Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Er sagt selbst, daß die Leitung sich bemüht habe. Er weiß natürlich auch, daß diese Bemühungen fortgesetzt werden. Warum wartet er also nicht ab, ob sich Erfolge cinstellen? Wozu die öffentliche Konstatierung, daß ״nichts erreicht“ sei — eine Konstatierung, die niemand verlangt und die keiner von uns, die wir die Akten des E. A.C. nicht kennen, kontrollieren kann? Daß der ״rote Zettel“ und die Besehränkungen beim Bodenkauf bestehen, braucht uns Nordau nicht zu sagen, weil wir es selber wissen. Daß sich in den letzten zwei Jahren, seitdem die gegenwärtige Leitung ״regiert“, daran ebensowenig geändert hat, wie zurzeit Herzls, wissen wir ebenfalls. Kann es dem Ansehen unserer Organisation dienen, wenn Nordau dies in einer kritischen Besprechung der Tätigkeit des E. A. C. besonders Jicrvorhebt? Eine solche Kritik wäre nur dann berechtigt, wenn Nordau die Methoden, nach deuen die Leitung politisch arbeitet, verwerfen würde. Davon ist aber, wie gesagt, keine Rede. Auf dem IX. Kongreß hat Dr. Nordau erklärt: ״Legen wir Herzls Chartergedanken achtungsvoll in das Archiv des modernen politischen Zionismus und sprechen wir nicht mehr von ihm.“ Kühler kann man wohl den Grundgedanken der Herrischen Politik nicht ablehnen. Nordau will demnach nicht für eine charteristische Politik plädieren, obwohl er die früheren Kritiker des Chartcrgcdankens in seiner Rede recht unsanft behandelt und dagegen protestiert, daß man die Grenzlinien zwischen Chartcrismus und praktischer Richtung zu verwischen strebe. Dennoch stellt er der jetzigen Leitung durchaus kein besondercs poetisches Programm gegenüber, sondern begnügt sich damit, in einer Volksvcrsammlung zu erklären, die Leitung habe nichts erreicht. Er ist weit davon entfernt, unserem ״Gesandten“ einen Vorwurf zu machen; aber er kann nicht umhin, öffentlich zu sagen, cs habe ihm ״vielleicht“ etwas an Erfahrung gefehlt. . . . Diese Art der öffentlichen Kritik ist doch recht bedenklich, um so bedenklicher, als sie von so autoritativer Seite stammt. Nordau nimmt für sich in Anspruch, als Privatmann, als einfacher Zionist, reden und schreiben zu dürfen, was ihm beliebt. Er beschwert sieb deshalb über die ״Welt“, das offizielle Organ, welches einen von ihm in der ״Times“ veröffentlichten Artikel kritisiert und ihn selbst angegriffen haben soll, ln Wahrheit hat kein Wort gegen Nordau in der ״Welt" gestanden, Wohl aber mußte die Redaktion der ״Welt“ auf den vollständigen Abdruck des Nordauscben Artikels in der ״Times“ vorzichtcn und sich mit einem kurzen Hinweis begniigen, weil dieser Artikel gegen den mehrfach geäußertem Wunsch des E. A.C. veröffentlicht wurde, und zwar, mit der Unterschrift: Dr. Max Nordau, ׳Präsident des zehnten Zionistcnkongrcss c s. Es handelte sich also nicht um die private Meinungsäußerung eines privaten Zionisten, sondern um eine politisdhc Demonstration eines reprüsentaiiven, durdh seine Unterschrift zum offiziellen Spreüher des Zionismus erhobenen Füllreis, und diese Demonstration war 0’hnc Wissen des E. A. C. vorbereitet und gegen seinen Willen durdigeführt worden! Aehnlich steht cs mit der ״politischen Konferenz“ in Paris. Sie soll nach Dr. Nordaus Behauptung nur eine harmlose Thccuntcrlialtung gewesen sein, zu der man auch das E.A.C. fietiiidüchsi cingelnden hatte. In Wahrheit handeltc es sieh um eine Veranstaltung, die wiederum ohne Wissen des E. A. C, vorbereitet war und dem alleinigen Zweck dienen sollte, dem E. A. C. die politische Arbeit abzuncluncn und sic einem Komitee zu übertragen. Die Veranstalter hatten die Sache allerdings so schlecht vorbereitet, daß zwei der in Aussicht genommenen Personen sofort auf eine Anfrage des E. A. C,-Vertreters den Eintritt in das ״politische Komitee“ ablchntcn. Immerhin: So harmlos, wie Herr Dr. Nordau die Sache darstclit, war sie nicht; es war ganz einfach ein Putschversuch, um dem E, A. C. die Führung der politischen Geschäfte abzunehmen. Ob es politisch klug ist, gerade in diesem Zeitpunkt die großartige Leistung des Baron Rothschild so darzustellen, wie es Dr. Nordau getan hat (der stenographische Bericht verzeichnet bei Nordaus Bemerkungen über den ״Nationalpark“, den Rothschild anlegen wollte, ״lautes Gelächter“), das