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Jüdische Rundschau · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Zur Leipziger Oemeindewahlrechtsreform Daß zionistische Tatkraft, in den Dienst innerer Gcmcindcfragen gestellt, für die moderne Eritwkklum; unseres Gemciiidclebcns sichtbare Erfolge erziele» kann, zeigt ein beachtenswerter Vorgang in Leipzig. Hier besteht bekanntlich schon seit längeren Jahren die Gemeinde zu nahezu zwei Dritteln' aus Ausländern, denen aber, da nur die reichsdeiitschen Mitglieder das aktive wie das passive Gemeinde- Wahlrecht besitzen, jeder Einfluß auf die Gemeinde- Politik entzogen ist. Ein höchst seltsamer Zustand, der alle Aussichten auf ein triebkräftiges, gesundes Leben der Gemeinde nimmt, Freilich suchten hesonders die Wohlhabenden unter den Ausländem und vor allem die liier erzogenen Ausländerkinder, die sieh vollkommen akklimatisiert hatten und ihre Reditlosigkeit und das unnatürliche Verhältnis zu ihren rcichsungehörigen Volksgenossen höchst drüekend und erniedrigend empfanden, durch Petitionen, Rundschreiheu und Vorschläge eine Besserung des Gemeinde- Wahlrechts zu erlangen, allein vergebens, da man cs stets an der nötigen frischen Energie und dem gehörigen Nachdruck fehlen lieü. So sind denn zahlreiche Projekte selig im Staube der Akten cntschlummert, gesegnet sei ihr Andenken, Erst im Frühjahr dieses Jahres wurde die Frage, die sich immer brenncmler gestaltete, wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, ln mutiger Initiative griff die Zionistische Vereinigung zu Leipzig in die Debatte ein und führte die Angelegenheit aus dem ungewissen, unnützen 1 finuiulhcr müßiger Cafehausgcspräclte zu festen Beschlüssen, die die Grundlage für die weitere Arbeit an der Wnhlreform gehen konnten. Es fand eine überaus stark besuchte Versäumtlung statt, in welcher Lazarus li a r 111 - Berlin als Hauptredner und zahlreiche Mitglieder der Gemeinde, Inländer wie Ausländer, überzeugend den Standpunkt der Gerechtigkeit und des Fortschritts vertraten. Wir haben damals darüber ausführlich in diesen Spalten berichtet. Unter dem Eindruck dieses einmütigen Protestes ging man jetzt, ohne eine angekündigte zweite Versammlung abzuwarten, im Gcmcindcamte dem Problem zu Leibe. Die Sache schlief nicht wieder ein, zog sich nicht in geheimnisvolle Konventikel zurück, sondern beschäftigt jetzt, wie der soeben neu erschienene Verwaltungsbericht der Gemeinde mittcilt, einen offiziellen aclitgliedrigen ״Ausschuß zur Beratung der Frage des aktiven Wahlrechts der Ausländer“. Das ist nun endlich einmal etwas Neues, hiervon war früher in den altersgehciligten Rubriken und Tabellen des Jahresbcrichts kein Sterbcnswörtlein zu finden. Wenn es gelungen ist, durch ernstes Auftreten das zu erreichen, was ein schüchternes Bitten nimmer vermochte, daß man sich nämlich im Scholle der Gemeindcverwaltung eingehend mit der Sache bcschäftigt und den begrüßenswerten Willen an den Tag legt, etwas Ganzes' zu leisten, so dürfen wir hierin einen schönen Erfolg zionistischer, uneigennütziger Arbeit im Interesse der Gesamtheit erblicken. Was wird nun werden? Die Namen der Herren, aus denen sich der Ausschuß zusammenset/t, bürgen uns für vorurteilsfreie, wohlwollende Behandlung der Frage. Indessen ist noch Anlaß zu mancherlei Befürchtungcn. Der Ausschuß hat zur Aufgabe nur die Reform des aktiven Wahlrechts, wo bleibt das passive, die Wählbarkeit? ferner enthält der Genieindejalircsbcricht auch eine andere benchtcnswerte Neuerung. Zum ersten Male bringt er iin allgemeinen