Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Seite 275 JUEDISCHE RUNDSCHAU politische Arbeit soll die Universität in Jerusalem bleibe״'. Und es ist kein Zufall, daß gerade der Man״, der dieses politische Programm aufgestdlt a«cl1 den Oedanken der Urüiuiuug der Universität auf die Tagesordnung gebracht hat. Die Universität in Jerusalem wird auch einen ütcraus wesentlichen ökonomisclicn Faktor jm Lande darstcileii. Wenn eine Reihe von Mittelschulen in Palästina bereits wesentliche Erfolge aufweise״ darf, So durite auch die Universität vom Standpunkt der ökuunn!selten Entwicklung des Landes einer guten Zukunft entgegengehen. Es ist überflüssig, darauf Inn/uwciscn, welch unversiegbare.! geistiger. Quell die Unirersität in Zukunft bilden dürfte. Die HochsdmU in Jerusalem wird das Oalutleben in unserm Her/׳ u vollständig besiegen; sie wird nicht nur rür die inländischen, sondern für die in der Diaspora Icht'iiden jungen Juden den »öden bilden, auf dem sie sich wiederfinden als ganze Menschen und ganze Juden. Für die jüdische Wissenschaft vollends wird durch die Gründung der Hoehschule jene Epoche lu׳r,111brechcn, die es ermöglichen wird, da» die jüdische Wissenschaft dem Lande, dem sie entstammt, und in der natürlichen Sprache ihren natürlichen und normalen Weg• geht. Auf geschichtlichem Hoden sei! den jüdischen Fähigkeiten die Möglichkeit einer ge■umlen Entwicklung geschaffen werden. Die Klugen werden sagen; ja, es ist eine schöne Phantasie, die in der realen Welt keine greifbaren Formen annehmen kann. Indes, wie groß 1s^ die Zahl jener Phantasien, die im Laufe der Zeit von uns verwirklicht worden sind? Sind die •1t! jüdischen Dmier, die wir heute in Palästina haben, ist die jüdische Städtische Entwicklung, sind die vielen Schulen, dergleichen wir in Palästina nie gesehen lid en, ist die ganze jüdische Renaissance in Palästina früher keine Phantasie gewesen? Zwingen uns doeli die äußeren Umstände weniger a» eine Phantasie als an eine Wirklichkeit zu glauben, die geschaffen werden muß, Der Leidensweg der jüdischeu Gelehrten in der Diaspora, die Schließung der Pforten der Hochschule für die gesamte östliche Jugend in den europäischen (Kt- und Westlaiulern, all diese Leiden müssen das Material geben, um diese Phantasie rasch in Wirklichkeit uniznsctzen. Der junge Jude wird .aufhören, unter schmählichen Zuriiekset/ungen an fremde Türen zu pochen, um sieh der Wissenschaft hingeben zu können, der Vnter, ilec seinen S0I111 in die Hochschule schicken will, wird cs nicht mehr nötig haben, seine und seines Sohnes Seele zu zerrütten, ihn zur ewigen geistigen Verbannung zu verurteilen. Die jüdische Universität in Jerusalem wird vielen Eltern Trost und Beruhigung bringen. Langsam schreitet Palästina vorwärts und hesiegt das Oalutleben. Allmählich erobert die jüdischnationale Renaissance in Palästina die Herzen aller. Die Jerusalemer Universität wird die letzten Fcstungen des Galut und der Freunde des Galut erobern. Haolain, Arbeiten und Bestrebungen, nicht etwa zum egoistisehen Vorteil unseres Volkes allein, sondern auch zum Wohl anderer Menschen. V. Ich bin im tiefsten davon überzeugt, daß ich recht habe — ich weiß nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlieh ihr ruhmvolles Ende selten. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein. * Icli weiß es nicht, ob wir noch in dieser Cie 11cr..11011 die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist cs, vorausgesetzt, daß wir klug um! entschlossen sind. Aber das weiß ich, da» schon das Wandern auf diesem Wege uns zu anderen Mensehen machen wird, Wir gewinnen unsere verlorene innere Einheit wieder und mit dieser ein billdien Charakter, und zwar unser!! eigenen Charakter. Keinen marannischcn, erborgten, unwahren, sondern unseren eigenen. Und dann erst wollen wir mit allen anderen rechtschaffenen Menschen wetteifern in Oe-!eclitigkeit, Nächstenliebe und hohem Freisein, wolle״ uns auf allen Feldern der Ehre betätigen, in Kunst und Wissenschaft cs vorwärts zu bringen trachten, damit ein Glanz von unseren Taten auf die Acrmsten unseres Volkes zurückfalle. So verstehe ich das Judentum. VI. Einem Volke kann man nicht philanthropisch helfen, sondern einzig und allein politisch. יי E ju* *wi I I \y 4 Ruhe als erste Cür^crpfllcht — Der Kampf gegen die natlonaljildlschc Jt!