Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 276 lüEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 21 sicht auf eine weitere Mitarbeit im Verein gab man natürlich damals schon auf. Als dann kurze Zeit später ein Vorstandsmitglied des Vereins auf einem Bezirkstag in Aachen in öffentlicher Versammlung gelegentlich einer Festrede Zionisten als ״Neidlingc“ bezeiclinete, die ihre ״schmutzige Verklcinerungssucht" vorzugsweise gegen die neutrale Jugeudbcwegung richteten, und als dann durch die bekannte Zentralvereinsaf faire vielen Vereinen, darunter auch dem ״Rießcr“ der letzte Fetzen seiner mühsam beibehaltenen Neutralitätsmaske heruntergerissen worden war, lösten ca. 50 Zionisten auch formell ihre Bc- Ziehungen zu dem Verein. Armer Rießer! Wer wird in Zukunft noch zu deinen Generalversammlungen kommen, wenn all die Sensationslüsternen fehlen werden, die die Parole herbeizufüliren pflegte, daß ein ״Krach mit den Zionisten“ bevorstehe?! Ob jetzt jemals noch mehr als die unermüdlich treuen 5 0׳״ deiner nominell 1500 Mitglieder sich in deinen Räumen sehen lassen werden?! Und ob das Wassersüppdien deiner an gequälten Neutralität noch lange dazu reichen wird, den Hunger auch nur dieser 5 ״/o nach guter, kräftiger Kost zu beschwichtigen?! Armer Rießer! Ziemlich gleichzeitig mit der Austrittsbewegung aus dem Gabriel-Rießer Verein ist der Herzl-Club entstanden. Das Gebilde ist noch zu jung, als daß über seine Arbeitscrfolgc gesprochen werden könnte. Aber der Geist, der die Mitglieder erfüllt, berechtigt zu schönen Hoffnungen. Kaum gegründet, ist der Club natürlich schon von den verschiedensten Seiten angegriffen worden. Vor allem die neutralen Gegner wollten es sich nicht nehmen lassen, die schon seit langem geplante Gründung in ursächlichen Zusammenbang mit der Contra-Ricßer-Bcwegung zu bringen. Es ist dies charakteristisch für die Denkart mancher Leute, die nicht mehr verstehen, daß Vereine auch aus positiven Tendenzen heraus gegründet werden können, ohne ihre Lebensberechtigung erst im Verneinen bestehender Werte suchen zu müssen. Aller guten Dinge sind drei. Dem V. J. St. und dem Herzl-Club waren die gegen sie gerichteten gehässigen Anwürfe zum großen Kummer der Gcmeindegewaltigen vorzüglich bekommen. Der V. J. St. hatte, dieses Jahr in Köln und in der Provinz bessere ׳Keilerfolge als lange zuvor, der Herzl-Club wurde im Feuer der Angriffe und unter den Hämmern der Feinde fest und stark. Es gab aber noch einen dritten Verein, der seit seiner im letzten Herbst erfolgten Reorganisation den liberalen Partcihäupt- Ungen ein Dom im Auge war. Was lag nun näher, als, diesen Verein, den jüdischen Turnverein, das klägliche Scheitern der Attacke gegen die beiden anderen Vereine entgelten zu lassen? Und so erinnerte man sich plötzlich, daß auch der Turnverein eine nationaljüdische Tendenz hatte, woraus er freilich während seines zehnjährigen Bestehens nie ein Hehl gemacht hatte. Neuerdings erkannte man nun, daß ein nationaljüdischer Turnverein eine ״Gefahr für die jüdische Jugend“ sei, und beschloß, dem Tumverein die seit 6 Jahren gewährte jälirliche Subvention von 300 Mark zu entziehen. Von dem Beschluß zur Ausführung war nur ein kleiner Schritt. Die Uberalen Repräsentanten veranstalteten flugs eine geheime Fraktionssitzung, banden durch Fraktionsbeschluß die sich gegen