Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1913-06-27 · Heft 26 (27.6.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651815-2651842--09023-2666318
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 JUEDI&CHE RUNDSCHAU Seile 207 f: AUS ALLER Deutschland JpIT .. iUcVI ־• Im Deutschen Reichstag hat während der vergaiigemn Woche wieder einmal eine sogenannte Judendcbatlc stattgcfimdcn, Der konservative Ahgeordneir von (iraefc und der rcinantiseinitische Ah״c• ordnete Dr. Werner (Gießen) haben wieder einind.die üblichen antisemitischen Tiraden angestimmt, um die Zurücksetzung der Juden im Heere zu vertcHigen. Es wäre nicht notig, dieser abgedroschenen Kedcn in der Presse zu gedenken, wenn die Reichst ■׳;: delutte nicht dadurch eine etwas gröbere Beilenum bekommen hätte, dalt Abgeordnete verschiedener I ■armen die antisemitischen Ausfälle mehr oder minder energisch zurückgewiesen hätten. Der Abgeordnete i'o Zentrums, Erzberger, stellte sich auf den M,111l|H111kt, dal) cs nach der Reiclisvcrfasstmg kein A-j-naliincrecht für Juden gibt und verwahrte sich mit •aier Energie gegen die Behauptung Werners, der I ,vherger antisemitische (iesinmiug unterstellte. Ehen- '■< energisch behandelten die Abgeordneten I >r. Müller (Fortsclir. Volkspartci), Heine (>oz.) und Schöpfl in (Soz.) die antisemitischen Reden. Aber aneli jiiiliselic Abgeordnete ergriffen das Wort: Abg, Dr. Bernstein (Soz.) und Abg. Waldstein Dpt.). Trotzdem die antisemitischen Hetzreden also nicht ohne• Antwort blieben, kann sich der Jude, der den Verlauf der Diskussion verfolgt hat, doch eines;:0wissen peinlichen Gefühls nicht erwehren. Die riehugc Antwort ist den Antisemiten wenigstens von jiibischer Seite nicht erteilt worden. Wenn der Herr Er. Werner behauptete, dal! der Antisemitismus keine Piirleisachc ist und Anhänger über die Zahl der erklärten Antisemiten hinaus Z-ähle, so weilt mau wohl, dal! diese Behauptung leider nicht ganz grundlos ist. Der Antisemitismus ist stärker, als Herr Abg. Waldstein <Vpt.) als deutscher Jude zugiht, der von einem hiflchcn Rest von Antisemitismus sprach. Sonst hätte es nicht geschehen können, dal) der Kriegsminister die Angriffe und Ausfälle gegen die jüdischen Soldaten, die doch auch ein Teil der Armee sind, für die der Kriegsministcr einziitreteii hat, so gelassen und widerspruchslos hingenommen hätte; sonst konnte cs nicht geschehen, ilali sich die Vert e i d i gun g s r e d e n der Gegner des Antisemitis- ■uns von Jahr zu Jahr als Antwort auf das aulisciui• lischt־ Geschimpfe cinstcllcn, ohne daß die Praxis eine Aendcrung erfährt. Es entwurzelt den Antisemitismus nicht, wenn mau sich und anderen einreden will, du Xi er auf einen kleinen Rest zusammeiigesdiittol/eii sei. Die Juden wissen das besser, Herr Abgeordneter Wald st ein. Die Abwehr antisemitischer Angriffe wäre nicht so wichtig, wenn es sich wirklich nur um einen kleinen Rest handelte. Dieser Rest genügt, um die deutschen Juden zu Staatsbürgern zweiter und dritter Klasse herab/tidriicken. Und im Reichstag könnte die A b w׳ c 11 r von Seilen jüdischer Abgeordneten auch noch anders geführt werden, wenn sic sich nicht darauf beschränkten, den Antisemiten auch einige Juden vorzuzählen, die bewiesen Italien, daß sie nicht feige sind, daß sie ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, daß sic ihre Steuern zahlen. Auch im Deutschen Reichstage sollte bei einer solchen Gelegenheit ein Jude aufstehen und sich, ohne jede Klausel, mit Stolz und Freude zur jüdischen (iemeinsebaft bekennen, iltre Lage darstellett, offen sprechen. Weder die jüdischen oder christlichen Verteidigungsreden, noch die Behauptung, daß der Antisemitismus eigentlich