Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hunderte von Menschen bildeten in der Schönbrunner Straße längs des nicht eben breiten Fahrsteiges Spalier, um die lange, lange Reihe der Wagen und Autos passieren zu sehen, die einen großen Teil der sieben- bis achttausend Menschen herbeibrachten, die sich vor der I lalle nach und nach ansamnielte». Freilich konnte nur wenig mehr als die Hälfte Eingang finden, näinlieh nur diejenigen, die mit einer Karte versehen waren, und auch diese laut Sicherheitspolizeilieber Anordnung nur in langsamem Zuge. So war die Ungeduld Vieler begreiflich, die erlöst auf atmeten, als sie endlich ihren Piatz. gefunden hatten. Aber auch diese Ungeduld, die mit den baulichen Verhältnissen einte nicht auf solchen plötzlichen Massenandrang eingerichteten üebäudes zu wenig rechnete, legte sicli rasch, als Professor Warburg die erste Sitzung des Elften Kongresses um S‘/2 Uhr eröffnetc. Trotz der beängstigend gestiegenen Temperatur — das Wetter meint es ohnehin jmit unseren letzten Kongressen sehr gut — fanden Prof. Warburg j sowohl wie die folgenden Redner eine ungegewöhnliche Aufmerksamkeit dieses für unsere Kongresse ungewöhnlich zahlreichen Publikums. Einen Sturm des Beifalls erntete der Präsident des Engeren Aktionskomitees, als er feststellte, daß in den maligcbcnden K reis e 11 der Türkei ״manche Vorurteile, die u n s c r e A r b e i t g c h c m 1111 h a b e n, e i n e in besseren Verständnis von dem Wert unserer Bestrebungen gewichen sind.“ Das Publikum verstand die bescheiden gehaltene Wendung wohl zu würdigen und kargte mit seinem Beifall auch nicht, als Warburg von der Annäherung zwischen uns und der arabischen Bevölkerung sprach. Die schlichte, von warmem Gefühl getragene Rede verfehlte ihren Eindruck nicht, und nach dem Intermezzo der Begrüßungen fand Naluim Sokolow, der über das jüdische Leben in der Diaspora sprach, bereits ein willig folgendes Publikum vor, Sch mar ja Le v i n s hebräische Rede über das neue Judentum in Palästina weckte stürmische Begeisterung, die bei der deutschen Wiedergabe auch den Beifall derer fand, die an dem hebräischcn Vortrag nur den Wohllaut unserer altneuen Sprache hatten bewundern können, — Um elf Uhr hatte die erste Sitzung ihr Ende erreicht. Sie war eine der machtvollsten und gewaltigsten Demonstrationen des zionistischen Oedankens, die wir auf europäischem Boden jemals erlebt haben. * Kurz nadt 8'/< Uhr erschien das Actions-Comitd auf der Estrade, von stürmischem Beifall begrüßt. Die vielen Tausende, die den Saal und die Galerien füllten, erhoben sich und begrüßten das Actions- Comite mit begeistertem Jubel, der sich erneute, als ein wenig später der frühere Präsident des Aciions-Coinites, David W 0 1 ff soll n erschien, , D}e Eröffnungsrede Prof. Warburgs Ocehrter Kon gre Dl Fine ehrfurchtsvolle, feierliche Stimmung erfüllt uns heute hier bei dem Gedanken, daß wir diesmal unseren Zionistenkongreß in jener ehrwürdigen und schönen Stadt abhalten, von der aus unser großer Führer, Theodor I lerzl, In die Oelfeutlichkeit trat, Durch die Ausstrahlungen «eines tiefen Gemütes, seines scharten Verstandes und seines prophetischen Geistes gelang cs diesem gewaltigen Mann, die tausendjährige Zionshoffnung des jüdischen Volkes wieder zu erwecken. Aus ihr, die damals in tiefem Verstecke der Volksseele schlafend ruhte, schuf er mit lautem Weckruf eine mächtige, weltumspannende Organisation. Nur 17 Jahre sind seitdem verflossen, aber die Saat, die er streute, ging auf und wuchs zu einem stattlichen Baume heran; in diesen 17 Jahren, kaum einem Augenblicke im Leben eines Volkes, entstand ein vielgestaltiger Organismus von reicher Gliederung und mannigfachen Ansätzen zu weiterer Ausgestaltung, Theodor I lerzl gebührt hier an erster Stelle in tief empfundener Würdigung seiner unsterblichen Leistungen für das jüdische Volk der Tribut unserer, aus warmem Herzen aufquellcnden Dankbarkeit. Seine irdische Hülle betteten wir liier nur allzu früh zu ewiger Ruhe; «bei sein Geist schwebt über uns und möge bei unseren Verhandlungen in uns sein, der Geist des echten Zionismus, der Inbegriff jener ewigen Ideen, denen das Leben und die Zukunft unseres jüdischen Volkes gehören. (Lebhafter Beifall.) Auch andere Erinnerungen ziehen liier an unserem Cieistc vorüber. Hatten sich doch schon in Wien vor Herz.! kleine Gruppen jungjüdischer Bannerträger gesammelt, Pfadfinder unserer national-jüdf* sehen Studentenschaft. Anfangs