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Jüdische Rundschau · 1913-08-01 · Heft 31 (1.8.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 316 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 31 Eine Notwendigkeit Von Achad ha-Morim. Man spricht bei uns viel von Hebräisch und über hebräisch, aber Hebräisch spricht man nicht. Das entspricht genau dem, was mau bei uns für das Hebräische tut: man hält Vorträge darüber, man gründet Sprachgruppen, man wird Mitglicd der ״Histadruth", aber das einzig unumgäng• lieh Notwendige, das tut man nicht. Dieses einzig Notwendige wäre die Reform des hebräisehen Unterrichts in der Schule! Daß unser hebräischer Unterricht, selbst der, welcher in den besten unserer Schulen getrieben wird, allen Anforderungen vernünftiger Pädagogik und Methodik Hohn spricht, ist eine Binsenweisheit, die aber dadurch nicht minder wahr wird, daß sie ein patriarchalisches Alter erreicht hat. Unsinn setzt auch in einem Jahrhundert keine edle Patina an. Wir alle haben darunter leiden müssen, daß man sich bemühte, uns auf die widernatürlichste Weise nicht etwa eine Sprache, nein, das sorgfältig ausgeschnittene Segment einer Sprache beizubringen. Wir alle seid einmal Märtyrer des mechanischsten Sprachunten ichts gewesen, der existiert, auch wenn uns damals nicht die Ironie offenbar war, daß der Jude seine ״heilige“ Sprache behandelt wie etwas gänzlich Fremdes, mit dem er nichts anzufangen weiß. Bemerken wir gleich, daß die Reform des hebräischen Unterrichts keineswegs in erster Linie eine nationale jüdische Frage ist. Das ist sie durchaus nicht. Von unserer jüdischen Lehrerschaft wird auch der ärgste Zionistenfresser nicht sagen können, sie sei zionistisch infiziert. Aber auch beim libcralsten Lehrer wird — sofern er überhaupt den 11cbräischen Unterricht wünscht — der Wunsch leben, ihn vernünftig zu gestalten. Jedes pädagogische Empfinden muß sich eben dagegen sträuben, statt eines organischen Sprachunterrichts einen״ ׳Uebcrsetzungsuntcrricht" zu erteilen. Man wird uns also nicht vorwerfen können, daß der Schrei nach der Reform des hebräischen Unterrichtes ein spezifisch zionistischer Naturlaut sei. Man wird uns also nicht ruhestörenden Lärm und provozierenden Unfug unterschieben können, wenn wir mit der uns eigentümlichen etwas lauten Stimme diese Reform als das ״eine, was nottut“ immer und immer wieder fordern werden. Wir bitten, doch einmal den Versuch zu machen, uns von vornherein bei unseren Erwägungen und Entschließungen lautere Motive zu unterstellen und sich beratungsweise mit uns an den gleichen Tisch zu setzen. ״L'chu nah w’niwochachah!“ Kommt, laßt uns uns besprechen I Da wir bei den Lehrern prinzipielle Bedenken nicht zu erwarten haben, sondern nur auf den Einwurf praktischer Unmöglichkeit rechnen müssen, so wird es gut sein, erst am Ende diese Einwürfe zu prüfen und ihnen mit Vorschlägen zu begegnen. Am stärksten wird der Widerstand derer sein, die sich gar nicht dessen bewußt sind, daß sie Widerstand leisten: die Gleichgültigen unter den Eltern. Ihr Widerstand ist der gefährlichste, denn der Versuch einer Unterrichtsreform, wie wir ihn im Auge haben, bedarf zu seiner glücklichen Durchführung der Popularität, das heißt des Interesses und der Zustimmung der einzelnen. Das stramme Assimilantentum wird natürlich dagegen Protest erheben, weil es sich auf dem Wege befindet, der eine gänzliche Abkehr vom Jüdischen und damit besonders vom Hebräischen bedeutet. Es hieße einen unerlaubten Zweifel in die gesunde Denkungsart der deutschen Juden setzen, wollte man dem irgendwelche Bedeutung beimessen. Diese Sorte Juden bilden zwar eine bedenkliche Erscheinung, die man nicht aus