Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr- 32 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 327 Pie Reden Dr. Marmoreks und Dr. Nordaus In folgenden geben wir den Inhalt der beiden Vorträge nach den uns vorliegenden Berichten wieder Nachdem die Gesinnungsgenossen Dr. Jscob- |0n uni Dr. Ginsbourg Ansprachen gehalten hatte«, ergriff Dr. Marmorek das Wort. Der Redner (ragte, worin eigentlich die Grüfte der Hcrzlsehen Schöpfung bestanden habe? Schon andere Pinsker und Hirsch, hätten die Schäftung eines jüdischen Gemeinwesens angestrebt, Herzl aber habe mehr gegeben, als alles, was dem jüdischen Volke seit dem Exil zugekommen sei, nämlich den Plan zur Realisierung der Idee, der heiße: ״Die jüdische ' Frage •st eine politische Frage und kann nur auf politischem Wege gelöst werden. Alles andere, An- Siedlung von Bauern, Schaffung eines kulturellen Zentrums, sei Stückwerk. Wir müssen, politisch denkend, nnserm Ziel näher kommen.“ In diesem Sinne habe Herzl uns Waffen geschaffen, Waffen moralischer und materieller Art, wie sie allein für uns in Betracht komme״: die Tribüne, die Bank und den Nat io 1! a 1 f ond s. Die Erbschaft, die er hinterlasser sei schwer gewesen, nicht mir, weil es hieß, den grollen Plan durchzuführen, sondern, was noch schwen r sei, den großen Gedanken lebendig zu halten Dieser schweren Aufgabe seien die Nachfolger nicht gerecht geworden. Der heutige offizielle Zionisnms sei von den Ideen Hcrzls abgewiclu׳», und dessen Schöpfungen seien zu einem Zerrbild gcworden. Der Kongreß sei im Anfang eine erhabene Stätte gewesen, in die man ei 11 zog mit den Oefühlen, wie sic unsere Ahnen beim Eintritt ins gelohte Land empfanden. Heute stehen auf dein Programm nichts als Feste. Die Zionisten hatten sich als Vortretung des ganzen Volkes betrachtet und sidi mit der Gesamtheit verantwortlich gefühlt. I feute aber, gerade in den Tagen, wo dem ganzen Judentum ein Prozeß gemacht werde, wo in Kiew mit Beilis das ganze jüdische Volk des Ritualmordes geziehen werde, eine Anklage, die uns allen die Schamröte ins Gesicht steigen lassen sollte, d a feiern wir in Wien Fest auf Fest! Gegen dieses unverantwortliche Gchahren protestiere er in energischster Weise. Die Gelder des N, F, seien verausgabt worden zu Versuchen und Untcrnch* mungen, die, gut oder schlecht, uns die Waffe aus der Hand nehmen, die gerade die Ansammlung des 1 Fonds sei Hier wendete sich der Redner gegen das י Märclicn, das gern verbratet werde, daß nämlich die politischen Zionisten Gegner der praktischen Arbeit seien, für die sie nunmehr seit 16 Jahren eintreten. Er erläuterte, welche Arbeiten die Organisation aus- Zufuhren berufen sei, nämlich alle die, die ein luteresse für die Gesamtheit bieten, oder die zu schwer für die einzelnen Ansiedler seien. Statt dessen habe man den Lehren der früheren Fehler zum Trotz die Mittel zersplittert, um künstlich Bauern zu erziehen. Die Folge davon sei, daß bei der großen Umwälzung, die lieh vor uns abgespielt habe, wir völlig unvorbereitet gewesen, und als die einzigen leer ausgegangen seien. י Vor Jahren habe er bereits gemahnt, auf den großen Moment zu rüsten. Nun sei derselbe schneller gckommen, als man geahnt, und unsere Kräfte seien zersplittert gewesen. I gemeinsam. Auch die Schönheit seines vielbcwunderten hebräischen Stils beruht auf verstandesmäßigen Eigenschaften. Es ist klar — wie das Deutsch Moses Mendelssohns, er zeigt eine bewundernswerte Selbstzucht des Geistes, die der alt-jungen Sprache gut tat, und ist ganz fremd jener Erneuerung aus kirnst- 1eriscl.cn Instinkten heraus, wie sie, weniger einllußreich, Berd11schewsk i oder Tschernichowski erstrebt zu haben scheinen. Aber die