcbungen, die unserer Arbeit in Palästina zugrunde liegen. So werden wir durch unser Werk zu der Ent- Wicklung des türkischen Staates Bedeutemies beitragen. Sowohl die bereits erzielten .günstigen Resultäte unserer Palästinaarbeit, wie auch diejenigen, die wir berechtigt sind, in Zukunft zu erwarten, werden zugleich die natürliche Basis fiir die Annäherung' zwischen uns und der arabischen Bevölkerung in Palästina bilden. Was wir dem Lande an materiellen Gütern und kulturellen Fortschritten Zufuhren, kommt auch der arabischen Bevölkerung zugute und wirtl mit der Zeit das harmonische Zusammenwirken beider 111 Rasse um! Sprache so nahe verwandter nationaler Elemente fördern, (Lebhafter Beifall.) Wir wissen lins in unserer zionistischen Arbeit aber auch eins mit der gesamten Menschheit, denn wir fühlen uns bei unseren Bestrebungen in dauernder Gemeinschaft mit den hervorragendsten Förderern menschlicher Kultur, mit denen wir die gleichen hohen Aufgaben, dieselben edlen Ziele des Friedens und des sozialen Fortschritts verfolgen. Wir sind deshalb auch überzeugt, daß alle Regierungen und Völker unser Fricdeuswerk mit Wohlwollen betrachten; haben doch die meisten Staaten auch ein eigenes materielles oder moralisches Interesse daran, daß der Orient wieder zu einer Stätte blühender Zivilisation werde. Es sind uns von mancher hochgeschätzten und hochstehenden Seite Beweise tiefen Verständnisses zuteil geworden, wir begnügen uns aber damit nicht. Wir möchten die platonische Sympathie in tatsächliche Förderung uingewaiidcit sehen. Wir sind andauernd bemüht, unsere Beziclniiigen zu den politisch Mächtigen in besonnener Weise weiter zu pflegen und auszugestalten; wir betrachten dies als eine überaus wichtige Aufgabe, der wir ■B"■■!*1 «.■■»■»■;«,■1111■» —. . ■" 111 •ü.—.' 1—.... . .■g viel Zeit und Mühe widmen. Wir sind uns aber bewußt, daß die Geschicklichkeit des Unterhändlers und die Kunst der Dialektik nicht die einzigen Mittel sind, die zur Gewinnung unserer Heimstätte führen können. Wenn wir Förderung und Schutz bcan- Sprüchen, so muß etwas vorhanden sein, was gefordert und geschützt werden kann: behutsam zu pflegende Keime und in Entwicklung begriffene reale Interessen. Deshalb ist die Palästnmarbeit nicht nur ein gleichberechtigter Faktor, sondern die notwendige Voraussetzung unserer politischen Bemühungen. So liegt unsere Politik wie ein offenes Huch vor den Augen der Welt. Geehrter Kongreß! Der Zionismus ist an dem Wendepunkt angelangt, den alle großen Bcwegungen zu passieren haben; von der Herrschaft allgemeiner Begriffe, in welche man die Notwendigkeit des Zieles und den Willen des Volkes zur ersten Orientierung zusammenfaßte, ging er zu den Einzelliaiulhmgeu über, die zu diesem Ziele führen. Mit anderen Worten: der Zionismus hat sein Prospekts t a d i u 111, von dem er gleich anderen Bewcgungen ausgegaugeu ist, verlassen und ist an die Dinge selbst herangetreten. Diese letztere Arhcitswcisc entbehrt zwar der Sensation und gibt dem Begeistertmgsvcrmögcn weniger Nahrung, aber das ist eben ihr Vorzug. Wir brauchen neben der Bcgeisterung Stabilität, eiserne Ausdauer und nie ermüdendeit Opfersinn. Wir verlangen einen wahrhaft tiefen, tätigen und intensiven, auf das Wohl des jüdischen Volkes bedachten Geist, der auch ln kleinen Dingen große Zukunftsmögliclikeiten erkennt. Gilt cs doch Schritt für Schritt in Palästina einen friedlichen Kampf der Lebensinteressen auf dem festen Boden der Wirklichkeit auszufechten, Zweifellos ist die Arbeit eine schwierige, aber sie m u ß gemacht werden. Unübersteiglich erscheinen zuweilen die Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen. Mit diesen Hindernissen müssen wir aber ringen und sie überwinden, wir müsse#! in zähem Streben den Weg ebnen, auf dem wir nach langer, rastloser Arbeit zur Höhe gelangen werden. Hierfür müssen wir stark sein und dürfen unsere Willenskraft und unseren Opfermut nicht ermatten lassen. Deshalb sind and! Kongresse notwendig, «leim von ilmcii gi'111 ein suggestiver Einfluß »uh. Ein Kongreß bringt fruchtbare und nützliche Anregungen und den Zusammenschluß kleiner Einzelwillen zu einer großen, machtvollen Einheit. Bei jedem Kongreß empfinden wir neue Kraft zum Vorwärtsstreben, und deshalb ist auch jeder Kongreß eine neue Etappe auf dem Wege nach