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Jüdische Rundschau · 1913-07-11 · Heft 28 (11.7.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 28 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 288 1UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 28 Bummel abgelialtcn zu werden pflegt, ein, umringten die zwei deutschen Burschenschaften und die Faust• und Stockschlacht begann. Die Polizei hatte vorerst nur rchn Wachleute am Platze zur Verfügung, die der sich prügelnden Hochschüler nicht Herr werden konnten. Erst als das Wacheaufgebot <10 Mann zu Fuß und 10 zu Pferd betrug und vom Leder zog, uni mit der blanken Waffe vorzugehen, gelang cs, die Streitenden auseinander zu treiben. Außer zahllosen kiel»• teren Verletzungen kamen auch mehrere schwere, durch Stockhiebe beigebrachte vor. Die Verletzten wurden in die nahen Apotheken gebracht. Die beim Bummel erschienenen ruthenischen und polnischen Vereinsstudenten hielten nach Beendigung der l’rügelci mit den Jüdischnationalcn gemeinsamen Bummel. Erst gegen 1 Uhr zogen die von einem Polizeikorilon separierten Jüdischnationalen nach Absingung von Liedern ab. England In London wurde dieser Tage ein internationaler Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels eröffnet. Von den Begrüßungsansprachen, die gehalten wurden, interessiert uns diejenige des Großrabbiners T. H. H ertz. Er ergriff die Gelegenheit, vor diesem erlesenen Auditorium mit scharf anklagcndcn Worten auf die russische Judeugesetzgcbung hinzuweisen, die die Jüdinnen den Aufenthalt in ganz Rußland lediglich dann gestattet, wenn sie sich durch die gelbe Karte als Prostituierte ausweisen können. Viele Jüdinnen, die in Moskau und Petersburg studieren wollen, bcschaffen sich die ״gelbe Karte“, um das Wohnrecht zu erlangen. Während es nun bisher genügte, die be• schämende Formalität zur Erlangung der ״gelben Karte“ vorzunehmen, dringt die Regierung neuerdings darauf, daß die mit dem Wohnrecht bedachten Jüdinnen auch die Prostitution ausüben. Jm anderen Falle erfolgt die Ausweisung. Die Ausführungen des Großrabbiners, denen übrigens von seiten der russisehen Delegierten widersprochen wurde, machten auf die Versammlung einen tiefen Eindruck. Russland In einer kürzlich in St. Petersburg abgehaltencn Konferenz, an der Baron V. Giinzbürg, die Advokaten Sliosberg Sc lieftel, Kulischcr und andere angesehene russi• sehe Juden tcilnahincn, wurde beschlossen, in Gemeinschaft mit der Jüdischen Historischen und Ethnographischen Gesellschaft (an deren Spitze die Herren Dtihnow und W i 11;1 w e r stehen, eine ethnographische Expedition nim/urüsten, die (Irctlimiclci! i'UkhIncIic Städte mul Dorier hesiidu'ii soll, um historische Urkunden, alle Legenden, Ornamente und Malereien zu sammeln., Eine frühere Expedition unter Leitung des Herrn Rappaport hatte fünfzehn Orte aufgesucht und war mit einer reichen Ausbeute licimgckehrt, die 300 1 cgemki», 700 Lieder, 400 Pliatogrupliieu und 200 Aufsätze umfaßte, ln den letzten Wochen betrieb die Polizei in Kiew wieder mit erhöhtem Eifer den edlen Sport der nächtlichen Streifzüge gegen ״wohnrechtlose“ Juden. Nacht für Nacht drangen die Häscher in die Wohnungen der jüdischen Bürger ein und fahndeten nach Juden, die in Kiew nicht wohnberechtigt sind. 111 einer einzigen Nacht wurden auf diese Weise 300 Juden