Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3י? Nij Der hebräische Unterricht Von Ac I» ath ha - Mo rot h. | Ucbcr die Notwendigkeit hebräischen Sprachj Unterrichts hat man an dieser Stelle schon oft Selbst- | verständliches und Verständiges gehört, Erfreulich! ist es, «laß nun endlich mal jemand die Selhstver- | stiindlichkcit beacht und den hebräischen Sprachunterricht mit dem Institut in Beziehung set/t, das gemeinhin dem Unterrichte dient, mit der Schule. Gcwilt war cs sehr schön, ich möchte fast behaupten, j erhebend, in den Untcrriclitskursen der ״I list.ntriitli־' : zu sehen, wie der Schule längst Eniwachstm• zur | Schulbank zuriiekkelutcn und mit größerem Eifer dem j hebräischen Unterrichte dort folgten, als sic wohl je für ein Fach in der Schulzeit entwickelt )iahen. Schön und erhebend war das, aber das Normale war cs darum doch nirlit. Das Lernen gehört nun mal in die Zeit, wo die Natur uns aufnahmefähiger ge• Stattet hat, in die Kindheit, die ja deshalb auch stets der Schule gewidmet war. Und noch ein (irund zwingt uns da/u, das Erlernen der hebräischen Sprache ganz energisch der Schule zu/uschicbcn, die l Interriclitstätigkcit bei Erwachsenen als No'.bchcli anzusehen•. Bei jenen, die voller Eifer die Kurse der ״Histailruth“ besuchten, war dieses Bemühen schon ein Ausfluß eines gewissen Lebensideals, des Ziotiismtts, oder weiter gefaßt, des Judentums. Sie halten den Weg zum Judentum gefunden, vielfach auf Umwegen. Und in der gesunden Erkenntnis, daß man auch den richtigen Weg zum erreichten Ziele kennen muß, holten sic das in der Jugend Versäumte jetzt, | zu ungelegener Zeit, nach. Wie unendlich viel wert- I voller ist es, gleich den richtigen Weg über die j Kenntnis des Judentums und des Hebräischen /um j Ziele der Liebe des Judentums zu gehen. Und dieser Weg muß in der Schule anfangen. Für den Lehrer, der das Judentum ernstlich liebt, kann cs augenblicklich kaum eine wichtigere f rage geben, als die: Wie fasse ich den hebräischen Unterrieht an? Darum ist eine Aussprache über den Unterrieht des 1 Icbräisclien mit Freuden zu begrüße«. Ich sage mit Absicht nicht ohne weiteres: über eine Reform des hebräischen Unterrichts. Nicht jede Reform ist eine ’Verbesserung. Vielleicht kommen wir gar aus dem Regen in die Traufe. Vielleid 1t erreichen wir statt des wenigen, das bis jetzt heim hebräischen Unterrichte heratisgekommen ist, fortan gar nichts. Schlimmer, als cs ist, Wann cs freilich in der Beziehung kaum werden, aber besser, und das kennzeichnet den Emst und die Wichtigkeit der Frage, auch kaum. Vielleicht hat gar die alte Atethode etwas für sich? Das möchte ich im folgenden mit dem Kollegen und mit allen, die für den licbräisehen Unterricht in der Schule Interesse haben (und jeder Zionist sollte das) besprechen. Wir Zionisten sind ja alle etwas optimistisch, daher auch gern zu Reformen geneigt. Und doch möchte ich der vorgeschlagcncn Reform nicht das Wort reden. Gewiß, auch mein pädagogisches Empfinden sträubt sich gegen die bisher gehandhabte Art des hebräischen Unterrichts. Nicht nur, weil ich mit Grausen an die hebräischen Stunden meiner eigenen Schulzeit zu- 11 ■11 וי■ ו- וווו«■.1—י . — וי■ .... ... Zur geistigen Bewegung der Gegenwart Ich möchte hier nur kurz auf einige Bücher verweisen, die wohl als Dokumente gewisser geistiger Strömungen unserer Zeit aufgefaßt werden dürfen. Es ist kein Widerspruch, wenn wir von diesen Strömungen in einem jüdischen Blatt sprechen. Denn unser jüdisches Streben ist vielleicht nichts anderes, als daß wir als Juden ganze Menschen sein wollen, und das heißt für uns: ganze Juden. Der Ruf nach Ganzheit, der der Grundton des Zionismus ist, durchzieht diese unsere Zeit. Und wenn er auch bei keiner