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Jüdische Rundschau · 1913-08-15 · Heft 33 (15.8.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 239 bieten, um durch andere Mittel den Kindern Freude nn der Stunde zu gehen and so auch Fleiß für die Sache. Ich habe eine Klasse, die ich bemitleide wegen der Hegcislerung und des Fleißes, die sie dieser mir 50 stumpfsinnig erscheinenden Stunde entgegenbringt, die ihnen immer zu schnell, mir im liegensalz zu allen anderen Stunden zu langsam vergeht. Freilich lasse ich den Ueberset/ungsunterricht in der eben geschilderten, durchaus unbefriedigenden Art, die keinerlei Reform «!läßt, nur für Unter- und Mittelstufe der Volksschule gelten. Hei vorgeschritlenen Schülern und solchen höherer Schulen habe ich, wo die Schulleitung mir genügend Freiheit lieh, allerlei Aeiuleruugen umeriionimen, die, wenn auch in winzig kleinen Portionen, dem Schüler etwas vom l leiste der hebräischen Sprache gehen sollen. 111 den!'i'iiincr Schulen ist wohl jetzt allgemein etwas hel-risdif Grammatik eingeführt. Wenn es auch schließlich etwas für sich hat, daß die Kinder , dadurch befähigt werden, ein Wort und seine lledcutimg aus der grammatischen Ableitung zu finden, so ist cs mir doch ein schrecklicher Gedanke, daß das einzige Sprachliche gerade die tote Grammatik sein soll, daß sie zii Formhildungcn hcraiigo/.agcu werden, die doch lediglich für eine tote Sprache Wert halten, ich erinnere da nur an das famose Paradigma kmaiil, töten, niktalti, ich hin getötet worden usw. durch alle Personen, Zeiten, Formen. Zu solchen widerlichen Sprachübungen ist mir das Hebräische zu schade, weil es mir nicht tot, sondern sehr lebend mul sehr lieb ist. Aber Immerhin ist cs gut, beim Ucbcrsctzcn einige elementare Formenkcuutnissc gewinneii zu lassen. Selbstverständlich ist, daß mich hei dem mechanischen Ucbcrsctzcn die Kinder durch die Hebung an kleinen Sätzchen allmählich einen festen Wortschatz bekommen: ich habe mal nach einem Jahr hebräischen Unterrichts, zwei Stunden du- Woche, mit 100 Worten etwa jede Satzverbin• dtmg vornehmen können und wurde verstanden, er• hielt richtige hebräische Antworten auf freilich nur primitivste Fragen wie; nii tauw? Am meisten Möglichkeit, auch Sprechunterricht neben dem Uebcrsctzungsuntcrricht zu betreiben, bietet der T'nach, weil es sieh da uin konkrete Be* griffe handelt. Ein solcher T’nach-Unterricht läßt die Kinder natürlich mehr eindringen in die Sprache und so in den Geist unseres Volkes. Der eifrige, die Sprache liebende und verstehende Lehrer wird noch manche kleine Verbesserung finden. Wie unendlich weit sind diese aber vom Ziele! Das schwerwiegendste Moment gegen die alte Methode ist ja die Tatsache, daß sic der Jugend verknöcherte fossile Gebilde zeigt, wo in Wahrheit frisches pulsierendes Leben ist, daß sie ihnen den Geist der Sprache und ihre Schönheit vorenthält. Das kommt aber nur für die reifere Jugend in Betracht. Wie ich immer aufs neue feststelle, entwickeln sich ästhetische Begriffe bei den Kindern sehr spät. Wenn sic dazu reif sind, sind sie auch schon fällig, die ganze Misere der Stellung der hebräischen Sprache zu begreifen. Dann mag inan sie getrost scharf darauf hiuvveisen, daß das, was sie übersetzen, eben Uebcr- Setzung und kein lebendiges I lchrüisch ist, ihnen vor die auf schwierigem Posten stehen und schweren Anfechtungen standzuh,iltcn haben, in hohem Maße bedürfen: die große und starke Liehe. Wir erleben, wie der Geist sich aus seinen Fesseln befreit und der Wille zu neuem Leben wach wird. Iler Zionismus ist die Zusammenfassung der J11 d e n , die in der alten Weise nicht weiterlcbcn können und den Willen zu neuem Leben haben. Ein Rufer zu neuem Leben, den wir fiörcn