einen derartigen Partcifanafleckung durch persönliche Wünsche bewahrt wird, und sollten diese Wünsche selbst in der Gestalt von politischem Ehrgeiz auftreten. Der Gestor darf nun freilich nicht ein vereinzeltes Individuum sein; ein Mann, der dieses Riesenwerk auf sich nähme, wäre ein Betrüger oder ein Narr. Es ist daher für die Reinheit des Gedankens wie für dessen Ausführung notwendig, das Amt unper- «önlidi zu gestalten. Der Gestor der Juden muß eine Vereinigung von mehreren Personen zu einem bestimmten Zwecke sein, eine Körperschaft. IX. Wer jetzt in der Juden frage mittun will, muß zunächst erklären, ob er Welf oder Waibling ist. Ge- «chlchtsschreiber kann es in diesem Zustand der Sache noch nicht geben, höchstens Kriegsberichteratatter, und die mögen vorsichtig sein, sonst werden •ie nach Kriegsrecht behandelt. I * * Der Zionismus, das sehen wir immer deutlicher, wird zu einer heilsamen Krise des Judentums werden. Die Qegensätze, die entstehen, müssen zu einer Klärung verrotteter Verhältnisse, und endlich zu einer Läuterung des Volkscharaktcrs führen, '• Der Zionismus fegt als ein reinigender Sturm durch das ganze Judentum. Von unseren Oegnern wird behauptet, es gäbe unübersteigbare politische Hindernisse, aber das läßt sich auch vom kleinsten Hindernis sagen, wenn man keine laut hat, es zu übersteigen. tismus auflclmciidc Minderheit und strichen in der folgenden Rcpräscntantcnsitzung die 300 Mark des Turnvereins aus dem Voranschlag des ebenfalls liberalen Gemeinde Vorstandes gegen die Stimmen des konservativen Rcpräscntanteiidrittels. Am gleichen Tag erhielt der Rießer-Verein 400 M. jährliche Zulage. Armer Turnverein, was hat inan dir angetan! Aber auch dir sind die Flüche deiner Widersacher zum Segen aiisgcschlagcn. Du hast dich wacker im Kampfe gehalten und bist ruhmbedeckt aus ihm hervorgegangen. Ja, die öffentlichen Versammlungen, die können die liberalen Herren »teilt gut vertragen! Es erschwert auch wirklich furchtbar die unauffällige Assimilation, wenn man ab und zu von der nächsten Litfaßsäule ein leibhaftes Magen David zur Morgensonne emporlachcn sehen muß, und durch blaue Plakate auf weißem Grund daran erinnert wird, daß es auch Juden gibt, die sich nicht scheuen, im Lichte der ()Öffentlichkeit jüdische Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wie peinlich! Und erst diese Protestvcrsainmlungcn! Was werden da für Reden geführt! Da wird ganz offen von Zionismus und ähnlichen unangenehmen Dingen gesprochen und, was das Schlimmste ist, die ganze gottgewollte Autorität der liberalen Drci-Klassen-Fürsten vor dem Versammelten Volk in den, Staub gezogen. Auch die Protestversammlung des Turnvereins vom 5. Juni, auf der die Herren Rechtsanwalt Dr. Hirsch aus Berlin und der in Köln so beliebte Max G a I d r c i c h aus Bend den oben Benannten wieder einmal recht kräftig die Leviten gelesen haben, mag den Herren wenig sympathisch gewesen sein. Sie stellte einen vorläufigen Abschluß dar in dem Kampf, den der Kölner Gemeindcliberalisimis gegen die nntionaljüdischc Jugend vom Zaune gebrochen hat und erteilte mit der folgenden Resolution eine gebührende Antwort auf all diese Angriffe: ״Die Protcstversammlung des Kölner Jüdischen Turnvereins vom 5. Juni 1013 spricht ihre tiefste Entrüstung über die Begründung aus, mit der die Kölner Repräsentanz dem Jüdischen Turnverein die ihm seit einer Reihe von Jahren gewährte Subvention entzogen hat. Die Teilnehmer an der Ver- Sammlung, 400 Männer und Frauen, erblicken in der engherzigen, parteifanatischen Stellungnahme der liberalen Repräsentanten ein Symptom für die wachsende Entjudung des jüdischen Liberalismus und sprechen ihre Befürchtung aus, daß die weitere Vorherrschaft des jüdischen Liberalismus in der Repräsentanz den Niedergang des jüdischen Lebens in der Kölner Gemeinde zur Folge haben wird.