intellektualistische Beweisführung war nicht die wesenilichc Grundlage für den Einfluß Achad Haanis, hinzu Kam, neben wirklichem Wissen und dem Ernst der Gesinnung, das unbestochene Auge des rück* *ichtslosen und unerschrockenen Wahrhcitsucliers, der Wirklichkeitssinn des Beobachters, die Uebcrlcgcnheit eines weitblickenden Beurteilers, die Klarheit des Schriftstellers, die ihm halfen, die Bedingungen der europäischen Assimilation, ihre Verknüpfung mit 4 der Emanzipation klar zu erkennen und cindring- 3 üch ״ml aberzeugend *in noch heute lerteswerten 3 Aufsätzen zu erörtern. Dieselben Eigenschaften *eichnen seine der ״Zionsliebe und dem Zio- | nismus gewidmeten Aufsätze aus; es wird Zeit , •c1n, die Einzelheiten seiner Kritik zu be- ‘prechcn, wenn diese Schriften in deutscher Sprache 1 *«scheinen werden. Der vorliegende Band enthält!tftichsam nur die Grundlegung. Die Zionslicbc, betont *f in aller Schärfe, enthalte in ihrer Tiefe unbewußt *m Streben nach nationaler Wiedergeburt auf all-!*mein menschlicher Grundlage und habe in dem «Volke der Schrift“ ein neues Leben erweckt. Aber 'ürs erste sei nicht Kolonisation Palästinas, sondern *״ ®<״,Verbesserung der Herzen“ der europäischen Juden notwendig, ja, Palästina selbst habe vorläufig *t® Judentum, nicht der Judenheit zu dienen, indem Die Praxis' habe uns* da zu‘ unserni Schaden gezeigt, daß politische Erfolge nicht ohne die׳ nötigen' Eigenschaften der Führer erzielt werden können. Man brauche Männer, die zu dieser Arbeit fällig seien, und die Leitung habe gefunden, daß Nord au hierzu nicht der Mann sei. in Brüssel habe ein Beamter des A. C. von oben herab über Nordau geurteilt. Eine Leitung, die ihte Mittel ausgibt, anstatt anzusammcln, •s£i alles! gegenteiligen Erklärungen zum Trotz nicht politisch; und eine Synthese sei zwischen den beiden Richtungen nicht möglich, weil die Brak* tischen die Grundprinzipien des politischen Zionismus nicht anerkennen wollen. Der Zionismus sei durch die politische Idee Hcrzls groß geworden, die heutige Richtung habe nichts hmzugcfiigt, im Gegenteil, sie suche ihn zu verkleinern, indem sic alle, die anderer Meinung seien, hinausdrängcr» wolle. Allen Lfmtrieben zum Trotz werden er und seine Freunde dem I lerzlsclicn Zionismus treu bleiben, da nur dieser der Weg zum Erfolg sei. Nach einer Panse, während welcher für den Herzlwaltl gesammelt wurde, und nach einer hebräisclien Ansprache des Gg. Dirn ante, ergriff Dr, Nordau das Wort. Er führte ungefähr folgendes aus; 1״ feute, wo wir schnicrcrfüllt unsere Gedanken atif den grollen, unvergeßlichen Mann lenken, den wir vor neun Jahren verloren haben, können wi? sein Andenken nicht besser feiern, als indem wir untersuchen, was von den Ideen, deren Schöpfer und Inkarnation er war, übrig geblieben ist. Seine Ideen waren in großen Zügen folgende: Er hat gefordert, daß das jüdische Volk, zerstreut und desorganisiert bis dahin, sich aufraffe und sich seiner historischen und moralir,dien Individualität bewußt werde. •Daß es von neuem den Wunsch liege, als Volk zu leben, eine Geschichte ohne gleichen auf dtr Welt an Alter und moralischer Größe weiter zu führen, und vor allem, daß das jüdische Volk das Wichtigste wiedergewinne, die Hoffnung auf die Zukunft. Die Logik dCr Gedanken brachte ihn von selbst auf den jüdischen Weg. Im Anfang dachte er nur an das Volk, das sich «einer Vergangenheit erinnert und eine Zukunft wünscht. Aber er sah ein, daß cs unmöglich sei, sein Ziel zu {«eichen, so lange die Juden in aller Herren Länder zerstreut seien. Das jüdische Volk, das erst noch in der Idee existierte, braucht einen Boden unter seinen Füßen. Es muß angesiedelt werden in einem Lande, das ihm gehört, um zu einer