ist eine Frage, die das große Publikum vielleicht nicht beantworten kann, die aber einen Nordau bedenklich machen sollte. . . . Die Ausführungen Nordaus über den ״praktischen“ Zionismus sind durch die Entwicklung längst überholt. Bei der Behauptung, es sei in den letzten Jahren auch ״praktisch“ nichts erreicht worden, wollen wir uns nicht aufhalten. Dem Kongresse werden Zahlen uni Daten vorliegen, die diese Behauptung zunichte machen. Welches die ,,neuen Unternehmungen“ sind, mit deren Gründung die Leitung ihre ״Kräfte zersplittert“, ist vollständig unerfindlich. Die Leitung ist im Begriff, den Bczalel zu sanicren (der längst bestand), es ist ihr gelungen, die P. L. D. C. durch gewisse Kredite von anderer Seite zu stärken, der N. F. hat seine Farmen ausgebaut und im Rahmen seiner Mittel neues unc nützliches geschaffen. Die vor Jahren gegründete Immobiliengcscllschaft, zu deren Aktionären die ״großen Führer“ des politischen Zionismus allerdings nicht gehören, floriert, und viele Privat- Personen beginnen, ihr Kapital in Palästina zu investieren. Und schließlich sind größere Landlaufe vorgenornmen worden und noch in Vorbercitung was für die Zukunft des Zionismus nach Ansicht politisch denkender Zionisten von bcsoliderer Wichtigkeit ist. Wahrscheinlich werden auch Fehler gemacht, wahrscheinlich sind da und dort auch Verluste zu verzeichnen, aber die Fortschritte sind unverkennbar. Daß die ״praktische Arbeit“ des Zionismus von Herz! stammt, ist eine originelle Behauptung, über die sich llerzl selbst wohl am meisten wundem würde. Es heißt, das Andenken eines großen Mannes beleidigen, wenn man seine Gedanken auch seine Irrtümer — zu polemischen Zwecken entstellt. Herzl war gegen die Aufnahme der praktischen Arbeit, mußte dagegen sein, weil sie mit seiner (;harteridee, seiner do ut des Polilik im vollsten Widerspruch stand. Sie wurde ihm langsam abgertmgen (zu diesem Zwecke wurden die Formeln ״Erforschung des Landes“ und ״vorbereitende Arbeiten“ erfunden) und die Bank, die er gründete, war durchaus nicht als Geklgcberin palästinensischcr Gesellschaften, sondern als politisches Instrument gedacht. Auch der Nationalfonds sollte zunächst nicht ״praktischer Arbeit“ in Palästina dienen, sondern ein Sparfonds des Volkes sein,um im ״entscheidenden Moment“ verwendet zu werden. Die zionistische Palästinaarbeit ist überhaupt erst wenige Jahre alt. Sie beginnt mit der Tätigkeit Dr. Ruppins, der bei seiner Ankunft in Jaffa an zionistischer Palästinaarbeit (von der erst 1903 begründeten, damals noch ganz schwachen A. P. €., abgesehen) zwei wüste, recht ungcschickt erworbene Terrains vorfand. Was seitdem geschaffen wurde, braucht nicht aufgezählt zu werden. Man weiß es überall, vielleicht mit Ausnähme von Paris, wo noch nicht einmal die Existenz eines türkischen Katasters bekannt ist. — Neben den allgemeinen Wendungen, in denen Dr. Nordau die Leitung angreift, hat er auch einen konkreten Vorwurf erhoben, auf den die Leitung unserer Ansicht nach sofort antworten müßte: Dr. Nordau hat in öffentlicher Versammlung die Geschäftsgebahrung des E. A. C. auf das schärfste getadelt. Nach seiner Behauptung liefert die Leitung ״unklare Abrechnungen“ und verweigert die nötigen Aufklärungen, wenn sie von ihr verlangt werden. Auf diesem Vorwurf darf die Leitung nicht schweigen. Das ist ein Punkt, über den wir nichts wissen können, der aber im lnteressc des Ansehens unserer Bewegung dringend der Klarstellung bedarf. Die Leitung aut- Worte! Bücher und Zeitschriften Achad Haam, Am Scheidewege. Erster Band. Aus dem Hebräischen von Israel F r i c d 1 ä 11 d c r. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. J ii ־ discher Verlag. Berlin 1913. Achad Haam wurde als jüdischer Denker und Weiser gepriesen. So kam cs, daß man die deutsche Sammlung seiner Aufsätze wohl kaufte, auch mit einem gewisse« kalten Respekt von ihm sprach, ein ״ paar Schlagworte aufnahm, daß ihn aber viele halb gelesen achtungsvoll in den Bücherschrank zu den Philosophen stellten und kaum einer sich ernsthaft, wie sein ursprüngliches Publikum, mit ihm auseinandersetzte. Vielleicht wäre cs ihm besser gegangen, wäre er befehdet, aber doch verstanden worden, wenn er uns (tisch, im Augenblicke seiner Tätigkeit, als das, was er in seinen