Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651815-2651848--09090-2666391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 328 JUED1SCHE RUNDSCHAU nähme, mit einem Becher den O/ean zu leeren . . . Durch Definition ist jeder Zionist ein Chowcvc-Zion, aber nicht jeder Clrowevc-Zian ist ein Zionist. Die Chowcvc-Zion sind zufrieden, wenn sic ein Stuck Land kaufen oder einige Bauern ansicdehi können: sehr schön! Sie gründen Werke, die das Land bewohnbar machen sollen: ausgezeichnet! Aber was haben diese Anstrengungen erreicht im Hinblick auf die ungeheure Aufgabe? Die Leistungen sind aller Achtung wert. Die ״Bilu“ haben in Palästina den Namen von Helden verdient. Selbst die Alliance hat eine Tat vollbracht, die man ihr zugute halten muß; es ist gewiß y» Verdienst, da IS Ch. Netter Mikwch Israel gründen konnte. Der Oerlanke ist ausgezeichnet, wenn sich auch die Gründer seiner Tragweite nicht voll bewußt waren. Aber dieser Zionismus konnte keine unmittelbar praktischen Resultate zeitigen. Die Schüler von Mikwch zerstreuten sich in alle Welt; kaum ein Zehntel blieb in Palästina (bis zum Zionismus). Rothschild hat Millionen geopfert, zuerst um der ״Hihi“ aufzulieifcn, dann, um die Kdonicn zu gründen, die heute den Kern des jüdischen Volkes bilden, wodurch er sich einen dauernden Platz in den Annalen der Geschichte gesichert hat. Er hatte gewiß nicht die Absicht, für das ganze Volk zu arbeiten, wenn er auch heute diese Illusion haben mag. Damals sah er die Gründung nur vom Standpunkt eines reichen und hochherzigen Dilettanten, der da eine Art ״Nationalpark“ für Menschen schaffen wollte, wo eine Zahl von Juden, deren Rasse ausztisterben drohte, künstlieh bewahrt und vor Gefahren geschützt werden sollten, um dem staunenden Fremden gezeigt zu werden. Es war gewissermaßen ein ״lebendiges Museum“, eine archäologische Sammlung. Selbst wenn Rothschild den Dutzenden von Millionen noch Hunherte hinzugefügt hätte den Millionen Juden hätte es kaum genützt. Das Werk war von vornherein durch seine Konzeption verurteilt, ein beschränktes Unternehmen wissenschaftlich-ästhetischer Natur zu bleiben. Die Gculali konnte von diesen Werken nicht kommen, so schöne und erhabene Qualitäten sie im einzelnen auch zeigen mochten. Dann kam der politische Zionismus. Gleich bei seinen ersten Schritten vollbrachte er andere Taten. Herzl, der Träumer des Judenstaates, schuf die ״Jüdisclie Kolonialbank“, dann, auf einem von Prof. Schapira ausgesprochenen Gedanken fußend, den N. F., und er hat dazu beigetragen, ein von anderer Seite gegründetes Unternehmen von größter Ikdeutung, die hebräische Schule in Jaffa, zu retten. Die Choweve-Zion mit all ihren Leistungen vor dem Aufkommen des politischen Zionismus haben wohl ausgezeichnete Absichten bewiesen, jedoch ein bemerkenswertes Resultat nicht gehabt. Und seither haben die Praktischen dem Werke ihrer Aeltcrcn absolut nichts hinzugefügt. Der politische Zionismus, der ewig verspottete, hat den I.C. T. gegründet, der noch besteht und sich nützlich gemacht hat, die A. P.C., die eine der fruchtbarsten Schöpfungen geworden ist, den N.!