Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 dulden, schneiden, ablehnen lassen. Das Ducken und AnschmicRcn sieht ihnen nicht. Der jüdische Student hält w seinen Schicksalsgenossen. Er fühlt sich als deutscher Bürger jüdischen Glaubens, der niemand Mchläuft, der sein Recht fordert. Später sind die Standesvereine das neutrale Gelände, auf dem die jüdischen Akademiker neben ihren andersgläubigen Berufsf,׳enossen marschieren. Nur in diaritativcn Vereinigungen, im Geschäfts- und Berufsleben verkehren Juden und Christen zusammen. Gesell.chaftlich bleibt der liberale Jude ein Jude, trotz der ״paritätischen“ höheren Schule. Weshalb wachsen, blühen und gedeihen die Bnci-Brith-Logen, die jüdischen Studcnten-, Turn- und Sportvereine? Und dennoch, der liberale Jude will just für die Zeit, die ein kräftiges jüdisches Bewußtsein In den jungen jüdischen Seelen zum Keimen bringen könnte, die paritätische Volksschule. Die liberalen jüdischen Gcmcindevorstände in den Großstädten, vor allem in Berlin, stecken den Kopf in den Sand und verlangen die Siinultanschule "ז|1,ן wc״n a||Cij j^ijft, die christlich-konfessionelle Volksschule. Nicht die Lehrer, nicht die Eltern, nein, die weit vom Schuß Hebenden jüdisch-liberale״ Gcmcindcpolitiker, die trotz der liberalen Forderung der Einheitsschule ihre Kinder statt in die Gemeinde-, d. h. beinahe Armenichulcn, in die gesiebten Vorschulen schicken, sie schwärmen, nicht wegen ihrer Kinder, sondern wegen der Kinder der Minderbemittelten und der Annen für das Ideal der allgemeinen Schule. Vielleicht hat der jüdische Lehrcrverband nicht mit dem genügenden Nachdruck auf diese herabsetzende Selbstverleugnung der jüdischen Großgemeinden hiugewiesen. Vielleicht sollte er sich dagegen wehren, daß sein durch den I). J.G. B. delegiertes Vorstandsmitglied in dieser Kardinalfrage einen Standpunkt vertritt, der dem der jüdischen Lehrer diametral entgegengesetzt ist. Heute ist in Preußen die konfessionelle Schule auf lange, lange Zeit hinaus gesetzlich fcstgelcgt. Den Juden ist die Möglichkeit gegeben, jüdisch-koukssionclle Schulen zu verlangen und zu schaffen. Es ist des deutschen Judentums, der deutschen Judcnheit unwürdig, geduldeter Gast in einem Hause sein zu müssen, in dem man Herr sein könnte. Der Stolz und das Sclhstbewußtsein der liberalen Juden sollte sich nicht darin gefallen, zu fragen: ״Erlaubt gefälligst, daß, um das Prinzip aufrecht zu erhalten, unsere Kinder mit den euren auf einer Bank sitzen dürfen; sie sollen nicht schon in der Schule gesondert seilt, wenn sie auch später gegen ihren Willen überall gesondert sein werden“, sondern sic sollen fordern: ״Solange ihr katholisch- und evangtlisch-konfessionclle Schulen habt, wollen auch wir jüdisch-konfessionelle Schulen haben. Gleiches Recht für alle! Die jüdischen Schulen sind ebensogut im- Hände, ein iür Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und Gemeinwohl erglühendes Geschlecht zu erziehen.