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Jüdische Rundschau · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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JUEPISCHE RUNDSCHAU Nr 34 auf. Sic hat kein Bedenken getragen, jüdische Kandidaten aufs Land, in antisemitisch verheizte Gegen■ den 7.11 senden in der Uebcr/.eugimg, dafl die Selbstwehr des Juden am meisten fruchten w ürde. Sicherlieh hat mancher Arbeitet dem jüdischen Sozialdemokraten zähneknirschend seine Stimme gegeben und um seiner schönen Augen willen hat er ihn wahrhaftig nicht gewühlt: wobei nur zu beachten ist, daß wir die Gleichberechtigung auch nicht um unserer schönen Augen willen erstreben. Die Sozialdcmokratic hat somit durch ihren fest auf das Ziel gerichteten Willen in ihren Kreisen zur Unterdrückung der Antipathien gegen die Juden beigetragen, die sich bei weniger zielsicherer Politik nicht nur wie heute in kleinen Hetzereien der Sozialdemokrat!- selten Presse Hahn gebrochen, sondern ztt einem bemerkenswerten antisemitischen Einschlag in der Sozialdemokratie verdichtet hätten. Daß diese Gefahr nahe lag, beweist die Geschichte der Sozialdcmokratic in Deutschland im Jahrzehnte der Reichsgrümfung. Hebel sagte einmal, in diesem Jahrzehnte hatte cs zwar auch Leute gegeben, die ״den Juden nicht grün waren“, aber eine antisemitische Bewegung sei nicht zu konstatieren gewesen. Bebel wußte nicht oder vielmehr wollte nicht wissen, daü die Lasallcaner, die innerhalb der Sozialdcmokratic in Berlin das Terrain beherrschten, zur wirksamen Bekämpfung der damals hier allmächtigen F ortschrittspartei j u d c 1111 e t z c r i s c h e Waffen in erster Linie gebrauchten. Man mufl gestehen, sie verstanden es nicht schlechter als später die Antisemiten: Denn eben, wo Begriffe fehlen, Stellt sieh der Schwindel stets rechtzeitig ein; Mit Juden läßt sich alles machen, Sie loben seihst die faulsten Sachen. Sind es nicht vertraute Klange, die uns liier aus dem Flugblatt«׳ der Sozialdemokraten gegen die Fortsclirittler aus dein Jahre 1874 entgegentönen? ,,Das Volksvortirtcil gegen die Juden wurde in uiiniistiindigstcr Weise (von den Lassalleanern) gegen soziaiisüsehe und nichtsozialistisclie Gegner ausgcspiclt,“ Ihr Führer, ״der eine regelrechte Judenhetzc hetrieb, brachte auch den Schimpfnamen Mühlen- ().immer (gegen die Marxisten) auf“. So urteilt ein angesehener sozialdemokratischer Reichst.ngsnhgcorditetcr, der zugleich Verfasser eines Werkes über die Berliner Arbeiterbewegung ist. Erst später, als Regierung und Rcjgierungsparteien sicti des bis dahin von der schroffsten Opposition gebrauchten Agitationsmittels liebreich annahmen und der zarten Pflanze Antisemitismus unter der Sonne von Bismarcks Gunst ein glückliches Gedeihen sicherten, rückten die S o z i a I d c in o - k rat c n geeint energisch von den Juden hetz er 11 ah. Es kam zu einer entschiedenen Kundgebung auf dem Berliner sozialdemokratischen Parteitage im Jahre 1892, als die antisemitische Partei rapide gewachsen war. Auf diesem Parteitage hatte Bebel das Referat über ״Sozialdemokratie und Antisemitismus“ übernommen, liier speziell ist er als Gegner der antisemitischen Bewegung aufgetreten. Es ist noch heute von hohem Interesse, seine damalige Rede, die in Hroschürenform vom Verlag des Vorwärts licrausgcgeheii ist, zu lesen. Trotz mancher groben Versehen, die dem Autodidakten unterlaufen sind, zeugt sie von so vortrefflichem Verständnis für die Grundlagen des Antisemitismus, daß mau sic Justiz- und Kommerzienräten der jüdischen Rcligionsgememsdiaft zum Studium dringend empchlcn