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Jüdische Rundschau · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 354 JUEDISCI1E RUNDSCHAU Nr. 34 über den Ikkenncrn des christlichen Glaubens so gering ist, daß der Erwerb der Gemeiiidcmitghedscliaft durch Ausländer die Interessen des Staates nicht berühren kann. Wie Schön ausführt, läßt sich aus dem heutigen Verhältnis von Staat und Kirche der Satz nicht ableiten, daß Staatsfremde nicht Mit* glieder kirchlicher Gemeinden sein können. Daß auch die Juden zur Zeit des Erlasses des Judengesetzes der Ansicht waren, daß, wer die!*(lichten eines Gemeindeuiitglieds erfüllt, auch die Hechte eines solchen genießen müsse, zeigt das von drei hervorragenden Juden auf Veranlassung der Regierung erstaftete Gutachten in bezug auf die jüdischen Kultus- und Unterrichtsverhältnissc vom 9. Juli 18-15 (vgl. der erste vereinigte Landtag, I, S. 411): ״ln dieser letzten Rücksicht würde aber nur zu bestimmen sein, dal) dasjenige Mitglied ein Stimmrecht habe, welches zu den Bedürfnissen des Sy״- agogen verbände s die erforderlichen A hg 11 Iren zahlt. Deshalb Ware imserer Ansicht inteh Im idlgemelucu zu vcmrdmii, daß ״.,»mllii he dispositioimlidligeli Mitglieder, welche zu den Bedürfnisscu des Synagogcnverhandcs die gesetzlichen Abgaben leisten, stimmfähig seien.“ Daß ausländische Juden das Wahlrecht zur Repräsentaiitcnversammlung haben, hat der Herr Minister des Innern in einem Ministcrialbcschckl festgestellt (vgl. Verfügung des Herrn Regierungspräsidenten zu Oppeln vom 13. Juli 1897, Id VII, Nr. 1395). Nach der Ent- Scheidung des Herrn Regierungspräsidenten zu Köln vom 18. Januar 1907 A Nr. 15 sind Ausländer auf Grund des Judengesetzes wahlberechtigt. Diese Ent- Scheidung hat der Herr Oberpräsident der Rheinprovinz am 20. März 1907 bestätigt. (Nr. (1429.) Schekel und Zentralfonds An anderer Stelle dieser Nummer gibt das Actions- Comitö bekannt, daß es auch noch jene Schekel als rechtzeitig abgeführt anerkennen wird, die bis zum 29. August bei dem Wiener Bureau* eintreffen. Infolgcdcsscn sind wir in der Lage, unseren deutsehen Gruppen eine letzte Frist bis zum 28. August zu setzen. Wir bitten dringend, diese Möglichkeiten bis zum letzten auszu1u1tz.cn. Die Sammlungen der letzten Wochen haben erwiesen, daß bei geeigneter Arbeit nocli mancher zur Zahlung des Schekels heranzuzichcn ist. Das bisherige Ergebnis zeigt ein sehr erfreuliclies Anwachsen. Obwohl die Sammlungen keines- Wegs als abgeschlossen gelten dürfen, zeigt sich schon heute gegen das vorige Kongreßjahr 1910 11 ein Zuwachs von etwa 700 Schekeln, ohne berücksiclitigung der aus Deutschland entkommenden Misrachischckcl. Dieses Ergebnis ist um so erfreulicher, als damit zu rechnen ist, daß die Kämpfe, zu denen wir im letzten Jahre gezwungen waren, unsere Partei von einer größeren Zahl unsicherer Mitläufer bcfreit hat. Die an dieser Stelle immer wieder ausgesprochene Zuversicht, daß unsere Stellungnahme zu den innerjüdischen Fragen bei allen einsichtigen Juden Deutschlands Verständnis finden würde, hat sieb damit bewahrheitet. In noch weit höherem Maße, als bei den Zahlen für Deutschland, spiegeln die Gesamteingänge der Bewegung unseren stetigen Fortschritt innerhalb der beiden letzten Jahre wider. Bei der großen Entfernung vieler Länder ist dort in noch, größerem Umfange mit dem Eingang von Beträgen in let/terStunde zu rechnen; find doch bedeutet der in Nr. 31 der ״Welt“ ausgewiesene Betrag von 105 619 M. bereits einen Zuwachs von 6241 M. gegen das vorige Kongreßjahr. Dieser Zuwachs ist mit in erster Linie der Reorganisation einzelner Landcsz.entralcn durch die Sekretäre des Actions-Comitds zu danken. Ist bei der Schckclsammlung, die