besten Schriften ist, nahegebracht wäre, als ein anregender, geistvoller Publizist, als ein Mann, der mit offenem, varurteilslosem Blick sieht und mit Ernst seine reife, durchdachte Meinung ausspricht. Das unterscheidet ja den Publizisten von dem großen Denker, daß seine Meinung aulhört, uns zu fesseln, wenn die Bedingungen, unter denen er schrieb, sich ändern, während wir dem Denker noch zuhören, wenn seine Meinung längst überholt ist. Denn dieser ist zugleich ein Künstler, und wi: wir etwa heute aus Heinrich Heines Urteilen nicht die Philosophen seiner Zeit, sondern Heine kennen lernen wollen, so bleiben die Bedeutendsten in ihrer künstlerischen Einheit um ihrer selbst, nicht um ihrer Lehre willen lebendig. Acltad Haam aber ist, bei aller Verehrung darf es ausgesprochen werden, ein Schriftsteller des Tages, eines Tages, der nun schon — das vorliegende Huch ist ja auch fast zwanzig Jahre alt seinem Ende sich neigt, ja, wall! schon einem anderen Tage gewichen ist. Er predigt gegen den Universalismus, und bcweist im einzelnen, daß das Universale notwendig eine individuelle Gestaltung annehmen müsse. Das ist recht schön und gut, es gibt viele Leute, denen man das heute noch immer wieder beibrmgen muß, und wir sagen es ja auch immer wieder: aber die Zeit, da es der f ü 11 re n den Geister Europas zu dieser Lehre bedürfte, ist nun schon über hundert Jahre her. Einen Einblick in seine Art, den Dingen nahe• zukoinmen, bietet eine kleine Skizze, in der er die religiöse ״Schale“ und ihren ״Kern“ einander gegenüberstellt und sehr mit Recht betont, wie wichtig in den heiligen Dingen die Schale sei. Aber in dieser ganzen Gegenüberstellung einer religiösen Form und ihres angeblichen Inhalts steckt doch der Rest derseihen Aufklärung, die die Sünde der deutschen Orthodoxie gewesen ist, die nicht erkennen wollte, daß die Torrn selbst ein Erzeugnis künstlerischen Volkstriebes ist und keines Inhaltes bedarf. (Es ist hier nicht der Raum zu einer gründlichen Erörterung. Die Frage soll in dem demnächst erscheinenden Sammelbuch ״Vom Judentum“, herausgegeben vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag, ausführlicher behandelt werden.) ’ Die Lehre der rationalistischen Aufklärung freilieh hat Achad Haam überwunden, immer wieder betont er, daß die Erkenntnis keine Impulse schaffen könne, aber die Form seines Denkens ist noch durch• aus rationalistisch. Er ist Analytiker und beginnt um so recht von Herzen deduzieren zu können seine Aufsätze im allgemeinen mit langatmigen Auseinander- Setzungen, in. denen er der Gefahr des Rational«- nuis, der Trivialität, nicht entgeht und mit einem Aufwand von Dialektik, Begriffszerglicdcrung und Geist Dinge auseinaiulcrset/.t. die uns schon selbstverständliche, primitive Voraussetzungen geworden sind. Das gilt überhaupt von den meisten der acht Aufsätze, die der Herausgeber, der wohl den Philosophen in Achad Haam überschätzt, den Lesern als geeignete Einlührung in den Schriftsteller zur ersten Lektüre empfiehlt. Echt rationalistisch ist sein Denken in Antithesen : Männer der Tat und der Leder, jüdische und niclttjüdische Literaten, außen Und innen, Freiheit und Knechtschaft, Verstand und Gefühl, Denken und Wollen, Judciilieit und Judentum. Der Durchlfihruitg solcher Gegensätze ist ein großer Teil der Schriften gewidmet. Das bewirkte meist eine Schärfe der Beweisführung, die einer allgemeinen Gefühlsdusclci zweifellos vorzuziehen ist, schlimm aber wurde es, als er in einer unglücklichen Polemik gegen die ״jungen“ und ihre gefühlsmäßige Rcaktion, -- auch Friedrich Nietzsche in das Prokrustesbett dieser Dichotomie spannte, um seine Lehre in zwei Elemente, ein ״ccht"jüdischcs und ein unjüdisches, zu zerlegen. Dieser rationalistische Zug seines Denkens, der Intellektualismus, der uns die unmittelbaren Be- Ziehungen zu seinem Schaffen erschwert, war eine der Voraussetzungen des ungeheuren Einflusses auf eine ganze Generation; denn er teilt ihn mit der Mehrheit in der Intelligenz der russischen Judenheit. "Daß dem so ist, beweist schon jener oben hervorgehobene Kampf gegen den Universalismus, gegen die Betonung des religiösen Inhalts: er kämpft gegen die Lehre, die seine Umgebung beherrscht, aber der Kampfplatz, die Orundlage des Kampfes, ist beiden