aufgespürt, die sich über ihr Wohnrecht nicht sofort ausweisen konnten und daher ins Gefängnis geschleppt und am nächsten Morgen unbarmherzig nach dem Ansicdhingsrayon abgeschoben wurden! Die jüdischen Hausbesitzer wurden mit hohen Geldstrafen bedroht, falls in ihren Häusern Juden ohne Wohnrecht aufgefunden werden sollten. Vorige Woche ereignete sich bei einer solchen nächtlichen Razzia (״Oblawa“ lautet der terminus technicus für diese polizeilichen Menschenjagden) ein tragischer Vorfall. Ein jüdischer junger Mann, der sich vor den unmenschlichen Bütteln geflüchtet und in einem kästenartigen Behältnis verborgen hatte, fand in seinem Versteck den Tod durch Ersticken. Dieser Vorfall hat in der gesamten russischen Öffentlichkeit derartige Entrüstung hervorgerufen, daß sich der Adjunkt des Ministers des Innern, Likoscliin, veranlaßt sah, dem Gouverneur von Kiew die telegraphische Weisung zu erteilen, die polizeilichen Streifen in Kiew sollten bis auf weiteres eingestellt werden. Der berüchtigte Judenfresser Advokat Schmakow aus Moskau, der in dem bevorstehenden Prozesse als Rechtsvertreter der Mutter des ermordeten Knaben Justschiusky fungieren wird, fordert außer den von seiten der Anklage geladenen Relastungszeugen die Vorladung weiterer 95 Zeugen. Die Verteidiger des Angeklagten B e i 11 s, die Atlvokaten Grusen berg, S&rudny und Karabtsclicwski, beantragen ihrerseits die Ladung von 90 Zeugen. Diese sollen nicht nur das Alibi von Bcilis darum, sondern die vorjährigen Enthüllungen von Brasul-Bruschkowski, Krassowski und Iwanow durch Tatsachen belegen. Außerdem beantragen sic die Vorladung einer Reihe von Sachverständigen, so der Thcologicprofcssorcn Glagolew-Kiew׳, Troit 2k y- Petersburg, Strack- Bcrlin, des Professors der semitischen Sprachen Ko k o wz o w - Petersburg, des Psychiaters Bechterew- Petersburg und des Rabbiners M a s e - Moskau. Der Zeitpunkt für die Gerichtsverhandlung steht noch nicht endgültig fest, doch rechnet inan damit, daß der Prozeß Ende August oder Anfang September d. J. stattfinden wird. י ׳ In der Ortschaft Poznic wicz im Gouvcrncment Petrikali ließen vorige Woche die gegen die Juden aufgehetzten Bauern den jüdischen Dorfbcwohnern ein ״Ultimatum“ zukommen, worin die Juden kategorisch aufgefordert werden, innerhalb einer kurzen Frist das Dorf zu verlassen; sonst würde cs ihnen genau so ergehen wie vor einigen Wochen der jü• disclien Familie in Pontnew im Gouvernement Kalisch, wo bekanntlich die Bauern des Nachts die Wohnung der jüdischen Familie in Brand steckten und die Unglücklichen im Feuer umkommen ließen, Diese Drohung versetzte die Juden der Ortschaft in einen derartigen Schrecken, daß die meisten von ihnen schleunigst nach Petrikau flohen. Hier wandten sic sich an die Behörden um Schutzmaßnahmen gegen die gefährlichen Drohungen, wurden aber überall glatt abgewiesen. Pontncv macht übrigens auch sonst auf dem flachen Land in Polen Schule, ln der Ort- Schaft Mod re je wo wurden vorige Woche sieben polnische Knaben abgefaßt, die ein jüdisches Gebäude in Brand gesteckt hatten, Das Feuer griff dann auch auf die Synagoge über, die versammelten Polen weigerten sich jedoch, an den Löscharbeiten teilzunchmcn. Bei ihrer Vernehmung gaben die jugendlichen Brand- Stifter zu, daß sie durch die antisemitische Boykottagitation zu ihrer Tat veranlaßt worden