dem Auge verlieren darf, aber sie sind an und für sich nichts als die unvermeidliche pathologische Stelle unserer Gesamtheit; mit dem Pathologischen aber rechnet man nur in der Krankenstube, nicht in der freien Luft gesunden Schaffens. Jeder jüdische Lehrer weiß, wie lieb im allgcmeinen den jüdischen Eltern der hebräische Unterrieht der Kinder ist. Und jeder wird im Laufe seines Jahres mehr als dutzendmal hören: ״Wir selbst haben ja das Bißchen, was wir gelernt haben, längst wieder vergessen, aber wir wollen doch nicht, daß unsere Kinder gar kein Hebräisch lernen. Diesen Leuten, die so doch immer noch am Hebräischen hingen, ihnen sollte man klar machen können, daß es unweigerlich ihren Kindern und Enkeln genau so gehen wird, wie es ihnen gegangen ist. Man muß ihnen sagen, daß es eine wahnsinnige Zeitverschwendung ist, wenn in einer — Verhältnismäßig — hohen Anzahl von hebräischen Stunden . nicht mehr erreich» wird, als daß die Kinder schließlieh mit Mühe und Not Schma, Achtzehngebet, Tischgebet, Nachtgebet, ein Dutzend B’rochaus und einige Psalmen übersetzen können. Man muß ihnen Verständnis dafür geben, wie armselig, wie unglaublich armselig die Ernte solcher Saat ist, wenn nach Ent* lassung aus der Schule es dem einzelnen unmöglich ist, auch nur im geringsten weiterzuatbeiten, wenn selbst beim besten Willen der verwischende Einfluß der Zeit höhnisch das wenige wieder auslöscht, das eben nicht in das sichere Heiligtum geistigen Erlcbeiis dringen konnte, sondern nur irn Vorhof des Gedächtnisses ein Dasein führte, dessen Ende schließlieh durch Aushungern herbeigeführt wird. Man sollte den Eltern immer und immer wieder in die Ohren schreien, daß diese Art von Unterrieht, der sich von der Volksschule bis zum Lehrerseminar wesentlich gleich bleibt, einen Raubbau an der Zeit wie an der geistigen Kraft des Kindes bedeutet. Mau sollte ihnen immer wieder zurufen, daß schon ein alter Lateiner gesagt habe, man lerne nicht für die Schule, sondern für:. Leben, und daß die jüdischen Lehrer des 20. Jahrhunderts diesen vernünftigen alten Herrn, dem inan auf den Seminaren die schönsten Referenzen macht, im Unterricht auf die schlimmste Art kompromittieren. Man sollte sie darauf hiuwcisen, wie groß der Unterschied zwischen den Erfolgen des gewiß nicht immer idealen fremdsprachlichen Unterrichts an den höheren Schulen ist im Vergleich zu den jämmerlichen Resultaten der hebräischen Paukerei. Endlich: man mache ihnen klar, wie entwürdigend es ist, die Angst vor der eigenen Courage zu haben, einen hebräischen Unterrieht zwar zu wünschen und unter zum Teil recht großen Opfern zu erhalten, andererseits aber nicht den Mut zu besitzen, von der jüdischen Schule ein System zu verlangen, gebieterisch zu verlangen, das dem modernen pädagogischen Standpunkt ebenso gcrecht wird, wie dem Bedürfnis des deutschen Judentuins nach einem wirklichen organischen Vertrautsein mit seiner heiligen Sprache. Diese Aufklärung wäre eine Aufgabe für die jüdischcn Zeitungen, die sich rühmen dürfen, in fast jedes jüdische Haus zu gelangen. Au sie ergeht hiermit die ausdrückliche Bitte, sich mit dem Gesagten und dem Folgenden auseiiiaiulerzusetzcn. Besonders erfolgreich dürfte es in diesem Falle sein, dem großen jüdischen Publikum die Gelegenheit zur Aculierung in einer i)chatte zu geben. Es hätte sich weniger über die praktischen Maßnahmen auszusprechen, als über die Notwendigkeit einer solchen Reform überhaupt. Der Wert dieser Diskussion würde darin liegen, daß man einen deutlichen Begriff davon erhalten könnte, wie weit der Gedanke der Notwendigkeit bei der Allgemeinheit Eingang gefunden hat und wie weit der Wille besteht, diese Notwendigkeit praktisch