uns in klarer Und eindeutiger Form das Erstarken unserer Bcwegung vor Augen führt, die finanzielle Beisteuer zu den Arbeiten des A, C. erst in zweiter Linie zu begrüßen, so haben wir uns jetzt im Zentralfonds ein weiteres Instrument geschaffen, daß dazu berufen ist, die materiellen Möglichkeiten unserer Bewegung auf eine ganz neue Grundlage zu stellen. Die deutschen Zionisten, die seit jeher für organisato rische Notwendigkeiten ein ganz besonderes Verständnis an den Tag gelegt haben, haben auch diesem Fonds von allem Anfang an ihre Gunst in weitestem Maße zugewandt. Sie haben sehr bald erkannt, daß der bisherige Zustand, der unscrer Leitung keine Mittel zur Durchführung kuiturcllcr und kolonisatorischer Arbeiten zur freien Verfügung ließ, ein unhaltbarer sei, und haben deshalb den Zentralfonds, der diesem Ucbcl abzulielfcn berufen ist, ■mit besonderer Genugtuung begrüßt. Der Kongreßtag, der die Solidarität eines jeden Zionisten mit dem Kongreß in besonders sinnfälliger Weise betonen soll, wird — nach den uns vorfliegenden Nachrichten — in allen Gruppen mit Eiter und Umsicht vorbereitet. Die Gebefreudigkeit jedes einzelnen muß bei dieser Gelegenheit aufs höchste angespornt werden. Denn der Zusammenhang zwischen dem Kongreß und dem Fonds, mittels dessen seine Beschlüsse zur Durchführung gebracht werden sollen, ist so sinnfällig, daß keiner, der sich am Wiener Kongreß wirklich interessiert fühlt, zurücksteheii wird. Die Spenden der deutschen Gruppen werden in der ״Welt" und in der ״Jüdisehen Rundschau‘' nusgewiesen werden, und ein jeder wird eins seine dazu tun, daß sein I leiinatsort im Verhältnis seiner Größe und seiner Bedeutung für die zionistische Sache in dieser Liste vertreten ist. Die jüdische Turnbewegung in Deutschland Von Dr. Salli Hirsch (Berlin)•). Wenn beim Wiener Turnfest die jüdischen Turner an den Teilnehmern des Zionistenkongresses vorbei• uiarschim'ii, wenn beim .Sclintiliiuioii und bei den spn» 1111 Inn Wettkämpfen die cln/i'liien I ainUin/inii• M■׳hallen iiillehiaiitler wettellerml ihr Bestes zeigen, dann wirtl eleu Zuschauern ein hohes ülücksgelülil erfüllen: vergessen wird er die Widerwärtigkeiten des Golus, versinken wird die Erinnerung an die Dis• kiissionen über das Bestehen, die Daseinsmöglich• keit und Existenzberechtigung der jüdischen Nation, und unwiderstehlich wird heim Anblick der Turner der Jubelruf sich auf unsere Lippen drängen: Das jüdische Volk es lebtl Schweigend werden die Turner der einzelnen Kreise zeigen, was sie geleistet haben für die Wieder• gehurt des jüdischen Volkes, und wir sind überzeugt, daß die deutsche Landsmannschaft nicht am schlcch• testen nbschncidcn wird. Diese Zeilen sollen, gleich• sam zur Ergänzung der Wiener Vorführungen, die am besten für unsere Arbeit zeugen werden, einiges über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Turnbewegung in Deutschland sagen. Als auf dem II. Zionistenkongrcß die physische Regeneration der Judcnhcit als Forderung aufgcstcllt und die Ausbildung des Körpers durch turnerische Betätigung verlangt wurde, fiel diese Idee bei deut• sehen Juden auf fruchtbaren Boden, und bis auf den heutigen Tag ist das deutsche Milieu für unsere Turn• bewegung, wenigstens was die körperliche Ausbil• düng betrifft, außerordentlich günstig gewesen, Deutschland ist nicht nur das klassische Land der Turnerei, von wo aus die Turnbewegung sich die Welt erobert hat, in Deutschland, dessen Bedeutung von einem gesunden und kräftigen Nachwuchs für das Heer abliängt, hat die planmäßige Körpcrausbildung sich stets der Begünstigung der Regierung und der Popularität der Massen erfreuen können, Die deut• sehen Juden hatten sich bald auch in dieser Bc• Ziehung