Teile eine Unterscheidung der ln- und Ausländer nach der Steuerleistung und nach der empfangenen Armenunterstützung. Was soll diese Genauigkeit? fragt der unbefangene Leser. Will man hier Stimmung machen gegen die Ausländer, vielleicht ihre steuerzahlerischc Minderwertigkeit konstatieren und ihnen zu Gemüte führen? Vielleicht gar beabsichtigt man hiermit, eine plutokratische Regelung des Wahlrechtssystems vorzubereiten. Was wir jedenfalls verlangen, ist, allgemeine, ausnahmslose Rechtszumessung, nicht aber ängstliche Unterscheidung nach dem Merkmal der Staatsangehörigkeit, welch letztere für die Teilnahme am Leben der jüdischen Gemeinde, für die Förderung jüdischer Religiosität und Wohltätigkeit ohne jede Bedeutung ist. Lieber gar nichts, als die Trennung des Gemeindcregimcnts in eine Ausländer- und in eine Inllndcrkurie, was wohl der kürzeste Weg zur beklagenswerten Vernichtung der inneren Einheit unserer Gemeinde sein würde. Man darf zu den leitenden Männern der Leipziger Gemeinde das Vertrauen hegen, daß sie die schwierige Aufgabe, vor das sie das seltsame Problem de» jüdischen Wanderung gestellt hat, nach bestem Wissen und Gewissen zum Segen der Gesamtheit und zur allgemeinen Befriedigung lösen werden. Trotz aller Not weiter Massen, trotz mancher unerfreulichen, doch vorübergehenden Erscheinung, bildet die Leipttyger jüdische Bevölkerung eine aufstrebende, ent* wicklungsfähige Gemeinde mit kräftig pulsierendem jüdischen Leben. Mit 10 <)(’׳> Seelen steh! sie achtunggebietend in der Reihe der ehen Zentren Deutschlamls. Drei zionistische Vereine $orj;cn für die jüdisch-nationale, eine vorzüglich geleitete Höhere Schule für die religiöse und weltliche Bildung unserer Jugend. Auch sonst sind Gemeindeverwaltung, Vereine und Private emsig' um die 1 lehmig der geistigen, körperlichen und wirtschaftlichen Wohlfahrt der jüdischcn Bevölkerung bemüht. Wenn cs uns nun gelingt, den alten Rcchtsuntcrschied zwischen In- und Ausländem aus der Welt zu schaffen, so braucht uns um die Zukunft der Leipziger Gemeinde nicht mehr bange zu sein. Zwar, die Reform kommt spät, doch nicht umsonst sagt ein altes Wort: Lipsia vult cxspcctari! TURneii 5.sport Das Herbstsporifest des ״Bar Kochba“-Berlln Für das Sportfest, das der jüdische Turnverein ״Bar Kochba“ am Sonntag, den 24, August'er., auf dem Sportplatz des S. C. Charlottenhurg veranstaltct, zeigt sich in weitesten jüdischen Kreisen reges Interesse. Auf Initiative des Großpräsidenten der Großloge für Deutschland 1J. O. B. B., des Herrn üeheimrat Timendorfer, hat diese einen Wandcrpreis für tlie Meisterschaft im Fünfkampf gestiftet. Es ist dies ein Zeichen dafür, daß unsere Arbeit auch bei Juden, die sonst unseren lileetikreisen völlig fernstehen, die weitestgehende Beachtung findet. Nur positive Leistungen sind imstande, Außenstehende zu interessieren und eine Bewegung groß zu machen, Niemand wird gegen die Erfolge unserer Arbeit etwas cin/uwenden haben, auch wenn er mit unseren Beweggründen nicht einverstanden ist. Darum sind unsere großen Propaganda Veranstaltungen eine überaus geeignete Gelegenheit, durch ein schönes Musterbeispicl Eroberungen für die nationale Idee zu machen. Das Sportfest ist eine machtvolle Demonstration des jtuigjiidischen Gedankens, der diese wertvollen Erzichungsleistiingen zu Wege brachte. Damit das Fest zur vollen propagandischeu Wirkung kommt, muß die persönliche Propaganda eines jeden unserer Freunde mitwirken. Wir rechnen fest auf diese Unter- Stützung. Auch den Nationaljuden werden wir etwas zu zeigen haben: unsere