zu vertreten. Wenn ich das ״Hamburger Israelitische Familienblaft“ als die Arena nenne, die mir am geeignetsten erscheint, in ihr diese Sache auszufechten, so sehe man darin sowohl eine Anerkennung ihrer zahlenmäßigen Verbreitung wie der Fähigkeit, unparteiisch der Sache des Judentums zu dienen. Ich sehe seiner Antwort entgegen: cs wird nicht ablchncn! Gleichzeitig mit dieser ״Diskussion der Eltern“ — und wenn möglich an gleicher Stelle, aber doch räumlich strikt von ihr geschieden — hätte dann die ״Diskussion der Lehrer“ cinzusetzcn. Ihr Ziel muB sein, die Mittel und Wege zu finden, auf denen die von ihnen längst als notwendig erkannte Reform zu erreichen ist. Es werden sich da zwei Gruppen von vornherein bilden. Die eine wird erklären, eine radikale Umgcstaltung des hebräischen Unterrichts sei unmöglieh, unmöglich durch das Unterrichtsziel sowohl wie durch die Unterrichtszeit und die auf beide zugescluiittenen Unterrichtsmittel. Ihnen gegenüber stehen werden die, welche schon aus der dringenden Notvvendigkeit einen kategorischen Imperativ machen, ein Pflichtgebot, dessen Existenz an und für sich die Garantie der Möglichkeit seiner Durchführung in sich birgt. Die große Mehrzahl aber wird stell über die Grenze des zu Erreichenden noch völlig unklar sein, und es wird die eine und nicht die unwichtigste Seite des durch die ״Lehrerdiskussion“ zu erreichenden Resultats sein, daß fcstgcstellt wird, wie weit wir wenigstens auf dem Wege einer generclleii und prinzipiellen Anerkennung der Möglichkeit eines Reformversuches vorwärts kommen können. Zwei Leitsätze eines berühmten Pädagogen des Miitelalters werden wir uns dabei stets vor Augen halten müssen. Sie lauten: ״Alles nach Ordnung und Lauf der Natur“ und: ״Erst das Ding an sich, dann die Weise von dem Dinge!“ Wir werden erkennen müssen, daß die Hauptsünden der bisherigen Unterriclitswcisc gerade gegen diese Gebote besonders hart verstießen, Der hebräische Unterricht bis auf den heutigen Tag ist nichts weniger als natürlich. Er entspricht weder der Natur des Schülers, noch der Natur der hebräischen Sprache. Er entspricht lediglich der Natur unserer allgemeinen jüdiseh-kulturcllcn Lage, und diese Natur ist Unnatur. ״Retournons ä la naturet“ werden auch wir uns selbst und den andern predigen und uns energisch von dem Gedanken emanzipieren müssen, im Hebräischen eine Reliquie zu sehen, die man mit vorsichtigen Händen anfassen müsse und die nur zum Vor/eigen da sei, wie das Mirakulum. Wir werden uns darauf besinnen müssen, daß es ein schwerer Verstoß gegen das Ziel jeder formalen Bildung ist bewußt und systematisch den lebendigen Geist ein« Sprache zu vergewaltigen durch einen toten Schematismus, daß cs ethisch wie ästhetisch und ökonomisch gleich verwerflich ist, eine Alterkunst gcdächtnismäßigen Ucbcrsetzcns zu betreiben, wo es sich um die Kenntnis einer Sprache handelt. Welch merkwürdigem Gegensatz begegnet man doch, wenn man im Hinblick auf gute Ucbersctzungcn zu sagen pflegt, der Ucbcrsetzer müsse die fremde Sprache so meistern wie die eigene, und auf der anderen Seite ruhig zusicht, daß dem Schüler von vornherein zugemutet wird, was wir eben als die vollendete Leistung des Meisters im Sprachgebrauch anerkannt haben. ״Die Parodie ist der systematische Verderb des Originals“ hat mal einer gesagt, und er hat recht! Der ״Uebersctzungsunterricht“ ist die bestersonnenste Parodie auf jeden vernunftgemäßen Sprachunterricht, er muß deshalb der systematische Verderb der Sprache selbst werden. Wenn uns als Erwachsene, wohl auch schon als Seminaristen oder Studenten, ein oft gcrügter Ekel vor dem 1 icbräischcn überfällt, so ist das weiter nichts als das irrig orientierte gesunde Gefühl, das in der Gestalt geistigen Brechreizes gegen den widernatürlichen Unterricht protestiert, der uns statt des hehren Antlitzes der Sprache eine Fratze zeigte, die die Sprache kopierte! Welch Glück, daß wir zu solchem Ekel ab und zu noch fähig sind!! ״Alles nach Ordnung und Lauf der Natur!