anderen Nation einen so radikalen Ausdruck finden kann wie bei uns (worum wir uns eigentlich glücklich schätzen sollten), so können «loch auch wir mancherlei Befruchtung erhalten aus den Stimmen und Werken der anderen Völker um uns; wir werden, indem wir ttnsern Gesichtskreis erweitern, eine Stärkung unseres mensclilicitlichen Strcbeus erfahren, und das wird für uns auch eine Quelle nationaler Krafterneutrung sein. Wir werden ,׳!sich lernen können, was andere Nationen zum Aufbau neuen nationalen Lebens unternehmen und inan dies kann uns vorbildlich sein: denn, so sehen wir klar, nicht in der Stärke der äußeren Organisationsform liegt die Kraft einer Nation, sondern in der Frische und Spannung der inneren Lebenskräfte. Achad H n3m hat uns schon vor 30 Jahren gelehrt, daß das, was uns not tut, zunächst die ״Wiederbelebung der Ilerzen“ ist. (Vielleicht trägt die neue Auflage der deutschen Auswahl aus Achad Haam, die der jüd. Verlag jetzt herausgegeben hat und die in keines deutschen Zionisten Haus fehlen darf, dazu bei, diese Lehre in alle Herzen zu säen.) Die Kultur des Kapitalismus mit ihren Riesen- JUEÜ1SCHE RUNDSCHA U_ rückdenke, sondern schon, weil ich auf dem nllgemeinen Gebiete der Pädagogik einer fast ketzerisch modernen Rielihmt׳ angeliöre. Ich Im he ändern wollen, reformieren wollen und habe meine ganze I lilflosigkeit der Malaie gegenüber mit täglich erneutem Schmerze ciiigesche». Wäre ich nicht schon Zionistin gewesen, ich wäre es vielleicht .,mell damals geworden «furch den Sehmer/, den ich empfand, als meine Pädagogik aut dem Gebicle des i lehraischen sich zcrsclinirücrlc am (iahith. Die vielen Enttäiiseliuugeii, die ich bei meinen liefot 111 versuchen erlebt, möchte ich dem jungen ««!Fegen sparen. Ich werde zunächst seine Rcformvo.'xdtLii'c prüfen, dann auch von meinen Erfahrungen sprechen und, ich will vorgreifen, zu dem Schlüsse kommen: ki hakaul howel, daß alles vergebens ist. Der Herr Kollege unterschätzt «len Widerstand der Eltern. Wenigstens habe ielt selten, höchstens in religiösen Kreisen, bei «len Litern «len Wunsch getroffen, «lall die Kiniler im Hebräischen was lernen. Ja, bei Mädchen ist es mir passiert, daß sie wider «len Willen der Eltern, zumindest aber ohne deren Willen am hebräischen Unterrichte tcilnahmen. Sogar ausgesprochene Kämpfe mit beseligten Eltern habe ich kennen gelernt: Die Kiniler sind so schon so überlastet, die vielen Schularbeiten, Klavierunterricht usw. usw.! Die Ellern, die das I libtiiisdu' im Schulplane ihrer Kinder wissen, machen sich absolut nichts daraus, ob sie überhaupt was lernen, wieviel sie lernen oder gar, ob sie es auf verständige Weise lernen. Wenn der Junge zur Barmi/vvoll seine B’rochauß ohne Stocken sagen kann, genügt das in den meisten Fällen. Also kann man das Gros der Eltern bei einer Debatte über die Frage mit gutem Gewissen aussclialten. Mit Gewalt müßte inan dagegen die Lehrer aller Richtungen zur Diskussion heranziehen. Vielleicht würden viele, wenn sie au der Materie arbeiten, darum kämpfen, ohne positive Resultate zu erzielen, zu «ler Einsicht kommen, daß die Wurzel des Hebels' des hebräischen Unterrichts tiefer sitzt als in der verfehlten Methode. Achad h;»׳M0ri1n stellt die Kardinalfordcriing auf: Der hebräische Unterricht sei ein richtiger Sprachunterricht. 