Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Seite 229 JUEDISCHE RUNDSCHAU wir sind eben so politisch wie Ihr, der beste Beweis s dafür ist, daß wir Politik treiben.“ l;s ist;,Iler• ן dinps wahr, (laß diese Politik nicht von Erfolg begleitet war. l^och darum mache ich ihr wirklich keinen Vorwurf, Ls war eben nichts zu machen י Schwach, ohne Beziehungen, ohne Mittel, die ihren Schritten Nachdruck hatten verleihen können, konnte sie nicht viel erreichen. Wenn unser Vorfahr David mit einem Steine einen Koni« erschlug, wenn Simsen, der He״! der Legende, mit einein Esclskiimbacken die Philister erschlagen konnte, so muH man eben an• nehme״, daß die Leitung weder Steine noch Kinnbacken besaß, um das Exempel zu wiederholen. Wenn sic aber keine Philister erschlagen konnte, so hatte sie immerhin die besten Intentionen. Sie suchte — Wolffsi im hatte schon damit begonnen — eine standige I!(׳Ziehung mit der neuen Türkei zu schaffen. Vielleicht hat es unser״! Gesandten etwas an Erfahrun״ gefehlt; ich mache ihm daraus keinen Vori wurf. Das Handwerk eines Diplomaten ist schwer und bedarf langer Lehrzeit. Mit den besten Ablichte״ und mit der eigenen Fähigkeit der Juden, die hmurkt, dal) alle unsere Akademiker, die nicht Diplomaten werden, ihren Beruf verfehlt haben, machte er sich ans Werk, Vielleicht ist er anfangs in seinem Eifer etwas zu weit gegangen. Jedenfalls, weder unter W o I f f s o 1111, noch unter der neuen Leitung, habe 11 w i r etwas e r I a 11 g t. Nicht einmal die kleinliche Schikane des roten Passes wurde abgeschafft. Derselbe hindert zwar niemanden, der!ich in Palästina ansicdclii will, aber die Institution 1 ist erniedrigend für uns. Trotz. Revolution und trotz Beziehungen ist er nicht abgeschafft. Ernster ist folgendes: um uns wirklich niederlassen zu können, t brauchen wir das Recht, frei Land kaufen zu können, j Diesem Recht haben wir nicht, Lin fremder Jude — ] und alle Einwanderer sind eben Fremde ־ kann! nicht auf seinen Namen kaufen, er muß sich in jedem l alle eines Strohmannes bedienen. Diese vor* 1 geschobenen Personen haben sieh immer zu ihrer | Ehre sci's gesagt ~ als ehrliche Menschen erwiesen, 5 jedoch das System ist gefährlich und ein Hemmnis. Mau träumt schließlich von einer Agrarbank. Gewiß iit ein solches Institut von größter Notwendigkeit, iber wie soll cs funktionieren in einem Lande, wo ei keinen Kataster gibt, wo man keine Hypotheken nehmen kann. Alan hat schon die ersten Steine tu dieser Bank zusamnicngctragcn, jeddeh die Möglich* keit /11 deren Arbeit hat inan nicht schaffen können. , klso in diesen drei Punkten hat man nichts erreicht. Was die Beziehungen zu den anderen Machten betrifft, so wurden einige Versuche unternommen, die aber kein Resultat hatten. Jedoch mache ich auch daraus keinen Vorwurf. Was ich der Leitung vorwerfe, ist, j früher in den Reihen der (1 c g 11 e r des j politischen Zionismus gekämpft zu! haben, und sich jetzt selbst politisch j tu nennen. Was war also das Motiv ihrer An* . griffe? Etwa Ote-toi, que je m’y!nette? Ich kann das; nicht im Ernst annohmcn. | Welches waren nun ihre Leistungen Idusichtlich des praktischen Zionismus? Sehr ge* I ringe, ich kenne allerdings die Schwierigkeiten, י mit denen die Leitung zu kämpfen hatte Ihre Mittel f waren beschränkt. Aber dann, wenn man wenig hat, | unternimmt man wenig! Statt dessen heißt der Wahl* j Spruch: ״Beginnen wir nur, die Mittel werden sich \ finden ‘ Ich nenne das nicht praktisch. ן hl! werfe der Leitung nicht vor, schlechte Ge* schäfte zu machen; sie macht keine Geschäfte, sic hat da! Recht, Geld zu verlieren. Es ist ihre