nicht mehr existiere, genügeti. Ein Wann möchte sich finden, der so für das Judentum cintritt, wie Sokrates für sich sprach, als er vor den Richtern stand. Oesterreich Kaum war der Hochverrat des österreichischen Obersten Redl unzweifelhaft nachgewiesen, begann die antisemitische Presse in Oesterreich und in Deutschland die Behauptung, Redl sei ein ״Judenxtämmling“ ־gewesen, und daraus erkläre sich n atürli ch die unnatürliche Tatsache, daß ein hoher Offizier sein Vaterland um blanke Silberlinge an den politischen Gegner verrate Die Lüge war diesmal aber nicht vorsichtig vorbereitet. Der Herkunft eines österreichischen Gcneralstabsoffiziers kann man immerhin nachgellen. Und so hat die Nachfrage beim Konskriplionsamt des Magistrats in Lemberg das amtliehe Resultat ergeben, daß der Vater des Obersten, Franz l< 1 d I, ein nach Wien zuständiger römischkatholischer Christ war; daß die Mutter, Mathilde, geh. Chi 111, römisch-katholischer Religion war; daß der Großvater des Obersten Redl zu einer Zeit die Zuständigkeit nach Wien besaß, da Juden niemals «iese Zuständigkeit in Wien erlangen konnten, Die antisemitische Presse aber wird sich auch in Zukunft nicht scheuen, diese blanke Lüge weiter z.u verbreiten \ Die Wiener antisemitischen Studenten haben **rem alten Lorbeerkranz neue Blätter hinzugefügt. Bei den früheren Krawallen und Ausschreitungen gegen die zionistischen Studenten die sich dabei sehr mannhaft benommen haben —, erregten sic dermaßen das öffentliche Acrgcrnis und die Empörung aller anständigen Leute, daß der R c k t o r _d e r Wiener Un i v e r s i 1 a t, Hofrat Professor” Dr. von Weich sclbau in, erklärte•. ״Ich schäme mich, ein Deutscher zu selnl“ Daraufhin hat sieh der Zorn der braven Antisemiten gegen den dciitscheu Rektor, der die Aula sicherheitshalber gesperrt hatte, gekehrt und es kam infolge des riulcn Benehmen* der Antisemiten zur vorübergehenden Schließung der Universität. Dieses Benehmen der l ütra - Antisemiten scheint aber nicht einmal - im deutsch-nationalen Lager gebilligt zu werden. Der Wiener ״M o rg c n“ bringt die Nachricht, daß in einer vertraulichen Versammlung der dcutschnatioualen Kouleurstudenieu ein Antrag, das Wuidhofencr Prinzip wieder atif/.unehmen, a hg eich nt vvorden sei. Die Mehrheit der wehrhaften deutsch-nationalen Studenten sei gegen das Wuidhofencr Prinzip. Oh diese Nachricht auf Wahrheit beruht, muß ahgewartet werden. Rumänien Die rumänischen Juden sind um die Rechtsstelluug, die ihnen der Berliner Kongreß versprochen hat, in hinterlistiger Weise betrogen worden. Und mm, da Bulgarien das Gebiet von Sil istria an Rumänien abtreten muß, verlieren die dort ansässigen bulgarischen Juden vermutlich auch die rechtliehe Stellung, die sie bisher hatten. Nachdem in Italien der frühere italienische Ministerpräsident Luigi Luzatti seine Stimme zugunsten der rumänischen Jüden erhoben hat, veröffentlich{ nun der frühere französische Ministerpräsident Georges Climen• c e a 11 in Nr. •LJ des ״L'l lomine Librc" einen Leitnrlikel ,,Les Juif* eu Roumatiie", in dem er gegen die Rechtsbeugung Rumäniens den Juden gegenüber energisch Stellung nimmt. Er fordert den gegenwärtigen französischen Minister des Addieren auf, diese ״jämmerliche“ Frage wieder aufzugreifen, wie es sein Vorgänger Frey ein et in dem Rundschreiben vom 1(>, August 1830 getan habe. Am Lag Baomer wurde in Hebron in An- Wesenheit des Kaimakmns sowie zahlreicher Nutahcln aus den jüdischen und arabischen Kreisen der Stadt und ihrer Umgebung das neue Bankgebäude der ziuiiistischen Anglu-Palestine Company von Herrn S. Hoof ien-Jaffa eröffnet. Das neue Gebäude, das sich im geschäftlichen Mittelpunkte der Stadt befindet, macht