־'., der den Oppcnheimcrschcn Versuch großenteils finanzierte, der zur Gründung von Tcl-Awiw, das unser Stolz geworden ist, und das jedem Besucher Palästinas imponiert, beigetragen hat, der endlich Gewerbe- und höhere Schulen gründete oder lebensfähig hielt, der bisher noch nicht oder nicht in solcher Form ausgesprochen haben: Karl Wolfskehl, Jakob Wassermann, Margarete Siismann, Erich Köhler, Arthur Salz (Heidelberg), Arnold Zweig, Gustav Laudatier, der Sozialist, Moritz I leimann, der Dramatiker und Kritiker der ״Neuen Rundschau'‘, Max tirod, der Prager Dichter u. a. Von bekannten zionistischen und nationaljüdischen Schriftstellern enthält das Sammelbuclt ״Vom Judentum“ Aufsätze von Martin Bub er — dessen Einfluß dem Buch deutlich an/.umerken ist und der sich auch an der Redaktion beteilißt hat —, von Moses Calvary, Alfred Wolff, Adolf Böhm, Ludwig■ Strauß, Dr. Moritz Goldstein, Dr. Nathan Birnbaum, Micha Joscl bin öorion (Berdyczewski). Das Buch ist in neun Abschnitte geteilt: Jüdisches Wesen; Jüdische Religiosität; Jüdisches Denken; Das neue Judentum; Das Werden der jüdischen Bewegung; Die Aufgaben der jüdischen Bewegung; Der Jude und Europa; Probleme der Gegenwart und der Zukunft; Aus alten Büchern. Da» Buch wird nicht nur gelesen werden; es wird neue jüdische Kräfte wecken und stärken. Uns Zionisten aber kann es mehr werden als vielleicht alle Bücher der letzten Jahre. Denn es kämpft wieder für die Urkräfte unserer Bewegung, die ein neues Judentum schaffen will. Der Preis des Buches ist mit 3,50 M. für das geheftete, 4,50 M. für das gebundene Exemplar angesetat. Bestellungen nehmen schon jetzt alle Buch- Handlungen, der Jüdische Verlag in Berlin W. 15, Kurt Wolff, Verlag in Leipzig, und Bar Kochba in Prag, Langegasse 41, entgegen. mit einem Worte dazu beitrug, Palästina wohnlicher zu machen. - Und dann überraschte der Tod den großen I lerzl. Das Erbe llcrzls wurde verwaltet von einem Manne mit den besten Absichten, dessen Name in der Geschichte des Zionismus nicht verschwinden wird, wäre es auch nur wegen des Verdienstes, den Mut gehabt zu haben, das Erbe anzutreten. W o I f f s o h n war ein getreuer Verwalter, der immer die Ideen Hcrzls zur Richtschnur nahm, der stets den politischen Charakter der Bewegung betonte, der fortfuhr, jene praktische Arbeit zu leisten, die eben die einzige, zur Zeit mögliche praktische Arbeit ist. Die sechs Jahre seiner Leitung haben nichts vordorbr», alles gut imstande gehalten; das war im Grunde alles, was man verlangen konnte. Infolge fortwährenden Anstürmen* der Gegner wurde er entniutigt und müde. Die tinatifhörliehe Kritik, deren Ziel er war, bewog ihn, aus eigener Initiative sicli zurückzuzicheu und den anderen seinen Platz zu überlassen. Denn, das muß gesagt werden, er wurde night gestürzt; seine Gegner batten nur eine Minorität auf dem Kongresse, der sie zur Leitung berief. Ihr Sieg war möglich, weil die Majorität die Waffen streckte, und durch die Resignation der Parteigänger, die den Kampf nicht fortsetzen konnte, als der Führer sich zurückzog. Seit zwei Jahren sind also die Praktischen am Ruder, und man ist berechtigt, zu fragen, wie sie sich ihrer Aufgabe entledigt haben. Man hört heute von einer Opposition gegen die Leitung sprechen. Ich kenne keine Opposition, wenigstens, wenn man damit eine prinzipielle Oppasition meint, die alle Handlungen belauert, und den Umsturz bezweckt, um sich an die Stelle zu setzen. Einer solchen Opposition sind meine Freunde und ich vollkommen fremd. Aber die so definierte Opposition hat existiert. Es ist dies jene Minorität, die seit dem I. Kongreß an Steine in den Weg legte. Auf dein allerersten Kongreß war man einstimmig dafür, das mühsam ausgearbeitete Prograinm zu akzeptieren, da schrie eine Stimme, das Programm genüge nicht, das jüdische Volk verlange ein Königreich, das unabhängig der ganzen Welt gegenüber stände. Es war der reine Wahnsinn, und inan mußte den Schreier ausstoßen, der unser Werk zu verdächtigen drohte, Das war der Anfang der Opposition. Auf dem IV. Kongreß bildete sich die Fraktion. Bis heute habe ich nicht cinschcn