Aufgabe, Dinge /u unternehmen, die die Allgemeinheit für die *in/elmn tun muß. Man mußte experimentieren. Ls '« Ranz in der Ordnung, daß die Leitung die Mittel I : hergab, um Versuche zu tnacl cm Wenn die Farm I j Geld verloren hat, so tröste icl mich darüber, wenn I ] die Genossenschaft nicht prosperiert, so ist das nicht I i Schimm,, wenn der Her/lwald, der uns lieb ge- I ‘ J Worden ist, Enttäuschungen bercivt, so liegt dies * 1 »n der Ordnung der Dinge. ׳ ־ f! Aber wenn wir das Recht haben, uns t j lu irren, so haben wir nicht das Recht, ן unsere Irrtüruer zu verstecken. Wenn wir | ־ freimütig sagen, wir haben unsere Mittel zu dem und j «m Zwecke verwandt, sie sind verloren, aber haben f ן .׳ gedient, uns den Weg zu ־.׳eigen, eine solche 1 : Leitung hat die Achtung der Mitglieder mul der Außen- | ן stellend( n. Line verschlagene Leitung aber, die sich j ן *hebt oilen ausspricht, die Verheimlichungen anvven- | 1 «et und unklare Rechnungen liefert, begeht einen :1 j PoIJcn Fehler. Die, welche das Beste wollen, sic {; stützen möchten, sind verpflichtet, Halt! zu rufen. Die } Geschäftsleute, die in solchen Fragen Praxis haben h * kompetent sind, erklären, die gelieferten Zahlen r **,cn unrichtig; von der Leitung erhalten wir aber 1• I #ur »usweichendc Antworten. Es ist uns gleichgültig, L *tim die Oelbäume teurer zu stehen kommen, als |1 1״*prünglich angegeben, oder wenn andere Bäume 1;!«pflanzt werden, aber sagt es uns wenig* | ttn$! Wir verlangen vor allem die Wahrheit. Furch* tet den Augenblick, wo ein Feind — den ich nicht in meinet׳ Umgebung erblicke — sich dieser Tatsache bemächtigt, um Euch mit groben, scharfen Worten anz.ugreifen! Nun, unsere Leitung hat nicht das Recht, sich einer solchen Gefahr auszusetzen. Ls wird heute viel Lärm gemacht wegen des Projektes einer Universität, Die Idee ist ausgcz.cichnet und ilic Nützlichkeit ist allgemein anerkannt. Sie beweisen zu wollen, hieße Eulen nach Athen tragen. Aber mit welchen Mitteln wollen wir die Hochschule gründen? Wir Laben alles, Studenten, die nur auf deren Eröffnung warten, Professoren, deren cs tausende gibt, die fähig sind, aber keine Anstellung finden, weil sic Juden sind; nur das Geld mangelt. Warten wir, bis der I lerzlwald die Mittel liefert, wie soeben Dr. Qinsbourg gesagt, und jedermann wird dieser Verwendung beistimmen. Wollte inan früher» beginnen, würde man ein Fiasko riskieren. Ich erinnere mich an die Propaganda, die vor 10 Jahren bereits für diese Idee gemacht worden war. Durch einen dieser Glücksfällc, die sicli in der jüdischen Geschichte oft wiederholen, fielen jenem Komitee 10 000 Frcs. zu, Und da begann eine Epoche von Reisen und Reden durch ganz. Europa, bis die 10 000 Francs ausgegeben waren, gewissenhaft ausgegeben bis auf den letzten Heller. Und ich sehe heute dieselben Gesichter wieder Ihr dieses Projekt eintreten... Seien wir praktisch, wie I Icrzl und Wolffsohn cs waren, unternehmen wir nicht zu viel, um es gut aiizufassen, und was wir beginnen, machen wir es gut! Wir dürfen nicht Sachen unternehmen, die wir nicht zu Ende führen können; wir dürfen nur Werke beginnen, die unserem Namen und unserer historischen Aufgabe wirklich von Nutzen sind. Wir müssen imsern Ruf sorgfältig bewahren. Darauf kommt cs an. Demi welches ist die praktische Bedeutung des bis* hcrigen Werkes ln Palästina? Wir haben 50 000 Juden aiigesieilelt. Was ist das im Vergleich zu den sechs Millionen? Sehr wenig. Dagegen hat das Werk mora* tischen Wert. Wir können es der Welt zeigen, die unsere Hoffnung und unsere Idee nicht begreift und nur nach dem Acußeren urteilt. Wenn wir bei allen