dort, inmitten der nllorientalischen 1)111• gebung, mit seiner europäischen und sauberen □11• richtung einen ausgezeichneten Eindruck, An diesen! Lag Baomer waren es genau sechs Jahre, daß die A. I*. C, ihre Tätigkeit in Hebron mitgenommen hat, Wenn sic nun auch die wirtschaftliche Position der hiesigen jüdischen Bevölkerung In hohem Maße gestärkt und dadurch auch das Ansehen des jüdischen Elementes gehoben hat, 80 kann dies doch mir als ein verheißungsvoller Anfang angesehen werden, 111 Siidpaliistina stehen nämlich dem jüdischen Kolonisatioiiswerk noch große Aufgaben bevor. Die Um• gebung von Hebron kommt besonders für diejenigen Pflaiizungsgesellsriiaften in Betracht, die wegen der Knappheit ihrer Geldmittel auf billigen und fruchtbaren Boden reflektieren. In dieser Beziehung bietet Süd- Palästina kolonisatorische Möglichkeiten, die beachtet werden sollten, Audi für die städtische Siedclung bietet Hebron, das den Mittelpunkt eines bevölkerten Distrikts bildet, cig weites Arbeitsfeld. Welches grolle Interesse die jüdische Bevölkerung in Jaffa der Musik entgegenbringt, geht daraus hervor, daß die hiesige Musikschule — wohl die erste im Orient —, die vor drei Jahren von Frau Sulamith R u p p i n begründet wurde, bereits ca. 100 Schüler und Schülerinnen zählt und das Schulgeld ca. 10 000 Francs beträgt. Die Verwaltung des Stadtviertels Tel- Awiw hat eigens für die Zwecke der Musikschule ein geeignetes Gebäude־ errichtet und cs der Anstalt gegen mäßige Miete zur Verfügung gestellt. Es ist bekannt, daß sich Herr Rabbinersohn in Kiew in besonders großherziger Weise der jüdischen Musikschulen in Jaffa und Jerusalem annimmt. Da aber diese Anstalten bestrebt sind, hervorragende curopäischc Kräfte ticranzuzichcn, ergibt sich trotz, der wachsenden Einnahmen noch immer ein beträchtliches Defizit. Hauptsächlich um dieses zu beseitigen, bildete sich in letzter Zeit eine ״Jüdisch-musikalische Gesellschalt“ zur Förderung der musikalischen Bestrebungen in Palästina, der bereits etwa 70 Mitglieder angehören. Dem Vorstand gehören an die Herren: Berlin, Diesengoff, Hopenko, Kaplans ky, Ruppin, Schallt und Turoff. Das Palästiiia-Inloniiatioiisbureau in Wien teilt uns mit: im AnschInII an den XI. Zionistenkongreß findet eine große Gesellschaftsreise nach Palästina statt. Die näheren Bedingungen für die Teilnahme und das Programm werden nächsten# bekaiiiitgegeben werden. Es empfiehlt sich, schon jetzt die Anmeldungen für die Reise an das Palästina- Informationsbureau, Wien II, Karmelitcrplatz I, zu richten. Je nach der Größe der Teihiclimerzah! werden die Ermäßigungen und die sonstigen Begünstigungen festgestellt. * Der ünuverneurvon Jerusalem besuchte während seiner letzten Anwesenheit in Jaffa auch da* neue jüdische Stadtviertel Tel-Awiw und das Hebräische Gymnasium, wo er einige Stunden dem Unterricht beiwohnte. Zu seiner Begrüßung wurde die türkische Nationalhymne und die jüdische Volkshymne ״Hatikwah“ gespielt. aus Deri öSMemDeti Berlin. Das vor kmzem vom Neuen jüdischen Gcnicindevercin versandte Flugblatt, in dem auf die kommenden Rcpiäsentaiitenwahleii hingewiesen wurde, ist in dein Satze: ״. . . nur wahlberechtigt, wer die Steuern der letzten drei Jahre entrichtet hat“, vielerseits mißverstanden worden, derart, als ob diejenigen, die noch nicht drei Jahre lang Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind, nicht wahlberechtigt wären. Das sollte damit natürlich nicht gesagt sein. Es sei daher hierdurch ausdrücklich nochmals klargestellt, daß jeder wahlberechtigt ist, der mit den Steuern In den letzten drei Jahren nicht Im Rückstand geblichen ist; «Iso, wer auch erst kürzere Zeit Mit• glied der jüdischen Gemeinde