rangen sie schwer in fast hoffnungsloser Pionierarbeit, jetzt aber haben wir in der ganzen Welt eine wohlorganisierte, stark jüdisch fühlende Studentenschaft, bei deren Anblick uns das Herz outgeht. (Beifall.) Noch ein Name darf hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist Pcrcz Smolcnskin, ein Meister unserer nationalen Sprache, der hier in Wien in der Vorzeit des Zionismus mit flammender Begeisterung für Pa- Ui st i 11 a eintrat. Welche Freude hätte das Herz dieses Rufers in der Wüste erfüllt, hätte er der soeben beendeten imposanten hebräischen Konferenz hier beiwohnen können: welch ein Gegensatz zwischen damals und jetzt; ehren wir־ das Andenken dieses Mannes. (Die Zuhörerschaft‘ erhebt sich von den Sitzen.) Kein Zufall ist cs, daß gerade in Wien 80 viele Keime unserer Bewegung sproßten. Sind wir doch hier in der geistigen und physischen Nähe unserer schwer kämpfenden und hart bedruckten östlichen Volksmassen. Ein jeder muß hier die ganze Tragik der Heimatlosigkeit der Mehrheit unserer Bruder stark empfinden. Die finiteren Schatten des stummen jüdisehen Leides, des Dahinsiechcns vieler Millionen unserer Brüder unter unerträglicher Bürde senken sich auch auf unseren Kongreß. Aber bei uns erzeugen sie nicht mehr bleierne Schwermut und brütende Verzweiflung, nein, eine treibende, spornendc Kraft geht von ihnen aus, denn unter dem Zeichen des Zionismus eröffnen sich uns weite Wege und holte Ziele. Hochverehrter Kongreß! Die Kongreßperiode, die hinter uns liegt, war die Zeit großer und ernster Ereignisse für das Reich, dessen förderndes Wohlwollen wir für unsere Aufgaben in Palästina in erster Reihe erstreben. Das jüdische Volk, dessen Sympathie für «las türkische Staatswesen tief und unerschütterlich bleibt, hegt den sehnlichsten Wunsch, daß die Türkei die jetzige Krise überwinde und als ein machtvolles Staatsgcbilde erhalten bleibe, um einer großen kulturellen Erneuerung entgcgcn/im'lien. (Lebhafter, langnnhaltender Beifall.) Was wir In Palästina zum Wolde des jüdischen Volkes erstreben, bildet einen wichtigen Teil dieser Neuentwicklung des ottomanischen Reiches. (Beifall.) Das Programm, nach welchem wir zu handeln bestrebt sind, das System, auf welches unsere Tätigkeit zur Verwirklichung des Baseler Programmes aufgebaut ist, hat sich im Laufe der Jahre mehr und mehr geklärt. Drei Perioden lassen sich in der Ent* wicklung unserer Arbeit unterscheiden, ln der ersten Periode verhielt siel» die Organisation der praktischen Arbeit in Palästina gegenüber ablehnend; man verschloß siel» zwar ihrer Notwendigkeit nicht, glaubte aber, sic müsse erst nach Erlangung der öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte ciusctzcn. Diese Ablchnung ist verständlich, wenn man sieh erinnert, wie sehr diese Periode unter dem Zeichen der einen großen neuen Idee stand, die nur dann stark genug wirken konnte, wenn sie ohne Beiwerk und Bailast hell und rein wie ein Posaunenstoß durch die Lande tönte. Man kämpfte um das Prinzip, über Einzelbeiten «aber wollte man nicht diskutieren, man empfand das Eindringen in die Details als etwas Lästiges, allzu Irdisches und Alltag liebes gegenüber der erhabenen Idee. ln der zweiten Periode sah man schon ein, daß es nicht angche, immer den gleichen Gedanken tatenlos zu wiederholen, zumal seine Erfüllung sich doch nicht so leicht durchsetzen ließ, wie man wohl ursprünglich gehofft hatte. Man brauchte praktische Maßnahmen zur Beschwichtigung der Ungeduldigen und zur Heranziehung der zahlreichen Kräfte, die ihren Anschluß an die Bewegung hiervon abhängig machten. Man lieft demnach die Palästinaarbeit alt notwendige Vorbereitung gelten, als Hilfsmittel, um, wenn das Endziel in greifbarer Nähe sei, keine Zeit verlieren zu müssen. Die dritte Periode ist bereits die Folge einer, völligen geistigen Umgestaltung des Ideenkomplexes, der sich unter dem Wort Zionismus verbirgt. Die Palästinaarbeit ist jetzt nicht mehr die Ausführung und auch nicht mehr ein Hilfsmittel der politischen Arbeit, sondern sic erlangt Gleichberechtigung. Politische Arbeit und praktische Palästinaarbeit greifen jetzt ineinander. Die praktische Arbeit wird zum Ausdruck und zu einem integralen Teil der Politik. Aus den Erfahrungen der Jah.e kristallisiert sich ein Arbeitssystcm heraus, das sowohl politische wie praktische* Elemente vereinigt. Es besteht darin, da• jüdisch!: Volksleben In Palästina möglichst zu kriftigen und zu organisieren, den jüdischen EinfluB zu