aufwärts. Unser Hauptaugenmerk wird also in Zukunft noch mehr als bisher auf die Arbeit in Palästina gerichtet sein. Selbstverständlich ist der Acker- und Gartenbau das Arheitsgchict, dem die vor- «!erste Stelle und der breiteste Raum gebührt. Dazu gehört einerseits der Bodenkauf im Interesse der Gesamtheit, wobei vor allem unser sich glänzend entwickelnder Nationalfonds tätig ist, andererseit« die Ermöglichung der Ansiedlung arbeitstüchtiger Elemente, und zwar durch Belehrung, Schaffung von Arbeitsgelegenheit und Behausung, Parzellierung und Meliorierung des Bodens, Siedlung*- und Arbeit»- genosseiischnften, Förderung landwirtschaftlich-kolo׳■ nisatorischcr Unternehmungen aller Art, Alle diese Bestrebungen haben sich allmählich 11crausdifferenziert und ein Teil derselben konnte bereits in besonderen ״Haibri Hechadasch“. Dr. Jacob Kahan Besprochen von Abraham Schwarzburg (Stryj). Vor mir liegt nun wieder einmal ein Sammelbuch, nicht das erste in der Reihe dieser Sammelwerke und hoffentlich auch nicht das letzte. Worin es sich hauptsächlich von seinen Vorgängern unterscheidet, zumindest, worin es sich unterscheiden will, ist sein Name, der ein Programm ausdrückcn soll: ״Der neue Jude." Dieser Name klingt wunderschön. Wie lange warten wir schon auf den Menschen, der diesen Namen verdienen solll Allein, wie es scheint, müssen wir auch hier bei der Entdeckung des Neuen auf den uralten Bahnen weiter wandeln, auch hier muß bei uns zuerst die Theorie und dann erst die Praxis kommen; die Theorie soll eben diesen Mensehen, diesen neuen Juden, entwickeln und großziehen. Wollen wir cs hoffen! Vorerst wollen wir aber sehen, ob diese Hoffnung berechtigt ist, ob wir von dieser Hoffnung auch eine Erwartung ableiten können. Der Theorie des ״neuen Juden" geht auch ein Programm voraus, ein Programm, das das Ideal dieses ״neuen Juden" wenigstens im Geiste zeigen soll. Wortbildungen, neuester, wenn auch schönster Form, häufen sich in immer größerem Maßstabe und wir wenden ein Blatt nach dem andern, um auch neue Ideale zu finden, wir suchen und suchen, aber leider vergeben« , , . * Was im Programm dargestellt wird, ist wohl Neues, das Ideal eines ״neuen Menschen", aber keineswegs das Ideal eines ״neuen Juden". Der Verfasser könnte mit denselben Worten ebenso den neuen Türken und in gewissen Beziehungen auch den neuen Europäer hinstellcn, an dem Streichen des Wortes Jude, würde niemand den mindesten Anstoß nehmen. Oder meint der Herausgeber etwa, daß hier der Jude gemeint sein muß, weil das Sammelwerk in hebräischer Sprache erscheint? Wenn er der Meinung ist: sprichst du deutsch, bist du ein Deutscher, und sprichst du hebräisch, bist du ein Jude und die Gedankenwelt sei etwas ganz Nebensächliches und Minderwichtiges, so ist ja diese Meinung schon längst als veraltet betrachtet worden! Nein, so weit zurück wollen wir nicht t Für uns sind auch die Gedanken, die Ideen, die Prinzipien von Wichtigkeit, und in diesen hauptsächlich sind die Merkmale eines Juden zu suchen und entsprechend eine Neuerung und eine Erneuerung des Juden zu erwarten und zu erhoffen. Was der Herausgeber uns bietet, ist das Bild eines zu den Olympischen Spielen streitenden griechischen Jünglings, wie er vielleicht kaum jemals wirklich gewesen ist, sondern w׳ic die griechischen Dichter und Lyriker ihn uns überliefert haben. Und wenn er trunken von seiner Kraft ist, dann muß er zumindest einen Preis bereits errungen haben und sieh dem Ideale nähern, das vor etwa drei Jahrtausenden Solon dem Krösus als das Glücksidcal vorgezeichnet hat. Aber auch dieses Ideal ist eben nicht neu, es ist, wie gesagt, etwa dreitausend Jahre alt. Und noch mehr, wir Menschen des 20. Jahrhundert«, haben Institutionen zentralisiert werden. Die Yemeniteiucinwanderung hat ein förderliches, nationale» Element dem Lande zugeführt und bildete den Gegenstand unserer eifrigsten Fürsorge. Die Achusa- Bewegung ist eine praktische Errungenschaft von hervorragender Wichtigkeit, ein Werk der jüngsten Zeit, von dem wir nicht nur Nützliches, sondern auch qualitativ sehr Bedeutendes erwarten. Die Pa. I c s t i n c Land 1) c v c 1 o p 111 c n t C o in p a n y stellt als Instrument für Bodenkauf und Parzellierung in! Mittelpunkt unserer ländlichen Kolonisation», arbeit, wobei unsere B anken im Verein mit dem N a