seien. Türkei Ein Mitarbeiter des ״O s m a n i s c h e n Lloyd“ hatte mit dem Unterrichtsminister Schükri Bey eine Unterredung, die sich in erster Linie auf die von der neuen Regierung geplanten Reformen bezog. ״Zu allererst," sagte der Minister," ״muß uns jetzt das Volkssehtilwcscn beschäftigen, da wir ohne eine genügende Oriimllugr die ()rgaiilsiilluii unseies St'hulwcM'im nicht vollem!eu können, 1 h wurden von büliem! Ministern hcIuiii viele Plane für die Gründung einer Volksschule ausgearbeitet. Aber leider sind alle unausgeführt geblieben, Wir sind augenblicklich mit mit dem Studium dieser Projekte beschäftigt und gleichzeitig mit der Herstellung eines neuen Projekls, das bald fertig sein wird. Die Einführung des Schulzwangs wird das erste Erfordernis sein. In unserem Plan nimmt auch der Unterricht in der Landwirtschaft und im Gewerbebetrieb eine hervorragende Stellung ein. Je nach dem Bezirk wird entweder landwirtschaftlicher oder üewcrbeunterricht in den Schulen gegeben werden. Ferner werden wir den S e!11 i 11 a r u 111 e r r i c 111 zweckentsprechend ausgestaltcii. Für den Mittel Schulunterricht werden wir uns besonders die Hebung unserer Lyzeen angelegen sein lassen. Die englische, deutsche und französische Sprache sollen künftig im Lehrplan der Lyzeen auf gleichem Full behandelt werden. Was die Hochschulen betrifft, so haben wir neulich ein Reglement für die Fakultäten der Universität herausgegeben. Der Minister versicherte darauf, er werde durclmisctzcn versuchen, daß die neuen Schulgesetze als provisorische cingcführt werden, so daß man nicht erst bis zur Eröffnung der Kammer zu warten brauche. Besonders werde das für das Volksschulgesctz versucht werden.“ Wenn alle diese weitausscliaucndcn Pläne zur Durchführung gelangen sollten, so läge darin fraglos auch für uns Juden ein besonderer Ansporn, unser Schulwerk in Palästina in beschleunigtem Tempo und mit Aufwendung erhöhter Mittel auszubauen. Denn das palästinische Judentum wird sich bei dem Fortschrciten der allgemeinen Volksbildung um so besser behaupte« können, je stärker das geistige Rüstzeug ist, mit dem unsere Jugend von den Schulen entlassen wird und je mehr Kinder den Bildungsgang der jüdischen Schule durchgemacht haben. Amerika Einer New Yorker Meldung zufolge hat das American Jewish Emancipation Committec in einem Kabeltelegramm an den Deut- »dien Kaiser die Bitte ausgesprochen, der Kaiser möchte seinen Einfluß geltend machen, um Rumänien zu bestimmen, seinen jüdischen Bewohnern endlich gemäß § 44 des Berliner Vertrags die vollen Bürgerrechte zu verleihen. Das Telegramm ist u. a, von Mr. Champ Clark und mehreren amerikanischen Sctiatoren und Abgeordneten unterzeichnet. in einem Massenmeeting, das vor kurzem in» Waklorf-Astoria-Saale zu New York stattfaml, wurde die Bildung eines amerikanischen Komitees für die Emanzipation der rumänischen Juden beschlossen. Auf dein Meeting hielten verschiedene amerikanische Parlamentarier, Richter und sonstige angesehene Männer des öffentlichen Lebens flammende Reden für die Rechte der rumänischen Juden. Die Bildung des Eman/.ipationskomitccs wurde sogleich in die Wege geleitet, und der Speaker des amerikanischen Repräsentantenhauses, Mr. Champ Clark, wimie zum Vorsitzenden gewählt. Dem Komitee gehören ferner Mr. Frank Tilford, Mr, Edward Lauterb a c h und eine