können, was die Fraktion eigentlich wollte. Sie sprach von ״notwendiger Demokratie". Als ob wir einen Tyraunen gehabt hätten, der, umgeben von einer Leibschar aus alten Adclsgeschlcchtern, alle diejenigen, die anderer Meinung waren, durch seine Häscher hätte alisclilnchtcu lassen. Wie gesagt, es war nicht zu begreifen, was diese Leute wollten. Unter dieser Fraktion befand sich ein« zweite Fraktion, die Kulturcllc genannt. Deren Absichten waren ebenso uncr* findlicli. Konnte mau etwa den Zionismus, geführt von einem Herzl, des Obskurantismus zeihen, der sich jeder freiheitlichen Bewegung entgegensetzte? . . . Später nahm diese selbe Minorität andere Namen an, sie war aber immer zur Stelle. Sie nörgelte, kritisierte, ohne daß man wußte, was sie wollte. Das ist die Opposition, die nur zu stürzen sucht. Ich fühle mich derselben fremd. Ich kenne nicht diese krankhafte Sucht, zu widersprechen, wie diese Minoritlascliiloach. Literarisch-wissenschaftliche Monatsschrift. Odessa, Januar-Juni 1013. Band XXVIII. Verlag ״Achiasnf“. Abonnement halbjährlich 6,50 M. Der eben abgeschlossene neueste I Inlbjnhrsbnnd unserer vornehmsten hebräischen Revue steht auf der I lölie der früheren. Einige Aufsätze beschäftigen sich mit den dringenden Problemen des heutigen Judentun«. Ein ״junger Lehrer“ (״Morch zair“) tritt für eine radikale Reform des jüdischen Schulwesens ein und verlangt eine Umwandlung• des alten ״Glieder“ in eine moderne, hebräische Schule, auf ganz rationalistischcr Grundlage. Auch fordert er im Namen des Nationalismus eine Erweiterung des Gesichtskreises durch Heranziehung der Errungenschaften und Literaturen der andern Völker. — Dr. J. T11 on wendet sicli in einem Artikel ״Das Geschlecht der Wüste“ gegen die Unterschätzung des Üaluthjudentums durch die Palästinenser. — Die schwierige Frage der Aus* spräche des Hebräischen in den verschiedenen Dialekten behandelt eine gründliche Studie von Abraham Zewi Ideison. — Von historischen und historisch-literarischen Arbeiten erwähnen wir: ״Die Zeit des Propheten Maleachi“ von Dr. Kaminzki; ״hie Lehre der Pharisäer“, aus dem Nachlaß des kürzlich verstorbenen J, M, Pin cs; einen Aufsatz über die chassidische Sekte des ״Chabadismus", dessen Begründer Rabbi Schneir Salman vor hundert Jahren gestorben ist, von Cltaim Bunin; ferner eine Monographie des Jehuda Arje Modena von Dr. S. B e r n f c l d und des ״Rabbi Gorschom, die Leuchte des Exils“ von Naftali bei» Samuel. — Dr. A, Lewin son berichtet ausführlich über die jüdischen Studenten in Amerika. Sehr wertvolles und jnteresiantes Material zur Entwicklungsgeschichte der Nr. 32 tat sic hatte, die die kleinste Handlung belauerte * um Gründe für einen Vorwurf zu finden. Im Gegen! teil, ich hin stets bereit, an/ucrkcrincu, wem» die Leitung etwas Gutes vollbracht, und mich darüber nt treuen. Es ist nützlich, die Taisaelien fcstzustellen, die wir sehen. Ich ahme nicht der jetzigen Lei. tung nach, die sich nicht versagt, Parteig äug er zu'kritisicrcn, was doch mit einer Leitung gar nicht vereinbar ist. Das offizielle Organ und die Wamlcrredner kritisieren unsere 11nschuldigsten und natürlichsten Handlungen, die wir aus führen auf Grund des einfachen Rechtes als Zi<>- nisten. Im vergangenen Herbst hat man eine Zus a 111 m c 11 k u n f t in Paris veranstaltet, um in einem Momente, wo im Osten die größten Um- Wälzungen bevorstanden, offen zu diskutieren 11ml zu versuchen, ob nicht aus einer politischen Debatte eine nützliche Idee entspringen könne. Zu dieser Sitzung wurde die Leitung privatim cingcladcn; sie hatte den guten Gedanken (le hon goüt), ein