Jugend und unsere Arbeit. Seit drei Jahren bemühen wir uns, unserer Orgnnisation einen weiten Zweig körperlicher Betätigung anzugliedern, den Sport. Wir haben, wie unsere Teilnähme und" unsere Erfolge beim Stafcttenlauf Potsdam—Berlin beweisen, in der allgemeinen Durchbiklimg unserer Leute recht Erfreuliches geleistet. Zum ersten Male wollen wir am Sonntag unsere sportliche Arbeit einem größeren Publikum vor Augen führen. Die Vielseitigkeit des Festes ist durch die Ausschreibung gegeben. Die Wettkämpfe der Jugendmitglieder haben ■eine überaus zahlreiche Beteiligung gefunden. Alle Konkurrenzen der Vereinsmeistersehnft sind ebenso heiß umstritten. Hier wird unser Turnbruder aus Köln, Langomer, der vor zwei Jahren die westdeutsche Meisterschaft gewann und der seit kurzem nach Berlin übcrsicdclte, Proben seines Könnens ablegcn. Die 4 X lüO-m-Stafette um den Preis des Herrn Geheimrat Landau dürfte die I. Mannschaft des Bar Kochba in sportlich achtbarer Zeit leicht gewinnen, während bei der Schwcdisehen Stafette die Jugendabteilung einen zähen Gegner stellen wird. Von den anderen Vereinen wird wohl der Verein jüdischer Studenten die beste Mannschaft aufweisen und in der 11. Mannschaft der Sport- Abteilung einen schweren Gegner finden. Gute Leistungen dürften ferner Egcr im Stabhochsprung, der vor kurzem die 3-m-Grcnze erreichte, und Kaliski im Weitsprung zeigen. Andere Konkurrenzen wie Hürdenlauf und Diskuswerfen sind noch ziemlich neu bei uns. Das Hockeyspiel mit dem S. C. Markomannia wird unsere erste Mannschaft, die im vorigen Jaljre recht ansehnliche Erfolge errang, im interessanten Kampfe zeigen und für viele etwas durchaus Neues sein. Uebcr den Ausgang des Spieles läßt sich noch nichts sagen, ■da die Hockeysaison erst gerade beginnt und die Mannschaften noch nicht eingespielt sind. Die Sportleitung hat ihren Ehrgeiz daran gesetzt, die Abwicklung flott und schnell zu gestalten, so daß keine Pausen cintreten. Für interessanten Wettkampf sorgt der Ehrgeiz und Eifer unserer Sportslcute, Auch gutes Wetter ist auidrück• lieh bestellt worden. Alles in allem können wir einen unterbauenden Nachmittag versprechen. Der Jüdische Ruderclub ״I vria“, Berlin, entsendet zum XI, Kongreß einen Vierer die Donau hinab nach Wien. Die aus fünf erfahrenen Ruderern bestehende Mannschaft wird die interessante Fahrt Montag, den 25. d. M,, von Regensburg aus antreten und voraussichtlich Dienstag, den 2. September, früh, in Wien cintrcffen. Die ncugcgründetc akademische Sportahteiiung des jüdischen Turnvereins Bar Kochba konstituierte sich mit einer Zahl von 20 ,Mitgliedern. In den Vorstand wurden gewählt die Herren: cand. mcd. Walter Riese, Zahnarzt Martin Sultan und cand. rticd. Arthur Löwenstein. Meldungen und Anfragen sind an Zahnarzt Sultan, Charlottenhurg, Pcstalozzistr. 97, zu richten. i: AUS ALL6R W6LT « Oeufsmland Welches Maß von Hochachtung die großen ״Patrioten“, die Antisemiten, vor den bedeutenden Männern ihres eigenen Vaterlandes haben, das ergibt sich wieder einmal aus den ״Deutsch-Sozialen Blattern“, dem Woclienorgan jener Partei. Es wird dort ein Bericht geliefert über die Rede, die ein Irgendwer in der antisemitischen Ortsgruppe zu 1 lalle a. S. über das Thema ״Karl August von Hardenborg und die Judenemanzipation in Preußen im Jahre 1812“ gehalten hat. Es heißt darin: ״Der Redner zerriß an Hand des reichlichen!Materials den Nimbus, mit welchem in der Schule und in den meisten Geschichfswcrkcn die Persönlichkeit dieses Mannes geflisscntlich umgeben wird, und stellte den Zuhörern Hardenberg