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Jüdische Rundschau · 1913-07-25 · Heft 30 (25.7.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite :,06 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30 behaupte» ist doch ein starkes Stück. Wir müßten ja völlige Barbaren sein, wenn wir das, was uns Deutschland gegeben hat und täglich noch gibt, mit einer verächtlichen Handbewegung abtun könnten; durch all das, was Zionisten denken und aussprechen — man erinnere sich nur des Aufsatzes von Moritz O o 1 d s t e i n im Kunstwart — zieht sich ein tiefes Gefühl der Liebe für Deutschland hindurch, oft pessimistisch, trostlos, verzweifelt, doch stets wahr und echt. Traurig die, die so wenig die Menschennatur zu verstehen vermögen, daß sie reine Gefühle da suchen, wo äußerliche Kinkerlitzchen flimmern oder noch schlimmer beflissener Servilismus sich breit macht. Wir denken gar nicht daran, Zentralvereinlern wahre Vaterlandsliebe abzusprechcn; aber wir hoffen sehr, daß sie von dieser nicht dann erfüllt zu sein glauben, wenn sic sich zum zehnten Male an demselben Abend haben bestätigen lassen, daß sie d cu t sch n'a t ion a I sind. Hinge Vaterlandslicbe wirklich an der Feststellung eines armseligen Begriffs, dann wäre es schlimm um eines der edelsten Gefühle bestellt. Wir wünschen wahrhaftig, daß unsere Gegner so naiv sind, zu glauben, durch unaufhörliche Prästierung ihres Deutschtums dem Antisemitismus Abbruch tun m können; denn wenn sie einfach aus ״Patriotismus“ das unabweisbare Bedürfnis in sich fühlten, fortwährend Hurra zu schreien, so täten sie mir herzlich leid. Es ist hundertmal verzeihlicher, wenn ein deutsclmationaler Christ dem Hurrapatriotismus sein Opfer bringt als wenn ein ״d e u t s c 11 n a t i o 11 a 1er J u de“ (um in der Terminologie des Zentral Vereins zu blciben) ihm zu huldigen für nötig hält. Vor über 100 Jahren schrieb ein Mann von vornehmster Gesinnung, der Freiherr von Diebitsch, in einer warmen Verteidigungsschrift für die Juden ihnen am Schluß folgende goldene Lehre ins Stammbuch, die auch heute noch für den jüdischen Hurrapatrioten von 1013 äußerst beherzigenswert ist: ״Ahmet nicht ohne Bedacht nach; Nachahmung ist oft Bewefs von Geschmaeklosigkeit, von Geistesschwäche und noch öfter von Torheit. Wer bloß das Edle, das wahrhaft Schöne, das Gute naclizualimcn sucht, vergrößert seinen eigenen Wcrt{ wird geschützt und selbst von denen geachtet, die er naclialimct, da der blinde Na c 11 a 11 in e r s i c 11 zum G e I ä c 11 - ter macht und den zum Gelächter zwingt, den er zu kopieren weder Geist noch Talent hat, oder nicht in solchen Verhält* nissen stehet, die mit dem Nach zuahmenden über einstim in c n.“ Wenn ein Mann, der nicht nur in dieser Schrift ״kosmopolitische unparteiische Gedanken über Juden und Christen“ geäußert, sondern häu- Antizionistische Lyrik Dem Antizionismus ist ein Dichter erstanden. Er heißt Emil Spiegel, wohnt in Prag und dichtet so: ״Das Judentum: Nationalität Nicht Olaube, so wird jetzt behauptet. Was gäb’s, wenn’s nur nicht in der Thora steht, Was ihr Juden von heute nicht glaubtet.“ Und so: ״Sie lechzen nach einem neuen Ruhm Er nennt sich Muskel Judentum. Einst ward das jüdische Herz geschätzt, Jetzt wird es durch den Muskel ersetzt." Und wenn er witzig wird so: ״Du fragst, wie sich zum Glauben denn stellt Als solcher der Zionist? Ich glaube, er ist, was diesen betrifft, Im Grunde Pantheist. Du meinst, das wäre Vermutung nur Und Zeugnis hatte ich keins. Das ist es ja: in diesem Punkt Ist jenem alles eins!" Die Frage der Assimilation behandelt er erschöpfend mittels fünf teilweise wenig bekannter Fremdwörter, die sich vorzüglich reimen: ״Sie sprechen das Wort: Assimilant, So höhnisch, als hieße es: Simulant. Fast dünkt mich, wenn sie so pcroricrcn, Und alles Errungene ignorieren, * Daß sie selbst ein wenig dissimulieren.