besseren Zukunft zu gelangen. Aber auch noch diese zweite Idee war verschwommen. Im ״Judenstaat", wo er sie auscinandersetzt, nennt er kein Land; cs ist ein Tratunland, von irgendeinem Gotte dem Volke auf der Wanderung geschenkt... Aber sobald sich eine Schar von Juden, die durch seine Ideen begeistert war, um ihn gestellt hatte, stieg er von der dichterischen Warte auf den festen Boden herab, er faßte Fuß und wurde zum praktischen Menschen. Dieselbe Logik, die ihn Vom Volk zum Gedanken des Landes gciührt hatte, brachte ihn dazu, die Idee des Landes zu fixieren: Es konnte nur Palästina sein. Er sah ein, daß das Land, in dem sich das jüdische Volk versammeln sollte, in dem sich dieser alte Stamm verjüngen sollte, nur die historische Heimat sein konnte, wo jeder Stein von den Tränen es einen inneren Mittelpunkt für die Idee des Juden* tums bilden müsse. Was aber ist denn dieses geheimnisvolle Judentum, um dcsscntwillcn die ״zeitlichen1 * 3 *' Aufgaben, die der Abhilfe der Judennot dienen, vernachlässigt werden dürften? Da erscheint nun das ganze, uns nur zu bekannte, Aufgebot der moralischen und gesetzlichen und aufgeklärten Literatur. Der Univcrsaiismus der Propheten, das Streben nach sittlicher Vollkommenheit, das objektive ideal der Gerechtigkeit im Gegen- Satz zu dem subjektiven grundsätzlichen Altruismus; in einem noch nicht' übersetzten Aufsatz fügt er' wohi auch die Ablehnung des Mittlergedankens hinzu und muß natürlich, nach berühmten Mustern, eine so starke ijidischc Bewegung wie den Chassidismus als׳ bloße "Sekte ausschaltcn. Ist nicht aber in ׳ Wahrheit Judentum die ganze reiche, unberechenbare und unübersehbare, Fülle von Möglichkeiten, in denen ein Gesamtwillc der Judenheit sich offenbaren mag? Wie das ׳ Deutschtum ein anderes war um 1200, ein anderes in den Tagen der Romantik,' ein ׳anderes' in diesen Tagen des Imperialismus? Wer aber doch einen Geist des Judentums erfassen will, von dem ei zuweilen, auch in achter Gesamttendenz,' vorüber* gehend abgeirrt sein könnte, der muß doch ein wenig tiefer graben. Achad Haain jedenfalls bleibt, auch hier wieder Rationalist, in dein Glauben׳ befangen, da« Wesen des Judentums bestehe in einer Lehre oder doch in einer inhaltlich bestimmten sittlichen Richtung. Da ist in Wahrheit nur noch' der eine winzige Unter* schied gegen da« — orthodoxe und liberale —. Missionsjudentum, daß ihm die Vereinigung der Juden an einem Orte ein wirksamere* Mittel für die Vollendung der Gerechtigkeit In der Welt scheint,' als ihre Zerstreuung. der Vorfahren befeuchtet ist, und jeder Stein eine Hoffnung für die Zukunft erweckt. Er erkannte, daß• irrt Herzen eines jeden Juden, arm oder reich, die' Sehnsucht nach diesem heiligen Boden schlummert! daß das Andenken weiterlebt, das an sich ein un■* verjährbarfcs Recht darstellt, daß ein feiner unfaßbarer, aber auch unzerreißbarer Faden vom Herzen jedes Juden, wo er sich auch befinde, nach diesem Lande gehe, und daß bei jeder Bewegung, die die Seele erschüttert, sein Herz den Zug dieses unsichtbaren Fadens empfindet, der seine Gedanken wie seine Gefühle nach Palästina lenkt. Sobald Herzl dieses unlösbare Band erkannt hatte, war seine Entscheidung klar. Fortan ist er nicht mehr der Mann des Judenstaate», sondern der Mann Palästinas. Vom ersten Moment unternahm er Schritte, seine Idee In die Wirklichkeit umzusetzen. Seine Absicht war einen Charter zu erlangen, mittels welches die Juden Eintritt in Palästina erlangen sollten; nicht durch eine Hintertür und geduckt, sondern erhobenen Hauptes durchs große Tor, mit Ehren von dem Hausherrn empfangen. Der Charter sollte eine ad* ministrative Autonomie, sowie eine gewisse Be-, wcgungsfreihcit geben, um die