“ Die durch die Entziehung der Subvention bezweckte finanzielle Schädigung des Turnvereins, die übrigens durch Freunde vollkommen ausgeglichen worden ist, wiegt sehr gering gegenüber dein urigeheuren moralischen Erfolg der Versammlung. Eine stattliche Anzahl von Neuanmeldungen und eine hoffentlich recht lang anhaltende begeisterte nationaljüdische Stimmung der jungen Turner sind das positive Ergebnis des Abends. Zufällig gelangten am Tage der Protestversammlung die ersten Exemplare der antizionistischen Broschüre nach Köln, von der bald darauf die nichtsahnenden Familien Kölns überschwemmt werden sollten, in manchen Familien wollen fleißige Kinder bis zu 6 Exemplaren des grünen Heftchens im Papierkorb gefunden haben. Leider unterblieb die günstige Wirkung auf unsere eigenen Leute, die wir X. Wir haben Vaterländer, das sind die, wo wir Staatsbürger sind — so weit man es eben gestattet — aber wir haben kein Mutterland. Und dieses Mutterland sucht der Zionismus mit der Seele. Man gehört einem Vaterland nicht an, sondern es gehört einem; jedem einzelnen gehört das ganze Vaterland, Wem aber sein Vaterland nicht gehört, der ist übel dran. Die allgemeine Verbrüderung ist nicht einmal ein schöner Traum. Der Feind ist nötig für die höchsten Anstrengungen der Persönlichkeit. Darum ,wollen wir uns wieder in das Judentum zurückziehen und uns aus dieser Burg nicht mehr werfen lassen. Man mag diesen Volksgcdanken, der da ist, wegzulächeln versuchen, aber er ist da. Ihn wollen wir hochhalten und hochflattern lassen. Und nachdem wir dieses Bekenntnis abgelegt haben, nachdem wir gesagt haben, daß wir Juden sind, dann erst wollen wir an der Misere anderer tcilnchmcn. XI. Die Nation ist eine historische Gruppe Menschen von erkennbarer Zusammengehörigkeit, die durch den gemeinsamen Feind zusammengehalten wird. Assimilation Ist die Erwerbung von Boden und Ehre in einem Lande. Die Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. uns nach der Erfahrung des letzten Halbjahres von dem neuen antizionistischcii Propagandamittcl versprechen hatten. Die Broschüre wurde selbst von ganz enr,•!gierten Anti/ionistcn als so unendlich lang, weilig und schwach empfunden, daß die wenigsten sich die Mühe gaben, sic zu Ende zu lesen. So trat die erhoffte antizionistischc Aktion ebensowenig ein wie die zionistische Reaktion, die notwendig darauf gefolgt wäre. Schade! Wir werden uns auf später vertrösten müssen. Vielleicht wird der so belesene Herr aus unserer west rheinischen Nachbar- Stadt, dein wir die Palme der Autorschaft zuerkennen zu müssen glauben, uns bald mit einem etwas ansprechenderen Elaborat seiner Tätigkeit beglücken. Der ״jrüne Aujust“, das erste Geistesprodukt des antizionistischen Komitees eignet sich wirklich kaum zum Gegenstand der Unterhaltung zwischen gebildeten Leuten, geschweige denn zum Thema für