kann. Daß di« ökonomischen Ursachen der Jmlcnfeiixlschaft 1111billig weit in den Vordergrund gerückt sind, wird man dem politischen Standpunkt Bebels um so lieber zugute halten, als er. auch die ״ideellen“ Gründe darüber keineswegs vernachlässigt. Allerdings: wenn Ikbel in seinen Sclilußfolgerungen in dem Antisemitismus eine zu bekämpfende Bewegung sicht, die jedoch mit der bürgerlichen Gesellschaft steht und fällt, und offenbar erst vom Zukunftsstaate die endgültige Heilung dieses Krebs- Schadens erwartet, so kommt das für uns nicht in Betracht. Die Arbeit in der Gegenwart für unsere Gleichberechtigung, verbunden mit einer starken nationaljüdischen Bewegung, deren Endziel der Zionis- ויי,is •st, kann allein die Wirksamkeit des Kampfes gegen die Antisemiten verbürgen. Der heute herrsehenden Judenfeindschaft kann man mit Gedanken von der zukünftigen Verwirklichung des Sozialismus nichts anhaben und einem durch ganz. Europa gehenden starken nationalen Fühlen gegenüber wird man vergeblich mit Versen aus Nathan dem Weisen operieren oder von der Gleichheit alles dessen sprechen, was Mensche nantlitz trägt. Die Waffe des eigenen nationalen Stolzes — der fern sein soll von jeder Uebcrtreibung — ist die sicherste. Das konnte Bebel nicht mehr erkennen — er war alt geworden: '*1 den Grenzen, die ihm sein Dogma steckte, hat er genug getan, daß er theoretisch überall und praktisch in seinem Bezirk stets für die Gleichbercchtigung der Juden eingetreten ist. Leider haben aber auch seine jüngeren Nachfolger die nationaljüdische Bewegung noch nicht würdigen gelernt. Sie sind Doktrinäre gehlieben in punkto Judentum, und u׳äh- •rend sieh sozialdemokratische Herren über die natio* nale Autonomie Albaniens die Köpfe zerbrechen und eifrig darüber wachen, daß den natio-!!;den Interessen der einzelnen iialkaavülkcr weitgellendste Rechnung getragen W'ird, bekunden sie für den Zionismus ein bemerk e nsvcrtci Unverständnis. Wir sind nicht sehr enttäuscht darüber, denn w׳ir haben es nicht anders erwartet: neuen Ideen steht man bei 'den Sozialdemokraten feindlich gegenüber. Indessen, hätten diese nicht jeden ausgelaclit, der ihnen vor 30 Jahren hätte prophezeien wollen, daß sie stell überhaupt je fiir die nationale Autonomie eines Volkes ins Zeug lege» würden? Und da sie die jetzt schon für die Halkunvölkcr beanspruchen, so wird nur ein Skeptiker die Hoffnung von der Hand weisen, daß sie auch für das Verlangen des jüdischen Volkes nach dem jüdischen Lande Verstündnis und Unterstützung bereit haben werden. Kommt's nicht heute, so kommt’* morgen. Falls nämlich nicht morgen, ein australisches Volk in nationale Bedrängnis gerät und damit allerdings den Herren Bernstein, Cohn und Genossen wieder für einige Jahre die Möglichkeit genommen wird, sich um das jüdische Volk zu kümmern. Palästina als Einwanderungsland Von Davis T riet sch. Nach der üblichen zionistischen Auffassung wäre Palästina ein Einwanderungsland für die Juden, aber nicht heute, sondern erst morgen. Hierin stimmen sogar beinahe ״Politische“ und ״Praktische“ überein. Die ״Politischen“ möchten erst die rechtlichen und politischen Vorbedingungen sichern, und die ״Praktischen“ betrachten die Schaffung der wirtschaftlich e 11 Voraussetzungen als notwendige Vorarbeit. Auch ich hin selbstverständlich für eine Besserung unserer rechtlichen und wirtschaftlichen Posihonen — und wie überall, so auch in der Türkei. Nur meine ich, daß wir auf diese Entwicklungen nicht zu warten brauchen. Warten könnten wir in Rußland und anderen Ländern auch, die Voraus- Setzung der zionistischen Bewegung