“ Die jüdische Konfessionsschule wahrt auch mehr das Interesse der jüdischen Jugend als die christlichkonfessionelle Schule. Mag auch das spätere Leben Schritt auf Schritt den jüdischen Staatsbürger fühlen lassen, daß noch nicht alle Schranken aus einer rechtlosen Zeit gefallen sind, die zarten Kinderjahre wenig- *tens bleiben vor mancher Demütigung und Krankung verschont. Der Jude kann wenigstens als Scliü- Mary Antin, The Promiscd Land (Das verheißene Land), Collection of British Authors, T a 11 c h n i t z Edition Vol. 4387; Bernhard Tauchnitz., Leipzig. Dieser jüngst in der Tauchnitz Edition, der bekannten Sammlung englischer Werke, erschienene Roman einer noch jungen amerikanischen Schriftstellerin, entrollt ein anschauliches Bild aus dem jüdischen Leben Rußlands und Amerikas. Das verheißene Land ist das freie Amerika. Aus Polotzk » Rußland stammend, kommt die Verfasserin als Kind nach Boston, wo sie trotz der Armut ihrer Familie höhere Schulen besuchen und ihren großen ßildungstrieb befriedigen kann, da sie durch ungewohnliche Gaben des Geistes und ihren Fleiß die Aufmerksamkeit bedeutender Persönlichkeiten auf sich ltnkt. Es ist ein Roman in Form einer Sclbstbiopaphie, wie sie die englische Literatur in großer Zahl kennt. Die einfache Erzählung ist in einem Maren Stil, der an manchen Stellen sich zu feier- Rchem Pathos erhebt, geschrieben. MISCeLLCh :: , Gegen Rudolf Hans Bartsch, den bekamtwn österreichischen Dichter und Romanschriftsteller, wird .gegenwärtig von den Antisemiten ein Kessel- * ״tiben veranstaltet, weil er, wie sich z. B. die *Deutschst». BL“ geschmackvoll ausdrücken, ״sich Leib und Seele dem Judenvolkc verschrieben“ ®*׳*ף Die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen tWBt ®artlc*1 e*ncr &rRl“runf »*rück, in der es U U14 D 0C H A U ־! 11 J U E ü I SC Seite 307 ler die Weihe d:', f ־.Mw;•־, dtrv!« Ruhe von der Arbeit, durch Teihir,11;״: •«ד״ Clnv:•,-;;!:!.:; :dienst an sich selbst erfahre״. Ir, der Kord.׳dusle kann vom jüdischen •er do׳h ein t1־rr,i Jif;:c1׳cs Fundament für die spätere Bel:, drug, die d.:j judejein mit sich bringt, gelegt werden. Wie der N«.»•;,״::'.;u׳ der Licl.iflainmc, so strebt der Jude den Zenticu der InttlK'jcnz und des Verkehre zu. Er flieht das Land, wo ihm die Erwerbsquellen versiegen, wo seine Kinder der Bildungsmöglichkeiten tr.uaiigdn, und flüchtet in die Stadt, die --- gedacht oder wirklich — seine Wünsche erfüllt. Die Konfc״־,ior׳:׳:dn1|cii auf dun Lande werden aus Schülerinangd aufgelöst, und die jüdischen Geiticindctt der Mi Bei- und Großstädte pcrhorrcsziercn die jüdische Konfc: :;iou־״.dm|j. Die jüdischen Lehrer verlieren ihr Wirkungsfeld, die jüdische Religion sieht ihre Pflanzstätten schwinden. Muß das so sein? Soll das deutsche Judentum langsam, aber sicher hinsiechen? Nein! Da rauf» ein Wandel cintretcn! Die Not der Zeit fordert gebieterisch die Gründung jüdischer Volksschulen in den Siüdtcn mit großen •jüdischen Gemeinden. Besonders in des Reiches Hauptstadt, dem Zufluchtsort so vieler hundert und tausend Faniilien aus dem deutschen Osten, aus Rußland und Oesterreich, schreien die Verhältnisse nach jüdischen Schulen. Die Kinder der ausländischen Zuzügler müssen jetzt die Gcmeiudescluilcn besuchen. Sie werden dort als Fremdkörper, als Hemmnis ungern ertragen. Sie fallen dort durch ihre Namen, ihre Sprache, ihre Eigentümlichkeiten unliebsam auf. Sic müssen.die bisher geübte Hcilighnhung des Sabbats und der Festtage nufgc’ocn, und ihrem Oemütc bietet die christliche Schule keinen Ersatz. An die Vcrmitthing eines tieferen, breiteren hebräischen und jüdisehen Wissens ist nicht zu denken. Wie könnte da die jüdisch-konfessionelle Schule, erhaltend und neu bildend zu gleicher Zeit, für das Juden- und das Deutschtum wirken 1 Die jüdische Gemeinde unterhält bereits mit bestem Erfolge einige, wenn auch nicht öffentliche Schulen, die die Aufnahmegesuche nicht alle genehmigen konnten. Wohlan! Sie