als denjenigen hin, der er in Wirklichkeit war, als den größten Hochverräter an unserem deutschen Volke. Mit jüdischem Gold bestochen, ganz unter dem Einfluß seiner früheren Maitresse und späteren Frau, der getauften jüdischen Schauspielerin Charlotte Schönemann, stehend, war es Hardenberg, der durch das dem König Friedrich Wilhelm III. abgerungene Juden-Edikt vom 11. März 1812 den Juden in Preußen Staatsbürgerrechte verschafft und so der eigentliche Urheber all des Elends Ist, unter dem das deutsche Volk unter jüdischer Geldherrschaft seufzt.“ Bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1910 bestanden in Preußen 551b Mischehen, bei denen Juden beteiligt waren. In 3712 Ehen war der Mann, in 247b die Frau jüdisch. 3000 jüdische Männer hatten evangelische Frauen, 5b4 katholische und 168 Frauen sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses; 1997 evangelische Männer, 478 katholische, 1 sonst christlicher und 328 sonstiger oder unbestimmten Bekenntnisscs hatten jüdische Frauen. Unter den jüdisehen Mischehen waren nach der Voss. Ztg. 3758 mit Kindern im Haushalt, wobei die amtliche Statistik allerdings die Ehen von Vätern unbestimmten oder sonstigen Bekenntnisses .mit Jüdinnen außer Betracht läßt, deren Zahl man auf etwa 200 schätzen kann. Von diesen jüdischen Mischehen mit Kindern im Haushalt hatten 1261 einen evangelischen Vater und 1752 eine evangelische Mutter, sowie 313 «inen katholischen Vater und 331 eine* katholische Mutter, ferner 98 eine Mutter sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses. Im Haushalte der jüdischen Mischehen befanden sich 7783 Kinder. Von ihnen waren 4686 evangelisch, 1802 jüdisch, 845 katholisch, 1 sonst christlich und 451 sonstigen oder unbestimmten Bckenntnisscs. Auf einen evangelischen Elternteil kommen 1,50 evangelische Kinder, auf einen katholischen 1,31, auf einen jüdischen etwa 0,45. Sehr zahl!eich sind auch die Kinder sonstigen und unbestimmten Bekenntnisses (Dissidenten, Religionslose usw.), deren Zahlenvcrhältnis zu de,' Ehen mit Kindem sich nicht genau feststellen läßt, da, wie bemerkt, die Zahl der Ehen von jüdischen Frauen mit Männern sonstigen usw. Bekenntnisses, soweit in ihnen Kinder sind, nicht bekannt ist. Es läßt sich aber schätzen, daß auf jeden solchen Elternteil etwa 1,50 Kinder, also so viel wie bei dem evangelischen Elternteil, kommen. Durch den Staatshaushalt stehen 40 000 M. mr yerfügung, um dort, wo keine öffentlichen jüdischen Schulen bestehen oder von den bürgerlichen Gemeinden durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an öffentlichen Schulen oder in anderer Weise nicht gesorgt ist, den leistungsschwachen Synagogengemeindendic Erteilung jüdischen Religionsuntcrrichts durch Bewilligung von Beihilfen zu erleichtern. Vorausgesetzt ist dabei, daß dauernd mindestens zwölf jüdische Kinder vorhanden sind. Einer LieblingslUge der ״Staatsbürger-Zeitung“ Ist mit der folgenden Berichtigung des ״Zentral- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben•“ das Lebenslicht ausgcblascn worden: ״In Nummer 155 Ihrer Zeitung vom 5. Juli 1013 befindet sich die Behauptung, daß unser Verein in seiner Februar-Versammlung 1911 einen Beschluß gefaßt habe, dessen Schlußsatz Sie wörtlich wie folgt wiedergeben: wobei unter Antisemiten alle diejenigen verstanden werden, welche den zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben erkennend, ihn bekämpfen und sich der wirtschaftlichen Erdrosie• lung durch du Judentum erwehren wollen.

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