Mitglied des A. C. zu delegieren, um daran tcilzunchmcn. Nachher konnten wir hören, daß wir gesetzwidrig gehandelt haben (illegal); gesetzwidrig, wenn freie Mitglieder sich offen versammeln! Gesetzwidrig, wenn man in klarer Sprache über die Fragen des Tages berät! wenn man keine Beschlüsse fassen wollte und nicht mit der Absicht kam, Kritik zu üben! Gesetzwidrig, wenn man die Leitung dazu cingcladcn hat! Vielleicht konnte man das von Charkow sagen, wo man Herzl nicht eihgcladcn hatte, wo man vielleicht die Absicht hatte, Beschlüsse zu fassen. Wir versammelten uns ohne Oppositionstendenz, um zu diskutieren, ohne voreingenommene Meinung gegen die Leitung, nicht zu böswilliger Kritik. Später, im Moment der Konferenz zu London, wandten sich einige Freunde aus England, die cs für nützlich hielten, daß auch wir unsere Stimme erheben, auch wir uns meldeten, an mich mit dem Ersuchen, einen Appell an das europäische Publikum zu richten. Ich sagte: Ja, aber keinen Appell, sondem wir wollen bloß informieren. Und dann habe ich als Publizist, als einer, der gewolmt ist, zur Ocflentlichkeit zu sprechen, meinen Gefühlen Gewalt antuend, kühl und trocken auseinandergesetzt, was der Zionismus sei, jedes Wort auf die Wagschale legend, alles vermeidend, was die Türkei auch nur im entferntesten hätte verletzen oder als einen Appell an die Mächte aufgefaßt werden können. Und dann ist das offizielle Organ der Leitung gekommen und hat mit Anspielungen, die jeder verstand, kritisiert, den Artikel der ״Times“ herabgesetzt und gesagt, da ist einer, der nichts versteht und nichts tut, und der will alles besser wissen. Die ״Welt“ hat da Kritik geübt an einem freien, unabhängigen Zionisten, der niemand Rechenschaft schuldet, als der Idee des Zionismus, der er zu dienen glaubte. Ich muß sagen, ich würde das nicht nachahmen. Ich konstatiere eines, was mir Freude bereitet. Diese Leitung, die ans Ruder gekommen ist, um den politischen Zionismus zu bekämpfen, die offizielle Negation des politischen Zionismus, entpuppt sich jetzt als politisch, Sic leistet politische Arbeit. Sehr schön! Aber in wessen Namen hat sie denn Wolffsolm bis aufs Messer bekämpft, wenn sie selbst jetzt sagen muß: ״aber neuen jüdischen Siedlung in Palästina liefern die detaillierten Darstellungen von Josna B a r s i I a i, den wir wohl als einen der fillerbesteu Kenner schätzen dürfen, in diesem Band ist Rcchoboth und die berühmte ״Bilu“-Kolonie Getier,111׳ behandelt. Vom neuen Palästina erzählt uns auch viel Schönes und Erfreuendes, aber auch manches Ernste Dr. Josef Klausner in seiner umfassenden Reiseschilderurig ״Eine werdende Welt“, die sich nun schon durch drei ßämk des ״Hnschiloach" hinzieht und noch nicht beende: ist. - Von belletristischen Beiträgen seien genannt: Eine schöne Erzählung ״Die Tochter Israels“ von M. Siko; ״Der Abend“ von Ben-Ami; ״Der Flüchtling״ von N, Schuf man. Unter den zahlreichen Gedichten, mit welchen u. a. Jakob Lerncr, David S c 11 i m o n o w i t z, Pesach G i n 1 b u r g, JcchicI Rabarbi, R. Scliaul vertreten sind, ragen die drei grandiosen Poeme ״Gesänge Israels" von S. S c h n e j u r besonders hervor. — Einen literar* kritischen Essay über J. CI1. Brenner steuert S. Z e - mach bei. Von andern kritischen Arbeiten sei ein Artikel über Üerhart Haupt in an ns neuen Roman ״Atlantis“ von Dr. Ewa Schapira erwähnt. Zahlreiche kleinere Arbeiten und Kritiken bereichern den Inhalt des Bandes, der durch die gelungene Rundschau, die wie immer Jehudi paschut besorgte, auch zu wichtigeren aktuellen Ereignissen des jüdischen Lebens Stellung nimmt. P«־»«• Robert Weltsch.