gründe jüdische Volksschulen im Zentrum, im Norden und Osten, und sie wirkt durch Schulen mehr für die jüdische Sache als durch ihre Prachtsynagogen. Wenn sie die Kosten scheut, dann stelle sie den Antrag, daß die Stadt Berlin, die von den Juden die Steuern zu den christlich-konfessionellen Schulen erhebt, neben den evangelischen und katholischen Schulen auch jüdisch-konfessionelle gründe. Die Stadt wird und kann ein solches Gesuch nicht ablehnen. Was in Kein,!Dortmund, Bochum, Essen, Hagen, Hildesheim, Emden usw. vorzüglich geht, kann in Berlin nicht unmöglich sein. In Breslau, Posen, Königsberg, Danzig, Stettin, Magdeburg werden die Verhältnisse nicht anders liegen. Hier ist ein weites neutrales Feld, das von Orthodoxen, Liberalen und Zionisten, von Eltern und Lehrern gleicherweise bebaut werden kann. Auf, ihr Freunde der jüdischen Interessen, des jüdischen Stammes, der jüdischen Religion und ihr Verfechter der jüdischen Gleichberechtigung, auf zur machtvollen Agitation für die jüdische Volksschule in allen jüdisehen Großgemeinden I ״ln einer Reihe von Zeitschriften — zumeist kleinen Parteiblättern — wird mir der Vorwurf gcmacht, ich hätte die Figur des Journalisten Hirsch aus der Neuausgabe meines (nun unter dem Titel ״Der letzte Student“ erschienenen) Erstlingswerkes aus Furcht vor dem Judentum gestrichen. Daß dieser Vorwurf von Beleidigungen und Vcnlächtigungen gegen meine Person begleitet ist, läßt sich denken. Dem erwidere ich, daß ich diese Figur gestrichen habe, weil ich sie für eine gehässige Karikatur ohne künstlerischen Wert halte, die ihre Ent- Stellung dem theoretischen Antisemitismus eines jungen Menschen verdankt, der noch keinen Juden persönlich kannte. (Die Figur entstand in dem politisch bewegten Jahre 1897 nach der Lektüre des großen Werkes von Chambcrlaln.) Weiter betone ich, daß keiner der Ehrabschneider, welche mir feiges Handeln zum Vorwurf machen, mich persönlich kennt; ich hoffe, daß er dann solche Vorwürfe nie erhoben hätte. Die Hetze gegen mich wird übrigens in einem Augenblick erhoben, da ich an zwei Werken _ arbeite, die an Mächten Kritik üben, deren jede mein Lebensschicksal zerstören kann, wa* das Judentum nie vermochte. Charakteristisch ist ferner, daß meine Meinung über den künstlerischen Unwert der Figur des Journalistcn Hirsch ausnahmslos die der ganzen Kritik war, bis heute, \vo von Parteilcuten die geniale Konzeption der Figur entdeckt wird — weil ich sie gestrichen." Ein jüdisches Olympia Das nationaljUdischc Turn- und Sportfest in Wien Von Erich Burin, Vcrbandsturnwart der Jüdischen Turnerschaft. Die jüdischen Turner und Sportsleute rüsten zum Wiener Kongreß. 111 der fleißigen 'Arbeit von Monaten sind die Pläne gewachsen. Eine jüdische־ Olympiade schwebte uns vor, ein Nationalfeiertag im klassisdicn Sinne. Der Gedanke schien!anfangs kühn; wir glaubten, ihn ohne unsere •bulgarischen und 0:1 manischen Turner, deren ehemals starke Vereine der Krieg dezimiert hat, nicht in die Tat umsetzen zu können. Aber die Gunst der sportfreudigen Zeit und die Erinnerung an Basel und Hambürg, die in unseni Reihen lebendig ist, schafften unserem Aufruf in der ganzen Jüdischen Tumerschaft j einhellige und begeisterte Aufnahme. * Zwei Tage, Sonntag, den 7. und Montag, den 8. September, werden die Veranstaltungen in lAnspruch nehmen. Sic sind in der Weise gegliedert, daß der erste Tag in einem großzügig angelegten Sdiauturnen eine Demonstration der in der