1:1׳ zieht Parallelen /tun Unterrichte in andern Fremdsprachen, der jetzt in vielen Schulen, dank einer ilurcitgreifendeti Reform der Methode, ganz nette Erfolge zeitigt. Doch siml die Fortschritte auf diesem Gebiete meines Erachtens für den hebräischen Schulunterricht kaum verwendbar. Lernen unsere Kinder Französisch oder Englisch, so geschieht das, damit sie sich mit Angehörigen des betreffenden Volkes verständigen können, dessen Literatur einst verstellen lernen. Anders das Ziel des hebräischen Unterrichts. Wie wenige unserer Kintlcr werden, ach! in die Lage kommen, etwaige Spreclikenntnisse praktisch zu verwerten. Der hebräische Unterricht hat im Galuth als Hauptziel, dem Kimle zu ermöglichen, in der heiligen Sprache zu beten, die altehrwürdigcn hebräische» Gebete, mit denen sich seit Generationen unser Volk an seinen Gott wendet; sie zu sprechen, nicht als Lippen werk, sondern mit dein innigen Ciefühle und Verständnis, das unsere Väter hiiicinlcgten. lieber dieses elementare Ziel hinaus soll der junge betrieben, die Errungenschaften der Technik, die Ausgestaltung־ des Verkehrs, all diese Schnelligkeit des Lebcnstcmpos hat den modernen Menschen zu einem gehetzten, geschäftigen Wesen machen müssen, der nur eines anstrebt: in dem allgemeinen Wettrennen nicht zurückzubleiben, und dem eines fehlt: die Besinmmg. Aus dieser Wirrnis und diesem Jagen vernehmen wir aber immer deutlicher den Ruf nach Sammlung. I >«:1־ Mensch beginnt, des Wahnsinns dieses Getriebes inrtc zu werden. Er erkennt, daß er vor lauter Sorge für die Mittel des Lebens «las Leben selbst vergessen hat. Es erwacht eine Sehnsucht nach Freiheit und Innigkeit und Menschentum; man beginnt sich darauf zu besinnen, daß der Mensch etwas arideres ist als das Objekt materieller Entwicklung, man beginnt wieder das unerklärte Wunder des Lebens zu bestaunen. Religiöse Ideen, metaphysische Sp׳•- kulatiune» werden wieder wach; der Geist bcg'nnt wieder seine Herrschaft über die Materie aufz.urichtcn. Der frivole liberale Individualismus, der nirgends so stark ward wie in der Seele des Juden, wird über* wunden durch einen neuen Lebenscritst. Dem Verlag von Eugen Diedericbs in Jena gebührt das Verdienst, für diene neuen idealistischen Bestrebungen in Deutschland einen Sammelpunkt geschaffen zu liabcn. Sein Werk ist ein nationales der besteil Art; er gibt seinem Volke echte Erbauungsbüelicr, die cs stark und tatenfroh zu machen vermögen. Dem Menschen unserer Zeit geht der Respekt vor dem Leben ab. Die durch das falsche Bilduiigsideal des aufgeklärten Liberalismus erzeugte Vielwisserei und Oberflächlichkeit führt notwendig zu dem Unernst, dem wir besondere bei Juden so häufig begegnen. Ei 1!c Verinnerlichung den Lebens tut uns not, die uns Festigkeit und eine höhere Auffassung unserer menschlichen Aufgabe verleiht. Der materialistische Egoismus des ״Liberalen“ wird | Jude i» den.Stand gesetzt werden, Stellen des T'nueh I in il 1 rer Schönheit zu erlassen. Für «liest• Ziele, bcsonders mr das erste, ist es ganz unzweckmäßig, t]!e hebräische Sprache als (wänuichssprache zu lehren und gar sie in der ganz neuerdings für frcimLprachliehen Schulunterricht sdinn wieder überwundenen Berlitz-Melhode zu lehren. Das Ideal wäre natürlich, die Kinder lernten das IIcbrüistinso beherrschen daß es ihnen geläufig wird, so daß sie jedes Wort «ler Gebete voll erfassen. Das ist «loch aller ein Ideal i» all der Umliirchfiilirbarkeit eines solchen. Die Ihrilii b'lbrith-Methoilc geht von dem A1mhauungs- und lileenkrcise des Kindes aus, lehrt konkrete Ausdrucke. Unsere Gebete aber bewegen sich, wie das in der Natur der Sache liegt, au! abstraktem Loden. Auch der l.aie wird sich eine Vorstellung da von machen können, wie unendlich lang«• es «lauert, bis man auch die Abstrakta einer fremden Sprache beherrscht. Aus Lrfahrnug weiß ich, daß sieben Jahre iiioilemcn französischen Unterrichts, fünf resp, sechs Stunden in der Woche, sogar eine befähigte Schülerin kaum in den Stand setzen, ein leicht geschriehciie«, konkrete Gebiac behandelndes Buch ohne Schwierigkeiten zu lesen. Und wir sollten e» erreichen, daß unsere Kinder bei der gleichen Methode von der