“ Die Ordnung und der Lauf der Natur wollten, daß das Hebräische eine Sprache werde, mehr! eine reiche, schöne, ausdrucksvolle und e n t w i c k l u n g s - fähige Sprache! Ordnung uml Lauf der Natur fordem deshalb gebieterisch, daß 11er Unterricht im Ilebräischen einzig und allein von den Prinzipien aus dirigiert werde, die für den modernen Sprachunterricht maßgebend sind. Die Kardinalfordcrung unserer Reform muß daher lauten: der Unt e r r i c h t im H ebräischen muß aus einer Neben disziplin des Religionsuntcrrichtes zu einem richtigen Sprachunterricht werden! Schon hier werden einige Leute nicht umhin können, den zionistischen Pferdefuß zu wittern, und sie werden sagen: ״Da haben wir's ja! Das ganze läuft daraus hinjius, daß es erstrebenswerter sei, Bialiks Gedichte und hebräische Zeitungen lesen zu können, als sich die Kenntnisse der Tfillah und von etwas T'nach auzueiguen. Ihnen ist die Sprache selbst Zweck und Ziel, uns ist sie nur Mittel zur Erweckung religiösen Gefühls. Sie wollen die heilige Sprache und damit den Religionsunterricht profanieren. Zionisten sind eben unverbesserlich!" Nichts falscher als das! Zwar werden wir niemals leugnen, daß uns allerdings das Hebräische als ״Lasehon Mainmisch“, als ״Gebrauchssprache“ sehr ant Herzen liegt, weil das lebendige Hebräisch als imahtösbare luheränz zu dem für uns feststehenden Begriff des Judentums gehört. Aber wie für uns das lebendige Hebräisch nur die unumgehbare Voraussetzung ist für ein jüdisches Lebert überhaupt, so, meinen wir, ist nur ein lebendiges Hebräisch imstände, ein jüdisch-religiöses Leben zu erzeugen oder zu fördern. Wer uns das nicht aufs Wort glauben mag, der frage einmal unsere Misrachisten, die doch schließlich im Grunde genommen wirkliche Jchudim des überlieferten Judentums sind, auch wenn der ״Israelit“ es nicht wahr haben will. Stellen wir uns doch nur einmal die praktische Frage, ob denn wirklich durch de« hebräischen Untcrricht, mit dem wir heute in sehr zweifelhafter Weise gesegnet sind, religöse Gefühlswerte erzielt //erden? Schreiber dieses gesteht offen, erst im letz* ten Seminarjnlir eine wirkliche Freude am Hebräisehen empfunden zu haben, trotzdem er vom ersten Schultag an auf einem unserer hervorragendsten jüdischcn Bildungsinstitutc einen quantitativ sehr rcidien Unterricht genossen hatte und sogar in den Talmtul seine ahnungslose Nase ein wenig hineinstecken durfte. Er gesteht ferner, daß er sich heute als junger Lehrer seinen Schülern gegenüber in keiner Stunde so unbehaglich und schuldbewußt fühlt, als in der hebräischen, in der er nolcns volens aus Menschenkindern Papageien züchten muß, ohne einen triftigen Entschuldigungsgrund dafür ausfindig machen zu können. Gefühlswerte erzeugt die hebräische Stunde schon deshalb nicht, weil sie dem Kinde technische Sch wierigkeiten bereitet. Es wird keinem Lehrer cinfallen, mit Kindern die sprachliche Schönheit eines Gedichtes diirchzugehcn, wenn das bloße Lesen noch störende Schwierigkeiten macht. Aber jüdisch« Gebete werden analysiert und in ihre gedanklichen Elemente zerlegt, eben nachdem der Lehrer noch gewettert hat, weil ein halbes Dutzend ״Schafsköppe“ wieder nicht gewußt hat, wie irgendein an und für sich gleichgültiges Wort heißt. Instinktiv oder bewußt richten wir ja danach auch im gewissen Sinne unsere Lehr-

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