war aber, daß die Zustände in manchen Hauptwolinländcrn der Juden unerträglich, also unüberwarthur, seien. Keineswegs haben wir den Zustand der Juden in Palästina — soviel dort auch in politischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Beziehung noch zu bessern war — für unerträglich gehalten. Im Gegenteil; es war jederzeit der tiefere Sinn der jüdischen Paliistinabestrcbungen, daß durch Einwanderung und Schaffung einer neuen jüdischen Konzentration in diesem Lande die besten Aussichten für eine günstige jüdische Weiterentw’ickUing sich ergeben. Nun ist aber bei uns eine Mutlosigkeit eiugerissen, die ich in der Hauptsache darauf zurückführe, daß das vieljährige zionistische Verbot der Palästinaarbeit die Initiative und den Unternehmungsgeist der Mutigerat auf eine allzu harte Probe gestellt hat. In der Wüste des nur-politischen Zionismus ist die bessere Generation — wenn nicht gestorben, so doch m iide geworden. Tatsächlich kann man von allerlei zionistischen Führern und auch Instanzen zu hören bekommen, daß Palästina als Einwandcruiigsland gegenwärtig nur ausnahmsweise in Betracht käme, und es werden w׳edcr unsere Institutionen daraufhin geprüft, wie weit sie eine jüdische Einwanderung aus den verschiedenen Klassen ermöglichen könnten, noch wird der Zustand der Juden daraufhin untersucht, ob eine Förderung ihrer Ucbersiedlung nach Palästina ein moralisdies Risiko darstellt oder nicht. Eine Ausnahme gibt es neuerdings,, und das ist die Yemcniten-Aktion. Aber zu dieser sind wir zufällig gckomeii mul nicht systematisch, und auch die sonstigen Anzeichen einer sich vorbereitenden Acnderung in der Auffassung scheinen mir mehr einer Inkonsequenz der geltenden Meinungen, als einer konsequenten Systemänderung zu entsprechen. So wurde neulich in der ״Welt“ geradezu unter dem Titel ״Palästina als Einwanderungslaml“ von der privaten Absicht berichtet, die wohlhabenden bucha• rischen Juden zu stärkerer Einwanderung nach Palästina zu veranlassen, und auch für die Balkanj u d e n wird die Ucbersiedlung nach Palästina empfohlen. Hält man damit zusammen, daß kürzlich eine Notiz durch die jüdischen Blätter ging, wonach eine Anzahl Sakmiker Juden ihre Heimat verlassen und sich zunächst nach Aegypten begeben hätten, von wo ein Teil nach Palästina weitergegangen sei, so w׳ird man der Auffassung näfier kommen kpnnen, daß Palästina schon heule in zahlreichen Fällen das Land ist, wohin wurzellos werdende Judcnschaften systematisch zu lenken seien, In der erwähnten Notiz betreffs der Balkanjuden werden dieselben allerdings aufgefordert, ״mit ihren Familien und ihrem Kapital“ nad׳ Palästina jU kommen. Sobald es aber Kapitalisten sind, sichen wir vor der zum Uebvrdruß wiederholten i rage, ob das Kapital auch reicht, tun etwas an/.ufangen usw. tisw. Daß gerade die kleiner! Kapitalisten nnt das schlechteste Einwanderungsclcuunt seien, hat man auch schon reichlich oft gehört, und so beschrünkt sich die neue Anregung allenfalls auf die größeren Kapitalisten, von denen es auch auf dein Balkan nicht allzuviclc gibt. Von den armen Juden des Balkan war nicht die Rede, und die sollten uns wegen ihrer Zahl und Hilflosigkeit doch zum mindesten ״auch״ interessieren. Freilich ist von diesen wenig bekannt Ware es anders, so würde man eher die Reichen vergeben. Zu guter Stunde bringt uns da der letzte Geschäfts• bericht des ״Hilfsvereins der deutschen Juden“ eine Schilderung der Zustände dieser Judengruppe. l;s heißt dort: ״In der bisherigen europäischen Türkei leben heute etwa 200 (WO Juden. Die große Masse davon in recht dürftigen