Reihe angesehener amerikanischer Politiker an. Persien Vor zwei Monaten hat die Bevölkerung von Kirmanschah ein sehr interessantes Phänomen erlebt: in der unmittelbaren Umgebung: der Stadt waren verstreute Fruchtkörner in überreichen Mengen 'über den Erdboden aufgefunden worden. Diese Körner gehören einer bisher in dortiger Gegend unbekannten Fruchtsorte an; die rindenartige Hülse ist von grauer Farbe, der weißliche Inhalt schmeckt ähnlich wie di« Maiskörner. Alle Welt gefiel sich in dem Gedanken, hierin ein Zeichen der Gnade Gottes zu sehen, einen Beweis besonderer Fürsorge für die Einwohner von Kirmanschah, die unter der Lcbensmittclteucrung so schwer zu leiden gehabt hatten. Für die Juden blieb cs unzweifelhaft das Manna, wie es ihre Vorfahren nach dem Auszug aus Aegypten in der Wüste gegessen haben. Vielleicht haben sie recht, denn etwas Ach#- liches geht aus dem Bericht hervor, den der Direktor des königlichen botanischen Gartens in London auf Anfrage an den englischen Konsul der Stadt geschickt hat. Der Inhalt lautet: ״Die Fruchtprobe, die Sie mir geschickt haben, ist das Mat1!1a=Moos — Lecanora esculenta Evcrsae —, das man in verschiedenen Gegenden Wcstasicnt und Nordafrikas antrifft. Diese Pflanze wächst an gebirgigen Stellen; aber cs löse« sich leicht kleine Bestandteile von ihr los, werden vom Wiiul i!׳;,rnlUn Mengen in die hcmiclihartcu 1 uinlscli öi n >:1 tii. üeii, und nehmen <1111 diesem I luge lininci weiter uit Um* fang zu. Mail nimmt mi, daß «lies das Mauna!Irr Israeliten ist. In Gestalt und Um lang variieren die Pflanzen beträchtlich. Die Botaniker haben bereits mehrere Arten unterschieden, doch sucht ein vor kurzem erschienenes Werk den Nachweis zu führen, daß sämtliche Arten nur verschiedene Formen!Irr wohlbekannten Pflanzenfamilie ״Lecanora cscukntc“ sind." ßUSDgri G£M£JfiD£N Berlin. Herr Prof. Dr. Kalischer sembt uns folgende Richtigstellung zu unserem Bericht über die Klagesache Loeb contra Kalischer und bezieht sich dabei iiberflüssigcrwcisc auf den § H des Preßgesetzes: ״Es ist nicht wahr, daß die in Nr. 2(! «kr ״Jüdischen Rundschau“ angeführte Acußerung des Herrn Moritz A. Loeb im ״Hamburger Familienblatt“, auf «lie sich meine Widerklage stützt, lautet: ״Was das Herrenhaus für das Judentum gclei׳־u׳t habe, könne sich — in bezug auf die jüdisc'ic# Volksschulen — ruhig neben dem sehen lassen, was der Vorstand der jüdischen Gemeinde in dieser Beziehung geleistet habe.“ Wahr ist vielmehr, daß die Aeußcrung des Herrn Moritz A. Loch lautet: ״Im übrigen darf man ruhig sagen, daß das, was das preußi-che Herrenhaus für die Erhaltung des Judentums tut, sich ruhig neben dem sehen lassen kann, was der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin nach dieser Richtung hin leistet." Es ist demnach wahr, daß, abgesehen von sonstigen Ungcnauigkciten des Zitats die Worte ״— in bezug auf die jüdischen Volksschulen ■־" eingeschoben worden sind.“ Diese Berichtigung ist ein Musterbeispiel dakir, wie man den betreffenden Paragraphen des Preßgesetzes nicht ausnutzen soll. Denn selbstvcrständ• lieh ist cs Herrn Loeb nicht eingefallen, die Be• hauptung in der grotesken Form aufzustcllcn, wie sie aus dem Zusammenhang des Artikels herausgerissen erscheinen muß. In unserem Bericht war der be* '!!בי׳/ 15. Juli

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