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Jüdische Rundschau · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 274 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27 gen von einer üblen und doppelzüngigen Taktik diktieren lasse. Wir haben an dieser Stelle das ״Material“ des Herrn gewürdigt und gezeigt, wie hold und hinfällig seine ganze Beweisführung war. Nichtsdestoweniger können wir uns seiner Schlußfolgerung vorbehaltlos * *™schließen. Da wird nämlich gesagt, da» eine Bewegung, -die gezwungen ist, ihre Taktik von Fall zu Fall zu ,ändern und ihre Fahne nach dem Winde zu drehen, keinen Anspruch darauf erheben dürfe, als Vertreter einer innerlich wahren und zukunftsstarken Idee zu gelten. Nun, wenn der Zentralverein seine Fahne jetzt nicht nach dem clsässischcn Winde dreht, so wissen wir nicht, was mit dem Worte gemeint ist. Die Herren spotten ihrer selbst und wissen nicht wie! Das elsässische Judentum aber wird sich für die Rolle, die ihm in dieser Komödie zugedacht ist, bcdanken! Das Staatsangehörigkeitsgesetz und die jüdischen Kultusbeamten In unserer Reichsgesetzgebung finden Wünsche auf Befriedigung spezieller Bedürfnisse des jüdischen Volksteilcs selten Berücksichtigung. Um so freudiger zu begrüBcn ist ein Erfolg, der jet’zf bei der Beratung des Gesetzes über den Erwerb der Staatsangehörigkeit erzielt wurde. Dieses Gesetz, das auch die Grundsätze für die Naturalisation der Ausländer in Deutschland feststellt, enthält einen dem bisherigen Rechte entsprechenden § 10, wonach eine Anstellung im Kirchendienst ohne weiteres mich die Naturalisation einscliließt,!,()fern solche nicht bereits vorher bestand. Es bedarf keiner Erörterung, wie wichtig es für unsere jüdischen Verhältnisse ist, wenn eine solche Bestimmung sich nicht auf die christlichen Kirchen beschrankt, sondern auch die jüdischen Gemeinden einscliließt. 1 in dahingehender Antrag war von der freisinnigen Volkspartei gestellt worden, er wurde aber in zwei er Lesung abgclchn», da speziell das Zentrum, durch den Abgeordneten Beizer widersprach, wie hier gleich bemerkt werden soll, nicht aus Animosität gegen die Juden, sondern weil cs in dieser Bestimmung einen Eingriff in die Rechte der Einzclstaaten sah. Auch die Regierung selbst hatte, wie in der Kommission so aticli im Plenum, gegen die Ausdelmung dieses Gesetzes, auf die jüdische Religionsgemeinschaft entschieden Front gemacht. Daher schienen alle Anstrengungen, die bis dahin der Verband der deutschen Juden in dankenswerter Weise gemacht hatte, um die Gleichstellung durchzuführen, umsonst. Inzwischen hatte aber der ״Verb a n d der Berliner Synagogcnvcrcinc“, als er von dem Resultat der zweiten Lesung erfuhr, seinerseits den Beschluß gefaßt, sich mit einer neuen Eingäbe an den Reichstag zu wenden und in dieser Eingabe darzulegen, welche schweren Mißstände der Theodor HerzI in seinen Schriften Von Felix Roscnbliith (Berlin). I. Unsere böse und törichte Gewohnheit, einander lächerlich zu machen, ist ein Ueberrest kriechtischer Gewohnheiten, die wir uns in den Jalirhunderten der Bedrückung angceignet haben. Ein Freier sieht nichts Lächerliches an sich und läßt sich von niemandem lächerlich machen. Deshalb richte ich meine ersten Worte an jene Juden, die starken und freien Geistes sind. Der Judenstaat ist ein Wcltbcdürfnis, folglich wird er entstehen. Seit den Tagen von Basel hat das jüdische Volk wieder eine Volksvertretung; folglich wird der Juden- Staat in seinem eigenen Lande erstehen. Alle jüdischen Kolonisationszwcckc müssen sich zusammenfinden. Das liegt in der Natur der Sache, folglich wird es geschehen. Alk Werke müssen ein Werk werden, dann wird cs gelingen. II. Sie werden in dem, was ich Ihnen sagen will, einiges zu einfach, anderes zu phantastisch finden. Aber mit Einfachem und Phantastischem führt man die Menschen. Es ist erstaunlich — und bekannt — mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird. * . . I Mangel an geeigneten, inliiiulischen Gcmcindebcamten an vielen Orten iiervorrufc. Eine Kommission, bestehend ans «len I ierren: Rechtsanwalt Dr. Klee, A. Lewinsky, Moritz A. Lo c b, Theodor Löwenb «• r g und Direktor W o I p c , arbeitete in kürzester Frist, nach