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Jüdische Rundschau · 1913-06-27 · Heft 26 (27.6.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1 Seite 204 Schuldirektor, einen Landßerjchtsdirektor in Prcußen. Dann wäre nach ihrer Meinung das bißeiten Rest von Antisemitismus völlig tot. Die Not, in die Mittelstand und Proletariat des jüdischen Volkes in Deutschland durch den Antisemitismus kommen, sehen sie ja nicht. Ls ist ein a u s g e pr ii g t e r Bo u r g e o i#- S t a nd - punkt übelster Sorte, der in der äugenblieklichcn Methode, die Judenfeindschaft zu hekämpfen, seine Triumphe feiert; ein Standpunkt, der jeglichen Zusammenhang mit der j ü - dischen Masse verloren hat und daher, jeder Rücksicht auf ihre nationalen, sozialen und religiösen Bedürfnisse bar, allein die Interessen einer Oberschicht, des bereits mit einem Fuß im Christentum stehenden radikalliberalen Judentums wahrnimmt. Darum erwächst um so dringender die Pflicht für uns Zionisten, die wir einer durch und durch demokratischen Idee huldigen, die wir nicht einem Teile, sondern dem ganzen jüdischen Volke dienen, den Kampf für die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland zu führen ׳auf einer Grundlage, die für alle deutschen Juden annehmbar ist. Auch wenn die Zionisten auf dem Boden des Nationaljudcntums *stellen oder wenn zaudernde Geister einem ausgeprägten jüdischen Stanunesbewußtscin huidigen, kämpfen sie für ihr gutes Recht, wenn sie als Staatsbürger erster Klasse hehandelt werden wollen; dieses Recht aber wird um so mehr anerkannt und berücksichtigt werden, als wir uns auf dieser Grundlage erst mit der christlichen deutschen Bevölkerung ehrlich verständigen können, die sic schon längst als selbstverständlich betrachtet. Denn an das Scheinen von der jüdischen Konfession glaubt heute außerhalb jüdischer Kreise niemand mehr außer einigen parteipolitischen Fanatikern. Unsere Gegner aber — besonders auch an die Herren vom Zentralverein ist diese Mahnung gerichtet — sollten endlich von der Behauptung ablassen, daß wir den Antiscmitismus förderten oder nicht genügend bekämpften. Hoffentlich wird ihnen die Erkenntnis allmählich aufdämmern, daß die Zionisten, gerade weil sie die schlimmsten Feinde des Antisemitismus sind, diesem nur auf einer viel breiteren Grundlage entgegentreten dürfen, als sie das Dogma des Konfessions-Judentums darstellt. Und hoffentlich packen sie, ihr Schlagwort von dem mit dem Antisemitismus verbündeten Zionismus möglichst schnell in die Rumpelkammer abgebrauchter taktischer Phrasen, in die es hineingehört. iUEDISCHF. RUNDSCHAU Das Engere Aktions-Komitee fordert uns auf, die Sammlung der Schekel mit aller Energie zu betrieben und wenigstens zum vorläufigen Abschluß zu bringen. Wir müssen in den michsteil Wochen die Walilkrciscinteilung vornehmen, denn die Wahlen zum XL Kongreß müssen späteste 11s in der ersten Hälfte August durch geführt sein. Wir setzen deshalb als letzten Tennin für die Ablieferung der Schekelgelder den 15. Juli fest. Wir bitten alle Ortsgruppen und Vertrauensmänner, sowie die lnhabe!־ von Schekelblocks dringend, diese Frist pünktlich innczuhaltcn und die gesammelten Gelder möglichst schon vorher an uns abzuliefern. Wir müssen in diesem Jahre, in dem der Kongreß eine machtvollere Demonstration des zionistischen Gedankens zu werdet? verspricht denn je, mit verdoppelter Energie die Sammlung der Schekel durchführen und uns in dieser für die Bedeutung unseres Landesverbandes auf dem zionistischen Kongreß maßgebenden Arbeit nicht durch den Kampf stören lassen, der uns durch die organisierte Assimilation aufgezwungen ist. Wir fordern nochmals unsere Freunde auf, ungesäumt ihrer wichtigen zionistischen Pflicht nachzukommen. Die Vertretung unseres Landesverbandes muß in diesem Jahre des Kampfes stärker denn je auf dem Kongreß erscheinen. Zionistische Vereinigung für Deutschland Nr. 26 Neue Ghettoliteratur ju# us, Eine ungekannte Welt. 11. Bd. Zwischen Rhein und Wolga. Erzählungen aus dem jüdisehen Familienleben. Frankfurt a, M. Sänger ft Friedberg 5673. — Steinhardt, Moritz, Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Zweite vermehrte Auflage. Leipzig Gustav Engel M13. ״Eine ungekannte Welt" betitelt der Verfasser der an erster Stelle genannten Erzählungen, der sich hinter dem etwas prätentiösen Pseudonym ״J u - da us" verbirgt, das Milieu, dem er seine Stoffe entnimmt, die räumlich und geistig enge Welt unserer Stammesgenossen im Osten. Das ist heute ein Anachronismus. Für uns, die wir uns schon in unserer Jugend an den Erzählungen Komperts, Franzos’ und den zahlreichen Sippurim-Bandclicn aus der jüdischen Universalbibliotliek erfreut haben und herangereift durch Sch 01 ein Aleichem, J. L. Perez und Schalom Asch einen neuen, tieferen Einblick in das Leben des Ostjudentums bekamen, ist dessen Fühlen und Empfinden, Denken und Handein keine unbekannte Welt mehr. Wir haben uns mit der ganzen Sehnsucht nach jüdischen Kulturwerten, aus der heraus wir zum Zionismus gelangt sind, immer wieder zu den Stätten hingewandt, an denen auch heute noch jüdisches Leben kraftvoll pulsiert, tind haben gern durch die Lektüre von Schilderungen tmd Erzählungen aus dem Ghettos der Ostjuden eine Brücke geschlagen zwischen ihnen, den kulturell Einheitlichcn und uns, den nur in» Willen zum Judentum starken und Ungebrochenen. Wir sind jedem dankbar gewesen, der uns durch das Medium seiner Phantasie neue Wege zur Seele unseres Volkes führte. Auch Judäus wollte das tun, als er seine Er» Zählungen aus einer ungekannten Welt schrieb. Es VI. Deutsch - israelitischer Der Normalvertraß einer Kommission überwiesen — Ein Votum für die jüdische Volksschule Am Sonntag, dem 22, d. Mts., fand im Gemeindehause der Berliner jüdischen Gemeinde der 6. Gemeindeverbandstag statt, an welchem die Vertreter von 13 Gemeindeverbänden, des Rabbiner-, Lehrer- und Kantorcn-Verbandes und zahlreiche Gäste teilnahmen. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete die Beratung des von der Lehrabteilung des Gemeindeblindes ausgearbeiteten Normalvertrages für die Anstellung der Lehrer und Kantoren, Der Normalvertrag, der ja nur eine ideale Forderung für leistungsfähige Gemeinden aufstellt, sicht nach dreijähriger Probezeit die lebenslänglich,. An• Stellung der Beamten vor. Die unveränderte Annahme dieser gerechten Forderung hatte natürlich eine be• deutende moralische Wirkung auf zahlreiche Gemein• den ausgeiiht. Unerwarteterweise kam es zu ei״״ Stundenlangen Debatte, weil die Vertreter der {«roß. gemeinden, darunter Elb- Dresden und Br * s I״ cr. Berlin die Bestimmungen des Normalvcrtrags als zu weitgehend be/eichnctcn und Aendtrungcn vüu •einen. Dies gab dein Redakteur der Lehrerzeitung, Steinh a r d t - Magdeburg, Veranlassung, von einem Qe. mcindefrcisiiin zu sprechen, der in der allgt1n,:mcn Politik sich in Beamtenfürsorge erschöpfe und in der jüdischen Gemeinde die bt'schcidcnsU'n F .rde• rutigcn der Beamten abiehnc. Die Entrüstung bei den Gcmeindegewaltigen war ״roß. Gemcimievorsteiler B r c s 1 a u e r-Berlin gab dieser Entrü timg in besonders schroffer Weise Ausdruck. Der Normalvertrag wurde schließlich einer Kommission überwiesen. Es folgte die mit großer Spannung erwarten■ Be• ratung der auf Wunsch des Lehrerverbamies auf die Tagesordnung gebrachten Frage der jüdischen Volksschule. Das Referat war aber seltsamerweise nicht einem Vertreter des Lehrcrverbnndes, sondern Herrn l’rof, Blaschkc - Berlin übertragen worden. Mit ganz unzulänglichen und teilweise recht unglücklichen Argu• menten bekämpfte cr die jüdische Schule. Die Sabbathciligung der jüdischen Schule würde die Kinder in Konflikt mit ihren Litern bringen, die den Sabbat nicht halten; es sei besser, daß die Kinder früh* zeitig mit dem Antisemitismus Bekanntschaft machten, als wem» sie aus der jüdischen Volksschule limorbereitet (!) ins Leben träten. Nach diesen Ausführungeu erwartete man, daß Blaschkc ein« kräftige Resolution gegen die jüdische Volksschule cinbringen würde; zum allgemeinen Erstaunen forderten seine Thesen Erhaltung der bestellenden jüdischen Volksschulen. Ncucrrichtungsolchcrinkteincn und mittleren Oemcindcn, dagegen strikte Ablehnung der jüdischen Volksschulen für die Großgemeinden. Das eigentliche Referat, unter Herausarbeitung der wesentlichen Gesichtspunkte, hielt der Korreferent, Rektor F e i n e r - Hamburg, der Vorsitzende des Lehrerverbandes. Er trat in wannen Worten int Interesse von Kindern und Lehrern für die jüdische Schule ein; gerade in den Grollgcineimlen sei ihre Einführung dringend geboten, diew ai .111 seien in der Lage, die jüdische Schule zur liöchsten Blüte zu bringen und die