“ iig Gelegenheit genommen hat, zugunsten des Judentums in die Schranken zu treten, diese Maliinnig an die Juden richtet, so hat er auf diesem Gebiete sicherlich einen wirklichen Mangel bei ihnen zu finden geglaubt; das Assimilantentuni in jeder Beziehung war cs, was den wahrhaften Edelmann abstieß. Es gab damals noch keinen Zcntralvercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, in dem Tausende von deutschen Juden ihr Deutschtum täglich in die Welt hinauszuposaunen sich bemüßigt fühlten. Aber die Gesinnung, die sich hierin ausspricht, feierte damals wie heute ihre Triumphe. Ihr mit allen Kräften entgegenzutreten, ist unsere Aufgabe, uni die Verachtung zu beseitigen, die sich die Juden in weiten Kreisen durcli ihren aus Byzanz importierteil Patriotismus zugezogen haben. Jüdisch-liberale Schulpolitik und die jüdische Volksschule Von Heinrich R e u ß. Es gab eine Zeit, in der das Bekenntnis zur Simultanschulc als das Schibolet eines freiheitlich vorwärtsstrebenden Schulmanns galt. Eine Schule, deren Lehrkörper Protestanten, Katholiken und — vollbeschäftigte, mit alle 11 Disziplinen beauftragte Juden in holder Eintracht gleichberechtigt* in sich schloß; deren aus allen Religionen sich rekrutierendes Sdiülersnatcrial in allen Unterrichtsfächern gemeinsain für die Schule des Lebens, für die gleichen Hin gemellte und -pflichten vorhereitet, das mir im Religionsunterrichte getrennt und dann von dem Lehrer seines eigenen (ilnubcns unterwiesen wurde, — sie war das Ideal einer nationalen Pädagogik. Sic nur konnte den zukünftigen Bürger des Rechtsstaates sans phrasc erziehen und vorbilden. Die Programme der liberalen Parteien postulierten, die Beschlüsse der Lclirertagc verlangten sic. Ein Ideal blieb leider die Simultanschulc bis auf den heutigen Tag. Der Gedanke war zu schön, um realisiert werden zu können. Wenigstens in Deutschland, dem Lande der Reformation, dem Lande der ewig latenten Religiousfehdc. Die Simultanschulc — richtig aufgefaßt und vollständig durchgcführt — ist in Deutschland schlechterdings unmöglich. Man stelle sielt einen evangelisch fühlenden, die eigne Urberzcugmig nicht verhehlenden Lehrer vor, der vor der aus Protestanten und Katholiken sich zusaiiunciiset/emlen Klasse Luther würdigen, den dreißigjährigen Krieg vortragen soll. Man denke sich einen jüdischen Lehrer, der in der deutschen Stunde ein Musterstück allgemein Christliehen Inhalts gemüthildend, die religiöse Gesinnung fördernd behandeln soll. Eine richtige Simultanschulc gab es und gibt cs nicht. Was wenigstens die Juden im Lehrcrkoilcgiuin betraf, so hat man ihnen wohl nie in den oberen Klassen den Unterricht in den Gcsinmingsfächern übertragen. Ein jüdischer Lehrer aber, der in der paritätischen Schule nur als Lückenbeißer gilt, der durch den Unterricht im Rechnen, in den Rea¬ Das ist alles schön und gut. Bedenken aber tauchen auf, wenn der Dichter weiter von sich und seinen Freunden behauptet: ״Die Treue, die wir jenen halten, Wir halten sie der Sprache auch, Der unsre ersten Laute gelten, Und deutsch sei unser letzter Hauch.“ Davon sollen doch wohl die Oedichte ausgenommen sein? Wir beschränken uns auf diese paar Talentproben und verweisen, im übrigen auf die Quelle, das Juni-Juiiheft der Zeitschrift ״Liberales Judentum“, Hcrausgegcben von der ״Vereinigung für das liberale Judentum“, Berlin W, 8, Maucrstr. 49. Die Gedichte eignen sich vorzüglich zum Vortrag bei heiteren Anlässen. Die Anschaffung sei demnach vor allem den zionistischen Vereinen und Korporationen empfohlen. Bücher und Zeitschriften Faltlovitch: Falascha-Bricfe. Berlin 1913. . Vertag von M. Poppelauer. Ein ganz reizendes Büchlein! Ein paar Briefe, die der bekannte Forscher Faitlovitch während seines Aufenthaltes in Abessinien von einigen Falaschas bekommen und jetzt im Urtext und in *wörtlicher deutscher Uebersctzung veröffentlich» hat. Mehr als manche ausführlichen Berichte dürften diese kleinen Bride das Interesse der Allgemeinheit wieder auf die Falaschas lenken. Es sind documcnts humains, die durch ihre Treuherzigkeit, ihre Einfalt und zugleich lien und Fertigkeitsfächerii oder ausschließlich in der Religion vollbeschäftigt ist, der sicht sich den blauen Himmel Italiens durch die Kerkcrfeiistcr an. Er ist das bemitleidenswerte Objekt eines verpfuschten Ideals. Welcher jüdische Lehrer verteidigt heute noch die SimuHaiiscImle? Kann sie angesichts der bisherigen Erfahrungen, angesichts der tatsächlich bestehenden Verhältnisse herbeiwünschen? Aber das jüdische Schulkind! In seinem Interesse wird doch die paritätische Schule gefordert. Der jüdische Schüler soll sich in der Schar der Kinder verschiedener Religionen, gewisserinaßen Arm in Arm mit den Katholiken und Protestanten, als glcichbercchtigtes Kind des großen einen Vaterlands