Fühlungnahme mit dem Verband der deutschen Juden, eine entsprechende Eingabe aus, und ließ diese dein Reichstag zugdien. Es wurde ferner mit den Vertretern der vcrscliicschiedeiien Parteien Rücksprache genommen, und (las erfreuliche Resultat war, daß vor allem das Zentrum sich von der Gerechtigkeit der hier geltend go machten Ansprüche überzeugen ließ, wozu auch die Unterstützung beitrug, die der Antrag seitens der ״Freien Vereinigung für die Interessen des ortlia• doxen Judentums“ fand. Abgeordneter Orocbcr stellte bei der dritten Lesung den Antrag, auf Einfügung der anerkannten Religionsgemeinschaften — zu denen ja das Judentum in allen deutschen Staaten gehört — und dieser Antrag ging, gegen den Widerspruch der Staats- Vertreter, durch. Wer da weiß, wie selten cs verkommt, daß zwischen der zweiten und dritten Lesung Gesetze noch in wichtigen Punkten geändert werden, wird der raschen und energischen Arbeit, die hier seitens der Kommission des Verbandes der Berliner Synagogenvereine geleistet wurde, seine Anerkennung nicht versagen können. Eine jüdische Universität in Jerusalem Seitdem in der Diaspora der Gedanke der jüdischeu Renaissance lebt, und seitdem die ersten Träumer der Losung: ״Die Auferstehung Israels im Lande Israels“ ihre große Gedankenwelt bauen, ist noch keine so große Parole gefallen, wie sie von der vorletzten Sitzung des Actions-Comitds der zionistischen Organisation ausgegangen ist. Eine jüdische Univcrsitat in Jerusalem, das ist die Programm-Parole, die im Herzen eines jeden Juden, der an die Zukunftserlösung seines Volkes glaubt, starke Gefühle hervorrufen wird. Dieser Ruf ist kein zufälliger, nicht plötzlich, nicht in augenblicklicher Begeisterung entstanden, die Merzen einiger Romantiker zu erwärmen und nachher zu verschwinden. Die hebräische Universität fn Jerusalem ist die notwendige Folge unserer Rcnaissancearbeit. Den 11 das Problem der nationalen Renaissance, das ist das Problem der kulturell-nationalen Rcnaissance und der nationalen Schaffenskraft. Die nationaic Produktivität und Kultur ziehen ihre Kraft aus zwei Wurzeln gleichzeitig: der Außenwelt, den Eindrücken und Erscheinungen, die der Mensch unaufhörlidi in seinem Milieu erfährt, und der inneren Welt, dem Wesen des ewig nationalen Empfindens. Die vollständige Harmonie zwischen dem nationalen Leben und dem nationalen Milieu ist die notwendige Forderung für das nationale natürliche Schaffen, Das Galut bedeutet den Mangel der Harmonie zwischen Aber ich hätte Ihnen schließlich sagen müssen, welche Fahnen, und wie ich sic aufrollcn will. Und hätten Sie mich spöttisch gefragt: eine Fahne, was ist das? Eine Stange mit einem Fetzen Tuch. Nein, mein Herr, eine Fuhne ist mehr als das. Mit einer Fuhne fuhrt man die Menschen, wohin man will, selbst ins gelobte Land. Für eine Fahne leben und sterben sie, es ist sogar das einzige, wofür sie in Massen zu sterben bereit sind, wenn man sie dazu erzieht. Glauben Sic mir, die Politik eines ganzen Volkes — besonders, wenn cs so in aller Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben. Wissen Sic, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Träumereien, Liedern, Phantasien und schwarz-rot-goldenen Bandern. Und in kurzer Zeit. Bismarck hat nur den Baum geschüttelt, den die Phantasten pflanzten. Ich bin weder Seher, noch Prophet: aber ich gestehe: ich hoffe es und bin davon überzeugt, daß das jüdische Volk eines Tages von einer großartigen Begeisterung erfaßt werden wird. III. Der Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland. In einem Worte ist unsere Tätigkeit und ihr Fortgang zusammenzufassen: Wir organisieren die Judenhcit für ihre kommenden Geschicke. dem inneren Wesen und der äußeren Welt. Natio. nak Renaissance heißt die Herstellung jener Har. nionie der schöpferischen Elemente, die die nationale Persönlichkeit schaffen und ihrem geistigen Leben ein bestimmtes Gepräge verleiben. Die jüdisch, nationale Bewegung will die beiden Elemente in uns harmonisch gestalten. Die Auferstehung jes hebräischen Landes, der hebräischen Sprache und der Aufbau hebräischen Lebens sind aus dem Bedarf, nisse dieser Harmonie geboren. Ist die nationale Renaissance das Auflcbcn der nationalen