Fortschritten, die in Palästina gemacht werden, bei allen modernen und nützlichen Einrichtungen sagen können, cs sind die Juden, die dies vollbracht, so macht das guten Eindruck auf den Reisenden und jeder Besucher wird zu einem Herold unserer Würde und unseres Rufes. Also profitieren /,war nur wenige Hoforl von unserer Arbeit, aber indirekt nützt sic dem ganzen Werk, Dazu genügt das Vorhan* d c u c. Vermehren wircsnicht.daunserc Mittel nicht a u s r e I c 11 e 11, Ich komme zum Schluß. Die neue Leitung ist ans Ruder gekommen, indem sie den politischen Zionismus bekämpfte. An ihr Ziel gelangt, nennt sie sich selbst politisch. Sic hat auf diesem Gebiet wenig Resultate gehabt, was wir ihr nicht vorwerfen. Sic nennt sich praktisch, trat aber dem Vorgefundenen nichts zugefügt. Dagegen pro* jektiert sie gefährliche Dinge, bewegt sich auf einer schiefen Ebene, indem sie immer neue Unternch* nnmgeii beginnt, ohne die Mittel zu deren Durchführung zu besitzen. Einer Sache sind wir gewiß! Laßt uns treu bleiben der Idee 1 lerzls! Arbeiten wir für das ganze Volk, dann werden wir nie Schiffbruch leiden, denn die Idee kann nicht Schiffbruch leiden. Dagegen die Versuche und übereilten Unternehmungen können zu einer Katastrophe führen. Wünschen wir, daß die Leitung der großen Idee Hcr/.ls treu bleibe, denn nur mit dieser Idee und durch diese Idee werden wir siegen. Eine hochherzige Palästinastiftung Ein reicher jüdischer Kaufmann in Kalkutta, Joseph Abraham Schalom, hat in Jerusalem ein größeres Terrain erworben, auf dem er 24 Wohn- 11 ä u s e r erbauen läßt, die armen spaniolisch-jüdischcn Familien zu je dreijähriger unentgeltlicher Benutzung überlassen weiden sollen. Außerdem erhält jede Familie 1000 M. jährlich unter der Bedingung, daß die M.'iuner in der zur Erinnerung an den Stifter zu grün* demlcn Jeschibah ״Porath Joseph" täglicli den! Thorastudium obliegen. Das Bau.crrain kostet 130 000 Frcs,, die Kosten des Häuserbaues sollen sich auf etwa 250000 Frcs. belaufen. Nach einer Mitteilung der Jerusalemer Zeitung ,,Hacheruth“ hat Herr Scha- 10m in der Kalkuttacr Filiale der Bank of England anderthalb Millionen Francs für palästinensische Wohlfahrtszweckc deponiert. 40 <V0 der Zinsen sollen zur Er- Haltung des genannten Stadtviertels und 5 0/0 für das jüdische Hospital in Hcb'r&n verwendet werden. Die Verwaltung des neuen Stadtviertels besteht aus den Herren; Nissim E1 j a s c h a r, Elia A, S a s « o n, A. Ch. Valero und Nissim Nach um. Für ausländische Kinder keine Unterstützung Aus der Praxis der ArmenkommissJon der jüdischen Gemeinde Berlin — Eine Prozentnorm für ausländische Kranke im Gemeindekrankenhaus? In den Tageszeitungen wurde dieser Tage über ein tief beschämendes Vorkommnis berichtet, das ge* eignet ist, das Ansehen der Berliner jüdischen Gemeimle und des Judentums überhaupt auls Schwerste zu schädigen. Ein armer russischer Jude, Elkan Kolatzki, den sein Beruf als Parficwarenhändler zu ständigen Reisen zwingt, und der zudem mit seiner Frau in Uneinigkeit lebt, hatte sei 1c drei Kinder iin Alter von drei, vier und fünf Jahren bei einer Frau Braun in Berlin-Wilmersdorf in Pflege gegeben. Diese Frau, die keine Familie hat, lebt in ärmlichen Vcrhältnissen und nimmt mit Genehmigung des Wilmcrsdort er Magistrats Kostender bei sich auf. Kolatzki blieb wiederholt das Ptlegegeld schuldig und vertröstete die Frau, in zalilreiciien Briefen von einem Monat zum anderen. Als ihn nun dieser Tage seine Frau endgültig verließ, 'wurde seine Lage noch kritischer, und er richtete an die Pflegemutter• seiner Kinder das folgende Schreiben; ״Sehr geehrte Frau