müssen, ist Gustav Landauer. Seine ״Revolution“ (Frankfurt, Hütten 11. I.ocning) und sein ״Aufruf zum!Sozialismus" (Berlin, Verlag des Sozialistischen Bundes) werden in den erschlaffenden Menschen unserer Zeit die Lust an laten wecken. Landauers Sozialismus ist der Wille zur befreienden Tat, zum Aufbau eines Lebens voll Geist und Schönheit; er hat nichts zu schaffen mit dem modern-politischen Sozialismus, dessen Wille durch die schwere Last der materialistischen Ge* schielitsauffassung gelähmt ist. ״Sozialismus ist die Willcnstcndcnz geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen,“ Nichts eint Menschen mit solcher verbindenden Kraft wie gemeinsames Wollen zu gemeinsamem Ideal. Der Mensch muß sieh frei dünken, dann nur wird er Qroßes vollbringen. Das Evangelium der Freiheit, das vor 100 Jahren die großen idealistischen Philosophen predigten, ist heute das große Bollwerk gegen den Materialismus. Die jüdischen Philosophen Henri Bcrgson und Karl Joel (deren Werke sämtlich bei Diedcrichs erschienen *ind), haben sich dagegen erhoben, daß die Natur- Wissenschaften, aus ihrem Gebiet hervorbrechend, auch das Leben beherrschen wollten. Sie sind die Vorkämpfer einer idealistischen Renaissance geworden. Martin Bubet sagt das Höchste und Letzte in seinem wundervollen neuen Buche: ״Daniel, Gespräche von der Verwirklichung" (Insel-Verlag): Die Aufgabe der Menschenseele, sich über die Bedingtheit allem aber sagen, daß dieses Hebräisch, wenn auch nicht in der Schule, so doch s:>11»t sein Leben, und zwar sein wahrhaft herrliches Leben behauptet. Bei den wertvolleren unter den Schülern wird, wenn der Lehrer es sonst verstanden hat, Liehe zum Judentum zu wecken, auch der Wunsch erwachen, dieses Lehen keimen zu I,erneu; sic werden trotz der un* natürlichen Ausbildung den Weg zur Natur finden. Ich habe schon gesagt, mein Schluß wird sein, ki hakaul bowel, Nicht der Pädagoge kann die Frage des hebräischen Unterrichts lösen. Nicht an der falschen Methode krankt das Hebräische, es krankt am Gallith. Der Zwiespalt der uns umgebenden mul der jüdischen Kultur muß naturgemäß am greifbarsten sieli in der Sprache äußern. Der hebräische Unterrieht kann kein gesunder sein, so lauge da׳, Hebräische krank ist. Und es ist krank, wie das Judentum des Galulh krank ist, wie die Pflanze, die dem Mutterbmlcn entrissen ist, Diese Erkenntnis wird alle Rcform lies heliräisdieii Unterrichts als nichtig erscheinen lassen. Unsere Hilflosigkeit der Unnatur des hebräischen Unterrichts gegenüber wird den alten (ialiüh-Sehmerz neu erwecken. Mag mich darin ein neuer Ansporn liegen zu immer kräftigerer Arbeit im Dienste des Zionismus! Sorgen wir dafür, daß unserem Volke, unserer Sprache das Land wieder werde, in dem beide gesunden können! Das Echo von Dr. Nordaus Rede Die Reden Dr. Nord aus mul Dr. Marinoreks, mit denen sich der Leitartikel unserer vorigen Nummer zu befassen Imtte, haben naturgemäß in der gesamten jüdische 11 Presse ein lebhaftes Echo gcuuiden. Unser zionistisches Zentralorgan, ״Die Welt", schreibt dazu; ״, . . Wir sind auf diese Rede nicht naher ein- ,gegangen, weil wir keine Veranlassung haben, die genugsam diskutierte Frage Politischer oder praktisclier Zionismus?" gerade jetzt nochmals zu erörtern. Wir waren und sind der Ansicht, daß diese Frage mm seit langem in dem Sinne erledigt ist, daß politischer und praktischer Zionismus eine untrennbare Einheit sind, und daß cs sich bei dem Kampf gegen die sogenannte ,politische' Richtung nur um Fragen der Art der politischen Betätigung, der A r t der praktischen Arbeit in Palästina und der A r t der Leitung unserer Organisation handelte. Auch auf *die von uns in voriger Nummer erwähnten speziellen Angriffe Dr. Nordaus gegen die