Kultur und des nationalen Schaffens, so ist die hebräische Universität der Boden und die Krenc für diese Rcnaissaiicearbcit. Die Arbeit für die lie. hräisclic Renaissance mußte notgedrungen das 1k*. dürfnis einer zentralen Anstalt für die jüdische K;1|. tur, das Bedürfnis einer hebräischen Universität schaffen. Und wie die Universität, so ist auch der Ort der Universität durch einen nationalen kategnrisehen Imperativ bestimmt. Im Zentrum des jüdisehen Landes, in der Metropole der Nation, soll jenes Zentralwerk für jüdische Kultur geschaffen werden, dessen Strahlen über die ganze Diaspora leuchten sollen. Die Aufgaben und Ziele der hebräischen Universität in Jerusalem werden verschiedenartig sein müssen. Für die, die das Galut verlassen, um im Lande der Väter zu leben, wird die Universität zugleich das Zentrum für ihre erzieherisch-kulturellen Bedürfnisse, als auch für ihre politisch-ökonomischen Bestrebungen bilden. Das große kulturelle Werk, das von der Universität ausgehen w׳ird, wird auch eine politisch-erzieherische Arbeit sein, indem sic den Volksgcist stärken und seine Lebenskraft erhöhen wird. Während die anderen Nationen, mit ihrer Kultur ausgerüstet, aus Gründen der Eroberungspolitik nach Syrien und Palästina kommen, um die alte Kultur der orientalischen Welt zu erdrücken, während sie Schulen und Hochschulen gründen, um dadurch im Lande Machtmittel zu bekommen — kommen wir, eine Politik des Aufbauens im Lande zu treiben mit einem Volke, mit dem wir uns stammverwandt fühlen und zu dem wir seit langem brüderliche Gefühle hegen. Wir kortimen, diese alte orientalische Kultur zu stärken und ihren Einfluß neu zu beleben. Hier eine Politik der Eroberungsgelüste, die sich stützt auf die geistig minderwertigen und moralisch Gefallenen jenes Volkes, die, treulos ihrer Vergangenheit, sich den Eroberern verkaufen und da eine Politik des kulturellen Schaffens aus gemeinsamen Interessen und Bestrebungen, die uns mit den Besten jenes Volkes vereinigen. Gegenüber Beirut mit seinen europäischen Kollegs wird Jerusalem mit seiner hebräischen Universität kommen. ״Wir werden jene kulturellen, europäischen Güter ins Land bringen, die uns mit dem inneren Wesen und der historischen Entwicklung der alt orientalischen Welt vereinigen. Wir verschaffen dadurch jener uns geistesverwandten Welt die nötige Widerstandskraft und die erforderliche Energie, um der vom Westen her drohenden Invasion Widerstand zu leisten, und wir tragen dazu bei, diejenige synthetische Schöpfung herbeizusehaffen, die das orientalische Wesen und die europäische Zivilisation vereinigen soll.“ So sprach Ussischkin in der letzten Sitzung des großen Actions-Coinites. Das Zentrum für diese kulturell- IV. Man w ird einsehen, da» wir keine hochfahrenden Träume hegen, nichts Törichtes und Ungerechte., wollen, sondern nur eine Existenz der Arbeit für unser armes Volk, weil wir einzig und allein von der gesicherten Arbeit seine sittliche und körpci - liehe Hebung erwarten. Darum, darum haben wir es zunächst unternommen, unser Volk unter einem Ideal zu versammeln. Die materielle Sicherheit ist die Grundlage der moralischen Gesundheit, und darum wünschen wir mit alter Inbrunst, erstreben wir mit atl unserer Kraft für unser Volk die materielle Sicherheit, die es nur auf seinem eigenen Boden finden kann. Und die moralische Gesundheit eines in der ganzen Welt verstreuten Volksstammes ist von Wichtigkeit für die ganze Welt. Die Finsternis muß weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet cs zuerst auf, dann schließen sich die anderen an, die das Recht, die Wahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schönheit lieben. Unsere Erinnerungen gehören uns allein, die Schönheit der Hoffnungen aber teilen wir mit allen Menschen. In dieser Zeit des erneuten Judenjammers gehen auch gar herrliche Dinge in der Welt vor. Die Naturkrlfte werden bewältigt, die Kultur erobert sich rastlos neue Gebiete, aus dem Verkehr der Völker entwickeln sich mildere Sitten, und eine tiefe Sehnsucht nach sozialen Reformen bewegt neben den Acrmsten auch die Besten. Die junge Männlichkeit des Nationaljudentums nimmt teil an allen dies«

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