Institutionen einer modernen Gesellschaft erstehen zu lassen, und schließ* lieh sollte er neben der Unterschrift des Hauptbeteiligten, der Türkei, auch diejenigen einiger Großmachte zur Garantie tragen. Als diese Cliartcridee die Welt in Erstaunen setzte, erhol» sich schon eine Opposition. Es waren gerade die, welche sich als die Freunde Zions par excellcncc bczcichnetcn. Von Anfang an machte sich eine Tendenz fühlbar, die sieh praktische Tendenz. nannte, die aber Hcrzls Bemühungen nicht offen' entgegentrat, sondern sie heimtückisch anfeindete. Ich vergesse nicht, in welchem Tone einige Zionisten der ersten Stunde von Politik oder Diplomatie sprachen. De besten unter diesen sagten unter sich: ״Es ist eine Marotte: lassen wir Herzl zu Königen und Päpsten laufen, es hat immer den Vorteil, von un* reden zu machen, und kann uns den Beistand einiger westlichen Juden Einbringen; wir werden inzwischen praktisch arbeiten,“ Es bestand also von Anfang an eine Antinomie. Man versucht heute, die Grenzlinien dieser zwcl^ Tendenzen zu verwischen. Wenn dies geschähe, um aufrichtig und ehrlich ein Zusammengehen zu er-, möglichen, so wäre ich entzückt. Für die Ehrlichkeit, des Gedankens ist es aber notwendig, diese Linie zu ziehen und genau zu bestimmen. Der politische Zionismus, wie ihn Hcrzl ausgesprochen hat, und wie wir ihn verstellen und fortsetzen wollen, wollte י ein historisches Werk für das ganze jüdische Volk vollbringen, wollte wirklich die Geulah herbeiführen, ganz jenen Volksteil befreien, der sich bedrückt fühlt und sich nach Luft und Licht und Freiheit vor Gott und den Menschen sehnt. Die Praktischen hatten nicht diese weite Idee, wenigstens nicht wissentlich. Itn" Orunde ihres Herzens, in den Tiefen ihres instinktiven Lebens strebten auch sic nach einer generellen Verhnderung der Lage des jüdischen Volkes, ersehnten j auch sie die Rückkehr in sein Land; aber sie sehen nur das handgreifliche Ende des Unternehmens, und sind zu vergleichen mit einem Manne, der es unter- Ein Olück aber: der Mann Achad Haam ist mehr als seine Lehre und mit einem Missionsrabbiner nicht zu verwechseln. Nicht zu verwechseln, weil er bei allem Gegensatz und aller gedanklichen Befangenheit doch getragen ist von der starken Strömung des erwachenden, sieh auf seine Lebenskraft besinnenden Judentums. Sein Wirklichkeitssinn ließ ihn die Gc* fahren seiner eigenen Theorie überwinden und wurde die Quelle einer gesunden Kritik der Palastinaarbeit, ln de« Tagen der Erneuerung war er einer der besten und reinsten Rufer im Streite, das wird seine Bedeutung bleiben, Moses Calvary. Vom Judentum. In wenigen Tagen wird itn Leipziger Verlag Wolff (früher Ernst Rowohlt) ein Sammelbuch erscheinen, das den einfachen und stolzen Titel ״Vom Judentum“ führt. Dieses Buch wird, wenn es das hält, was schon die' Inhaltsangabe und die Namen der Mitarbeiter versprechen, von unge* «.׳ähnlicher Bedeutung werden. Es ist ein Buch des Neuen Judentums, ein Buch, in dem sich die schöpferischen jüdischen Kräfte, die in der zionisti* selten Bewegung und im nationalen Judentum die Zusammenfassung aller wertvollen jüdischen Strömun* gen sehen und anstreben, einen einheitlichen und kraftvollen Ausdruck geschaffen haben. Der Herausgeber ist der Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag, dessen Mitglieder Dr. Hugo Bergmann, Dr. Oskar ,Epstelt;, Dr. Hugo Hcrrmaiin, Hans Kohn, Dr. Wilhelm Stein und Robert Weltsch grundlegende Aufsätze im Rahmen des Satnmclbuches veroffent* liehen. Für die weitesten Kreise bedeutsam wird das neue Buch dadurch, daß in ihm sich jüdische Denker über da* jüdische Problem In voller Ausführlichkeit und mit persönlichem ßekertnermut äußern, die sich i