Leitung einzugeilen, hatten wir um so weniger Veranlassung, als die von Dr. Nordau kritisierte Tätigkeit der Leitung ja in wenigen Wochen in schriftlichen und mündlichen Berichten dem Urteil des Kongrosses unterbreitet werden wird, Nur eine Behauptung Dr. Nordaus erfordert eine sofortige Zurückweisung, zumal sic in entstelltcr Form in die Presse übergegangen ist. 111 einem Passus seiner Rede, der sieh offenbar auf die praktische Arbeit in Palästina bezieht, hat Dr. Nordau in allgemeiner Form die Behauptung nufgestellt, die Leitung verheimliche ihre Verluste, liefere nnklare Rechnungen, und kompetente Geschäftsleute erklärten, die von der Leitung gelieferten Zahlenangabeu seien unrichtig, und die Leitung gebe auf Fragen ausweichende Antworten. Es kann nicht wundes zeitlichen Lebt ns hinausziischwingen, sich zu verwirklichen in der Unbedingtheit des Absoluten, Feind der Trägheit, wagemutig ynd augclubt der heiligen Unsicherheit, Aus der Ucbcrwindung des Amerikanismus und Euiopäismus sehen wir eine neue Sehnsucht erwachen, die uns in höchstem Maße angcht: Die Sehnsucht nach dem Orient. Aus der Hast unseres Lebens sehnen wir uns nach Stille und Kontemplation. Die Philosophien und Religionen des Orients werden den Europäern lebendig. ״Die Religion und Philosophie Chinas" heißt eine Sammlung, die bei Diedcrichs erscheint; im Insel-Verlag erschienen außer dem Lao T$c von Ular die ״Reden und Gleichnissc des Tscliuniig Tse“, zu denen Martin Bub er ein Nachwort geschrieben hat, In dem er die tiefsten Weseusiinterscliiedc des Orients und Okzidents aufdeckt. 111 einem Vortrag ״lieber die innere Beziehung zwischen den Kulturproblemen des Orients mul des Okzidents“ (erschienen bei Diedcrichs) hat Hermann Graf Keyserling gesagt, wie sich Europa die Güter'des Orients erobern müsse. Auch Paul Eberhardt (״Der Weisheit letzter Schluß", Diedcrichs) spricht in einem Nachwort zu einer Auswahl sehr gelungener Ucbcrsetzungen aus den Upnnlschadcn von dem Licht aus dem Osten, das die Dunkelheit des durch die Wissenschaften zersetzten europäischen Lebens durchleuchten soll. Indes sehen w׳ir, wie die Unkultur der europäischen Zivilisation nach dem- Osten übergreift; die chinesische Republik rüstet sich, ein Staat nach westlichem Muster zu werden. Doch erheben sich gegen die falschen und sinnlosen Assimilationsgclüstc in China aufrechte Männer, wie der sympathische K u H u 11 g M i n g, dessen pracht* volles Buch in deutscher Ucbersctzung als ״Chinas Verteidigung gegen europäische Ideen“ gleichfalls bei Diedcrichs erschienen ist; auch auf einen Aufsatz derneliinen, wenn dieser Passus in kurzer Wiedergabt׳ in manchen jüdischen Blattern in der Form erscheint, daß Dr. Nordau beliailntet habe, die Leitung hätte Oelder veruntreut, wir wissen, daß Dr. Nordau das nicht gesagt und nicht gemeint hat, aber auch gegen das, was er wirklich gesagt hat, müssen wir auf «las schärfste protestieren. Denn es i,t nicht wahr, daß die Leitung irgendwelche Verluste verheimlicht, es ist nicht wahr daß sie unklare Rechnungen liefert, es ist nicht wahr, daß sic falsche Zahlen angibt, mul es ist schließlich auch nicht wahr, daß sie auf Fragen ausweichende Antworten phtl Wenn Dr. Nordau das alles auf Grund seiner Informationen behauptet, so sind diese Informationen eben Fälschungen des Sachverhalts." Das ״F rankfurter Israelitische Familienblatt" weist auf die Gefahr hin, die unserer Politik in der Türkei, aus solchen Reden, die letzten Endes das Festhalten am Chartergedanken proklamieren, erwachsen muß und Bemerkt unter der Uebcrschrift: ״Die Rebellion zionistischer Führe r": ״Es ist ganz unbegreiflich, daß zionistische Führer rebellieren, daß einzelne Männer — mögen sie noch so hoch stehen — in so verderblicher Weise Politik auf eigene Faust treiben und damit die zionistische Arbeit erschweren! Gerade die Führe!