Braun! Zu Ihrem Erstaunen muß ich Ihnen mit zitternden Händen schreiben, daß mich meine Frau seit dem 10. Juli verlassen und bis jetzt nichts von sich hat hören lassen. Ich weiß nicht, was ich Wahnsinniger machen soll. Ich laufe wie ein irrsinniger umher und kann mein Geschäft nicht allein versehen. Sic hat mich direkt zugrunde gerichtet. Ich wollte Sic bitten, meinen lieben Kinderchen kein Leid zu tun und sic zu trösten. Geben Sic bitte die liehen Kleinen in das Waisenhaus. Die Acltestc heißt Bertha und ist am 7. Juni 1008 in Köln geboren, die zweite, Rosa, ist am 4. Mai 1*100 ebenfalls in Köln geboren, und die Jüngste, Paula, ist am 21. April 1010 eben* daselbst gehören. Ich bin sehr unglücklich und kann mir nicht anders helfen. Elkan Kolatzi.“ Nun wandte sicli die Adressatin um Rat an den Inhaber eines kaufmännischen Bureaus. Dieser bat die jüdische Gemeinde um Unterstützung der Frau, da die Kinder jüdischer Herkunft seien. Er erhielt von der Gemeinde die Antwort, sie könne für ausländische Kinder keine Unter* Stützung gewähren. Es wurde jetzt Geld für die Kinder gesammelt. Als diese Mittel zu Ende waren, wandte sich Frau Braun an die Armendircktion zu Schöneberg, Dort wurde ihr der Bescheid, sie solle die Kinder vorläufig behalten; die Armendircktion werde ihr 45 Mark Kostgeld pro Monat bezahlen. Mit diesem Betrag konnte die Frau die drei Kinder jedoch nicht ernähren. Sie behielt sie aber dennoch ■ einige Zeit, bis ihr schließlich, da sie nach ihren Angaben selbst Not litt, die Mittel fehlten. Nun wandte sic sich an ein Polizeirevier, wo ihr geantwortet wurde, die Polizei könne nichts machen, sie solle die drei Kinder nach Köln schicken. Dies wollte die Frau jedoch bei der großen Jugend der Kinder nicht tun. Da sie sich keinen Rat wußte, führte sie die Kinder vor das Polizeipräsidium in der Hauptstraße zu Schöneberg. Dort bat sic eine Frau, die zufällig dort stand, auf die Kinder zu achten, bis sic eine Besorgung erledigt hätte. Von dieser angeblichen Besorgung kehrte Frau Braun jedoch nicht wieder zurück, sondern überließ die Kinder ihrem Schicksal. Die Frau nahm an, daß die öffentlichen Armen- und Fürsorgebehörden die Kinder in ihre Obhut nehmen würden. Dem ältesten der Kinder hatte die Frau den oben wiedcrgcgcbcnen Brief seines Vaters in die Hand gegeben, durch den Leute, die sich der Kinder annehmen würden, über deren traurige Lage orientiert werden sollten. Die Kinder gelangten in die Obhut der Schöneberger Armcndirektion und diese gab die Kinder auf städtische Kosten der christlichen Zionshilfe in Pflege, wo sie zunächst bleiben durften, da der inzwischen aus Köln zurückgckehrte Vater der Armendirektion glaubhaft versicherte, daß er zurzeit nicht in der Lage sei, für die Kinder zu sorgen. Glücklicherweise fand sich dann doch noch ein jüdisches Institut, das geltet armen ״ausländisehen" Kindern Unterstützung zu gewähren bereit ist. Die drei Kinder werden auf Veranlassung des Vor- Stehers des israelitischen Waisenhauses in Bad Ems in (lern genannten Hause untergebracht werden, — Soweit der Tatbestand, wie ihn die Zeitungen berichten und wie er von der Berliner jüdischen Oemeinde weder dementiert noch in irgendeiner Weise erläutert worden ist. Fraglos muß das Vorkommnis auf einen jeden Juden, der auch im Juden jenseits der schwarz-weißroten Grenzpfählc seinen Bruder sicht, und dem auch nur ein wenig am Ansehen seiner jüdischen Qcmeirtschalt liegt, ungeheuer aufreizend wirken. Es ist deshalb zu verstehen, wenn uns aus unserem Leserkreise eine Fülle von Zuschriften zugegangen sind, in denen die Einsender ihrer Entrüstung über das j i