Verhältnissen, viel dürftiger noch als die Juden im Osten Europas. I>ie armen Viertel der Städte, die wir gesehen haben, heißt es in den Schilderungen der Delegierten, die vielen Hunderte von Wohnungen der Armen, in die wir kamen, machen einen unbeschreiblich ärmlichen Eindruck. Wohnungen sind die armseligen Baracken kaum zu nennen, flau«, gerät gibt es in den Wohnungen nicht. Eine hölzerne kleine Bude von wenigen Quadratmetern notdürftig zusammengcnagclt, das ist die Wohnung für eine, manchmal auch mehrere Familien, Als Ofen und Küche dient ein alter eiserner Topf, der mit Holzkohlen gefüllt wird und seinen Qualm mit den andern üblen Gerüchen der Stube vermengt. Als Lagerstätte dient der Fußboden. Am Kopfende ein •kleines Kissen aus Stroh oder Heu; die Mahlzeiten werden ebenfalls auf dem Fußboden eingenommen. Als Tisch gilt entweder der Ftiilboden selbst, oder es wird ein Brett auf ein paar Klötzchen gelegt, und tun diesen etwa 15 bis 20 cm hohen Tisch hocken die Einwohner beim Essen herum. — Nocli ein Ausstellungsgegenstand, der selten in der Wohnung fehlt, ist ein altes Tuch, nach Art einer Hängematte an der Decke befestigt, das ist die Wiege für ein oder manchmal auch zwei Kinder. An Stricken, die an dem Balken befestigt sind, hängen dann noch die dürftigen Kleidungsstücke und die noch dürftigeren Küchengeräte und Eßgeräte. Zu Tausenden findet man solche Wohnungen und in diesen Wohnungen dumpf hinbrütende Menschen. Der Balkanjudc ist bedürfnislos, hat nicht die Energie, nicht den starken Auftrieb, der auch bet den ärmsten Juden des Ostens zu finden ist. Der Drang, seine Lage zu bessern, ist in ihm nicht so mächtig, daher ist auch die Auswanderung verhältnismäßig gering.“ Soweit der Hilisvereinsbcricht. — Ist hier nicht ein Uevölkcrungsclcmcnt fiir Palästina? Ist Palästina nicht gerade für die Balkanjuden das rechte Land? Würden war nicht auch unsere türkische Position durch die Rettung dieser Juden (für uns, für Palästina und für die Türkei) gewaltig stärken? Dürfen wir Zusehen, wie diese Acrmsten, Hilfloseren unter das Regime der Balkanchristcn fallen, die nicht stets und überall für die Hebung ihrer neuen jüdisehen Untertanen besorgt sein werden? Hier war von den Balkanjuden die Rede. ׳י.!»* ähnliches gilt für die Juden des Ycmcn. Zahlten 1■en Juden Marokkos geht es nicht viel anders. 111 N!׳nl* syrien und Mesopotamien, in Persien und in Ammeien sind zahlreiche judcnschaften, die viel lieber in Palästina und im jüdischen Milieu lehen würden, :׳um größten Vorteil für das Land und fiir unsere De-rebungen. Aber auch in Rußland, Rumänien und Galizien gibt es so anspruchslose Juden, deren Ansiedlern , in Palästina mit ähnlich geringen Mitteln sich heuakstdligen ließe. Habe ich doch seihst beispielsweise mit vielen hundert rumänischer Juden zu bin gehabt, deren Unterhalt sich mit einet Mark per K״pf und Woche bestreiten ließ und die sich ihre Häu-cr fast kostenlos — nur mit eigener Arbeit — errichteten. Uebcr Wohn- und Arbeitsverhältnisse jüdischer Arbeiter in Kulturländern unterrichtet die Dl• gende Schilderung des ״Daily Citizen“ vom August 1913: ״Wir stolpern eine Treppe mit wackligen Stufen hinab in einen Keller. Haben wir uns durchgetastet, so stehen wir in einem Weinen stinkigen Raum von etwa 12 Fuß im Quadrat (13 qm). Ein niederer Durchgang führt von ihm in ein ״Zimmer“ von 20*/» qm, in dem 10 Personen sitzen. Fenster sind nicht vorhanden, in der Decke ist ein Oberlicht. Wenn nicht das Gas brennen würde, könnten wir kaum den engen Raum übersehen. Am Abend

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