״cnd — Langwelliger Antizionistnus Köln, im Juni 1913. Quieta non movere! Mit diesen Worten läßt sich wohl nni besten die (Irmulstinimung kennzeichnen, die wahrend des vorige» Winters das jüdische Leben Kölns beherrschte. Wenig erregt von den jüdischen Veranstaltungen der verschiedenen Vereine ging es seinen müden schleppenden Gang, der so charakteristisch für unsere westdeutschen Großgemciudcn ist. Alles schlief! Weder die so spärlich besuchten Vortragsabende des Literaturvereins noch die Attraktionen, mit denen der Jugend verein (i a b r i e I - R i e ß e r sielt ab und zu bemühte, ein volles Haus zu erzielen, vermochten den Dornröschenschlaf dbr Kölner Judcnheit zu bannen, Auch der großen Versammlung de» Zentraivcrcins gelang dies nicht, gbwohl in dieser Versammlung irgendein großer Führer — Fuchs oder H o r w i t z — sensationelle Enthüllungen über seine Stellung zur Jesuitenfrage zum Festen gab, ein Thema, das die Versammlung anscheinend mehr interessierte, als die gesamten sonstigen Ausführungen des Redners. Auch der Kampf um die Richtlinien, der die Gemüter e nc Zeitlang lebhaft erregt hat, Ist erloschen und vergessen, und nur ein Fünkchen, dns noch ab und zu aus der Asche glimmt, erinnert daran, daß cs sich bei den Richtlinien tim Abgründe bandelt, an denen doch eigentlich Juden, die das Heil des Judentums nur in seiner Religion selten wollen, nicht so achtlos vor• übergehen dürften. Einige Optimisten meinten seinerzeit, daß der Richtlinicnkampf wenigstens ein bißchen Lehen in die in seinem Zeichen auszutragenden Reprüseiitantenwahlcu bringen würde. Ach, ihr Optimisten, wie habt ihr euch •getäuscht! Von einem Wahlkampf war noch weniger die Rede als in früheren Jahren, und mit Hilfe unseres famosen Drei• klassciiwahlrecht» bemächtigten sich die Liberalen wieder mühelos der vor wenigen Jahren von den Konservativen noch hart umstrittenen zweiten Klasse, Es ist ja eigentlich auch nicht einzuschen, warum die Mehr-Liberalen und die Minder-Liberalen sich bis aufs Blut bekriegen sollen, wo es doch nur Schattierungen sind, die sie trennen, — vielleicht mit Ausnahme einiger Dutzend Orthodoxer, die noch bei der großen Gemeinde verharren. Wer weiß, ob nicht schon die nächsten Wahlen im Zeichen des antizionistischcn Grofiblocks gegen uns vonstatten gelten werden. Ja, das jüdische Volk Kölns schläft! Pfarrer J :11 h o war der letzte, der cs vermochte, die Juden Kölns außerhalb des joinkippur in großen Mengen in die Betliäuser zu locken; aber seit er die Augen zur ewigen Ruhe geschlossen hat, sind sie des Führers beraubt, trauern ihm nach und — schlafen! Selbst mit der zionistischen Ortsgruppe ist nicht alles so bestellt, wie es sein sollte. Auch sic hat sich noch nicht ganz aus der tiefen Untätigkeit der letzten Jahre zu neuem Tun einporgerafft. Doch sind schon unverkennbare Symptome für eine entschicdeue Besserung da. Eine reformatio in capitc et in membris bereitet sich vor; die Leitung ist ejjlä«," 11'". i ....11 ml.ווו I!.ו ,..ui min Sie meintenim Anfänge sei das Geld. Nein! Im Anfänge ist die Idee. Für Geld bekommt man Mietlinge, ein Volk läßt sich 90 nicht aufraffen. Dies kann nur eine Idee zuwege bringen. Das ist ungefähr so, wie wenn Sie einen Elcfaiiten Aufheben wollten, um ihn an einen anderen Ort zu bringen; da brauchte man einen furchtbar großen Apparat dazu. I)ic Elefantenjäger aber kitzeln ihn mit einem Stachel und lenken ihn dorthin, wo sie ihn haben wollen. Dieser Stachel, mit dem wir die Massen nach einem besseren Punkte bringen wollen, ist die nationale Idee. Es ist wahr, diese internationalen Finanziers sind reicli geling, das Werk zu fördern; sie sind nicht reich genug, es zu verhindern. Wenn sie alles kaufen können, das Stück Blech, aus dem die Feder eines unabliängigen Schriftstellers gemacht ist, können sie nicht kaufen. VII. Wir. Zionisten halten die Bauernansiedlung für törichter als edel, wenn es ohne völkerrechtliche Garantien geschieht. « Wir wollen keine Ansiedler cinschmuggeln und überhaupt keine Tatsachen zu schaffen versuchen ohne vorherige Abmachung. Wir hätten nämlich keinerlei Interesse daran, eine wirtschaftliche Kräftigung der Türkei herbeizuführen, wenn wir dafür keinen Gegenwert erhielten. Die ganze Sache ist nach dem einfachsten Rezepte von der Welt zu machen. Es lautet: do ut des! durch frisches Blut verjüngt; die leider nicht sehr ׳zahlreichen, öffentlichen Versammlungen des letzten Wintere waren gut besucht mul von einem erfreulichen Geiste durchweht. Was