traurige Lage der jüdischen Lehrer zu lieben. In der Diskussion zeigte es sich, daß die jüdische Volksschule in Deutschland auf dem Marsche ist. Nur justizrat F r i e d m n nn Glogau verwechselte offenbar den Verbandstag mit dem Parteitag der fortschrittlichen Volksparlei, indem er in einer ungestümen Rede, unter Hinweis auf das liberale Parteiprogramm, beantragte: daß der Vorbandstag sich gegen die jüdische Volksschule und für die Simultnnschulc erklären sollte. l)r. Victor• Wandsbek protestierte gegen die Ausführungen Friedmanns; inan müsse sich endlich daran gewöhnen, ist ihm nicht gelungen. Ich habe den umfangreichen Band seiner Ghettogescliichtcn enttäuscht aus der Hand gelegt. Die Menschen, deren Schicksal Judäus schildert, sind mir mit wenigen Ausnahmen fremd geblieben. Nicht etwa deshalb, weil ihre Welt- und Lebensauffassung eine ■andere, primitivere als die meine, auch nicht, weil mir die Art ihrer Lebenshaltung unvertraut ist; nein, ich konnte darum zu ihnen keine inneren Beziehungen gewinnen, weil ihr Charakter nach einem Schema zurcclitgestutzt ist. In der Phantasie des Verfassers dieser Erzählungen gestalten sich die Menschen nach ihrer Stellung zum jüdischen Rcligionsgcsetz. Die Gesctzestreucn, die ״Frommen‘', das sind für ihn a priori die sittlich Edlen und Guten; die vom Gesetz Abtrünnigen stehen ihm co ipso auch jenseits des Sittengesetzes, das sind die Amoralischen. Von solcher Einseitigkeit aus kann man keine Menschen schildern, geht man an den Tiefen jedes Einzelschicksals und an dem Kern jedes Problems vorüber. So auch judäus. ln den beiden Haupterzählungen seines Buches ״Der Findling“ und ״Eine vereitelte Hochzeit“ wird eines der wichtigsten soziologischen Probleme, die Frage nach dem Verhältnis des Einflusses von Abstammung einerseits und Milieu und Erziehung andererseits angerührt. Der Verfasser schildert uns in der ersten Erzählung das Schicksal eines nichtjüdischen Findlings, der im Hause frommer Juden als Jude erzogen, als Jüngling Elternhaus und Judentum aufzugeben gezwungen wird, in der zweiten den umgekehrten Fall, daß ein jüdisches Kind, im zartesten Alter seinen Eltern gewaltsam entrissen und als Christ aufgewachsen, in den Jahren der Reife den Weg zum Judentum zu rück findet. W eiche Fülle ernstester Fragen drängen sich einem bei der Lektüre dieser Mensclienschicksale auf, und mit weicher Oberfläch• lichkeit gleitet Judäus über sie hinweg. Für ihn ist der Zweck seiner ErzähUrngskunst nicht, Menschen zu schildern und am Einzclschicksal Lebcnsprobloir.e aufzuzcigcii, sondern einzig, Proselytcn zu mach!!1 für die Heilstatsachen unbeugsamer Gcsctzestre.;;־. Diese Tendenz zieht sicli bald mehr (ganz unerträglich stark z. B. in der Skizze ״Kreuz-Bauer“), bald wemptr aufdringlich durch alle Erzählungen hindurch. ״M n fühlt die Absicht und man wird verstimmt.“ So Et das Buch von Judäus für Leser, die nur unterhalten sein wollen, weil oft spannend geschrieben, viellci.li* eine ganz annehmbare Lektüre. Menschen aber, ' ג von einem Buche mehr als das verlangen, wert! ־• bei seiner Lektüre eine innere Mißstimmung nie;! los werden. Mit wesentlich geringeren Prätentionen tritt du Verfasser des zweiten Werkes auf. Er will einfach und schlicht nur erzählen, und man merkt cs sein! a Ghettoskizzen auf Schritt und Tritt an, daß er geschaut und erlebt hat, was er uns schildert. Die Menschen, deren einfaches, icli möchte fast sag* >1 Alltagserlebcn wir schauen, stehen so ungekünstelt und natürlich vor uns, daß wir fast jedem ein Seite־״ stück aus eigener Erinnerung an die Seite stellen können. Es war kein übler Gedanke des Verfassers, die einzelnen Erzählungen seines Buches an immer neue Institutionen und Gebräuche des jüdischen Lamilien- und Gemeindelchcns anzuknüpfen. Dadurch kommt in die durch die Primitivität des Milieus bedingte Eintönigkeit eine erfreuliche Abwechslung. Dadurch wird aber gleichzeitig erreicht, daß der Leser von dem Leben und Treiben des in der überlieferten jüdischen Kultur wurzelnden Ghettojudentums ein umfassenderes Bild erhält. Die einzelnen Erzählungen ihrem Inhalte nach skizzieren, hieße daJ Buch noch einmal schreiben; nur auf die Erzählung ״Schlmmc, der Schreiber“ möchte ich hier ßinweisen. Sie gehört in ihrer Schlichtheit und Wahrheit zu dem Ui

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