Turner- Schaft organisierten jüdischen Jugend bieten wird, während am zweiten Tag olympische Kämpfe uin Sieg und Ruhm zum Austrag kommen. Eine der größten und schönsten Tumicrstätten Wiens, der ״V i c n 11 a -Spo rt p 1 a t z“ auf der Hohen Warte, wird für die Feste liergerichtet. Mit einem Aufwand von mehreren tausend Mark werden Turn- und Spielfehler, Laufbahn, Sprunggruben- und Wurf platze kunstgerecht angelegt, Tribünen und Logen eingebaut, Umklcideräume und Sammelplätze geschaffen. Für 15 000 Zuschauer ist Raum berechnet. ln diesem Rahmen werden sich die viclartigen Turnübungen, frohen Spiele und heißen Kämpfe abwickeln. Ein festlicher Einzug in farbenprächtiger Anordnung wird am Sonntag nachmittag alle, die zu unserer Fahne gehören, in Parade vorüber* führen: Turner und Turnerinnen, Athleten und Fechtcr, Fußballer und Hockeyspieler, Ringer und Ruderer. Audi das jüdische Pfadfinderkorps Wiens wird die Reihen schließen helfen. Die allgemeinen Freiübungen der Männer werden das Sdiauturnen eröffnen. Ein Gerätturnen in Riegen wird einen Blick in die werktägliche Vereinsarbeit gewähren. Mustermannschaften bringen Höchst* lcistungcn, auch in volkstümlichen Uebungen, zur Dar- Stellung. Die Turnerinnen treten zu Stab- und Geriitübungen auf den Plan, Einige Frauenabteilungen, so die der Wiener Vereine und des Berliner Bar Kochba bereiten besondere ״Attraktionen“ vor. Der Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport in Bcrlin entsendet eine Fcchtricgc. Jugcndspiele sind als bunte Abwechslungen vorgesehen. Viele Uebungen werden nach dem Takt der Musik ausgeführt. Den Schluß des Schauturnens bildet ein Hockeyspiel: Haköah-Wien — Bar Kochba-Berlin. Nachdem so die Veranstaltungen des ersten Tages mit einem gewissen dekorativen Aufputz, der aber gewaltige Arbeit und viel Schweiß kostet, abgelaufen sind, wird am zweiten Tage das Sportmeeting die größere Anziehungskraft auf die Turner und Sports- 1 eutc selbst ausüben. Zu scharfen Kämpfen haben Das Gericht von Bezicrs (Südfrankreich) hat in einem interessanten Prozeß, von dem die französisehen Zeitungen berichten, auf das biblische Recht des Armen auf Nachlese zurückgegtiffcn. Eine Bäuerin in Capeistang (Hdrault) wurde vom Feldhüter dabei betroffen, wie sie nach der Weinlese in ihrem eigenen Weinberge die Nachlese hielt; dieser machte ihr ein Protokoll deswegen. ״Sie haben nicht das Recht, nachzulesen“, sagte der Feldhüter. ״Was," rief die Eigentümerin aus, ״in meinem Eigentum sollte ich die kleinen Trauben, die an meinen eigenen Reben hängen geblieben sind, nicht schneiden dürfen I“ .,Sie haben ebensowenig das Recht, auf Ihrem Eigentum nachzulescn, wie in fremdem Weinberg“, beteuerte der Biedere. ״Dieses Recht gehft/t ausschließlich den Armen." Es kam zum Prozeß. Ende Dezember v. J. sprach die Strafkammer von Böziers das Urteil und verurteilte auf Grund der bestehenden Gesetze die Verbrecherin zu 25 Franken Geldstrafe. Die ersten Grundsätze dieser Gesetzgebung beruhen auf der Bibel (Lev. 19). Eine französische Ver- Ordnung vom 7. Juli 1779 hat dieses Recht der Nachlese zugunsten der Greise, Invaliden und Kinder aufreehterhaltcn und ein Urteil des Kassationsholes vom 8. Oktober 1840 hat diese Verordnung bestätigt. Das Gericht von Bdzicrs hat also nur die übliche Rechtsprcchung fortgesetzt, Indem es, im Geiste der Bibel, die Nachlese als Eigentum der Armen erklärte und die Eigentümerin ausdrücklich unter Strafe davon ausschloß.