fühlen und entwickeln, soll von den christlichen Kindern als Mitbruder betrachtet werden. In der Klasse sollen sieh ihre geistigen, auf dem Spielplätze ihre körperlichen Kräfte messen, Sie sollen sich verstehen und verfragen lernen, in ihren Gegensätzen akkommodkren. Das Gefühl der Kameradschaft soll erzeugt, Jugendfreundscii,•iftcn sollen geschlossen werden. Die Schule soll beweisen, daß das jüdische Kind alle Vorzüge und alle Fehler mit seinen andersgläubigen Karneraclcn gemein hat. Die Schule soll ein KIcinbild des heutigen Vcrkchrslebens sein, das eine Trennung nach Konfessionen nicht mehr kennt. Ja, so sollte es nach der Theorie sein. Aber die Praxis hat diese Theorie nicht bewährt, hat an vielen Orten das Gegenteil bewiesen. Wer möchte behaupten, daß in den deutschen Landen, die die Simultanschule zuließen, das Verhältnis zwischen Juden und Christen inniger und vorurteilsfreier wäre, als in Bayern, Württemberg, Elsaß-Lothringen, in den Provinz.cn Hannover, Westfalen und Posen, in den Städten Frankfurt a. M. und Köln, die eine jüdisch-konfessionelle Schule kennen? Berlin hat keine gesouderteu jüdischen Schulen, und doch fanden Stöcker, A111vvardt und Graf Pückler ein vieltausendköpfiges, beifatlwütiges Publikum. Neustettin und Könitz besaßen auch nicht die jüdisch-konfessionelle Schule. Nirgends wird der Jude so als gleichberechtigter Bürger, als teilnehmender Genosse in Freud und Leid, von den Christen, Katholiken und Protestanten geschätzt als auf dein Lande in Bayern, trotz der jüdischen Eiemcntarscliulcn, die allerdings nicht in großer Zahl vorhanden sind. Und umgekehrt. Die höheren Schulen umschließen doch ״in gleicher Liebe" die Bekenner aller Religionen. Wird dort das Ideal der völligen bürgerliehen Assimilation erreicht? Können dort uncigennützige, fürs Leben andauernde Freundschaften aufkommen? Fühlen sich die jüdischen Schüler und Schülerinnen als Gleiche unter Gleichen? Erfahren nicht jüdisch fühlende und jüdisch sieh betätigende Schüler selbst von liberal-christlichen Oberlehrern Ver- Ict/ungcn ihres Gewissens und ihrer Gefühle? Ich will nicht sprechen von dem Martyrium, das sabbathaltende, reiigions- und stainmesstolze, judentumsbewußte Schüler tagtäglich erfahren. Sie würgen’s hinunter. Die notwendigen Folgen jener Gemüts- und Ciewissensvcrlel/migen treten bald zutage. Was tun die Studenten, die eben als Reichsfamuli die höheren Schule״, die ״paritätischen“, verlassen haben? Sic schließen sich jüdischen Verbindungen an. Das Leben beginnt für sie mit einer Absonderung. Als aufrechte Juden wollten sie sich nicht länger durch die Liebe zum Judentum, die aus ihnen spricht, fesseln und ergreifen. Die verschiedenen Schreiber entschuldigen sich, daß sie den berühmten Forscher, der ihnen wie ein Gesandter des Himmels vorkommt, nicht besuchen konnten, der eine, weil man ihm seine dreißig Kühe geraubt hat, der andere, weil die Passage über den im Winter angcschwollcneii Strom unmöglich ist, ein dritter, weil er seinen alten Vater nicht allein lassen kann. Sie sehnen sich nach dem Manne, der ihnen zum ersten Male Kunde von ihren unbekannten Brüdern gebracht hat. ״Ais ich deine Ankunft erfuhr,“ heißt cs in einem Briefe, ״habe ich mich freudig siebenmal niedergeworfen.“ Ein anderer schreibt: ״Dein Angesicht zu sehen, bedeutet für mich die Kohanim und die Propheten Israels gesehen zu haben.“ Alle flehten sie Heil und Segen auf sein Haupt hernieder. Ihre bedrückte Lage geht klar aus den Briefen hervor: ״Wenn ich heimlich komme, werden sie mich verfolgen und gefangen nehmen.“ Rührend ist es, wie sie am Judentum fcsthalten und die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Palästina nicht aufgeben. ״Ich bin immer der Hoffnung gewesen,“ schreibt ein Greis, ״daß Gott mich die Rückkehr der Israeliten sehen lassen würde, jetzt, da ich alt bin und da meine Kräfte schwach sind, fürchte ich zu sterben, ohne die Hoffnung Israels erfüllt zu sehen. Deswegen bitte ich dich, Gott anzuflehen, daß ich sie noch erfüllt sehe.“ Dem Herausgeber schulden wir Dank dafür, daß er nicht aus falscher Bescheidenheit der Ocffcntlichkeit diese Briefe vorcnthaltcn hat. Hoffentlich tragen sie dazu bei, das Interesse für diesen versprengten Teil unserer Brüder wachzuhaltcn. Rudolf Leszynsky.

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