der umwohnenden Bevölkerung assimiliert, und gerade die assimiliertesten Schichten fingen an, auf die körperliche Ausbildung der Jugend Gewicht zu legen, Diese Zeitströmung ist auch unserer Turn• bewegung zugute gekommen. Und cs muß anerkannt werden, daß die Jüdische Turnerschaft in Deutsch• land, von fortschrittlichem Geiste beseelt, cs verstauden hat, auch die modernen Formen der ■Körperkultur sieh zunutze zu machen. Während die Deutsche Turnerschaft noch heute in einem schroffen Gegensatz zum Sport steht, hat die Jüdische Turnerschaft den Sport als gleichwertige Körpcrausbildung ancr• kannt und ihn in ihr Programm aufgenommen. So umfaßt heute der ,Deutsche Kreis der Jüdischen Turnerschalt neben seinen Turnvereinen auch reine Sport- Organisationen wie die Ruderabteilung der ״Vereine Jüdischer Studenten“ und den Ruderklub ״Ivria“, ferner auch Vereine, die die Gleichberechtigung beider Arten der körperlichen Betätigung schon in ihrem Namen ausdrücken, wie den ״Jüdischen Frauenbuml für Turnen und Sport“ in Berlin und den ״Jüdischen Turn- und Sportverein“ in Königsberg, und schließlich sind auch unsere größeren Turnver• eine dazu übergegangen, eigene Abteilungen für den Sportbetricb einzurichten, so hat der Bar Kochha ■ Berlin zwei Sportabteihingen, eine allgemeine und eine akademische, während der Bar Kochba in Hamburg bei der letzten jüdischen Ruderregatta in Berlin seine Ruderabteilung starten lassen konnte. Turnen und Sport sind keine feindlichen Brüder mehr, sondern erganzen sich in glücklichster Weise: während der Turnbetrieb eine gewisse Gleichmäßigkeit in der Ausbil• düng gewährleistet und den Sinn für Ordnung und Disziplin weckt, nötigt uns der Sport, unsere ganze Energie und Kraft herzugeben und eigene Initiative zu entfalten, um im Wettkampfe zu siegen. Wenn in *) Gelegentlich ihres Jubiläums-Schauturnens vc dem Wiener Zionistenkongreß gibt die Redaktion di ״Jüdisch cn Monatshefte für Turnen un Sport eine Festschrift heraus, die einen umfasici den Ucbcrblick über das Wirken und die Ziele d< ״Jüdischen Turnerschaft“ geben wird. Die Redal tion stellt uns den vorstehenden Instruktiven Artik aus der Feder des Vorsitzenden des . Deutsche Kreises“ der Turnerschaft zum Vorabdruck zur'Ve fügung. ׳ ׳ ■ . der Jüdischen Turncrschaft der Ausgleich zwischen Turnen und Sport herbeigefülirt worden ist, so lie^ das vor allem daran, daß für uns das Turnen nicht Selbstzweck ist, sondern nur ein Mitlcl zur körper. liehen Regeneration und nationalen Wiedergeburt unseres Volkes; und jedes Mittel, das — wie <|Cf Sport — denselben Zwecken zu dienen geeignet ist läßt sich unserni Programme ciiifügcn. Hat nns unsere nationale Tendenz innere Kämpfe erspart, miter denen die Deutsche Turnerschaft nocli lange zu leiden haben wird, so ist es andererseits gerade unser nafionales Programm, das uns die Gegnerschaft weiter jüdischer Kreise zugezogen hat. Dieselben Kreise deutscher Juden, die für körperliche Ausbildung durch• aus Interesse haben, stehen unserer jüdischen Turnbewegung wegen ihrer nationalen Tendenz feindselig gegenüber. Zwei Beispiele aus dem letzten Jahre: die liberale Mehrheit der Repräsentanten Versammlung der Kölner Jüdischen Gemeinde 11:1t unserem Kötner Turnverein die ihm hik daliin jährlich gewühlt! Ruh. vciiliou von 'Ulli M, < 11!zog( 11, weil er ״liot H'hlieltlkli jüdiuli•nationale /wecke veifoUe, seine Mitglieder in hervorragender Weise zu Natioiialjudcn erziehen wolle und deshalb dazu angetan sei, eine Gefahr für die deutschen Juden herbcizufuliren"; und in der letzten Hauptversammlung des ״Zentral! Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ richtete man diu Hauptstoß des Angriffes gegen die jüdischen Turnvereine, weil sie die llauptträgcr der jüdisch - nationalen Propaganda seien. Nim, ein größeres Lob konnte uns nicht erteilt werden! Unsere jüdischen Gegner haben erkannt, welche Gefahr — zwar nicht für das Judentum, wohl aber für ihre Assimilationsgclüstc — die Vereine der Jüdischen Turnerschaft darstellen und beginnen jetzt ebenfalls, sich der Turniilec zu bemächtigen und Turnorganisationen ins Leben zu rufen. Bereits seit einigen Jahren bestehen in Deutschland ein paar jüdische Turnvereine, die etwa auf der Basis des ״Zentral- Vereins“ stellen, also auf religiöser Grundlage. Da die Deutsche Turnerschaft Juden in ihre Reihen aufnimmt, ist nicht klar, wodurch eine solche ״konfcssionelle Absonderung“ berechtigt ist. Diese Vereine dürften vom Standpunkt ihrer eigenen Anhänger ebensowenig cxistcn/bcrcchtigt sein wie evangelische oder katholische Turnvereine. Nunmehr geht auch der ״Vcrhaild der jüdischen Jugendvereine in Deutsch• land" daran, Turnahteihingcn zu gründen, und entsprechend seinem Neiitralitatsprinzip stellt er für seine Turnbewegung den Leitsatz, auf, daß ״die Pflege der Leibesübungen von einer Verquickung mit politischen und konfessionellen Somlcrbcstrcbungen fcrnztihalien sei. Unsere jüdischen Turnvereine werden, da sie sich mit Rücksicht auf ihr nationales Programm angeblich einer solchen ״Verquickung“ schuldig machen, in Acht und Bann getan; dagegen soll die Bet ätigung der Neutralen ״in den interkonfessionellen Turnvereinen nicht beeinträchtigt werden, im Gegenteil ist es erwünscht, daß unsere Turner gleichzeitig auch der Deutschen Turnerschaft, in welcher sie aufklärend (!!!) wirken können, als Mitglieder ange* hören,“ Man weiß nicht, worüber man sich mehr entsetzen soll: über die Verkennung unserer Tum* bewegung, über die völlige Mißachtung ihrer Verebenste für die körperliche Ausbildung der jüdi-chen Jugend und für die Erhaltung des Judentums oder über die Verkennung der deutschen Tsirnbewe.mng. I lat nicht auch diese sich stets der von den Neutralen gerügten Verquickung schuldig gemacht ־ Vom Turnvater Jahn erzählt man, daß, wenn er mit s. inen Jungen durchs Brandenburger Tor zog, auf de!״ die Viktoria fehlte, er sie fragte, woran sie dacht!und wenn dann etwa einer seiner Turner nicht an Pre!1'!׳ct1s Schmach erinnert wurde, so gab er ihm eine ihrfeige. War das keine Verquickung mit ״nati .ח!len Sonderbestrebungen“? Oder eine geringere, aU wenn wir unsere jüdischen Turner auf die große Vcrgai. :cnheit unseres Volkes hinweisen, auf die kritische 1.. *gc, in der sich die Judcnhcit zurzeit befindet, und auf unsere jüdischen Zukunftshoffnungen? Heißt c• die Turnbewegung mit ״Sonderbestrebungen verquid.cn■‘, wenn wir unsere Turner mit Zukunftshoffuun;eit und Zukunftswillen für unser jüdisches Volk zu erfüllen suchen, wenn wir sie dazu erziehen, daß sie bereit und imstande sind, mitzuarbeiten an der Er- Haltung des Judentums und mitzukämpfen für die Größe unseres Volkes? Man mag unsere Ansüiauungen über das Judentum bekämpfen, aber man soll aufhören, von einer ״Verquickung“ zu reden, wenn wir die Turnidee jüdischen Zwecken nutzbar machen. Jede Turnbewegung muß national sein, und jede wirklich volkstümliche Turnbewegung ist bisher nntio־ nal gewesen. Darum wandelt unsere jüdische Turnbewegung durchaus natürliche Bahnen, während die Neutralen die Turnbewegung des schönsten Momentes, der nationalen Begeisterung zu entkleiden und sie mit dem konstruierten Prinzip der Neutralität zu verquicken versuchen. Und darum kann es für den, der die Entwicklung der Turnidee auch nur oberfllchlich kennt und begreift, nicht zweifelhaft «in, daß uns die Zukunft gehört und. der Sieg! 1 \

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