• sollen ein Muster für Unterordnung und Disziplin sein . . ." Unter Kritik" Wien: der Ucbcrselirift ״Unfruchtbare schreibt die ״Jüdische Zeitung“ in ,jln einer politischen Organisation ist kein Raum für hcntiineiitalitiit, zu der so viele, namentlich die russischen Zionisten neigen. Wenn Max Nordau und Dr. Marmorek unsere Leitung, unsere Arbeit, unsere Auffassungen mit völlig unhaltbaren Argumenten be* fehtlcn, wenn sie dies fortwährend in einer geradezu aufreizenden Form tun, dabei selbst nichts I’osi* tives entgegensetzen können, cs sei denn zu Tode gerittene, nichtssagende Formeln, wie den ״echten politischen Zionismus", das ״wahre Erbe rlcrzls" usw. Wenn sic sich zu Vorschlägen versteigert, die — wie das Verlangen nach Abbruch der Palästinaarbeit und Thesaurierung des Nationalfonds — dann dürfen sich diese Männer nicht wundern, wenn sie in der zionistischen Ocffcntlichkeit Ansehen und Autoritiit verlieren und ihre Kritik als übelwollend und schädlich empfunden wird." Sogar beim ״Israelit“, der seinen Lesern die einzelnen Beschuldigungen, die Nordau gegen die Leitung erhebt, mit liebevoller Sorgfalt übermittelt, findet die Rede nur bedingte Zustimmung: ״. . . Daß cs mit manchem in der Nordauschcn Anklageschrift seine Richtigkeit hat, ist auch ־ dem Außenstehenden genugsam bekannt. Nur muß gercchterwcisc liiimigcfiigt werden, daß diese Mängel zum größten Teile auch früher schon, da noch Hie treuen Hüter des politischen Hcrzl-Erbcs das Heft in Händen hatten, bestanden, und cs mutet nicht ge* rade erhebend an, daß der ,Altmeister des Zionismtis' seine Privatrechmmg mit dem offiziellen Organe der Partei zum Anlasse ihrer solchergestalt rücksiehtsloscn Aufdeckung nimmt." Auch die jüdische und hebräische Presse ist in der Verurteilung des Verhaltens der Pariser Führer einmütig. Die Warschauer jüdische Tageszeitung ״Haint" schreibt in ihrer Nr. 165: in den ״Südd. Monatsli,", Juli IQ 12, möchte ich aufmerksam machen, wo Ku Dung Ming das chinesische Assimilantentum so schildert: ״. . . Die Menge der zopflosen Chinesen mit ihrer unbeschreiblichen Frechheit, voll Geschmacklosigkeit und schlechter Manieren.“ Es scheint die Assimilanten aller Nationen etwas Verwandtes zu veibindcn. Die Juden sind ein nach Europa verschlagenes orientalisches Element; sie haben von Europa viel gelernt, aber ihr Geist wurde in Fesseln gelegt und entnervt. Der europäische Jude ist der typische ״Indiskrete“, den Jakob Wassermann den ״Literaten" genannt hat, den vom Mythos losgelösten Menschen. Wir aber wollen das Judentum wieder frei machen und unsere Sehnsucht führt uns dem Orient zu; Wassermann, unser stärkster jüdischer Dichter, weiß den Weg. Er weiß (״Der Literat") Insel-Verlag): *Wo sich der einzelne wieder - des großen Zusammen* hang* bewußt wird, wo er im Schoß der Geschichte, ucr Ücbcrlicferung ruht, wo ewige Symbole ihn tragen, urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene damit verschmilzt, da mag der Jude den Weg zum Göttlichen leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit, ist ein Lite* rat; der Jude als Orientale, nicht im ethno* graphischen, sondern im mythischen Sinn, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Be* dingung macht, kann Schöpfer sein.“ — Da• ist der tiefste Sinn des Judenproblems; diese Worte gehören zu dein Größten, was darüber gesagt wurde. Wer dieses gesagt hat, gehört zu uns. Unsere Zeit ist bewegt; überall regt sich neues Denken, neues Fühlen, neues Leben. Wohl uns, daß wir als Juden ein neues Leben zu führen uns anschicken. Prag, Robert Weltach.

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