aber die Hauptsache ist; man ist endlich zu der Erkenntnis gelangt, daß im Kampfe um die Zukunft des Judentums r.ur die Partei den Sieg davortragen wird, die die Jugend hinter sich hat, und hat erfolgreiche Schritte auf dem Gebiete der Jugendpropagaiida unternommen. Wir können wirklich auf unsere nationaljüdische Jugend stolz sein. Man darf heute schon sagen, daß sie im Leben Kölns einen nicht mehr zu vcmachliissigenden Faktor darstellt. Wie sehr wir mit unserem Programm der Jugendarbeit auf dem riehtigen Wege sind, hat uns die maßlose Erregung gelehrt, mit der alle uns feindlich gesinnten Kreise sie zu störcu versucht haben. Die Lebeiisäußerungcn der nationnljüdischen Jugend Kölns haben nämlich etwas fertig gebracht, woran die älteren schon seit Jahren verzweifelten: den Schlaf unserer Gemeindepotentaten aufs empfindlichste zu stören. Das blü- . liettde Wachstum der zionistischen und nationaljüdischcn Jugendbewegung in Köln hat sie so kräftig aus ihrem Schlafe in die Höhe geschreckt, daß sie taumelnd mit dem Kopfe an die Decke fuhren, und dann, als sie verdutzt an die schmerzenden Schädel griffen, der Wirklichkeit nicht mehr trauen wollten. Aber diese war darum nicht minder wirklich: in der Gestalt eines über 100-köpfigen nationaljüdischen Turnvereins, einiger Dutzend V. J. St. er und eines allerdings noch jungen, aber viel versprechenden 11 e r z 1 - CI u b 8. Als die I lerren von der Assimilation sich dann endlich über diese Situation klar geworden waren, sahen sie ein, daß sic schnell handeln mußten, wenn ihnen nicht alle Felle davonschwimmen sollten, und es wurde flugs ein systematischer Kampf gegen den Zionismus und alles, was damit Zusammenhänge ins Werk gesetzt. Zuerst sollten die Akademiker daran glauben, in ן denen man die gefährlichsten Gegner des alten jüdisehen Schlendrians witterte. Man beschloß, den Kartclltagskoinmers des B. J. C. in Köln zu boykottieren. Gemeinde, Loge und einige andere Organisationen fanden sich zu diesem Zwecke zusammen. Alle Mittel, erlaubte und unerlaubte,!nultteil!!erhalten. Leider nahm der Kommers, wahrscheinlich gerade infolge dieser Aufsehen erregenden Gegenagitation einen unerwarteten imposanten Verlauf, Die Folge war eine häbliche, gegen die V. J, St, er gerichtet, vom Vorstand der Synagogcngcmcinde ausgehende ,Denunziation in der Kölnischen Zeitung, auf die das Präsidiunt des B. J, C. indes dank der Loyalität dieses Blattes eine vornehme, aber dämm nicht minder schneidige und in weitesten Kreisen als solche empfundene Abfuhr erteilen konnte. Inzwischen hatte auch der ״neutrale“ Gabriel- Rießcr Verein den Versuch unternommen, im Trüben zu fischen, und ein Mißverständnis auf jenem Kommers zu einer planvolles Aktion gegen die Zionisten ausgesclilachtct. Allen Parteigängern Bit*• menfelds wurde der Rat zum Austritt erteilt, dem man damals zionistischerseits nur deshalb nicht Folge leistete, weil man dem Gabricl-Ricßcr Verein nicht das Vergnügen bereiten wollte, daß er sich im Verband rühmen konnte, als erster Vcrbandsvercin seine Zionisten ״hcrausgcscltmisscn“ zu haben. Jede Aus- Ist einmal das Volksbewußtsein und der Volk*• wille vorhanden, dann gilt es mir noch, die vernünftigen Mittel und Wege zur Ausführung zu finden. Ein Volk ist unerschöpflich an Kräften, wie cs auch nicht durch die zeitlichen Grenzen des Individuums bcschränkt wird. Freilich darf die Ausführung nicht unnötig verzögert werden, sonst werden die klarsten Bestrebungen blaß und unwirklich wie Träume. Indessen sind alle diese Schlagworte und Parteinamen niditssagend. Ich könnte Ihnen leicht bcweisen, daß die sogenannten Praktischen eigentlich politisch sein wollen, und daß wir, die Politischen, eigentlich praktisch zu sein glauben. Was ist ein Staat? Eine große Kolonie. Was eine Kolonie? Ein kleiner Staat. VIII. Unsere Sache Ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß Ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelingen soll. In allem haben wir uns bemüht, Unpersönliches einzurichten. Nur das hat Dauer. Kein einziger von uns ist heute mehr unentbehrlich. Wer immer von uns verschwinde oder aus den Reihen falle, die Sache geht weiter. Ich sage nicht meine Anhänger, denn das würde die Bewegung zu einer persönlichen, folglich von Hause aus zu einer lächerlichen und verächtlichen machen. Nein, es ist eine Volksbewegung, und aie wird eine ruhmreiche werden, wenn sie vor •der Be-