wahrlich nicht leichteren hebräischen Sprache so durchdrungen werden, daß sie in ihr denken und fühlen, «laß sic ihr Heiligstes, ihre liebete,־ mit wirklichem, vollem Verständnis darin aussprechen! Abgesehen von allen außerhehen Klippen: dem Zeitmangel, der Notwendigkeit, das I Icbrüische in das ohnehin allzu vielfältige Gebäude des Lehrplans einzufügen, dem Widerstand der Eltern und nicht zuletzt dem der Behörde. Gern gebe ich zu, «laß, selbst bei beschrankter Zeit, für die Sprache mehr bei der Sprcehmetlioile lieraiiskomint. Lehrer und Kinder arbeiten freudiger. Den Kindern wird die Sprache ihrer l'ätcr nicht verekelt, wie'das bei «ler Ucbersetzungstnethode leicht geschieht. Ein paar Brocken werden sie ela von auch hchalten. Aber, aber wir lehren ja nicht «las Hebräische um der Spruche willen, wir lehren cs tun des Gebetes willen, aut religiösen Grün* den. Und für dieses Ziel kommt bei der SprcehmctlKxIe nichts, gar nichts heraus. So wert mir die hebräische Sprache als solche ist (man kann mir das als überzeugter Zionist in, die sie als Erwachsene sprechen gelernt hat, glauben), so energisch muH ich darauf bestehen, daß der Rciigionsstunde ,gegeben wird, was der Rciigionsstunde ist. Und da es mit dem Ideal der völligen Beherrschling der Sprache nichts ist, müssen wir zu «lern verpönte«, Lehrern wie Kindern gleich strapaziösen Gcbctühcrsctzcn zurückkelircn. Pauken müsst•» wir das ganz mechanisch, bis cs sitzt, bis unausrottbar itn Gehirne sich die Wort gruppe: allen seinen Geschöpfen dem gebeteten l’cliol b’rijaussow anscltließt. Denken wird das Kim!, das so übersetzen lernte, allerdings deutsch, aber es betet hebräisch und vor allen Dingen - cs denkt überhaupt. Der Lehrer muß dnuti eben in der (iebetühersetzungsstiuuli־, wo «las Interesse «ler Kiniler nicht durch die Materie geweckt wird, all sein pädagogisches Geschick auf* . . ■I— — . — ■» ן dann von seihst dem innigen Gemeinschaftsgefühl, I dem opferbereiten, stolzen, glückbringenden Pflichtbcwußtscin des für die Erhebung seines Volkes »r* beitenden Nationalen weichen. ,,Zur Harmonie der Seele“ heißt ein sehr schuues Buch von Carl Lim■ bek (aus dem Dänische[«; cingclcitct von Ellen Ke'); die Harmonie der Seele ist es, die uns u 11 ruhevollen Menschen ielilt. Der Verlag Diedericbs ist bestrebt, der nette 11 Lelnnsstimmung Ausdruck zu geben; der kürzlich erschienene Gesamtkatalog (18%-1912) zeigt die Resultate dieses Wirkens. Wir ersehen daraus, wie wesentlich einem nationalen Zweck durch Vermittlung fremder Werke gedient wird. Denn es werden nicht nur die alten griechischen Denket in guten und schönen Neuausgaben geboten, allen voran Plato, der Vater des idealistischen Denkens, in einer wundervollen Ucbcrsetamg von Rudolf IC a II - n er, sondern alle Völker sind vertreten: Amerika so gut wie Frankreich, Schweden wie Italien, China wie Indien. Als wirkliche Erbaiiiiiigsbüchcr können die Werke Emersons und Maeterlincks gelten. Eine bcsondere Erwähnung verdienen die Ausgaben tlcr deutschen Mystiker, die hier das erstemal «lern weiteren Publikum zugänglich werden. Auch wir Juden werden aus diesen christlichen, allerdings ketzerischen Büchern viel Wertvolles schöpfen; da unser Interesse an der j ü <1 i s c h c n Mystik, die uns die lebendige jüdische Volksreligion reptäse־״ tiert, neu erwacht ist, werden wir für deren Verstandnis aus der Mystik anderer Völker für uns viel lernen, und viele Worte hören, die uns veredeln und verbessern können. Als Klassiker der Mystik erscheinen Angelus Silesius (mit Einleitung von Bölschc), Meister Eckchart, Suso, Tauler. Sie predigen jenes Ewige, das allen Völkern gemeinsam ist, weil es der Seele des einzelnen Menschen angehört, und dessen gerade wir, wie alle Menschen,