t i o n a 1 f 011 d s durch Kreditgewährung große Dienste leisten. Auch der Heranbildung jüdischer Frauen zur Landwirtschaft durch die Mädchcnlarm am Kinerethsee sei au dieser Stelle rühmend gedacht (Beifall.) Die Förderung von Handel und Industrie gehört zwar mehr in das Gebiet der Privatinitiative doch sind auch hier unsere f iiianzinstitute von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der Beza lei, unsere Kunstgewerbescluik• in Jerusalem, der in eine neue Aera seiner organisatorischen Einrichtung getreten ist, und der Frauenverband, der für die Förderung unserer Frauenarbeit in Palästina Wichtiges leistet, haben ihre Tätigkeit erweitert. Auf kulturellem Gebiete haben die Lehrerorganisation Mcrkas Hnmorim und der wissenschaftliche Sprachverein Waiid H a 1 asc 11 on sich wichtigen nationalen Aufgaben gewidmet. Ein dringendes Postulat, die Sanierung Palästinas, ist das Ziel de» kürzlich entstandenen, internationalen Gesundhcitsaintcs in Palästina, an dem Zionisten wie Nathan Straus und der Verein Jüdischer Aerztc und Natur- Wissenschaftler in hervorragender Weise beteiligt sind. Alle diese Institutionen werden von unserer palästinensischen Exekutive, dem Palästina• amt, gefördert und gestützt. Dieses schafft den innigen Kontakt und den kräftigen Zusammenhang für sämtliche Arbeitsgebiete im Lande. Unsere Sache wird es sein, diese mannigfachen Keime zu pflegen und zur vollen Reite zu bringen. Vcnt einer Zer* splittcrung unserer Kräfte kann hierbei keine Rede sein, denn olle* dies sind notwendige Teile eine» grillten, einhelllitli funktionierenden (icannitorganii• ums, bei dem es nicht angiingig ist, ein Glied einteilig zu fördern und dabei die Entwicklung anderer zu vernachlässigen. (Beifall.) Zahlreich mul schwerwiegend sind die Aufgaben, für deren gedeihliche Lösung wir auf Ihre einsichtsvolle Mitarbeit rechnen. Erfreulicherweise hält sich unser Budget in Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht, obwohl wir mehr Aufwendungen als bisher zur Befriedigung organisatorischer, nationaler und kultureller Aufgaben machen mußten, aber unsere Aufgaben wachsen, und wir haben die unahwcisliche, Verpflichtung, unseren Haushalt auf eine sichere Basis zu stellen. Der Kongreß wird sich damit zu beschäftigen haben, wie die Mehrung und Sicherheit der Geldmittel für kolonisatorische, palästinensisch kulturelle und organi* s a t o r i s c 11 e Aufgaben bei gesunder Finanzgebarung zu erreichen sei. Auch die Erweiterung der Tätigkeit und der Leistungsfälligkeit der Palest ine Land Development Company durch starke Kapital־ Vermehrung wird zu den aktuellen Fragen des Kongrosses gehören. Ferner werden Sie sieh mit der zwar die Olympischen Spiele wieder eingeführt, allem jeder Teilnehmer muß jetzt im 20. Jahrhundert auch außer seiner Kraft noch einen bürgerlichen Beruf haben, er muß auch geistig was leisten können, um als Mensch geachtet zu werden, er muß sogar sehr viel geistig geleistet haben, v/enn er als ein ld<1יי genannt werden soll. So verlangt es das 20. Jahrhundert, für welches doch das Sammelwerk ״Der neue Jude" bestimmt zu sein scheint. Dies verlangt die europäische Kultur; wir Juden verlangen aber von einem Idealmenschen noch mehr. In erster Reihe aber mehr geistige Leistungen, gcist.ipc Kraft und geistiges Wissen! Darüber, wie «r sich den geistigen Idealstand vorstellt, schweigt sieh der Herausgeber gründlich aus. Daß wir das Alte abstreifen sollen, ist doch sicherlich nichts Neues, nichts Neuartiges! Das haben schon seit hundert Jahren zumindest Juden geträumt und erträumt I Allein es ist auch heute nach hundert Jahren noch immer fraglich, ob dieses ganz gründlieh auch möglich ist; ob beim Subtrahieren der alten übernommenen geistigen Eigenschaften noch etwas zurückblcibt, das man als Jude oder als Judentum bezeichnen kann — vielleicht ist man dann ein ״neuer Mensch״, aber noch lange nicht ein ״neuer Jude"! Und schließlich ist doch die Negation kein Programm; auch nicht die Negation des Qolus, des Golusgcfühls, des Goluslebcns. ״Der neue Jude" soH uns, im Programme seiner theoretischen Dar- Stellungen, zumindest die positiven Konturen eines Bildes zeigen und nicht einfach sagen: das Alte ist schlecht, die Gegenwart Ist schlecht, und die Zukunft

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