ist, darf wühlen, falls er nur die durch seine Mitgliedschaft und während -derselben zahlbaren Steuern entrichtet hat. Es sei aller außerdem hier schon es wird späterhin noch daran erinnert werden allen empfofilen, Einsicht in die aiisliegenden Wählerlisten zu nehmen, ganz besonders denen, die nicht ganz sicher sind, ob sie ihre Steilerpflichten völlig erfüllt haben. Berlin. Der Verband der Arbeitsnachweise der GroQlogc für Deutschland VIII U. O. B. B. und da* Kartell der jüdischen A r b e i t s n a c 1! weise (gegründet vom jüdischen Frauenbund) haben Verzeichnisse• der iiineti angeschlossenen Arbcitsnaehweise und Stelleiiveriiiiltliingeii zunächst an die Ge• meindeu, Logen, Vertraiienspersonen des Frauenbun• des iisw. gesandt mit der Bitte, diese Tabellen an geeigneten Stellen aidzuliängen, damit sie der breitesten Oeffentliehkeit, sowohl den Arbeitgebern als auch den Arbeitnehmern zugänglich sind. Der Versand der Verzeichnisse an die Herren Rabbiner, Lehrer, Kuitusbeamte u. a. in Betracht kommende Verein« kann erst nach dem Erscheinen des statistischen Jahrbuche» des D. J.O, B. erfolgen. Diese Tabellen haben den Zweck, die Arbeitsuchenden auf die ihnen b c - n a c 11 barte ח . näehstgelegcnen Arbeitsnachweise hinzuw,eisen und dadurch den Zustrom von Arbeitnehmen! nach den' einzelnen großen Verkehrsplatzen abziilialtcn. Auch sollen dadurch Reisekosten und Spesen, die die karge Habe der Arbeitsuchenden schwer belasten, nach Möglichkeit vermieden werden. In Anbetracht der sozialen segensreichen Wirksamkeit, die die 11 u in a 11 i t ä r e n unentgeltlichen Arheitsiiachwcise als vorbeugendes Mittel der Armenpflege darstellen, ist zu hoffen, daß alle Menschenfreunde die Bestrebungen der genannten Organisntioncn dadurch unterstützen werden, daß sie diese Verzeichnisse weiten Interessentenkreisen bekannt gehen. Weitere Tabellen stellen auf Wunsch znf Verfügung beim Verbände der Arbeitsnachweise der Groß 10 ge für Deutschland VIII U. O. B. B,, Bcrlin W.62, Klciststr. 12, und beim Kartell der jüdischen Arbeitsnachweise, Geschäftsstelle: Helene Meyer Stargard i. P., Jobst- Straße 91. Berlin. Vor dem hiesigen Schöffengericht Moabit wurde heute die PrivatMagc Locb contra Kalischer verhandelt, Wie unseren Lesern noch in Erinnerung sein wird, bildete den Ausgangspunkt dieser Klage die Verhandlung in der Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde vom 30. Juni 1912, in der der Acrger über die Ablehnung der Vorlage, betreffend Erweiterung der Zahl der Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde zu lebhaftem Ausbruch kam. Herr Professor Kalischer als Wortführer der Rcpräsentanten hatte hierbei besonders den Vorsitzenden des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judontu ins, Herrn Moritz. A. Locb, auf das Korn genommen. Dabei waren Ausdrücke gefallen, wie ״Winkelvcrcin, Pfui“ usf., die den Ausgang der Privatklage bildeten. Der Beklagte hatte Widerklage erhoben, wegen eines Artikels, der kurz vorher im ״Hamburger Familicnblatt“ erschienen war. In diesem Artikel war u, a. gesagt worden: ״Was das Herrenhaus für das Judentum geleistet habe, könne sich — in bezug auf die jüdischen Volksschulen — ruhig neben dem sehen lassen, was der Vorstand der jüdtsehen Gemeinde in dieser Beziehung geleistet habe.“ Bekanntlich weigert sich die Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde, von den Wohltaten de• preußischen Schulgesetzes Gebrauch zu madien, da• eine Heranziehung der politischen Kommune zu den Lasten der Volksschule Vorsicht. Dem Kläger stand Herr Rechtsanwalt Dr. Abraham Löb, dem Beklagten Herr Justizrat Leonhard Friedmann zur Seite.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.