ein« zionistische Propaganda Versammlung, Schneller als;man geahnt hätte, ist hun auch dieser letzte Kampfesschrei unserer neutral - liberal - antizionistischen Freunde verhallt, in der Hitze der be» ginnenden Hundstagc sind selbst die unermüdlichsten Rufer im Streit verstummt, und alle, die noch nicht ihre Koffer gepackt haben, um im Frieden der schönen mecruinspiilten Sommer-Großgemeinde Norderney die Pyrrhussiege dieser famosen antizionistischen Kam* pagne zu vergessen, sonnen sich im Langcler Fami- Ilcn-Strandbad an den Ufern des Rheins und — schlafen, Schlafen wieder, wie sic seit Jahren ge* schlafen haben und wie sie wohl noch lange schlafen werden — bis sie auch den letzten Anschluß verpaßt haben. Wir aber wollen die Augen offen halten, in der stolzen Gewißheit, daß unser Tag gekommen ist! Raphael b e n Menachcm. Der XI. Kongreß Ermäßigungen. 1. Die k. k. Österreich isehe Staatsbahn gewährt auf allen Strecken mit Ausnahme der im Staatsbetriebe stehenden Lokalbahnen auf Entfernungen über 50 km eine Fahrbegünstigung dahin, daß bei Benützung der ersten und zweiten Wagenklasse der Personenzüge der halbe tarifmäßige Schnellzugsfahrpreis, und bei Benützung der 1., 2. und 3. Wagcnkiasse der Schnellzüge der tarifmäßige Pcrsonenzugsfalirprcis der zu benützenden Wagenklasse zu entrichten ist. Die Ermäßigung findet nur Anwendung bei Abfertigung im Lokalverkehr der k. k. österreichischen Staatsbahnen und gilt für die Fahrt nach Wien innerhalb der Zeit vom 27. August bis 5. September, für die Rückfahrt von Wien innerhalb der Zeit vom 6. bis 14. September. 2. Die k. k. priv. Donau-Dampfschifffahrts-Oesellschaft gewährt auf ihren Passagierlinicn die Benützung des ersten und zweiten Schiffsplatzes gegen Bezahlung der Gebühren des nächstniederen Schilfsplatzcs. Wegen weiterer Ermäßigungen schweben Verhandlungen. Die Ermäßigungen werden gegen Legitimationskarten gewährt, über deren Ausfertigung demnächst nähere Mitteilung erfolgt. Logis. Die Zimmcrprcisc der Wiener Hotels und Pensionen unterscheiden sich nach dem Bezirke, Das ist wohl der ergreifendste Zug in unserer Volkstragik, daß das hochkonservative Volk der Juden immer den revolutionären Bewegungen rügejagt wird. Der Händedruck nach der Mensur ist vielleicht das Männlichste an der ganzen Fechterei. XII. Wir mußten zu unserem Volke hinausgehen, weil es in der Not ist und sich ohne Führung nicht helfen kann. Aber wenn wir, die das Gestalten unserer Träume und das Nachdenken über den Wcltgang mehr als alles andere lieben, wenn wir gezwungen sind, in Versammlungen immer dasselbe, immer dasselbe zu sagen, wenn wir die Wahrheiten, die uns am teuersten sind, in unserem eigenen Munde zu Gemeinplätzen werden fühlen, — so steigt in uns die Sehnsucht nach jener stilleren Welt herauf. Nur haben wir jetzt die Pflicht, weiterzugehen, bis ans Ende. Und kein .Amt ist beglückender, als das eines Dieners am Licht, Im ״Janus", jener Zeitschrift, in der unlängst im Anschluß an den Artikel ״Das große Hassen“ eine recht wenig fruchtbare Debatte über die Juden* frage stattfand, spricht jetzt unser Gesinnungsgenosse Gustav Krojanker über ״Wesen und Ziele des Zionismus״. Im Vorhinein lehnt er es ab, ״Objektiv!- tlt zu erkünsteln“ und verficht das zionistische Programrn mit jener Wärme, die dem eigen ist, der für eine gute und gerechte Sache eintrift.